Carolin Marx
Die Psychotherapeutin Carolin Marx hat sich auf Schlafstörungen spezialisert und behandelt in einer Praxis in Dresden. Bildrechte: MDR/Deborah Manavi

Interview Warum Arbeit und Handys uns um den Schlaf bringen

Carolin Marx ist Psychotherapeutin und Forscherin mit Spezialisierung auf psychisch bedingte Schlafstörungen. "Schlafstörungen können jeden treffen", sagt Marx. Im Interview spricht die Schlaftherapeutin über den Einfluss von Arbeitszeiten und neuen Technologien auf unseren Schlaf und gibt Tipps für einen erholsame Nacht.

von Deborah Manavi

Carolin Marx
Die Psychotherapeutin Carolin Marx hat sich auf Schlafstörungen spezialisert und behandelt in einer Praxis in Dresden. Bildrechte: MDR/Deborah Manavi

Frau Marx, eine Studie der Krankenkasse DAK zeigt, dass seit 2010 der Anteil der von Ein- und Durchschlafproblemen betroffenen Arbeitnehmer um 66 Prozent gestiegen ist. Wie erklären Sie sich das?

Das kann ich sehr gut erklären. Mmittlerweile werden die gesellschaftlichen Probleme ins Gesundheitssystem übertragen. Arbeitnehmer haben eine enorme Belastung weit über ihre biologischen Grenzen hinaus. Das heißt, sie müssen morgens sehr zeitig anfangen, müssen abends bis sehr spät arbeiten, viele arbeiten im Schichtdienst und haben keine richtigen Mittagspausen. Das heißt, Arbeitnehmer reizen ihr natürliches Potenzial aus bzw. überreizen das. Und damit entstehen dann Schlafstörungen.

Sie haben gerade gesellschaftliche Einflüsse angesprochen. Welchen Einfluss haben denn Laptops oder Handys auf Schlafprobleme?

Die haben einen enormen Einfluss auf Schlafprobleme. Die Displays dieser Geräte haben meistens einen sehr hohen Blauanteil, um uns wach zu halten. Während der Arbeit ist das auch absolut sinnvoll. Wenn wir die allerdings spätabends nutzen, ist das kontraproduktiv, weil so ab 17 Uhr unser Cortisol-Spiegel sinkt. Das ist das Hormon, was uns leistungsfähig macht. Und der Melatonin-Spiegel, also das Hormon, was den Schlaf einleitet, sollte ansteigen. Mit dem hohen Blauanteil in den Bildschirmen, wird das unterdrückt und somit wird die Einschlafphase ganz weit nach hinten verschoben.

Eine kaffeetrinkende Frau schaut auf einen Laptop
Der Laptop kann abends gefährlich werden, weiß Schlaftherapeutin Carolin Marx. Bildrechte: colourbox.com

Was sind die häufigsten Ursachen von Schlafproblemen?

Die häufigsten Ursachen von Schlafproblemen sind meines Erachtens nach dysfunktionale Verhaltensweisen. Zum einen ist das die berufliche Überbelastung, die in Teilen dann auch in den privaten Bereich überschwappt. Ein anderer Punkt ist die Bildschirmtätigkeit, die auch im privaten Bereich vermehrt stattfindet. Die liebste Abendgestaltung der Deutschen ist das Fernsehen. Auch da sitzen wir wieder vorm Bildschirm. Fernsehen per se möchte ich aber nicht verteufeln. Das kann sehr günstig sein. Wenn man zum Beispiel eine Unterhaltungssendung guckt, sind die Gedanken an den Inhalt gebunden und man grübelt nicht über die Arbeit nach.   

Wie ist das Verhältnis von Schlafstörungen, die körperliche Ursachen haben, im Verhältnis zu Schlafstörungen, die psychische Ursachen haben?

So ganz genau kenn ich die Zahlen nicht. Ich weiß, dass das Schlafapnoe-Syndrom, also nächtliche Atemaussetzer, sehr breit in der Bevölkerung vertreten sind, da die Bevölkerung immer schwerer wird und das eng mit Adipositas zusammenhängt. Ich weiß aber auch, dass der Anteil an psychisch bedingten Schlafstörungen sehr hoch ist. Es gibt Studien, die zeigen, dass bis zu 40 Prozent der Deutschen Schlafstörungen haben, die behandlungsbedürftig sind.

Schlafprobleme hat sicher jeder einmal. Aber ab wann handelt es sich um eine wirkliche Schlafstörung? Und wie kann man das bei sich selbst erkennen?

Für mich ist immer maßgeblich, dass ein Leidensdruck entsteht. Wenn die Betroffenen hierherkommen und sagen, sie leiden unter ihrem schlechten Schlaf, ist das für mich ein erster Anhaltspunkt. Dann geben die Diagnosekriterien ganz klare Richtlinien vor. Zum Beispiel wenn die Einschlafzeit länger als 30 Minuten dauert, ist das ein Hinweis dafür, dass es pathologisch wird. Wenn jemand darunter nicht leidet, länger als 30 Minuten zum Einschlafen zu brauchen, ist es aus meiner Sicht nicht schlimm. Dann muss man auch nichts machen. Wichtig ist auch: Bin ich tagsüber fit und leistungsfähig? Wenn das nachlässt, ist das denke ich schon ein Grund, sich Hilfe zu suchen.

Im Internet findet man zahlreiche Tipps zur Entspannung und Selbsthilfe bei Schlafproblemen. Was halten Sie davon?

Es gibt sehr gute Internetseiten, die wirklich gut recherchierte Hinweise und Hintergründe anbieten, zum Beispiel schlafgestoert.de. Es gibt allerdings auch viele Internetseiten, die zwar wissenschaftliche Inhalte darstellen, die aber völlig aus dem Zusammenhang gerissen sind. Das verwirrt Betroffene von Schlafstörungen eher. Lieber doppelt checken, ob das stimmt, was da steht, bevor man alles sofort eins zu eins zu übernimmt.

Ratgeber enthalten häufig den Tipp, immer um dieselbe Uhrzeit aufzustehen und möglichst auch zur selben Uhrzeit ins Bett zu gehen. Es gibt Bevölkerungsgruppen, die das fast nie tun, zum Beispiel Studenten, junge Mütter oder Schichtarbeiter. Bekommen die dann zwangsläufig Probleme beim Schlafen?

Zwangsläufig nicht, aber unter diesen Gruppen sind Schlafstörungen tatsächlich deutlich weiter verbreitet als unter den Bevölkerungsgruppen, die ganz regelmäßig zu Bett gehen. Aber selbst diejenigen, die einen ganz regelmäßigen Rhythmus haben, haben Schlafstörungen. Das ist nicht der alleinige Grund für eine Schlafstörung. In meiner Therapie suche ich für diese Bevölkerungsgruppen eine Ankerzeit. Sie sollen beispielsweise jeden Morgen zur gleichen Zeit aufstehen. Für Studenten ist das manchmal ganz schön brutal. Wenn sie abends gefeiert haben und morgens um sieben wieder aufstehen müssen, kommen die natürlich nicht gut aus dem Bett. Wenn die abends feiern gehen, müssen sie in Kauf nehmen, dass sie am nächsten Tag ein bisschen durchhängen. Aber ich denke, wenn jemand mal unter einer massiven Schlafstörung gelitten hat, dann nimmt er das lieber in Kauf, als permanent Schlafstörungen zu haben.

Welche Leute kommen denn vor allem zu Ihnen in die Praxis?

Das ist ganz bunt gemischt. Vom Alter her habe ich von zwei bis 75 Jahren alles dabei. Ich habe auch alle Einkommensstufen dabei. Vom Arbeitslosen bis hin zum Sachsen-Promi sind hier alle vertreten, auch Universitätsprofessoren. Alle Menschen können Schlafstörungen haben.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Hörfunk: MDR 1 RADIO SACHSEN | 16.03.2017 | 06:40 und 14:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. März 2017, 07:00 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.