Matthias Klingner, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme IVI in Dresden
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Fraunhofer-Institut Dresden Diesel-Diskussion: Weniger Stickoxide bedeutet mehr Feinstaub

Bundeskanzlerin Merkel hat den Kommunen mehr Geld für Maßnahmen zur Luftverbesserung zugesagt. Die Teilnehmer am "Diesel-Gipfel" zeigten sich damit überwiegend zufrieden, auch Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert. Doch Matthias Klingner vom Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme in Dresden sagt: Auch mit einer Milliarde Euro für Elektromobilität und mehr öffentlichen Nahverkehr wird das Problem nicht grundsätzlich gelöst. Warum, erklärt er im Gespräch mit MDR SACHSEN:

Matthias Klingner, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme IVI in Dresden
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Im Interview: Matthias Klingner, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme IVI Dresden

Was halten Sie von dem Mobilitätsfonds?

Klingner: Das mag eine sinnvolle Investition sein, auch, um die Gemüter jetzt etwas zu beruhigen. Und das Umrüsten von Fahrzeugen auf Elektroantrieb insbesondere für den öffentlichen Nahverkehr, die Einführung von Elektrobussen, das ist mit Sicherheit sinnvoll. Aber lösen wird es das Problem nicht.

Was ist das Problem?

Klingner: Das ist grundsätzlich und man muss da ein wenig tiefer gehen. Beispielsweise in die Zusammenhänge von Feinstaub und Stickoxid. Das ist ein motor-technisches Problem. Wenn wir wenig Partikel - also Feinstaub - ausstoßen wollen, müssen wir die Temperatur des Motors erhöhen, um den Kraftstoff vollständig zu verbrennen. Dann steigen aber die Stickoxid-Emissionen. Daran scheitert also die Automobilindustrie – beides kann man schwer reduzieren. Aber eigentlich gibt es eine sehr einfache Lösung für das Problem: Wir haben vor Jahren die Problematik der Feinstaubbelastung in der Luft untersucht und wir haben aus großen Datenmengen festgestellt, dass die Feinstaubgrenzwerte schlicht gesagt Unsinn sind.

Inwiefern?

Klingner: Das kann man einfach erklären. Etwa 90 Prozent dessen, was wir an Feinstaub messen, hat ganz natürliche Ursachen. Dazu muss man einen kleinen Blick in die Meteorologie werfen: Die Sonne erwärmt den Boden - warme Luft steigt auf, kalte sinkt zu Boden und es bildet sich die sogenannte "untere Mischungsschicht" in der Atmosphäre. Die reicht etwa 2.000 Meter hoch und die nimmt alle Schadstoffe mit in höhere Regionen. Und dort wird sie abtransportiert. Und wenn der Boden trocken ist, nimmt sie auch Feinstaub auf und trägt den in die Luft. Bis zu 40 Mikrogramm an Feinstaubbelastung ist allein auf die Sonneneinwirkung zurückzuführen, also ganz natürlichen Ursprungs.

Verbotsschild und Autoauspuff mit Abgasen
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Im Vergleich dazu kann man an verkehrsreichen Straßen bis zu acht Mikrogramm zuordnen. Davon kommen vier Mikrogramm wirklich aus dem Auspuff und davon vielleicht die Hälfte von Nutzfahrzeugen, also Lkw etc. Und wenn man das hochrechnet auf das, was aus Diesel-Pkw kommt, dann sind das vielleicht 1,5 bis 1,7 Mikrogramm.

Und es gibt einen verfälschenden Effekt: Wenn die kalte Luft unten liegt und die warme Luft oben, dann hört die Walze auf zu rotieren und dann misst man alles, was irgendwie in der Atmosphäre ist unten am Boden, nicht nur, was aus Auspuffen kommt. Das heißt, wir messen die falsche Größe, wir messen die natürliche Feinstaubbelastung im Wesentlichen. Der Anteil der Diesel-PKW daran ist verschwindend gering.

Die Effekte, dass wir Überschreitungen haben, sind meteorologisch bedingt und die können durch menschliche Vorschriften nicht reduziert werden. Wenn man diese Richtlinien ganz wegließe, dann könnte man die Motortemperatur wieder absenken auf ein Niveau wie bei Euro 2 oder 3, würde dadurch deutlich die Stickoxid-Emission verringern und das Problem wär weitgehend geklärt. Auswirkungen auf die Gesundheit hätte es nicht im Geringsten.

Das Verbannen von Autos ist also unnötig?

Klingner: Ja, das ist weitgehend Unsinn, man muss ganz deutlich sagen. Das Gesundheitsrisiko wird maßlos überschätzt und übertrieben, die Horrorzahlen von Feinstaubtoten oder Stickoxidtoten ist reiner Populismus. An dem Feinstaub, den wir messen ist noch kein Mensch gestorben.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Fernsehen: MDR SACHSENSPIEGEL | 04.09.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. September 2017, 14:12 Uhr

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17 Kommentare

08.09.2017 13:22 Wolf Schnedelbach 17

Hochinteressant der Kommentar von Herrn Klingner. Also ist der gesamte sogenannte Dieselskandal hausgemachter Natur. Es stellt sich nur die Frage: Warum werden Erkenntnisse von renomierten Forschungsinstituten nicht beachtet ?

08.09.2017 09:05 Die 16

Dosis macht bekanntlich das Gift.

08.09.2017 08:59 Rentnerin 15

Ich bekam durch die schlechte Luft am Bahnhof Mitte Heuschnupfen. Dort musste ich zu DDR-Zeiten 10 Minuten auf die Straßenbahn warten und da stank es immens nach Benzin und Diesel. Bekanntlich sammeln sich dadurch auch die Staubpartikel in der Luft. Eine wochenlange Arbeitsunfähigkeit wünsche ich Ihnen nicht. Man muss ja nicht gleich dran sterben.

08.09.2017 08:15 Ekkehard Kohfeld 14

@ Ulf 13 Ist z.B. der Feinstaub, der natürlichen Ursprungs ist mit jenem Abgas-Feinstaub zu vergleichen oder ist jener Feinstaub, welcher aus Verbrennungsprozessen stammt für die menschliche Gesundheit schädlicher, als z.B. Gesteinsstaub.##Und der meiste Feinstaub bei Fahrzeugen kommt aber nachweislich von den Reifen und Bremsen die haben aber andere Fahrzeuge auch was nun?##
Einen gesundheitlichen Schaden, verursacht von Stäuben, kann man auch nicht von der Hand weisen, denn es gibt ja die bekannten Erkrankungen der Lunge wie z.B. die Staublunge.##Da fragen sie doch mal die Bergleute wie viele Dieselautos da unten in den Stollen rum gefahren sind wodurch sie dann eine Staublunge bekommen haben.

07.09.2017 21:30 Ulf 13

Der Artikel wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. Ist z.B. der Feinstaub, der natürlichen Ursprungs ist mit jenem Abgas-Feinstaub zu vergleichen oder ist jener Feinstaub, welcher aus Verbrennungsprozessen stammt für die menschliche Gesundheit schädlicher, als z.B. Gesteinsstaub. Einen gesundheitlichen Schaden, verursacht von Stäuben, kann man auch nicht von der Hand weisen, denn es gibt ja die bekannten Erkrankungen der Lunge wie z.B. die Staublunge.

07.09.2017 15:32 Fragender Rentner 12

Soll das heißen, dass die Diesel gar nicht so schlimm sind?

07.09.2017 14:43 Ekkehard Kohfeld 11

Und was ist mit den ganzen LKW,s in letzter Zeit schon mal Autobahn gefahren
und die Schlangen (LKW an LKW) gesehen wie werden die den auf E umgerüstet bekommen die dafür 2 oder 3 zusätzliche Anhänger oder wie soll das gehen?Das auf Schiene verlegen hat ja auch völlig sein Ziel verfehlt.Warum schießt man sich nur auf die privaten Diesel ein?

07.09.2017 14:20 Ekkehard Kohfeld 10

@ ralf meier 9 Ein Umstieg auf E- mobile soll erzwungen werden. Die Konsequenz könnte die Vernichtung hundertausender Arbeitsplätze in der deutschen Autoindustrie sein.##Genau wenn das nicht sogar in die Millionen geht die davon abhängig sind und die Ökofreak müssen sich wiedermal fragen lassen warum man wieder auf etwas umsteigt was nur wieder Gifte austauscht so wie beim Kat?Ihr wisst doch sicherlich das da alleine in den Akkus sogenannte Seltene Erden verbaut werden warum heißen die wohl so weil die unendlich vorhanden sind und bestimmt deshalb billig und der ganzen Welt Akkus für E-Autos liefern zu dem ist alleine das hoch giftige Blei doch bestimmt in solchen Mengen für die Umwelt und die Lebewesen besonders geeignet.Was für ein Schwachsinn.Ach ja das entsorgen wir dann wieder nach Afrika siehe Elektroschrott aus dem Auge aus dem Sinn:-((((

07.09.2017 12:43 ralf meier 9

Die laut Herrn Klingner wissenschaftlich betrachtet unsinnigen Grenzwerte waren auch technich überhaupt nicht in dem dafür vorgesehen gesetzlichen Zeitrahmen realisierbar. So mußte die Feinstaubbelastung von Dieselmotoren laut wiki (Stichwort Abgasnorm) von Euro 1 auf Euro 4 innerhalb von 13 Jahren auf eta ein 5tel reduziert werden. Die danach verabschiedete Euro 5 Norm forderte eine nochmalige Reduzierung um 80%. Diesmal sollte dies innerhalb von 4 Jahren geschehen. Eine vergleichbare Vorgehensweise kritisierte der Faz Artikel: 'Am E-Auto wird die Welt nicht genesen' bezüglich der Stickoxide: Zitat: 'Doch noch schneller als die Schadstoffe sanken die maximal erlaubten Verschmutzungsmengen, weshalb der Ingenieur säubern kann, wie und was er will'. Das Ziel dieser Strategie ist offensichtlich . Ein Umstieg auf E- mobile soll erzwungen werden. Die Konsequenz könnte die Vernichtung hundertausender Arbeitsplätze in der deutschen Autoindustrie sein.

07.09.2017 12:14 Ekkehard Kohfeld 8

@ Stefan Hausmann 6 Kann Herr Klingner auch etwas zu den ultrafeinen Partikeln (PM0,1) sagen? Wie diese sich bei Verbrennungen mit höheren Temperaturen verhalten (in Partikelanzahl je ccm)?
Bisher ist darüber wenig zu finden bzw. ich finde darüber kaum etwas.##Was ich immer bei dieser Diesel - Hetze vermisse was ist mit den ganzen Ölheizung warum hört man da nichts drüber die haben überhaupt keine Filter oder sonstige Einrichtungen um die Abgase zu säubern.Warum hetzt man nur gegen noch vor einigen Jahren steuerlich geförderte und so umweltfreundliche Diesel Pkw,s?