Demonstration in Dresden
21. Dezember 2015: Pegida singt am Königsufer Weihnachtslieder. Bildrechte: MDR/Christian Essler

Jahresrückblick Pegida Wer "abschieben" brüllt, hat etwas missverstanden

Wer auf das Jahr 2015 zurückblickt, kommt an Pegida nicht vorbei. Seit mehr als einem Jahr versammeln sich die selbsternannten Patrioten Montag für Montag in Sachsens Landeshauptstadt. Nur hier, in Dresden, schaffen sie es nach wie vor, Tausende Menschen zu mobiliseren. Pegida spaltet, kaum eine Zusammenkunft im privaten Kreis bleibt von einer Diskussion über die Bewegung verschont. MDR-Reporter Wolfram Nagel ist von Anfang an bei den Demonstrationen dabei. Hier zieht er seine Jahresbilanz:

Demonstration in Dresden
21. Dezember 2015: Pegida singt am Königsufer Weihnachtslieder. Bildrechte: MDR/Christian Essler

Die Patrioten Europas wollen die "Islamisierung Europas" verhindern. Deshalb werden sie nicht müde, auf der Bühne die Abschiebung von Flüchtlingen zu fordern. "Wir müssen hier nicht jeden und schon gar nicht kulturfremde, verrohte Muslime willkommen heißen. Heimatverteidigung darf, muss auch konkret stattfinden", rief  Tatjana Festerling mit einschneidender Stimme kurz vor Weihnachten in die Menge. Und jene rund 8.000, die meinen "Wir sind das Volk", skandierten Widerstand.

Zwar haben sie weihnachtliche Lieder gesungen, aber offenbar deren Inhalt nicht verstanden. Die Heilige Familie war in Not geraten und fand Unterschlupf in einem Stall, bei den Tieren, in Bethlehem. Und sie musste sofort weiterziehen, weil König Herodes sie verfolgte. Eine typische Flüchtlingsfamilie aus dem Morgenland, heute aktueller denn je.

Wer "Stille Nacht, Heilige Nacht" oder "Kommet ihr Hirten" singt und dann "Abschieben" und "Widerstand" brüllt, hat da etwas Grundsätzliches missverstanden. Zumindest widerspricht es dem Verständnis christlicher Barmherzigkeit.

Vor einem Jahr sang Pegida vor der Semperoper

Das war aber auch schon vor einem Jahr so. Im Dezember 2014 sangen sogar etwa 20.000 "Patrioten" Europas christliche Weihnachtslieder - vor der Semperoper. Allerdings waren die Sprüche auf der Bühne und die Antworten der Masse noch nicht so aggressiv.

Diese Massendemonstrationen der unzufriedenen Bürger haben auch Politik und Medien in Aufruhr gebracht. Eilig wurden Gesprächsrunden und Foren organisiert. Mitglieder der Staatsregierung setzten sich mit moderaten Pegida-Vertretern an "Runde Tische".

Pegida-Anhänger auf dem Theaterplatz
Am 22. Dezember 2014 kamen mehr als 20.000 Menschen zu Pegida. Bildrechte: MDR/Christian Essler

Ende der großen Demonstrationen

Im Januar 2015 endete die erste Phase des Pegida-Protests. Frank Richter, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen, spricht von einer bis dahin nicht gekannten Politisierung großer Teile der Bevölkerung. Ausdruck dafür waren die vielen Demonstrationen in Dresden, Leipzig und anderen Städten. Dann aber spaltete sich Pegida-Dresden, ausgelöst durch Bachmanns "Spaßbild mit Hitlerbärtchen" und beleidigende Äußerungen über Flüchtlinge, die bekannt geworden waren. Die Teilnehmerzahlen gingen stark zurück. Schon beim Auftritt des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders im April schien der Zenit überschritten. Es kamen weit weniger Demonstranten als erwartet, nur etwa 10.000. Für Wilders waren die im Ostragehege hinter Polizeiabsperrgittern Versammelten alle "Helden". Und diese fühlten sich von einer europäischen Rechts-Partei ernst genommen und träumten von Marine le Pen in Dresden.

Oberbürgermeisterwahl in Dresden

Während des Oberbürgermeisterwahlkampfes im Frühsommer trat Tatjana Festerling als unabhängige Kandidatin für Pegida auf. Ihre aggressiven Botschaften wie "Die Festung Europas ausbauen nach australischem Vorbild" kamen an. Seit fast einem Jahr ist sie die scharfzüngige Galionsfigur der Bewegung. Mit beinahe zehn Prozent erlangte sie ein beachtliches Ergebnis. Bei der notwendigen Neuwahl rief sie auf, den bürgerlichen Kandidaten Dirk Hilbert zu unterstützen. "Ein Oberbürgermeister von Pegidas Gnaden" triumphierten Festerling, Bachmann und Co. Und seitdem der Rechtspopulist Michael Stürzenberger die Anhänger auf dem Schlossplatz lauthals aufforderte, Widerstand zu leisten, gab es einen neuen Slogan, den die Masse jeden Montag, aber auch bei Protesten vor geplanten Asylunterkünften skandiert.

Der Ton verschärft sich

Mit der Flüchtlingskrise im Sommer bekam Pegida wieder starken Zulauf, wenn auch nicht auf dem Niveau vom Januar. Gleichzeitig vermehrten sich die Angriffe auf Flüchtlingseinrichtungen. Schockierend waren die Attacken auf Notunterkünfte wie in Freital und Heidenau durch Rechtsextremisten. Diese nutzten Pegida offensichtlich als Plattform. Hassredner lieferten nach Ansicht von Frank Richter die ideologische Munition: "Jetzt hat Pegida zwei Themen, das ist die Asylfeindlichkeit und das ist die Islamfeindlichkeit. Und in dieser Hinsicht radikalisiert sich das Geschehen in einer ganz beängstigenden Weise."

Demonstration in Dresden
Gegen Pegida-Chef Lutz Bachmann wird wegen des Verdachts der Volksverhetzung ermittelt. Bildrechte: MDR/Christian Essler

Mehrere Verfahren wegen Volksverhetzung wurden eingeleitet, gegen Lutz Bachmann, Tatjana Festerling oder Akif Pirinçci. Am 7. Dezember sprach der belgische Rechtspopulist Filip Dewinter auf den Theaterplatz von einem "Krieg gegen den Islam", in dem sich Europa befinde: "Der Koran ist die Lizenz zum Töten. [...] Die Masse der Flüchtlinge ist eine Armee ohne Uniform, ohne Waffen, […] sie sind gekommen zu terrorisieren und zu kolonisieren. Das dürfen wir niemals akzeptieren".

Selten wurde der Islam bei einer Demonstration von Pegida so offen diffamiert. Der Staatsschutz ermittelt. Die Stadt drohte sogar mit einem Demonstrationsverbot.  

Stille Nacht, heilige Nacht

Geschützt von mehr als 2.600 Polizisten aus dem gesamten Bundesgebiet, Wasserwerfern, Räumpanzern und einer Hundestaffel rühmte Pegida-Frontfrau Festerling am Jahresende noch einmal den Durchhaltewillen der Patrioten. "Wir brauchen jeden Mann und jede Frau für unseren patriotischen Kampf im nächsten Jahr. Wir sehen uns auf der Straße."

Und erstmals wetterte sie auch gegen die Flüchtlings- und Asylpolitik der Kirchen. Die Hamburgerin hat offenbar doch verstanden, welche Geschichten von Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Frieden die Weihnachtslieder erzählen. Und so schloss das Pegida-Weihnachtslieder-Singen konsequenterweise auch mit der Deutschlandhymne ab.

Zuletzt aktualisiert: 30. Dezember 2015, 11:36 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

239 Kommentare

01.01.2016 11:13 Klaus 239

{ 231. HOPF L.: } - Wir haben ein Demonstrationsrecht und Meinungsfreiheit. Wo sehen Sie jetzt das Problem?

01.01.2016 11:10 Klaus 238

{ 229. Karl Sachs: } - Wer hält Sie davon ab der Polizei behilflich zu sein?

01.01.2016 10:30 Klaus 237

227. buergerx: } Das ist auch Unsinn, wir haben bereits sehr viele außereuropäische Muslime integriert, die ersten kamen vor über 40 Jahren. Dass der PEGIDA-Mensch die Realität an sehr vielen Stellen ignoriert und sich dumm stellt, ist ja bekannt. - Und wenn Sie auswandern wollen, niemand hält Sie auf. Eher im Gegenteil, solche Leute lassen wir gerne ziehen, besser heute als morgen.

01.01.2016 10:23 Klaus 236

{ 225 + 226. Kritischer Bürger: } - Wie kommen Sie auf die unsinnige Idee, dass wir bei der Hilfe nach Nationalitäten unterscheiden? Es wird nach Bedürftigkeit geholfen. Und was die Personalpapiere angeht, das ist eindeutig geregelt, das Asylrecht setzt keine Personalpapiere voraus. Das ist nur der glücklose Versuch der CSU am rechten Rand zu fischen. Wo Städte in Schutt und Asche liegen, da sind meistens auch die Papiere verbrannt. Es ist braunes Gedankengut dies wissentlich mit entsprechenden Forderungen an die Asylsuchenden zu ignorieren. Ich habe kein Problem damit, wenn man in der Türkei oder in Griechenland rechtsstaatliche Asylverfahren durchführt. Dafür können aber die Asylanten nichts, wenn das nicht gemacht wird.

01.01.2016 10:19 Huwoka 235

@227 Ihnen und Ihren Kumpanen würden die anständigen Menschen gern ein " one way Ticket" spenden, so wie sich beschreiben, geht es ja aus eigener Kraft nicht.Mit dem dauernden Wiederholungen von Halb-/Unwahrscheiten machen Sie diese nicht zur Wahrheit ( schaffen nichtmal Ihre Idole " Bernd " Höcke und Kumpanen).aber was Solls, mit den meisten Kommentatoren hier zu diskutieren ist wie mit einer Taube Schach zu spielen: die wirft die Figuren um " kackt " auf das Spielfeld und freut sich bei ihrem Minischwarm über die Sieg

01.01.2016 08:42 Richtigstellung 234

Laut dem Positionspapier ist Pegida für die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen und politisch oder religiös Verfolgten, wie es das Grundgesetz vorsieht. Das kann jedoch nicht ein Aufenthalt für immer sein. Auch der Syrien-Bürgerkrieg wird (hoffentlich) mal vorbei sein,
dann werden die Flüchtlinge für den Wiederaufbau ihres Landes gebraucht.

01.01.2016 04:28 Dresdner an Horst 201 233

"Wer nicht stolz ist, ein deutscher zu sein, der soll sich doch bitte ein Land seiner Träume suchen!" Bitte schreiben Sie zunächst "ein Deutscher" groß! Schon weil es sich für einen aufrechten Deutschen selbstverständlich gehört, das groß zu schreiben, Vor allem aber, weil es die Grammatik unserer schönen und stolzen Sprache gebietet, die ein Deutscher, der Wert darauf legt, in seiner deutschen Identität verortet zu werden, eigentlich beherrschen sollte. Ansonsten nette Verklausulierung des bei Pegida zu oft gebrüllten Nazispruchs "Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen". Na, so hoffe ich doch, dass Pegida demnächst unsere Straßen und Plätze verlassen haben wird. Zumindest außerhalb meiner geliebten Heimatstadt sind die Chancen ja recht groß ... :)

01.01.2016 04:11 Dresdner an Maira 91 232

"Nur weil eine Mehrheit an Menschen, so wie ich, besseres zu tun hat als auf die Straße zu gehen und gegen die Pegidas zu demonstrieren, heißt das nicht das sie die Mehrheit sind. Ich kann Sorgen wegen einer Million Flüchtlinge verstehen, aber ich mache mir weit größere Sorgen wegen einer neuen Welle des Hasses und rechter Gewalt." Ich stelle mir gerade vor, dass alle, die so denken wie Sie, und das ist die Mehrzahl der Dresdner, einfach mal an einem oder meinetwegen zwei Montagabenden genau das entlang des Pegida-Aufzugs erklären. Dazu muss man ja nicht mal "links", "Berufsdemonstrant", "Student" "Willkommensrufer" oder so sein. Sie glauben gar nicht, wie schnell sich die Spreu der Pegida-Mitläufer von den Fanatikern und Ewiggestrigen trennen wird und damit das Thema [... Wort verstößt gg. die Netiquette und wird verborgen, Anm. d. Red.] endlich beerdigt würde. Letztere kann man dann in der Tat dem Staatsschutz und dem Verfassungsschutz überlassen... :)

01.01.2016 03:55 HOPF L. 231

@163.Ich an Ihrer Stelle...:Wer sich auch immer unter diesem
Pseudonym versteckt,möchte ich Ihnen mitteilen,daß Herr Kurt
Biedenkopf,sogar einmal Generalsekretär der CDU in der Zeit
von 1973-1977 war.Kurt Biedenkopf war wie Oskar Lafontaine
ein Querdenker.Er hatte auch die These von Norbert Blüm:"Die
Rente ist sicher"in Frage gestellt.Ich möchte aber auf das Inter-
view mit Ihm im Deutschlandradio -Kultur hinweisen:" Die Pe-
gida Demonstrationen sind Ausübung eines ganz entschei-
denden,demokratischen Grundrechts,nämlich demonstrieren
zu dürfen".Zu Ihrer Information Herr Biedenkopf war Jurist
und Hochschullehrer.

01.01.2016 03:48 Dresdner an "Wo geht es hin" 62 230

Angesichts dessen, was Sie hier so vom Stapel lassen, können wir uns sicher sein, dass Sie NIEMALS GG 16a und die daraus folgenden Gesetze oder gar die Flüchtlingskonvention gelesen oder deren Geist verstanden haben - das wollen Sie ja eigentlich auch gar nicht... .