Der Spruch "Gegen jeden Antisemitismus !" prangt am 20.01.2016 an einer Toilettenwand der Philipps-Universität in Marburg (Hessen).
Bildrechte: dpa

Gegen Antisemitismus 15-jährige Dresdnerin erhält Preis für Zivilcourage

Der Spruch "Gegen jeden Antisemitismus !" prangt am 20.01.2016 an einer Toilettenwand der Philipps-Universität in Marburg (Hessen).
Bildrechte: dpa

Eine 15-jährige Schülerin aus Dresden ist am Dienstag in Berlin mit dem Preis für Zivilcourage gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Rassismus ausgezeichnet worden. Emilia S. werde für ihren Einsatz gegen rechte Umtriebe und Rassismus an ihrer Schule ausgezeichnet, so die Jury. Die 15-Jährige hatte sich gegen juden- und fremdenfeindliche Äußerungen ihrer Schulkameraden gewehrt und in besonderem Maße Zivilcourage gezeigt.

Antisemitischer Klassenchat

"In meiner Klasse verbreitete sich ein neuer Trend", erzählt Emilia. "Ganz schnell war man lustig, wenn man seinen Mitschülern den Hitlergruß zeigte oder Heil Hitler sagte." Zuerst habe sie Angst gehabt, zu handeln und alleine da zu stehen. Als dann im Klassenchat antisemitische Bilder auftauchten, reagierte die Schülerin. "Das Schrecklichste war das Foto einer Rauchwolke mit der Bildunterschrift 'Jüdisches Familienfoto'." Für ihre Aufforderungen, solche Nachrichten zu unterlassen, wurde sie ausgelacht. Ein Mitschüler habe ihr empfohlen, sie möge doch nach Polen auswandern. Zudem habe er gefragt, ob sie zu viel tote Juden eingeatmet hat. "Daraufhin habe ich den Schüler wegen Volksverhetzung angezeigt", erzählt die 15-Jährige.

Die Schülerin Emilia S. aus Dresden steht am 07.11.2017 in Berlin nach einem Pressegespräch in einem Hotel mit der Urkunde für den Preis für Zivilcourage gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Rassismus
Emilia S. aus Dresden mit der Urkunde für den "Preis für Zivilcourage gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Rassismus". Überreicht wurde ihr die Auszeichnung von Lea Rosh vom Förderverein"Denkmal für die ermordeten Juden Europas" und Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Bildrechte: dpa

Emilia spendet Teil des Geldes für betroffenen Jungen

Von dem mit 2.000 Euro dotierten Preis will Emilia 500 Euro an einen 14-jährigen Berliner spenden. Der Junge musste die Friedenauer Gemeinschaftsschule in Berlin-Schöneberg verlassen, nachdem er aufgrund seiner jüdischen Religion von Mitschülern verbal und körperlich belästigt wurde. Sogar eine Scheinhinrichtung mit Kopfschuss soll an ihm vollzogen worden sein. Ende Oktober berichtete ARTE in einer Reportage über die Geschichte des Jungen.

Die Familie des 14-Jährigen wird das Preisgeld wiederum weiterspenden: Es geht an eine neue Beratungsstelle für Betroffene antisemitischer Gewalt. Sie wird vom "Kompetenzzentrum Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland" unterhalten. Familien in ähnlichen Situationen sollen dort Hilfe finden.

Zu Zivilcourage ermutigen

Der Preis für Zivilcourage wird seit 2009 vom Förderkreis "Denkmal für die ermordeten Juden Europas e.V." und der Jüdischen Gemeinde zu Berlin verliehen. "Der Preis wurde ausgelobt, um auf die Thematik sowie auf die Menschen und ihre guten Taten aufmerksam zu machen, die sich aktiv gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Rassismus zur Wehr setzen und damit öffentlich Zivilcourage zeigen", erklärt die Presseprecherin des Förderkreises Katharina Kath. Frühere Preisträger waren unter anderem eine Pegida-Gegnerin aus Freital und das Twitter-Projekt gegen Fremdenfeindlichkeit "Straßengezwitscher" aus Dresden.

Antisemitismus in Schule und Gesellschaft Die Übergriffe auf einen Jungen von der Friedenauer Gemeinschaftsschule in Berlin-Schöneberg sind kein Einzelfall. In Berlin meldeten im vergangenen Jahr insgesamt fünf Schulen der Polizei antisemitische Vorfälle. Die "Ruhr Nachrichten" berichteten jüngst über antisemitische Vorfälle an einem Dortmunder Gymnasium, die erst auf Drängen der Jüdischen Gemeinde beachtet wurden. Im Norden von Paris soll einem Bericht der "Jüdischen Allgemeine" zufolge Ende September ein zehnjähriges Mädchen von seinen Klassenkameraden krankenhausreif geschlagen worden sein. Der Grund: Sie ist Jüdin.

Aus einer Befragung des American Jewish Committee von Berliner Schulen geht hervor, dass antisemitische und islamistische Einstellungen in Berliner Schulen an Einfluss gewonnen haben. Befragt wurden 27 Lehrer an 21 Schulen in acht Bezirken Berlins.

In Sachsen wurden im vergangenen Jahr 110 antisemitische Straftaten gezählt. Das geht aus Antworten des Innenministeriums auf eine Anfragen der Linken im Landtag hervor.

Auch im Vorfeld des Mitte November stattfindenden Leipziger Stadtderbys zwischen Lok und Chemie Leipzig kam es zu neuerlichen antisemitischen Entgleisungen von Teilen der Lok-Anhänger. Es tauchte ein Plakat auf, dass die ermordete Jüdin Anne Frank im BSG-Trikot zeigt. Das Plakat lehnt sich an ähnliche Aufkleber rechtsextremer Lazio Rom-Gruppierungen an. Lok Leipzig distanzierte sich von dem Plakat.

Quelle: dpa/MDR/mar

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 07.11.2017 | Nachrichten ab 17:30 Uhr

Anmerkung der Redaktion

Liebe Nutzer, wir tolerieren nicht, dass das couragierte Verhalten einer 15-Jährigen für diffamierende, ausländerfeindliche und menschenverachtende Kommentare missbraucht wird. Wegen wiederholten Verstößen gegen unsere Richtlinien wurde die Kommentarfunktion für diesen Artikel deaktiviert.

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2017, 12:42 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

55 Kommentare

08.11.2017 14:37 martin 55

@14 Kant: Ich vermute Ihr "Namensgeber" würde sich im Grabe umdrehen - oder soll es sich um einen satirischen Beitrag handeln?
Dass Sie jungen Menchen die Entwicklung eigener Wertevorstellungen (Achtung Wortspiel:) kategorisch absprechen, sondern unterstellen, dass sie nur "Spiegelbild der Erwachsenen" seien, ist in mehrfacher Hinsicht sachlich falsch.
Es gibt nicht DIE Meinung DER Erwachsenen - auch wenn manche Gruppierungen eine solche Haltung gern lautstark (für sich) reklamieren.
Und dass junge Menschen auch eine Neigung haben, sich von ihren Eltern / den Erwachsenen abzugrenzen, wird ernsthaft auch nicht bestritten. Ein Blick in die Shell-Jugendstudie (die dürfte jemanden mit dem gewählten Namen ja nicht zu intellektuell sein) kann da im Zweifel weiterhelfen.
Und über Ihre Gleichsetzung von Zivilcourage (die sich der dort herrschenden Mehrheitshaltung widersetzt) und Denunziantentum / Duckmäusertum würde ich mich herzlich amüsieren, wenn es nicht so ein ernstes Thema wäre.

08.11.2017 13:16 Wolfgang 54

@20 welche " Deutschlandfeindlichkeit"? Oder stört es Sie wenn Tatsachen benannt werden. Welches " beim Lehrer anschwärzen "? Hier handelt es sich ( wenn Sie den Artikel gelesen haben sollten) um Straftaten und nicht um banales Petzen. Dem Mädchen meinen vollen Respekt, so gewinnt der Glaube an das Gute im Menschen, gegen Menschenverachtung, ich hoffe das sich viele ein Beispiel nehmen.

08.11.2017 12:56 S. Führ 53

... Wer hier versucht Antisemitismus einseitig als Problem der Muslime aufzuzeigen und damit im Grunde wieder nur seine eigene muslimfeindliche Haltung darstellt, hat das Problem nicht verstanden! ... Im Falle der Schülerin Emilia ging es ja wohl eindeutig um verurteilenswerte Liebelei mit dem 3.Reich und die Verharmlosung des Holocaust was in D zum Glück unter Strafe steht.

Menschenfeindlichkeit - jeglicher Form - ist zu verurteilen. Punkt! ... Alles andere ist Selbstbetrug und sendet in Richtung derer, dies noch nicht begriffen haben das falsche Signal. Nämlich dumme Sprüche und vielleicht auch Gewalt dann doch irgendwie OK sind wenn sie den vermeintlich Richtigen treffen. ... Ist aber nicht so!
Das Einzige was gegen Antisemitismus und Rassismus hilft, ist klare Kante. Und Ja! Das ist auch "Integrationsarbeit" (will die AFD ja nicht), die wir mit manchen Menschen aus arabischen Staaten zu leisten haben in denen Antisemitismus geschichtsbedingt zur Staatsresong gehört.

08.11.2017 12:29 Simon60 52

@41: Die Täter von der Schule zu werfen wäre nicht gegangen. Es waren keine Neonazis sondern Muslime. Wurde in den meisten Berichten gar nicht oder nur sehr verschämt erwähnt.

Dessen ungeachtet Gratulation an die Schülerin für die Auszeichnung und Hut ab vor ihrem Mit. Insbesondere einen Teil des Geldes dem betroffenen ehemaligen Schüler der Friedenauer Gesamtschule zu spenden.

Bemerkenswert auch in diesem Zusammenhang wird nicht erwähnt, dass er, anders als in Dresden, Opfer von Muslimen und nicht von Neonazis wurde.

Könnte die Tatsache, dass nicht explizit erwähnt wird, wenn antisemitische Übergriffe von Muslimen kommen und nicht von Neonazis, etwa daran liegen, dass die jeweiligen Journalisten keinen oder nur einen marginalen Unterschied zwischen beiden Gruppen sehen und es daher für nicht erwähnenswert halten?

08.11.2017 11:59 Patrick Neumann 51

Respekt! Es muss viel öfter Zivilcourage gezeigt werden. Insbesondere in Sachsen. Was ich dort meine ausländische Freundin erlebt habt, ist mehr als beschämend.

08.11.2017 11:49 GSM 50

Ich finde die Ehrung sehr richtig.
Ich habe selbst in Berlin-Neukölln erlebt, wie ein Schüler von Mitschülern (die aber offenbar eher aus dem arabischen Raum stammten) mit "ey geh duschen du Jude" beschimpft wurde.

08.11.2017 11:49 Thomas B 49

Gruselige Kommentare hier.
Irgendwie habe ich den Eindruck, das die hälfte der Kommentatoren hier sich als rechtsnational ertappt fühlt und wie *fliege* versucht abzulenken. Genau solche Leute sind es, die unser freies Land kaputtmachen wollen.
Schlimm genug, das ein 15ähriges Mädchen uns mit Zivilcourage zeigen muss, wie salonfähig Judenhetze mittlerweile wieder geworden ist.

08.11.2017 11:35 André Meyer 48

Hm, warum musste ein jüdischer Schüler eine deutsche Schule verlassen, "nachdem er aufgrund seiner jüdischen Religion von Mitschülern verbal und körperlich belästigt wurde". Hätte man nicht eher die Täter in hohem Bogen von der Schule werfen müssen?

08.11.2017 11:28 ralf meier 47

@Sibylle Nr 34: Die von Ihnen genannte Friedenauer Gemeinschaftsschule in Berlin-Schöneberg gehört zum Netzwerk "Schule gegen Rassismus", an dem man nur teilnehmen darf, wenn sich Lehrer und Schüler mit ihrer Unterschrift verpflichten, sich gegen Diskriminierung einzusetzen. Es ist deshalb auch für mich kaum nachvollziehbar, wie ein rassistischer Mob diesen Schüler an dieser Schule, also unter den Augen der von Amts wegen aufsichtsführenden Lehrerschaft drangsalieren konnte.
Vielleicht hat das damit zu tun, daß Rassismus in Deutschland von vielen Deutschen so sehr als ein typisch deutsches Phänomen betrachtet wird, daß einige ihn nicht wahrnehmen, wenn er aus einem anderen Kulturkreis heraus kommt

08.11.2017 11:25 Heinz 46

An welchen nicht mehr existenden Staat erinnert mich das?