Spurensuche in Oybin

Ortsbesuch in Oybin. Hans-Jürgen Goth, seit fast zwei Jahrzehnten als Bürgermeister im Amt und Mitglied der Linkspartei, schlägt vor, sich im "Haus des Gastes" zu treffen. Während eine Gruppe tschechischer Touristinnen eine handgezeichnete Karte des Orts begutachtet, erzählt Goth von dem Hotel in Oybin, das 100 Betten hat und ihm gehört. Spricht man ihn auf rechte Initiativen in Sachsen an, sagt Goth: Bei Pegida, da sind auch Vernünftige dabei. Natürlich kenne er auch Helge Hilse, so wie er jeden kenne im Dorf. Doch in letzter Zeit sei er ihm immer seltener begegnet. Anfang der 1990er, erzählt Goth, habe Hilse eine Firma für Garten- und Landschaftsbau gegründet und mehrere Mitarbeiter eingestellt. Doch bald seien ihm die Aufträge weggebrochen, wie bei vielen Betrieben der Region zu dieser Zeit. Kurz vor der Jahrtausendwende sollen die Geschäfte so schlecht gelaufen sein, dass Hilse seine Leute entlassen musste. "Das ist ihm schwergefallen", sagt Goth. "Es hat ihn zermürbt."

Hilse soll sich vorgenommen haben, noch einmal neu anzufangen. Mit seiner Frau zog er nach Österreich. Was sie dort machten, weiß Goth nicht. Das Haus in Oybin aber behielt das Ehepaar. Nachbarn erzählen, alle paar Monate seien die beiden vorbeigekommen. Etwa zehn Jahre später aber zogen sie wieder zurück nach Oybin. Und Hilse wirkte gegenüber Hans-Jürgen Goth ernüchtert. "Von den Österreichern wird man nie als Einheimischer anerkannt", soll er gegenüber dem Bürgermeister geklagt haben. Seitdem würde Hilse noch zurückgezogener leben. Im September 2010 wurde seine Firma, die FLORA Baumschule & Grünflächenservice GmbH, aus dem Handelsregister gelöscht. Was Hilse nun macht? Wie er sein Geld verdient? Egal, ob man Mitglieder des Gemeinderats fragt oder die örtliche Pfarrerin – niemand weiß viel über ihn zu erzählen.

Hilse warb 2003 um Gäste

Blick auf einen Felsen.
Das Zittauer Gebirge ganz im Osten Sachsens ist ein Urlaubsregion. Bildrechte: MDR/Marcel Laskus

2003 klagte Hilse einmal im Internet-Gästebuch der Stadt Zittau: "Es ist schon traurig, viele haben Zittau aus vielen Gründen schon verlassen", schrieb er. "Aber wer Zittau & Umgebung wieder besuchen möchte, kann dazu unsere Ferienhäuser und Wohnungen im Zittauer Gebirge nutzen." Heute, 13 Jahre später, ist es nicht leicht, diese Ferienhäuser zu finden. Fast alle Pensionen des Orts führt der Oybiner Fremdenverkehrsverein auf seiner Website auf – die von Hilse sind nicht dabei. "Er hat sich nie bei uns gemeldet", heißt es dort. Auf seinem Grundstück wuchern die Büsche und Bäume etwas wilder als bei den Nachbarn. Das Holztor zum Grundstück ist mit einer Eisenkette verriegelt, daneben vergilbt eine Plastik-Plakette mit der Aufschrift: "Vorsicht bissiger Hund!".

Wortmeldung nach Amoklauf am Erfurter Gymnasium

Fragt man die Nachbarn nach ihrer Meinung zu Helge Hilse, zeigen manche nur mit ihrem Finger auf sein Grundstück. Und schieben zögerlich hinterher: "Die 'Pegida-Fahne' sagt alles." Vor gut einem Jahr habe Hilse sie dort gehisst – sein politisches Coming-out? In den folgenden Monaten versuchte er, auch in Oybin für "Ein Prozent" zu werben, steckte Flyer in Briefkästen, sprach Nachbarn auf der Straße an. Anhänger fand Hilse in Oybin damit offenbar nur wenige. Namentlich möchte keiner der befragten Nachbarn im Zusammenhang mit Hilse erwähnt werden. Sie fürchten um ihre Harmonie.

Harmonie. 2002, zwei Wochen nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, schrieb Helge Hilse der "Sächsischen Zeitung" einen Leserbrief: "Der Mensch bekommt immer suggeriert, er müsse stark sein, laut sein, alles heimzahlen […] Heraus kommt dann nicht nur Erfurt, sondern auch der ganz alltägliche subtile Terror gegen Nachbarn, Verkehrsteilnehmer, Andersdenkende und Schwächere." Subtiler Terror, was versteht Hilse darunter? Wenn Nachbarn über ihn sprechen, erzählen sie von einem empfindlichen Mann, von einem, der sich schnell aufregt. Auch zu Bürgermeister Goth sei er vor ein paar Jahren gegangen. Er habe sich über den Krach der Ritterspiele beschwert, die eine Zeitlang jährlich auf der Burg stattfanden. Seit einigen Monaten aber, erzählt ein Nachbar, sei er plötzlich "stinkfröhlich". Helge Hilse, so scheint es, hat nun eine Mission. Etwas, woran er glaubt.

Gattin will mit Vereinsarbeit nichts zu tun haben

Ein sonniger Augustnachmittag in Oybin, ein weiterer Anlauf, um mit Helge Hilse über "Ein Prozent" zu sprechen, über die Spendengelder und seine Verbindung zur Neuen Rechten. Draußen, auf dem Grundstück, steht Frau Hilse im blau-weiß-gestreiften Shirt und lackiert Holzlatten. Sie grüßt freundlich, spaziert zum Gartenzaun. Ihr Mann Helge, sagt sie, sei nicht zuhause. Schon sehr früh habe er heute das Haus verlassen, um sehr weit wegzufahren. Wohin? Das möchte sie nicht sagen. Welche Rolle sie selbst in dem Verein spielt? Damit habe sie überhaupt nichts zu tun. Aber Frau Hilse, im Vereinsregister werden Sie als Gründungsmitglied aufgeführt; in Schnellroda waren auch Sie dabei. "Naja", sagt Hilse und räuspert sich, "sieben Leute waren nun mal nötig, um den Verein zu gründen".

Zuletzt aktualisiert: 28. September 2016, 17:08 Uhr

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46 Kommentare

02.09.2016 18:49 Samuel 46

Schon der Name dieser "1%-Bewegung" verdeutlicht ja ganz gut, wieviel das ganze mit Demokratie zu tun hat. "Identitäre", Rechtsaußen-Burschenschafter und Compact, das Magazin für alle rechten Freunde des gepflegten Verfolgungswahns. Warum man solchen Gestalten hier noch Aufmerksamkeit schenkt ist mir auch unbegreiflich.

02.09.2016 15:16 Neumann Tepe. 45

@ 37, sh: Ich kann nur stolz auf Dinge sein, die ich selber erreicht habe. Zum Beispiel: Meine Ausbildung, meine Kinder, usw.

Meine Nationalität trage ich von Geburt an. Ich habe dazu nichts beigetragen. Dass ich Deutscher bin, ist reiner Zufall, von Geburt an. Warum soll man auf diesen Zufall stolz sein? Man hat nichts dazu beigetragen.

Ich sage eher: Ich freue mich, in so einem reichen und freien Land wie Deutschland zu leben.

02.09.2016 15:08 Antifa besucht Oybin ? 44

Dieser Beitrag könnte bis hin zur Wortwahl auf der Seite von indymedia stehen, die sich selbst als links unten definieren . Namen und Adressen von politischen Gegnern wurden veröffentlicht und hatten sehr oft physische Attacken von Linksextremisten zur Folge - ist das die Intention des MDR ?

02.09.2016 14:54 Deutscher 43

sh (37), immer wenn Leute mit deiner Gesinung von "unseren Werten" sprechen, bin ich irritiert. Welche Werte sind das? Ist die Ablehnung von Andersgläubigen und Menschen anderer Herkunft für dich ein Wert? Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, das wir beide die selben Werte teilen. Und das obwohl wir beide doch zum selben Volk gehören. Wie kann das bloß sein? Am Ende stellt sich noch heraus, dass das ganze Gerede von deutschen Werten nichts als Phrasendrescherei ist, die bezwecken soll die in unserem Land Ausgegrenzten noch weiter auszugrenzen.

02.09.2016 14:45 RZille 42

Lieber User "sh", was sind denn "unsere Werte", von denen Sie da sprechen und die Muslime ihrer Meinung nach nicht haben können? Im Übrigen gehören "Moscheen" in dem Sinne auch zu den deutschen Werten (wenn es sowas gibt), als das wir ein Land der Religionsfreiheit sind, in dem jeder Religionsangehörige eben auch ein Gotteshaus haben darf. Alles andere würde den totalitären Werten z.B. solcher islamistischer Staaten, die Sie und ich ablehnen, entsprechen und mit solchen wollen Sie sich und das schöne Deutschland doch sicher nicht auf eine Stufe stellen????

02.09.2016 14:17 Felix 41

Nicht jeder, der rechts denkt, ist ein Nazi oder Rassist. Ich bin selbst eher rechts. Diese "1%"-Gestalten aber als demokratische Graswurzelbewegung verkaufen zu wollen, grenzt an Volksverblödung. Deren Ziel ist es ganz klar, den demokratischen Staat zu beseitigen. Was daran ein Fortschritt sein soll, erkenne ich nicht.

02.09.2016 14:02 jw 40

sh, und was zu Deutschland gehört und was nicht bestimmen Sie!? Wieso gehören meine muslimischen Nachbarn denn nicht zu Deutschland?? Nur weil ein anonymer "sh" das meint und sie lieber rauswerfen würde (oder schlimmeres)? Ob jemand auf den Füßen des Grundgesetzes und unseres demokratischen Staates steht, ist nicht abhängig von Religion oder Nationalität. Ihre "1%ler" haben ja auch als erklärtes Ziel, unsere Demokratie abzuschaffen. Insofern gehören diese weitaus weniger zu Deutschland als meine muslimischen Nachbarn. Und: Was sind genau die "deutschen Werte"?? Da bin ich sehr gespannt! Fußball, Bier und Schweinefleisch?

02.09.2016 12:59 Max Mustermann 39

"Mit dem MDR", sagt Hilse, "möchte ich erst sprechen, wenn er auf den Zug der Freiheit aufgesprungen ist" --- Ist doch auch richtig so. Hier werden doch eh nur Sachverhalte wiedergegeben, die politisch ins rechte Bild passen. Den Pfad einer unparteiischen Berichterstattung hat unsere Presse doch schon längst verlassen.

02.09.2016 12:43 Hermann Axen 38

@ sh 37 "Warum sollte ich nicht stolz auf meine Nationalität sein?" --- Weil das eben nicht gewollt ist! Der Bürger hat seine deutsche Identität abzulegen, denn die ist hinderlich bei der Schaffung eines großen Multikulti-Staates. Die nach Deutschland geschickten Flüchtlinge sind dabei nur traurige Figuren auf dem Geopolitischen Schachbrett. Die Fäden hierzu werden auch nicht in Deutschland gezogen

02.09.2016 10:14 sh 37

Ich finde es nur noch erheiternd, das wir Sachsen ständig als rechtsradikal dargestellt werden und dennoch bin ich stolz Sachse zu sein und kann nachts auch sehr gut schlafen. Denn wenn man sich anschaut, was alles als rechts bezeichnet wird, ist es nur noch lächerlich. Wer z.B. gestern Abend die Sendung auf Phönix über die AfD gesehen hat, in der Menschen über Werte wie Ehe und Familie gesprochen haben und dies dann mit rechtem Gedankengut vermischt wird, dem ist nicht mehr zu helfen. Warum sollte ich nicht stolz auf meine Nationalität sein? Wir sind eshalb nicht besser als Andere, aber wir haben unsere Kultur und unsere Werte und dazu zählen eben Burka, Moschee, Allah und was auch immer, nicht. Selbst unsere Kanzlerin sagte einst, Multikulti ist gescheitert, aber das hat sie wohl vergessen, genau wie man jetzt zurück rudert bezüglich Armenien, da kann man schon fragen, sind die Islamhörig, andere Staatsmänner sind da wesentlich konsequenter.