Lehrerin Julia Ott unterrichtet Max Beyerleinund Pauline Fritz
Lehrerin Julia Ott unterrichtet Max Beyerlein und Pauline Fritz. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Bildung Straßenschule Dresden droht die Schließung

Schicksalschläge, Streit, Scheidung der Eltern - nicht alle Schüler haben das Glück, ihren Schulabschluss zu schaffen. Die Straßenschule gibt ihnen eine zweite Chance. Erfolg: 100 Prozent. Jetzt droht die Schließung.

von Katrin Tominski

Lehrerin Julia Ott unterrichtet Max Beyerleinund Pauline Fritz
Lehrerin Julia Ott unterrichtet Max Beyerlein und Pauline Fritz. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Chaled Farik kann sich noch genau erinnern. Als der Vater die Familie verlassen hat, als sie plötzlich allein waren und als der neue Mann nach Hause kam. "Dann fing der Horror erst an", sagt der 19-Jährige. Seine Mutter hatte die Kinder derweil bei der Oma untergebracht - und ihnen somit wohl das Schlimmste erspart. Die Schläge, Misshandlungen und Demütigungen hat sie allein ertragen. Bis zu diesem Tag, als sie endlich den Mut fasste und zur Polizei ging. Die Beamten, eine einstweilige Verfügung und das Rückflugticket für den ehemaligen US-Marinesoldaten befreiten sie und ihre Familie. An Lernen war für Chaled in dieser Zeit nicht zu denken. Jetzt schon. Deswegen sitzt er jeden Tag in der Dresdner Straßenschule am Albertplatz und büffelt für seine Realschulprüfung.

Niemand ist jemals durchgefallen

Chaled Farik
Chaled Farik will in wenigen Wochen seinen Realschulabschluss bestehen. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Chaled ist einer von 15 Jugendlichen, die in der Dresdner Straßenschule lernen. Tagtäglich pauken sie in drei Gruppen in allen Fächern, unterrichtet von etwa 30 ehrenamtlichen Dozenten. In wenigen Wochen absolvieren sie die externe Realschulprüfung. Sie alle hoffen zu bestehen. Sie alle hoffen auf eine Perspektive in der Zukunft. Die Chancen dafür stehen jedenfalls gut. Alle Schüler, die sich in der Straßenschule für eine Prüfung angemeldet haben, erreichten ihren Abschluss. Niemand ist jemals durchgefallen. Die Handwerkskammer meldet ihren Bedarf schon bei der Zeugnisübergabe an und auch sonst steigen die Berufschancen mit einem Schulabschluss exorbitant.

Doch jetzt droht dem erfolgreichen Projekt das Aus. Weil die Förderung der "Aktion Mensch" Ende April ausgelaufen wird, dürfte bald niemand mehr in den Klassenräumen sitzen. Eine Spende der Wirtschaftsjunioren hilft, die Straßenschule bis zum Schuljahresende zu finanzieren. Wie es dann weitergeht? "Wir wissen es nicht", sagt Dieter Wolfer von der Treberhilfe und zuckt mit den Schultern.

Eine Schule, die in keine Schublade passt

Die Dresdner Straßenschule hat das Problem, dass sie eigentlich gar keine Schule ist. Sie passt in keine Schublade. Das Kultusministerium hat sie nicht als öffentliche Bildungseinrichtung anerkannt. Das Jugendamt zweifelt an der Zuständigkeit, weil viele Schüler schlichtweg zu alt und längst erwachsen sind. Und auch die Förderkategorien des Sozialamtes passen nicht richtig auf das einzigartige Projekt. "Die Straßenschule ist für Schüler, die Schwierigkeiten in der Schule hatten", sagt Beate Rohde. "Sie erhalten bei uns individuellen Unterricht". Die didaktische Koordinatorin hat die Straßenschule mit entwickelt. Sie weiß, dass nicht das Lernen, sondern die negativen Assoziationen mit Schule oftmals das Problem sind. "Rückmeldungen sind bei uns sofort möglich", erklärt sie. "Beziehungsarbeit ist ein großer Teil des Projekts." Ein Sozialarbeiter unterstütze bei organisatorischen Dingen des Lebens und helfe bei der Prüfungsangst.

Einblicke in die Dresdner Straßenschule

Lehrerin Julia Ott beschriftet die Tafel
Julia Ott ist Lehrerin an der Dresdner Straßenschule. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski
Lehrerin Julia Ott beschriftet die Tafel
Julia Ott ist Lehrerin an der Dresdner Straßenschule. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski
May Beyerlein
Max Beyerlein lernt im Biologieunterricht etwas über Kohlenhydrate. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski
Lehrerin Julia Ott unterrichtet Max Beyerleinund Pauline Fritz
Lehrerin Julia Ott unterrichtet Max Beyerlein und Pauline Fritz. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski
Pauline Fritz
Pauline Fritz büffelt für ihren Realschulabschluss. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski
Liste der Prüfungen
Neun Prüfungen müssen die Schüler für den Realschulabschluss absolvieren. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski
Sandra Klette
Sandra Klette hat die Schule wegen ihrer Schwangerschaft abgebrochen. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski
Chaled Farik
Chaled Farik will in wenigen Wochen seinen Realschulabschluss bestehen. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski
Sarah Delang
Sarah Delang war einmal süchtig nach Crystal. Nach einer Therapie holt sie jetzt ihren Abschluss nach. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski
Pinnwand im Klassenzimmer der Strassenschule
Ideen aller Art sind in der Straßenschule immer willkommen. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski
Sandra Klette Sarah Delang und Chaled Farik im Klassenzimmer
Sandra Klette, Sarah Delang und Chaled Farik im Klassenzimmer. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski
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Abschreiben erlaubt!

"Wir betreuen unsere Schüler sehr aufwändig", erklärt auch Dieter Wolfer, Geschäftsführer der Dresdner Treberhilfe, die Träger des Projektes ist. "Alle Jugendlichen werden in kleinen Gruppen unterrichtet". Der Sozialpädagoge hat die Angst seiner Schüler schon mehrmals erlebt. "Das Trauma Schule entsteht vor der Prüfung", erklärt der Sozialpädagoge. "Einmal sind Jugendliche kurz vor dem Examen abgesprungen." Nur mit Überredungskraft sei es gelungen, eine Wiederholungsprüfung zu organisieren. Die Schüler lernen in der Straßenschule und absolvieren in öffentlichen Schulen sogenannte externe Prüfungen. Damit erhalten sie einen staatlich anerkannten Schulabschluss wie alle anderen Schüler auch. Wolfer glaubt an das Konzept der Schule. "In unseren kleinen Klassen sind die Schüler ein Team und unterstützen sich", sagt er. "Abschreiben ist ausdrücklich erlaubt, Leistungsdruck gibt es hier nicht."

Schule wegen Schwangerschaft verlassen

Sandra Klette
Sandra Klette hat die Schule wegen ihrer Schwangerschaft abgebrochen. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Der Leistungsdruck war es, der Sandra Klette (19) fast krank machte. Weil sie mit 17 Jahren ihr Kind bekam, wollte sie ein Schuljahr lang Pause machen. Der Schulleiter stellte sie nach ihrem Mutterschutz jedoch vor die Wahl: Entweder sofort wieder einsteigen oder später eine Klasse höher. Sandra wollte nichts verpassen, brachte als 17-Jährige jeden Tag vor Schulbeginn ihre Tochter in die Kita und bekam Schlafstörungen von dem Stress. Die Schulpsychologin riet ihr abzubrechen, jetzt ist die Tochter älter, Sandra stabiler und das Lernen leichter. "Ich bin den richtigen Weg gegangen", sagt Sandra und lacht.

Lust auf Schule

Pinnwand im Klassenzimmer der Strassenschule
Ideen aller Art sind in der Straßenschule immer willkommen. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Seit Mitte 2014 bietet die Straßenschule Unterricht für Nachzügler. Elf Jugendliche haben die Prüfung bislang bestanden. Es gibt eine Schulbibliothek, eine Mediathek, Laptops und ein Prüfungscoaching. Ein Psychologe lehrt Lernstrategien und hilft bei Zweifeln. "Das Hinführen zum selbstständigen Lernen ist unser wichtigstes Ziel", erklärt Wolfer. Der Beweis, dass dies klappen kann, sitzt vor ihm. Elias Olunczek ist 19 Jahre, hat vor elf Monaten seine Prüfung bestanden, danach ein freiwilliges ökologisches Jahr absolviert und ist in zwei Stunden zum Vorstellungsgespräch geladen. "Für eine Ausbildung zum Mechatroniker", sagt er. Seine Aufregung sieht man ihm nicht an. "Das täuscht", erklärt er, und: "Ich habe in der Straßenschule die sympathische Atmosphäre und die Freundlichkeit geschätzt. Es hat mir so gefallen, dass ich fast jeden Tag Lust auf Schule hatte."

Kleine Hoffnung

Dieter Wolfer im Gespräch mit Peggy Schramm und Beate Pohde
Dieter Wolfer sucht mit Peggy Schramm und Beate Rohde Lösungen für die Zukunft. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Wenn Wolfer solche Sätze hört, geht ihm das runter wie Öl. Dann vergisst er den ganzen Aufwand, die Bürokratie, die Sorgen. Wochenlang hat er mit den Projektverantwortlichen Peggy Schramm und Beate Rohde die Bücher und Förderprogramme gewälzt, mit dem Ministerium gesprochen und dem Jugendamt, der Stadt und Geldgebern. Jetzt hofft die Straßenschule auf eine neue Förderung durch das Jobcenter. "Wir haben einen Antrag geschrieben und sind optimistisch", sagt Wolfer. "Doch wir wissen sehr gut, dass wir nicht allein in der Schlange stehen." Die Straßenschule wird von dem Wohnungsunternehmen "Vonovia" mit Räumlichkeiten unterstützt, sie erhält Spenden von den Wirtschaftsjunioren und der Software AG. "Wir freuen uns über jede Unterstützung", erklärt Wolfer und rechnet schon wieder im Kopf.

Die Zukunft steht in den Sternen

Knapp über 100.000 Euro braucht die Straßenschule jedes Jahr, um den Schulbetrieb mit 2,5 Mitarbeitern weiter in diesem Stil zu führen. Zwei Förderanträge bei Stiftungen laufen ebenfalls. Gleichzeitig hat sich Wolfer mit seinem Team für das Folgeprojekt der Aktion Mensch beworben. Dieses ist aktuell auf Flüchtlinge zugeschnitten. "Doch wir möchten unsere Zielgruppe eigentlich weiter offen halten", sagt Wolfer. Die Zukunft steht also in den Sternen. "Wenn ich träumen darf, wünsche ich mir eine Regelfinanzierung", erklärt der Straßenschulen-Chef. "Da müssten wir nicht alle drei Jahre um eine Fortsetzung bangen." Insgesamt 20 Jugendliche und Erwachsene sind für das nächste Schuljahr angemeldet. Ob sie zum Schuljahr antreten dürfen, wird sich zeigen.

Über dieses Thema berichtet MDR auch im Fernsehen: MDR SACHSENSPIEGEL | 06.04.2017 | 19 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. April 2017, 15:29 Uhr

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4 Kommentare

07.04.2017 17:34 Andreas 4

Daran sieht man wie wichtig das Thema Bildung ist! Wegen jedem Thema empört sich die Gesellschaft und vergeudet so viel unnötige Energie. Bei so einer wichtigen Institution wie dieser Schule wird geschwiegen. Warum ist das so? Diese Kinder sind die Zukunft! Unsere gemeinsame Zukunft!

@Janes, das mit dem Spendenaufruf finde ich auch total gut!!!!

07.04.2017 14:19 Janes 3

Ein tolle Idee, diese Schule. Diese besetzt eine Nische, die im reichen Deutschland nicht für Förderung vorgesehen ist. Das ist wichtig, um die Steuerausgaben transparent zu halten und kontrollieren zu können. Das kann man auch nicht mit anderen Projekten vergleichen, vor allem dann nicht, wenn man versucht die Reisekosten eines Orchester mit Weltruf mit einem Verein von 15 Mitgliedern zu vergleichen. Vlt gibt ja ein Spendenkonto welches der MDR mit veröffentlichen kann. So kann jeder was von seinem Reichtum abgeben und ein Dresdner Projekt für Dresdner unterstützen.

07.04.2017 09:03 Alex 2

Warum nochmal düsen die Dresdner Sinfoniker nach Kalifornien? Hier wäre doch mal eine gute Möglichkeit, musikalisch ein "Zeichen zu setzen". Preiswerter und vor allem weitaus nützlicher wäre ihr Engagement an dieser Stelle.
Traurig, dass für derartige Projekte im "reichen" Deutschland nichts übrig bleibt.

07.04.2017 06:32 angelika Schley 1

Ich finde es wichtig, dass diese Schule erhalten bleibt.
Jugendlichen, die eine zweite Möglichkeit erhalten ihren Abschluss zu schaffen, fühlen sich angenommen und nicht als Verlierer.