Die Marina von Riace.
Kleine Bootsmodelle am Strand erinnern an Flüchtlingsschicksale und die Herkunftsländer der neuen Mitbürger. Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

Dresden-Preis Hohe Auszeichnung für ein besonderes Flüchtlingsprojekt

In der Semperoper ist am Sonntag der 8. Internationale Friedenspreis, der "Dresden-Preis", verliehen worden. Ausgezeichnet wurde Doménico Lucano, Bürgermeister eines Bergdorfs in der süditalienischen Provinz. Mit seinem Flüchtlingsprojekt "Città Futura" wollte er geflüchteten Menschen helfen und hat so sein Dorf vor dem Exodus bewahrt.

von Tobias Wilke

Die Marina von Riace.
Kleine Bootsmodelle am Strand erinnern an Flüchtlingsschicksale und die Herkunftsländer der neuen Mitbürger. Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

Wer nach Riace fährt, folgt am besten der Küstenstraße E90 westwärts - entlang der Sohle des italienischen Stiefels, in Richtung Zehenballen. Fernab der nächsten Großstadt, in einer der ärmsten Regionen Italiens, zeugt der kleine Küstenort "Riace Marina" vom längst begrabenen Traum einer Tourismusregion: Eine Handvoll Hotelruinen säumen die langen Sandstrände.

Ein dunkelhaariger Mann
Bürgermeister Doménico Lucano erhält für sein Engagement für Flüchtlinge den diesjährigen Dresden-Preis. Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

An der einzigen Ampel im Ort geht es rechts ab ins Gebirge - eine zehnminütige Serpentinenfahrt zwischen schroffen Felsen und Wiesen. Die Reise endet auf dem Dorfplatz von Riace Borgo: Bushaltestelle, Polizeistation, ein großer Spielplatz und eine kleine Kneipe. Bislang nichts Besonderes also für diese Region. Die Einwohner machen den Unterschied: Auf den Bänken sitzen die einheimischen Rentner beim Espresso und lupfen freundlich ihre Mützen - grüßen somalische Frauen mit Kopftüchern und Einkaufstüten; Männer aus Ruanda, die ihre Kinder aus dem Kindergarten abholen oder sie plaudern mit Daniel aus Ghana, seit acht Jahren der Müllmann im Ort.

Blick auf ein Dorf, welches von Hügeln umgeben ist
Einst hatte Riace keine Zukunft mehr, mit den Flüchtlingen hat sich das geändert. Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

Kein Glück in Mailand gefunden

Ein junger Afrikaner auf einem Traktor
Daniel fühlt sich in Riace zuhause und kümmert sich um die Müllentsorgung im Dorf. Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

"Man hat mich hier aufgenommen als gehörte ich zur Familie" sagt Daniel. "Das hier ist mein neues Zuhause." Nach der Anerkennung seines Asylantrags hatte er zunächst in Mailand einen Job gesucht, aber das Leben dort war ihm einfach zu teuer.

Angefangen hatte alles im Sommer 1998. In Riace Marina war ein Boot mit 218 kurdischen Flüchtlingen gestrandet, Doménico Lucano - der heutige Bürgermeister - und einige seiner Freunde luden die Kurden kurzerhand in ihre Autos, fuhren sie nach Riace Borgo und brachten sie in leerstehenden Häusern unter. Zu dieser Zeit lebten nur noch 800 Menschen im Ort, die meisten waren auf der Suche nach Arbeit längst fortgezogen und ließen ihre Häuser verfallen.

Seitdem hat Riace immer wieder Flüchtlinge aufgenommen. Mittlerweile leben hier wieder rund 2.000 Menschen – etwa 1.500 Italiener und 500 Flüchtlinge aus mehr als 20 Ländern. "In diesem kleinen, selbst für kalabrische Verhältnisse vergessenen Ort, habe ich zum ersten Mal die Utopie einer besseren Welt gesehen", erklärt Doménico Lucano. "Es gibt hier keine Grenzen zwischen den Menschen."

Dorf fungiert als Erstaufnahmeeinrichtung

Mopeds stehen auf einer Straße
Italien wie aus dem Bilderbuch: Die Flüchtlinge haben sich in das Dorfleben integriert. Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

Die anfängliche Skepsis der Einheimischen war verflogen, als in Riace die ersten Restaurants und Geschäfte wieder öffneten, die Schule wegen der Flüchtlingskinder gerettet werden konnte. Das Dorf wählte Doménico Lucano zum Bürgermeister. Sein Projekt "Città Futura" - Stadt der Zukunft - ist von der italienischen Regierung offiziell anerkannt worden - quasi als Erstaufnahmeeinrichtung. Das Asylverfahren dauert in Italien deutlich länger als in Deutschland, viele Antragsteller müssen zwei Jahre und länger in ehemaligen Kasernen oder Turnhallen ausharren, haben kaum Kontakt zu Einheimischen. Die Unterbringung in den leerstehenden Häusern von Riace ist günstiger, die Möglichkeiten, sich zu integrieren, deutlich besser.

Flüchtlingsdorf Riace - Angela (rechts) mit Kollegin
Angela (rechts) hat eine kleine Werkstatt. Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

Dazu tragen vor allem die Einwohner von Riace einen erheblichen Teil bei: Angela ist Anfang 30 und wollte ihr Dorf eigentlich längst verlassen haben: "Als ich noch zur Schule ging, war ich mir absolut sicher, dass meine Zukunft woanders läge. Aber heute trifft sich hier die ganze Welt, sogar in meiner kleinen Werkstatt!"

In ihrem Kunsthandwerkbetrieb arbeitet auch Rosine aus Ruanda. Auf der Flucht nach Europa hatte die alleinerziehende Mutter ihren jüngsten Sohn verloren - ertrunken im Mittelmeer. Am Webstuhl fertigt sie Decken, die dunkelhäutige Menschen auf Schiffen zeigen. Aus Riace möchte sie nicht mehr weg: "Mit meiner kleinen Arbeit kann ich meine Kinder ernähren, warum sollte ich das Dorf verlassen?"

Rosine aus Ruanda fertigt Stoffpuppen, die in einem Boot fliehen

Flüchtlingsdorf Riace - Rosine im Interview
Bildrechte: MDR/Tobias Wilke
Flüchtlingsdorf Riace - Rosine im Interview
Bildrechte: MDR/Tobias Wilke
Flüchtlingsdorf Riace - zwei Stoffpüppchen
Bildrechte: MDR/Tobias Wilke
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Eigene Währung gilt nur im Dorf

Eine Banknote mit dem Bild Nelson Mandelas
Es gibt eine eigene Dorfwährung. Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

Flüchtlinge, deren Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist, erhalten pro Monat nur rund 200 Euro Unterhalt. In Italien dauert es mitunter aber Monate, bis das Geld ausgezahlt wird. Das Projekt hat sich daher um eine Übergangslösung bemüht und druckt seine eigene Währung: den "Curo", auf Deutsch etwa "Ich kümmere mich". Die grellbunten Scheine zieren Bürgerrechtler und Freiheitskämpfer von Martin Luther King bis Nelson Mandela. Die Scheine gelten nur im Ort, die Flüchtlinge kurbeln somit die heimische Wirtschaft an.

Flüchtlingsdorf Riace - Pietro
Gemüsehändler Pietro Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

Gemüsehändler Pietro wechselt diese Ersatzwährung einmal im Monat beim Bürgermeister in Euro. Seine Flüchtlingskundschaft lädt der alleinstehende Mittsechziger mitunter auf ein Bier ein oder zum Essen ins Restaurant. Pietro erinnert sich noch gut an die Zeit, als er aus Riace wegzog, um einen Job zu finden: "Mir hat damals niemand geholfen, warum sollte ich diese Menschen nicht unterstützen? Was zählt schon die Hautfarbe? Es kommt auf das Herz an!"

Die Einwohner von Riace wollten anderen Menschen helfen – und haben damit auch ihr Dorf gerettet. Ein Erfolgsmodell, das schon die ersten Nachahmer gefunden hat. Zumindest in Italien.

Eine Frau hält einem Mann die Augen zu, daneben sitzt ein dunkelhäuter Mann und sieht zu
Es herrscht wieder Leben in Riace, in dem einst nur noch ältere Menschen geblieben waren. Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

Über dieses Thema berichtet MDR auch im Fernsehen: MDR SACHSENSPIEGEL| 12.02.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Februar 2017, 19:59 Uhr

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12 Kommentare

14.02.2017 07:21 @7 Sachse 12

Das sehe ich genauso!
Nicht umsonst nimmt Kanada nur Familien auf (seit 5 Jahren nur 35.000 syrische Flüchtlinge, (soviel wie bei uns an einem Tag) und jährlich nur 20.000 Migranten). Außerdem werden in Kanada Migranten sogar nach Ausbildung/Beruf und Sprachkenntnisse ausgewählt.
Seinerzeit hat die Zarin Katharina die Große, als es noch viele weiße Flecken in ihrem großen Land gab Deutsche angeworben, aber nur Familien oder Ehepaare genommen und keine Singles.

14.02.2017 07:04 Tina 11

Die Wohnungen auf den Dörfern, die den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt wurden, bleiben leider leer.
Sie wollen in die Städte und nicht auf die Dörfer.
Das ist die Realität in Deutschland.
Und wer das nicht glaubt, der ruft einfach mal auf den Landratsämtern an.

13.02.2017 18:14 Kritischer Bürger 10

@Steiner 3: +...Dass manchen Pegida- und AfD-Hörigen auch diese wertvolle Projekt nicht passt, ist selbst für den dümmsten Stammtischbruder klar. ...+ Egal wem da etwas nicht passt oder etwas passt die EINFACHHEIT DIESER BÜRGER IN DIESEM KLEINEN BESCHAULICHEN ORT IN SÜDITALIEN hat bei unserer rechtskomformen Zeit mit Gesetzen und wieder anderen Gesetzen, die vorherige teilweise wieder aufheben, nichts zu tun. Frage mich wo Sie hier Stammtischbrüder sehen?

13.02.2017 18:07 Kritischer Bürger 9

@Frager - 8: Warum soll ich damit ein Problem haben? Jeder kann seine Meinung haben, nur ich sehen das dieser Kommentar absolut nicht zum Artikel passt! Wo im Artikel soll man rechten Relativismus einsetzen, wo es um ein nachahmenswertes "Vorzeigemodell geht". Ich sehe hier EINFACHE MENSCHEN DIE ANDEREN HELFEN und das finde ich ABSEITS von politischer Szenerie als viel mehr wert an als diese politische Instrumentalisierung!

13.02.2017 16:47 Frager an "Kritischer Bürger" 8

Haben Sie ein Problem damit, dass hier ein Kommentator mehr oder weniger offen rechtsmotivierten Relativismus beim Namen benennt?

13.02.2017 14:20 Sachse 7

Das könnte auch in Deutschland gelingen, allerdings nicht mit 80% jungen Männern.

13.02.2017 10:31 Herrmann 6

Mein Respekt vor den Menschen und dem Bürgermeister von Riace! Für die große Zahl an Menschen in Deutschland, die sich für Flüchtlinge engagieren (und auch für die Flüchtlinge) wäre manches einfacher, wenn bei uns mehr Flexibilität möglich wäre. Darüber sollte mehr nachgedacht werden! (Siehe auch 1)

12.02.2017 19:47 Ich bin und bleibe Sachse! 5

Es wäre sinnvoller, wenn unsere sächsische Politik mal Stehvermögen bewiese und nicht beim geringsten Lüftchen von rechts sofort bereit ist, jedewede Grundsätze zu verraten. Wer so kurzsichtige opportunistische Politik betreibt, dem wird irgendwann mal seinem sächsischer Wendehals die Rückkehr in die Normalposition versagt. Statt froh zu sein, wenn Betriebe ausgezeichnete Azubis bekommen, schiebt man die in ein Land ab, aus dem sogar das Rote Kreuz seine Mitarbeiter abzieht, weil es deren Sicherheit nicht mehr gewährleisten kann. Unsere Unternehmer sollten der sächs. Staatsregierung mal den Marsch blasen, dass denen die Hosen flattern, da würde ich ausnahmsweise sogar Beifall klatschen. Seit den Sechzigern des letzten Jahrhunderts hat Deutschlan ausländische Arbeitnehmer gebraucht, um das Land aufzubauen bzw. die Wirtschaft in Gang zu halten. Aber endlich eine geregelte Einwanderung für diese Menschen zu ermöglichen, das schafft man nicht. Ein Armutszeugnis für die sächsische CDU.

12.02.2017 19:41 Kritischer Bürger 4

@Steiner 3: Nur eine Frage: Was hat Ihr Kommentar hier mit diesem Dorf und den Einwohnern zu tun? *** Auf jeden Fall sind Sie wieder Ihre Hetze gegen rechts los geworden. Naja Ziel verfehlt aus Überzeugung das es nur eine Meinung zu geben hat!

12.02.2017 16:59 Steiner 3

Dass manchen Pegida- und AfD-Hörigen auch diese wertvolle Projekt nicht passt, ist selbst für den dümmsten Stammtischbruder klar. Aber zugeben, dass der eine oder andere der Kritiker selbst mal in die missliche Lage eines Flüchtlings kommen könnte, wollen gewisse hirnlose Biodeutsche auf keinen Fall. Lieber humpeln sie den menschenverachtenden Weltfremheiten ihrer braunen Stichwortgeber hinterher. Einem goebbelsschen Hetzprogramm erliegen immer aufs neue Menschen mit wenig Selbstwertgefühl und einer imaginären eingetrichterten Angst.