Sachsen

Essay | MDR FIGARO | 03.02.2013 |Zum Nachhören und Herunterladen : Dunkle Stunde der Demokratie in Dresden

Als die NSDAP in Sachsen an die Macht kam

Dresden war - mit Blick auf den 13./14. Februar 1945 - eine "Stadt der Opfer", aber es war ebenso eine Hochburg der NSDAP. Als sich der liberale Oberbürgermeister Wilhelm Külz im März 1933 der nationalsozialistischen "Gleichschaltung" widersetzte, wurde er aus dem Amt entfernt. Elbflorenz wurde zur Gauhauptstadt Sachsens, mit Martin Mutschmann an der Spitze. Schon im März 1933 fand in Dresden eine der ersten Bücherverbrennungen des Dritten Reiches statt.

Nazikundgebung vor dem Neuen Rathaus in Dresden 1933

Elbflorenz mit europäischem Renommee

Die sächsische Landeshauptstadt zählte 1920 über eine halbe Million Einwohner. Nicht nur in der Weimarer Republik, auch im Ausland genoss Dresden als "Elbflorenz" zunehmend den Ruf einer Kunst- und Kulturmetropole. Nur wenige Meter voneinander entfernt arbeiteten an der Kunstakademie Maler wie Otto Dix oder Robert Sterl und an der Semperoper Fritz Busch als Chef der Sächsischen Staatskapelle, ein weltoffener Künstler und einer der größten Dirigenten des 20. Jahrhunderts.

Der Dirigent Fritz Busch Fritz Busch wurde am 13. März 1890 in Siegen geboren und verstarb am 14. September 1951 in London.
Fritz Busch, von den Nazis vertrieben, ging 1933 ins Exil.

Mit Uraufführungen der Werke von Paul Hindemith, Richard Strauß und Kurt Weill führte Busch das Musikleben in Dresden zu höchstem Niveau. Neben Kunst und Kultur erhielt die noch junge "Wissenschaft der Hygiene" durch den Unternehmer und Odol-Fabrikanten Karl August Lingner entscheidende Impulse. Die durch Lingner initiierte Internationale Hygiene Ausstellung von 1911 wurde "zu einem Kulturunternehmen mit weltweiter Ausstrahlung" und auf seine Initiative hin eröffnete 1930 das Deutsche Hygiene-Museum, ausgestattet mit modernster Technik.

Aufstieg der NSDAP

Im gleichen Jahr 1930 stiegen die Nationalsozialisten zur Massenpartei auf. Doch anders als in den heutigen Bundesländern Sachsen-Anhalt und Thüringen konnten die Nazis in Sachsenerst nach der Reichstagwahl im März 1933 die volle Kontrolle übernehmen. Die Reichstagswahlen vom 5. März 1933 brachten der NSDAP die absolute Mehrheit. In Sachsen stimmten annähernd die Hälfte der Wähler für Hitler, in Dresden selbst blieben allerdings die Wahlergebnisse mit 42 Prozent deutlich hinter den Erwartungen der Nazis zurück, auch wenn die Wahlbeteiligung bei 88,7 Prozent lag und die NSDAP einen Stimmenzuwachs von 53.000 Stimmen im Vergleich zur Reichstagswahl im November 1932 verbuchen konnte. Am 10. März 1933 löste Reichspräsident Hindenburg auf Grundlage der "Verordnung zum Schutz von Volk und Staat" vom 28. Februar 1933 die sächsische Staatsregierung auf. Reichskanzler Adolf Hitler ernannte den SA-Führer Manfred Killinger zum Reichskommissar für Sachsen.

Nach der Machtübernahme lassen die Nationalsozialisten in Universitätsstädten die Bücher verfemter Autoren verbrennen.
MDR FIGARO

Essay: "Dunkle Stunde der Demokratie in Dresden"

Im Essay schildert Hartmut Ellrich, wie Dresden 1933 zur Hochburg der NSDAP wurde, wo Bücher brannten, aus der ein Weltklassedirigent wie Fritz Busch ins Exil getrieben wurde.

03.02.2013, 19:05 Uhr | 33:54 min

Der Dresdner Romanist und Hochschulprofessor Victor Klemperer hielt in seinem Tagebuch minutiös die Entwicklungen des NS-Systems am Schauplatz Dresden fest. Aus seinem Blickwinkel beschrieb er die schrittweise Machtübernahme.

"Jetzt wiederholt sich haargenau, nur mit anderem Vorzeichen, mit Hakenkreuz, die Sache von 1918. Wieder ist es erstaunlich, wie wehrlos alles zusammenbricht. Wo ist Bayern, wo ist das Reichsbanner usw. usw.?

Acht Tage vor der Wahl die plumpe Sache des Reichstagsbrandes – ich kann mir nicht denken, daß irgend jemand wirklich an kommunistische Täter glaubt statt an bezahlte Hakenkreuz-Arbeit. Dann die wilden Verbote und Gewaltsamkeiten. Und dazu die Straße, Radio etc. die grenzenlose Propaganda.

Am Sonnabend, 4., hörte ich ein Stück der Hitlerrede aus Königsberg. Eine Hotelfront am Bahnhof, erleuchtet, Fackelzug davor, Fackelträger und Hakenkreuz-Fahnenträger auf den Balkons und Lautsprecher. Ich verstand nur einzelne Worte. Aber der Ton! Das salbungsvolle Gebrüll, wirklich Gebrüll, eines Geistlichen!"

Victor Klemperer

Hitler-Begeisterung unter jungen Offizieren

Buchcover "Historischer Reiseführer Dresden 1933-45"
Hartmut Ellrich: "Dresden 1933-1945 - Der historische Reiseführer"

In den Kasernen der Albertstadt wurde bereits die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 freudig begrüßt. Besonderer Jubel herrschte unter den Fahnenjunkern und Fähnrichen der Dresdner Infanterieschule, damals die größte im Deutschen Reich. Die höheren Offiziere, die eine abwartende Haltung zeigten, erhofften sich von der neuen Regierung eine Durchbrechung der strengen Rüstungsbegrenzung, die die Siegermächte des Ersten Weltkriegs dem Deutschen Reich aufgenötigt hatten.

Mit dem Reichskanzler Hitler veränderte sich das Klima schlagartig und für alle spürbar. Bis zu den Reichstagswahlen im März 1933 bot der Dresdner Landtag noch ein Forum, um die Vorgänge in Berlin öffentlich anzuprangern. Doch nun wurden alle demokratischen Aktivitäten im Keim erstickt, indem Bedrohung und Einschüchterung und mehr und mehr auch physische Gewalt in den Vordergrund traten.

Legalisierung des Straßenterrors

Die erste große Verhaftungswelle fand in der Nacht des Reichstagsbrandes vom 27. Februar 1933 statt. Durch die sogenannte "Reichstagsbrandverordnung" wurde der bisherige Straßenterror plötzlich staatlich sanktioniert. Gesetzlich verbürgte Grundrechte wurden aufgehoben. Politische Gegner konnten nun überfallen, inhaftiert und in schnell errichtete "Schutzhaftlager" eingewiesen werden. Auf dieser Grundlage wurde eine Partei nach der anderen aufgelöst, nicht nur durch Gesetz und Verordnung, sondern tatkräftig durch Polizeigewalt und Terror. Ein berüchtigte Ort im Dresden jener Zeit war das Gefängnis im Polizeipräsidium an der Schießgasse, dessen 250 Haftplätze nach der "Machtergreifung" fast ausnahmslos doppelt belegt waren.

Nazifizierung von Presse und Kultur

Gesteuert wurde der Terror von SA-Führer Manfred von Killinger, der in Konkurrenz zu Gauleiter Martin Mutschmann stand. Zwischen den beiden Nazi-Größen entbrannte 1933 ein heftiger Machtkampf. Mutschmann gründete 1930 die Tageszeitung "Der Freiheitskampf". Damit stärkte er seine Position und, dank eines Mehrheitsanteils von 51 Prozent, bestimmte er zusätzlich die politische Ausrichtung des Blattes. Mit der Dresdner Hauptausgabe brachte er es bis Ende 1932 auf 107.000 Exemplare und hatte damit die meistgelesene Dresdner Tageszeitung fest in seinen Händen.

Neben der Presse durchdrangen die Nazis die kulturellen Institutionen Dresdens. So wurde beispielsweise im Jahresbericht des Dresdner Hygiene-Museums von 1933 ganz allgemein auf die "personellen Veränderungen" hingewiesen. Im Klartext war damit die Entfernung von Mitarbeitern gemeint, die wegen ihrer politischen Einstellung oder jüdischen Herkunft der Nazifizierung im Weg standen.

Synagoge in Dresden
Gottfried Sempers Dresdner Synagoge von 1840

Auch vor Theatern und Opernhäusern machte die "Säuberung" nicht halt. Mehr als zehn Jahre hatte Fritz Busch in Dresden Musikgeschichte geschrieben. Er lehnte die nationalsozialistische Bewegung strikt ab und rückte wegen seiner "juden- und ausländerfreundlichen Personalpolitik" ins Visier der Nationalsozialisten. Am 7. März 1933 wurde er vor Beginn einer "Rigoletto"-Vorstellung von SA-Männern vom Pult gebrüllt. Busch legte still seinen Taktstock nieder und verließ das Dresdner Opernhaus.

Zu diesem Zeitpunkt stand auch die Dresdner Synagoge noch, entworfen wie das Opernhaus von Gottfried Semper. Sie wurde in der Progromnacht vom 9. zum 10. November 1938 von Dresdner SA-Leuten niedergebrannt.

Zuletzt aktualisiert: 04. Februar 2013, 13:01 Uhr

Angaben zur Sendung

Essay:
"Dunkle Stunde der Demokratie in Dresden - Als die NSDAP in Sachsen an die Macht kam"

von Hartmut Ellrich

Produktion: MDR 2013
Dauer: 25 Minuten

Hartmut Ellrich

Hartmut Ellrich, Jahrgang 1970, studierte Mittelalterliche und Neuere Geschichte sowie Politische Wissenschaft in Mannheim und Jena.
Als wissenschaftlicher Mitarbeiter war er am Lehrstuhl für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München tätig.
Beteiligungen an historischen Ausstellungen in Thüringen und Baden-Württemberg folgten.
Seit 2007 promoviert Hartmut Ellrich an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und lebt als freiberuflicher Historiker, Buchhändler und Journalist in Ohrdruf/Thüringen.

Buchtipp

Hartmut Ellrich: "Dresden 1933-1945 - Der historische Reiseführer"

Buchverlag: Ch. Links, 2008, 128 S.
ISBN: 978-3-86153-498-3

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