"Ein Prozent" und die Neuen Rechten Im Hinterland, rechts außen

Der Verein "Ein Prozent" will "Flüchtlingsinvasion nicht mehr mitmachen". Im Internet sollen sich Initiativen mit demselben Ziel aus ganz Deutschland vernetzen. Gegründet wurde "Ein Prozent" im Dörfchen Schnellroda in Sachsen-Anhalt. Ganz im Osten Sachsens, in Oybin, hat der Verein seinen offiziellen Sitz. MDR SACHSEN hat sich auf Spurensuche begeben und stieß auf Schweigen und Ratlosigkeit.

von Marcel Laskus

Blick über Oybin zum Berg Oybin mit Burg- und Klosteranlage
Bildrechte: dpa

In Oybin, einem kleinen Ort nahe der Grenze zu Tschechien und Polen, sind die Straßen bis zur letzten Gehwegplatte saniert. Das Kloster, die Kirche, das Eiscafé – die Bauwerke liegen fotogen vor dem schroffen Sandsteinmassiv, an dem fünf Mal am Tag der Bergexpress vorbeituckert. "Belegt"- und "Zimmer frei"-Schilder hängen an den Häusern, die "Eichhörnchen" heißen oder "Hainblick". Die Oybiner vermieten darin Zimmer, um mit dem Postkarten-Idyll ein wenig Geld zu machen. So auch Helge Hilse. Der 53-Jährige Garten- und Landschaftsbauer wohnt am östlichen Zipfel des Ortes, direkt am Waldesrand. Seine zwei Ferienhäuser stehen dort schon seit Jahren. Recht neu ist, dass an seiner Adresse auch ein Verein seinen Sitz hat. Dessen Ziel: Jene zu vernetzen, die bei der "Flüchtlingsinvasion nicht mehr mitmachen wollen".

Burschenschaftler spricht zur Vereinsgründung

Zu Protokoll brachte Hilse sein Engagement am Abend des 17. Februar 2016, als sechs Männer und eine Frau im Süden Sachsen-Anhalts auf dem Rittergut Schnellroda zusammenkamen, um den Verein zu gründen. Um 18 Uhr ergreift Philip Stein das Wort, mit 24 Jahren gehört er zu den Jüngsten in der Runde. Stein führt durch die Tagesordnungspunkte, bespricht die Satzung: Initiativen vernetzen, sie finanziell zu fördern, darum soll es gehen. Unterdessen notiert Helge Hilse, was Stein sagt. Er ist an diesem Abend Protokollant. Später wählen die sieben Philip Stein einstimmig zum ersten Vorsitzenden und Schatzmeister; sein Stellvertreter heißt Helge Hilse. Um 20:18 Uhr ist die Gründung beschlossen. All das steht in den Unterlagen, die beim Dresdner Amtsgericht archiviert sind. Den Verein, der schon seit November 2015 im Netz aktiv ist, nennen sie "Ein Prozent". Denn ein Prozent der deutschen Bevölkerung sei nötig, um "nicht mehr ignoriert werden zu können".

Von fünf der sieben, die an jenem Abend dabei waren, ist bekannt, wofür sie stehen, wo sie aktiv sind und wo sie aktiv waren. Philip Stein, der Vorsitzende, sowie ein weiteres Gründungsmitglied engagieren sich bei der Marburger Burschenschaft "Germania", die auf ihrer Facebook-Seite dazu aufruft, "als Marburger Germane Teil des Widerstands" zu werden. Außerdem schreibt Stein für die "Blaue Narzisse", einem Magazin, dessen politische Linie als mindestens konservativ gilt. Ein anderer Mitgründer von "Ein Prozent" meldete in Brandenburg einmal eine asylfeindliche Demonstration an. Wirklich bekannt in der Szene sind zwei weitere Gründungsmitglieder: Götz Kubitschek, 46, gilt als Vordenker der sogenannten Neuen Rechten. Auf seinem Rittergut in Schnellroda hatte sich die Gruppe am 17. Februar versammelt. Auf seinen Namen ist auch die Domain des Vereins angemeldet: einprozent.de. Und Jürgen Elsässer, 59, wohnhaft in Leipzig, ist Chefredakteur des rechten Magazins "Compact". Er unterstützt, wie Kubitschek, Pegida und die AfD.

Wer sind Herr Hilse und seine Gattin?

Es sind fünf Menschen, die schon länger in ihrem Milieu aktiv sind, sei es als Burschenschafter oder als Verleger. Sie sehen sich als Avantgarde der Neuen Rechten, elitär und belesen. Anders Helge Hilse. Mit rechten Aktivitäten fiel der Landschaftsbauer bisher nicht auf. 2013, da unterschrieb ein Helge Hilse einmal eine Netz-Petition, die sich unter anderem gegen die "Kolonialisierung der USA" richtete. Auch Bundestagsmitglieder von der Linken machten dabei mit. Ansonsten erregte dieser Mann kaum Aufsehen – nicht im Internet und nicht in Oybin. Helge Hilse, so scheint es, war lange Zeit ein politisch Unsichtbarer.

Für den Verein "Ein Prozent" ist Hilse nun aber wichtig – laut Satzung. Er ist stellvertretender Vorsitzender, leiht dem Verein seine private Anschrift im südöstlichsten Zipfel von Sachsen. Weit weg von Schnellroda, weit weg von Leipzig, weit weg von Berlin. Oybin, da wohnt Hilse mit seiner Frau, die als Siebte bei der Vereinsgründung dabei war. Was aber brachte die Eheleute Hilse dazu, mit den Allgegenwärtigen der Neuen Rechten zusammenzuarbeiten, ihnen sogar als offizielle Anschrift zu dienen?

Kommunikationsversuch gescheitert

Anruf bei Helge Hilse. Ob er bereit wäre, über den Verein zu sprechen? "Das möchte ich nicht", sagt er. Eine Anfrage könne man nur per E-Mail stellen, und zwar direkt an Philip Stein. Hilse nennt die Mail-Adresse gleich zweimal, unaufgefordert. Seine Worte klingen wie abgespult. Ein paar Stunden später die schriftliche Antwort: An einem Interview bestehe kein Interesse. "Beste Grüße, Philip Stein."

Dabei bemüht sich "Ein Prozent" seit Monaten um Aufmerksamkeit, vor allem in den sozialen Medien. Fast täglich steht ein neuer Beitrag auf der Website. Dauerthema ist die von ihnen befürchtete Islamisierung Deutschlands, Dauerziel das Einsammeln von Geld. "Jeder Euro zählt und ist besser angelegt als in der Staatskasse!", heißt es auf der Website, auf der auch Hans-Thomas Tillschneider als Unterstützer des Vereins aufgeführt wird. Seit März sitzt er für die AfD im Landtag von Sachsen-Anhalt. In jenem März, zur Landtagswahl, rief der Verein dazu auf, die Wahl vor Ort zu beobachten. Am Wahlabend dann war es Götz Kubitschek, der dem AfD-Landeschef André Poggenburg als einer der ersten persönlich zum Ergebnis gratulierte. Und Helge Hilse? Auch er vernetzt sich mit der AfD: Wenige Tage vor der Wahl trat er bei der Zittauer Regionalgruppe auf, um den Verein vorzustellen. Zu trinken gab es Hefeweizen, zu lesen Flyer von "Ein Prozent".

Verbindung zur Identitären Bewegung

Mindestens so wichtig wie der Kontakt zur AfD scheint die Zusammenarbeit mit der Identitären Bewegung (IB) zu sein, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Mehr als 20 der Gruppen, die "Ein Prozent" auf ihrer Website aufführt, sind lokale Gruppen der IB. Götz Kubitschek und Philip Stein, sie wirken wie gute Freunde von Martin Sellner, dem Chef der Österreicher Identitären. Im Frühjahr verbrachte Sellner mehrere Wochen auf Kubitscheks Rittergut. Und auf Instagram-Fotos von Sellner lächelt gelegentlich Philip Stein in die Kamera, mal mit einem kleinen Hund, mal beim gemeinsamen Abendbrot. Ebenjene Österreicher um Sellner sollen nach Informationen der Tageszeitung "Der Standard" mindestens 10.000 Euro von "Ein Prozent" erhalten haben. Zuvor rief der Verein dazu auf, Spenden zu sammeln, weil linke Demonstranten Autos von Österreicher Identitären zerstört hätten. Unklar ist: Stammt das Geld wirklich nur aus Spenden? Und: Warum schickt ein Verein, der sich für deutsche Interessen einsetzt, Geld direkt nach Österreich?

Einige Tage später, ein weiterer Versuch, Antworten auf diese Fragen von Helge Hilse zu bekommen. Wieder lehnt er ab. "Mit dem MDR", sagt Hilse, "möchte ich erst sprechen, wenn er auf den Zug der Freiheit aufgesprungen ist". Lieber wendet er sich anderen Medien zu: Der "Sezession" und dem "Compact"-Magazin habe er schon Interviews gegeben. "Dort werden wir fair dargestellt", sagt Hilse. Die "Sezession" wird von Götz Kubitschek geleitet, das "Compact"-Magazin von Jürgen Elsässer. Beide sind Mitglieder von "Ein Prozent".

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46 Kommentare

02.09.2016 18:49 Samuel 46

Schon der Name dieser "1%-Bewegung" verdeutlicht ja ganz gut, wieviel das ganze mit Demokratie zu tun hat. "Identitäre", Rechtsaußen-Burschenschafter und Compact, das Magazin für alle rechten Freunde des gepflegten Verfolgungswahns. Warum man solchen Gestalten hier noch Aufmerksamkeit schenkt ist mir auch unbegreiflich.

02.09.2016 15:16 Neumann Tepe. 45

@ 37, sh: Ich kann nur stolz auf Dinge sein, die ich selber erreicht habe. Zum Beispiel: Meine Ausbildung, meine Kinder, usw.

Meine Nationalität trage ich von Geburt an. Ich habe dazu nichts beigetragen. Dass ich Deutscher bin, ist reiner Zufall, von Geburt an. Warum soll man auf diesen Zufall stolz sein? Man hat nichts dazu beigetragen.

Ich sage eher: Ich freue mich, in so einem reichen und freien Land wie Deutschland zu leben.

02.09.2016 15:08 Antifa besucht Oybin ? 44

Dieser Beitrag könnte bis hin zur Wortwahl auf der Seite von indymedia stehen, die sich selbst als links unten definieren . Namen und Adressen von politischen Gegnern wurden veröffentlicht und hatten sehr oft physische Attacken von Linksextremisten zur Folge - ist das die Intention des MDR ?

02.09.2016 14:54 Deutscher 43

sh (37), immer wenn Leute mit deiner Gesinung von "unseren Werten" sprechen, bin ich irritiert. Welche Werte sind das? Ist die Ablehnung von Andersgläubigen und Menschen anderer Herkunft für dich ein Wert? Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, das wir beide die selben Werte teilen. Und das obwohl wir beide doch zum selben Volk gehören. Wie kann das bloß sein? Am Ende stellt sich noch heraus, dass das ganze Gerede von deutschen Werten nichts als Phrasendrescherei ist, die bezwecken soll die in unserem Land Ausgegrenzten noch weiter auszugrenzen.

02.09.2016 14:45 RZille 42

Lieber User "sh", was sind denn "unsere Werte", von denen Sie da sprechen und die Muslime ihrer Meinung nach nicht haben können? Im Übrigen gehören "Moscheen" in dem Sinne auch zu den deutschen Werten (wenn es sowas gibt), als das wir ein Land der Religionsfreiheit sind, in dem jeder Religionsangehörige eben auch ein Gotteshaus haben darf. Alles andere würde den totalitären Werten z.B. solcher islamistischer Staaten, die Sie und ich ablehnen, entsprechen und mit solchen wollen Sie sich und das schöne Deutschland doch sicher nicht auf eine Stufe stellen????

02.09.2016 14:17 Felix 41

Nicht jeder, der rechts denkt, ist ein Nazi oder Rassist. Ich bin selbst eher rechts. Diese "1%"-Gestalten aber als demokratische Graswurzelbewegung verkaufen zu wollen, grenzt an Volksverblödung. Deren Ziel ist es ganz klar, den demokratischen Staat zu beseitigen. Was daran ein Fortschritt sein soll, erkenne ich nicht.

02.09.2016 14:02 jw 40

sh, und was zu Deutschland gehört und was nicht bestimmen Sie!? Wieso gehören meine muslimischen Nachbarn denn nicht zu Deutschland?? Nur weil ein anonymer "sh" das meint und sie lieber rauswerfen würde (oder schlimmeres)? Ob jemand auf den Füßen des Grundgesetzes und unseres demokratischen Staates steht, ist nicht abhängig von Religion oder Nationalität. Ihre "1%ler" haben ja auch als erklärtes Ziel, unsere Demokratie abzuschaffen. Insofern gehören diese weitaus weniger zu Deutschland als meine muslimischen Nachbarn. Und: Was sind genau die "deutschen Werte"?? Da bin ich sehr gespannt! Fußball, Bier und Schweinefleisch?

02.09.2016 12:59 Max Mustermann 39

"Mit dem MDR", sagt Hilse, "möchte ich erst sprechen, wenn er auf den Zug der Freiheit aufgesprungen ist" --- Ist doch auch richtig so. Hier werden doch eh nur Sachverhalte wiedergegeben, die politisch ins rechte Bild passen. Den Pfad einer unparteiischen Berichterstattung hat unsere Presse doch schon längst verlassen.

02.09.2016 12:43 Hermann Axen 38

@ sh 37 "Warum sollte ich nicht stolz auf meine Nationalität sein?" --- Weil das eben nicht gewollt ist! Der Bürger hat seine deutsche Identität abzulegen, denn die ist hinderlich bei der Schaffung eines großen Multikulti-Staates. Die nach Deutschland geschickten Flüchtlinge sind dabei nur traurige Figuren auf dem Geopolitischen Schachbrett. Die Fäden hierzu werden auch nicht in Deutschland gezogen

02.09.2016 10:14 sh 37

Ich finde es nur noch erheiternd, das wir Sachsen ständig als rechtsradikal dargestellt werden und dennoch bin ich stolz Sachse zu sein und kann nachts auch sehr gut schlafen. Denn wenn man sich anschaut, was alles als rechts bezeichnet wird, ist es nur noch lächerlich. Wer z.B. gestern Abend die Sendung auf Phönix über die AfD gesehen hat, in der Menschen über Werte wie Ehe und Familie gesprochen haben und dies dann mit rechtem Gedankengut vermischt wird, dem ist nicht mehr zu helfen. Warum sollte ich nicht stolz auf meine Nationalität sein? Wir sind eshalb nicht besser als Andere, aber wir haben unsere Kultur und unsere Werte und dazu zählen eben Burka, Moschee, Allah und was auch immer, nicht. Selbst unsere Kanzlerin sagte einst, Multikulti ist gescheitert, aber das hat sie wohl vergessen, genau wie man jetzt zurück rudert bezüglich Armenien, da kann man schon fragen, sind die Islamhörig, andere Staatsmänner sind da wesentlich konsequenter.