Psychiatrie Arnsdorf
Bildrechte: MDR/Daniel Johé

Klinik Arnsdorf Ablenkung statt Einsperren - Sächsische Klinik probt offene Psychiatrie

Seit fast einem Jahr ist die gerontopsychiatrische Station des Sächsischen Krankenhauses Arnsdorf offen. Professor Peter Schönknecht ist Ärztlicher Direktor des Krankenhauses und zieht eine positive Bilanz.

von Sabina Schälike-Wermter

Psychiatrie Arnsdorf
Bildrechte: MDR/Daniel Johé

Eine Patientin eilt hinaus. Die Tür ist nicht verschlossen, nur ein paar Schritte noch und die Frau wäre gleich draußen. Sie leidet unter Demenz und würde sich sofort verirren. Den meisten Patienten auf der Station für Gerontopsychiatrie in Arnsdorf würde es so ergehen. Schwester Helen verwickelt die Frau in ein Gespräch, lenkt sie sanft wieder zurück in den Stationsalltag.

Geheimrezept "Potsdamer Tisch"

Schwester Helen am "Potsdamer Tisch". Von hier aus hat das Personal den Überblick, wer aus der Station hinaus will. Bei Bedarf werden die Patienten in ein Gespräch verwickelt und von ihrem Vorhaben, die Station zu verlassen, abgelenkt
Eine Schwester am "Potsdamer Tisch". Bildrechte: MDR/Sabina Schälike-Wermter

Schwester Helen sitzt am "Potsdamer Tisch". Er wird so genannt, weil diese Methode in einer Potsdamer Klinik zum ersten Mal erprobt wurde. "Die Pflegekraft fragt, ob es einen Wunsch gibt, ob man was essen möchte, ob man ins Zimmer zurück oder in den Aufenthaltsraum möchte", beschreibt Professor Peter Schönknecht, ärztlicher Direktor des Krankenhauses, die Funktion des Potsdamer Tisches. Ablenken statt Einsperren. Wer allein hinaus darf, hat das Personal genau im Blick. Andere werden sanft aber konsequent daran gehindert, die Station unkontrolliert zu verlassen.

Weniger Medikamente, weniger Fixierungen

Seit elf Monaten ist die Station offen. Seitdem werden weniger Medikamente verabreicht. Auch die Zahl der Fixierungen ist stark zurückgegangen. Waren früher drei bis vier Fixierungen im Monat nötig, waren es seit der Öffnung der Station gerade mal drei im ganzen Jahr. "Gewalt führt gerade auch in der Psychiatrie zu Gewalt. Und wenn sie die Schwelle senken für gewaltsame Zurückhaltung, dann wird es automatisch bei der Mehrzahl der Patienten auch erstmal zur Entlastung führen", begründet Professor Schönknecht diese Zahlen.

Weniger Schuldgefühle bei Angehörigen

Einige Angehörige sahen die Öffnung der Station zunächst skeptisch. "Sie fragen sich natürlich: Sind unsere Eltern hier sicher? Andererseits wären Angehörige ganz und gar nicht einverstanden, wenn man die Eltern auf einem, wenn auch sehr niedrigem Niveau, einsperren würde", so Schönknecht. Die meisten Angehörigen begrüßen inzwischen die Öffnung und haben nicht das Gefühl, Oma oder Opa buchstäblich wegsperren zu lassen.

Qualifizierte Arbeitskräfte sichern die offene Station

Prof. Dr. med. Peter Schönknecht mit einer Patientin bei Untersuchung
Professor Peter Schönknecht (li.) untersucht eine Patientin. Bildrechte: MDR/Sabina Schälike-Wermter

Laut Professor Schönknecht geht es in der Psychiatrie immer mehr auch darum, die Freiheitsrechte der Patienten nicht nur zu respektieren, sondern auch therapeutisch zu nutzen. Dafür braucht es aber hoch qualifiziertes Personal, um präzise Diagnosen stellen zu können, so der Mediziner: "Wenn die Abteilung nicht hoch spezialisiert ist, dann wird man aus einer fachlichen Unsicherheit heraus eher geneigt sein, Menschen vielleicht auch zurückzuhalten, sprich einzusperren."

Eine Öffnung anderer bisher geschlossen geführter Stationen hält Professor Peter Schönknecht in Zukunft im Krankenhaus Arnsdorf durchaus für möglich.

Gerontopsychiatrie - Was ist das? Das Wort Gerontopsychiatrie setzt sich aus den Begriffen Gerontologie, die Wissenschaft über das Alter und das Altern, und Psychatrie zusammen. Psychiatrie beschreibt die Behandlung von Hirnerkrankungen und Hirnfunktionsstörungen mit vorwiegend psychischen Symptomen.

Die Demenz (Altersverwirrtheit) ist ein typisches Krankheitsbild, das durch die Gerontopsychiatrie untersucht wird. Es gibt verschiedene Formen der Demenz. Bei allen kommt es zu ähnlichen Symptomen und Abläufen.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Fernsehen MDR SACHSENSPIEGEL | 21.01.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2017, 14:12 Uhr

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21 Kommentare

24.01.2017 01:40 Hmhmhm an 15 21

Positiv denken ist schon mal immer ein guter Ansatz, der das Leben insgesamt trotz widriger Politik und selbst mit Dementen leichter macht. Sollten sich Pegidioten und AfD-Wähler mal merken...

24.01.2017 01:26 Wetten dass @ 18 20

Das glaube ich nicht. Die Verbindung zum Flüchtlingsthema hätte ich auch nicht gewollt, aber es fällt nun mal auf, dass gewisse Kommentatoren, die sich vor dem Drama noch nie für Psychatrieinsassen, Pfleger und Anwohner interessierten, plötzlich auf dieselben anspringen. Da es nun so ist: ich kenne eine ganze Reihe Arnsdorfer "des einen oder anderen oder unpolitischen Lagers". Noch mehr brauchen wir gar nicht "die Medien" zu bemühen, die das Ganze viel zu oberflächlich abhandelten. Viel unfreiwillig aussagefähiger über die tatsächlichen Vorgänge sind da schon die sozialen Netzwerke insbesondere unserer rechten Freunde aus A. Um mal wieder aufs eigentliche Thema zurückzukommen: die Freunde dieser Freunde lassen sich gerade dummboshaft über alterdemente Landsleute und deutsches Pflegepersonal aus. Wie doof ist das denn? Oder triffts doch den Geist, der T4 möglich machte ?

24.01.2017 01:08 Dystop an Wallasch 17 19

Da habe ich Sie wohl am richtigen Fuß erwischt? In Ihren Auslassungen hier im MDR gewinnt der Urschleim stete Substanz. Daran ändert auch nichts, dass Sie versuchen, angebliche Methoden anderer Länder (wo abgelesen?) oder die tatsächliche Überlastung unserer Pfleger zu instrumentalisieren.

23.01.2017 17:50 @ Wetten, dass... 11 18

Die Wette verlieren Sie !

Ich vermute, das wissen Sie, aber Sie wollten mit aller Macht eine Verbindung zum Flüchtlingsthema herstellen.
Sicher kennen Sie den von Ihnen benannten Vorgang auch nur aus den Medien.
Oder waren Sie dabei?

23.01.2017 16:55 HERBERT WALLASCH, Pirna 17

An @8-Dystop: Nicht immer gleich die moralische Keule herausholen wenn was nicht in Ihr moralisierentes Weltbild passt. Und nicht immer so in den Urschleim wühlen, es geht um das Heute. Wenn man ein eingezäumtes Grundstück hat, sind die Probleme minimiert, doch trotzdem muß der verschwundene Patient bei jedem Wetter gesucht werden, deshalb werden in anderen Ländern Körperchips eingesetzt, zur Standorterkennung. Aber das würde die Entrüstung der Gutmenschen auslösen, obwohl es in der Zukunft die Norm sein wird. Versicherungen entscheiden heute ob ein politisiertes Fußballspiel stattfindet oder nicht, ob ein Sportler überall seinen Sport ausführen darf, ob ein unterbezahlter, übermüdeter Pfleger alles im Blick haben kann. Nicht das Wunschdenken ist das Maß, auch nicht moralische Wunschvorstellungen, sondern einzig die Gewinnmaximierung, es ist alles ein Geschäft.

23.01.2017 16:36 Blumenfreund 16

Offene Gefängnisse, offene Psychatrie... was denn noch? Das sind wohl die typischen demokratischen Degenerationserscheinungen. Die arbeitende Masse wird vor solchen Typen nicht geschützt. Das setzen dann die Grün/Linken durch.

23.01.2017 16:10 Fragender Rentner 15

@ zu 3 und 9

Unsere "Großen" sagen, du sollst positiv denken.

23.01.2017 14:16 Barbara 14

Ja so sind die feinen Pflegeheime, mein Angehöriger war 4 Wochen in der Kurzzeitpflege er konnte sich noch drehen im bett, sagte sie sollten unbedingt einen Sessel oder Nachtschränkchen davor stellen damit er nicht aus dem bett fällt, Aufstehen konnte er nicht mehr, war absolut nicht möglich, bis er weiß Gott nachts aus dem Bett gefallen ist, er hatte danach 6 Wochen eine Hüftbrellung lt. Röntgenaufnahmen, wo sollte ich so schnell den Richterlischen beschluss herholen, also das heißt ein Patient kann sich mehrfach den Hals brechen wenn er rausfällt dies ist nicht so schlimm, hätte ausrasten können , statt wenigstens was davor zu stellen. Lieber wenn man die Möglichkeit hat eher zu sterben als Pflegeheime / Altersheime .

23.01.2017 08:36 happydiner 13

Wir benötigten für unseren demenzkranken Vater einen richterlichen Beschluss wegen freiheitsentziehenden Massnahmen damit im Pflegeheim über Nacht das Bettgitter hoch gemacht werden darf und eine Sitzhose damit er nicht aus dem Rollstuhl fällt. Alles Massnahmen zu seinem Schutz. Dieser richterliche Beschluss hat uns viel Geld gekostet. Wie sieht es denn damit in Arnsdorf aus?

23.01.2017 08:33 Pattel 12

Zu1.
Sie scheinen es wohl schon vergessen zuhaben?