Der Kampf um Pflegeleistungen Mit dem Medizinischen Dienst auf Hausbesuch

Seit Anfang 2017 gilt das Pflegestärkungsgesetz 2. Es brachte viele Veränderungen mit sich. So wird eine ganz neue Gruppe an pflegebedürftigen Menschen berücksichtigt. Deshalb gibt es allein bei der AOK Plus in Sachsen 35.000 mehr Pflegeanträge als im Vorjahr. Das bedeutet einen immensen Aufwand für das Pflegepersonal. Und nicht nur das: Bevor überhaupt jemand gepflegt werden kann, muss dies durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen eingeschätzt und begutachtet werden.

von Isabelle Fabian

Ein freundlicher Empfang

Christine Sawatzki und Ulrich Schenkel
Ulrich Schenkel und seine Tochter Christine Sawatzki. Bildrechte: MDR/Isabelle Fabian

Es ist 7:30 Uhr, als Susan Zeike vom Medizinischen Dienst in Dresden an Ulrich Schenkels Tür klingelt. Die Tochter des 86-Jährigen öffnet. Es ist eine herzliche Begrüßung. Dem ist aber nicht immer so. Susan Zeike weiß nie, was sie erwartet. Häufig bekommt sie auch Unmut über das System und die Unzulänglichkeiten der jeweiligen Person zu spüren. Ulrich Schenkel erwartet die Pflegegutachterin im Wohnzimmer. Er hat gleich mehrere Leiden: Bluthochdruck, Diabetes und Parkinson. Bis jetzt meisterte er seinen Alltag trotz aller Beschwerden allein. Tochter Christine Sawatzki macht sich aber Sorgen, denn ihr Vater wird immer wackeliger auf den Beinen. Und sie selbst ist noch berufstätig und kann nicht immer, wenn ihr Vater sie bittet, zu ihm kommen.

Viele Fragen

Begutachtungstermin bei Ulrich Schenkel
Jede Begutachtung ist auch eine kleine Materialschlacht. Bildrechte: MDR/Isabelle Fabian

Susan Zeike breitet sich mit ihrem Laptop und den Unterlagen zu Ulrich Schenkel auf dem Wohnzimmertisch aus. Seit der Umstellung auf das Pflegestärkungsgesetz 2 hat sich einiges für sie und ihre Kollegen geändert. So gibt es keine Pflegestufen mehr, sondern Pflegegrade. Die Bewertung nimmt sie nach sechs verschiedenen Modulen vor. So steht nun nicht mehr die Pflege im Vordergrund, sondern viel mehr, was der Betroffene noch allein kann, zum Beispiel einkaufen oder Arztbesuche. Außerdem wird ein besonderes Augenmerk auf die kognitiven Fähigkeiten gelegt: Ist der Antragsteller noch geistig fit, kann sich orientieren oder hat er vielleicht Wortfindungsstörungen und Erinnerungslücken? All diese Dinge fragt Susan Zeike Ulrich Schenkel, um sich ein detailliertes Bild von ihm und seinem Alltag zu machen.

Bis zu fünf Gutachten täglich

Die Begutachtungen dauern länger als vorher, da sie viel tiefer ins Leben der Einzelnen dringt. Der Medizinische Dienst musste sein Personal aufstocken. Und trotzdem schaffen die Begutachter es nicht, dem Ansturm an Anträgen gerecht zu werden. Jedem möchte sie ihre ungeteilte Aufmerksamkeit und ausreichend Zeit schenken. Dennoch gilt es, vier bis fünf Gutachten pro Tag zu erstellen – und das seit Januar sogar an sechs Tagen in der Woche.

Hilfsmittel und Co.

Susan Zeike erstellt das Gutachten zum Pflegeantrag von Ulrich Schenkel
Susan Zeike hört sich auch die Wünsche der Antragsteller an. Ob sie erfüllt werden, muss aber die Kasse entscheiden. Bildrechte: MDR/Isabelle Fabian

Bei jedem Gespräch erklärt Susan Zeike, dass sie der Krankenkasse Empfehlungen ausspricht. Was letztlich genehmigt wird, kann sie nicht beeinflussen. Auf jeden Fall soll den Betroffenen schnell geholfen werden: In der Regel dauert es bis zu zwei Wochen, bis der Bescheid zum Pflegegrad im Briefkasten landet. Für Ulrich Schenkel empfiehlt Susan Zeike gleich mehrere Hilfsmittel, die ihm den Alltag erleichtern sollen, zum Beispiel einen Rollator. Als Antwort auf die Frage, wie er denn bisher einkaufe, zeigt Tochter Christine ein Rollköfferchen. Nichts, wo man sich festhalten oder sogar daraufsetzen kann. Dass bis jetzt noch nichts Schlimmeres passiert ist, grenzt für die Begutachterin an ein Wunder, denn Ulrich Schenkel macht wirklich einen sehr unsicheren Eindruck beim Laufen. Für seine Tochter, steht die Installation eines Notrufdienstes in der Wohnung an allererster Stelle. Ihr Vater sei nämlich auch sehr schwerhörig, was einen normalen Anruf erschweren würde. Auch Christine Sawatzki empfiehlt dies.

Ob auch eine Pflegekraft für ihn infrage kommt, dazu hält sie sich noch bedeckt. Außerdem wünscht sich der alte Herr, lieber seine Selbstständigkeit zu bewahren, als jemand "Fremdes" in seine Wohnung zu lassen. Nach gut 90 Minuten verlässt Susan Zeike die Wohnung und düst quer durch die Stadt zum nächsten Termin.

Tränen der Verzweiflung

Peter Anders beantragt zum dritten Mal Pflege
Peter Anders beantragt zum dritten Mal Pflegeleistungen. Bildrechte: MDR/Isabelle Fabian

Während man ihr beim ersten Termin Herzlichkeit entgegenbrachte, schlägt Susan Zeike nun die blanke Verbitterung entgegen. Peter Anders hat schon zweimal Pflege beantragt - erfolglos. Er glaubt, sowieso wieder durchs Raster zu fallen. Der 75-Jährige sitzt wegen einer Unterschenkelamputation im Rollstuhl. Sein Aktionsradius sei seine kleine Zweizimmerwohnung, erzählt er unter Tränen. Selbst wenn er es in den Fahrstuhl schaffen würde – Anders wohnt im achten Stock – müsse er spätestens an der Haustür im Erdgeschoss immer warten, bis jemand ihm bei Öffnen hilft.

Die Folgen fehlender Hilfe

Peter Anders und Susan Zeike
Für die Gutachterin ist der Pflegebedarf bei Peter Anders eindeutig. Bildrechte: MDR/Isabelle Fabian

Beim Gespräch dabei ist Anders' ältere Schwester, die einen pflegebedürftigen Sohn hat und sich zusätzlich noch um ihren Bruder kümmert. Sie berichtet Susan Zeike, dass sie ihren Bruder schon mehrmals hilflos und blutend im Badezimmer aufgefunden habe. Susan Zeike notiert alles ganz akribisch und ist für solche Informationen dankbar. Durch gezielte Nachfragen kommt sie auch dahinter, wie es zu solchen Stürzen kommen konnte. Für Peter Anders empfiehlt sie definitiv eine Pflegekraft. Sie erklärt ihm auch, dass er unbedingt eine behindertengerechte Dusche bräuchte. Wenn die Kasse dies genehmige, müsse sich der Vermieter darum kümmern.

Peter Anders ist verzweifelt und überfordert: Wie soll ER sich darum bemühen? Auch dafür hat Susan Zeike einen Vorschlag: Wenn es keine Angehörigen gebe, könne ein Betreuer für genau solche Dinge eingesetzt werden. Welche Hilfe Peter Anders letztlich annehmen wird, weiß sie natürlich nicht.

Die Nachteile des Pflegestärkungsgesetzes 2

Da bei Peter Anders die Sachlage eindeutig ist, kann die Gutachterin des Medizinischen Dienstes die Wohnung schon nach einer guten Stunde wieder verlassen, um zum nächsten Antragsteller zu fahren. Auf dem Weg dahin erzählt sie, dass sich nicht nur für sie und ihre Kollegen die Arbeit vermehrt habe, sondern auch die der Pflegedienste. Mehr genehmigte Hilfe bedeute schließlich auch mehr Pflegepersonal, doch daran mangele es jetzt schon.

Eine Nachfrage bei der Arbeiterwohlfahrt Sachsen, die auch ambulante Pflegedienste betreibt, bestätigt dieses Bild. Zwar würden die Einstufungen durch den Medizinischen Dienst sich nun mit den Einschätzungen der Pfleger decken, allerdings würden ausschließlich körperlich beeinträchtigte Menschen nun benachteiligt, weil zu niedrig eingestuft. Leistungsansprüche würden also nicht bedarfsgerecht anerkannt. An dieser Stelle muss laut AWO nachgebessert werden. Eins ist sicher: Das Pflegestärkungsgesetz 3 wird kommen. Welche Veränderungen dies dann aber mit sich bringt, kann auch Susan Zeike noch nicht abschätzen.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Fernsehen MDR SACHSENSPIEGEL | 06.05.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Mai 2017, 21:45 Uhr

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1 Kommentar

06.05.2017 20:18 Barbara 1

Ich habe Medizinischen Dienst durch, man braucht viele Nerven, nach dem 2 Widerspruch ging es in Ordnung, nicht aufgeben, die Leute sind total über-
lastet, wir als Angehörige auch bei fehl Entscheidudngen von denen. Ich kann nur jeden raten hart bleiben , was anderes nützt nicht.