Fake News
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Fake statt Fakt "Viele Menschen wollen keine Erklärung"

Eine Geschichte muss nicht wahr sein, damit Menschen sie glauben. Das haben die vielen Gerüchte über Flüchtlinge in den letzten zwei Jahren bewiesen. Doch warum erfinden wir Geschichten? Der Journalist Lars-Broder Keil hat sich intensiv mit Gerüchten beschäftigt. Zusammen mit einem Kollegen hat er das Buch "Gerüchte machen Geschichte" geschrieben. Es behandelt große Gerüchte des 20. Jahrhunderts wie die bekannte Dolchstoßlegende. Friederike Schicht hat mit ihm gesprochen.

Fake News
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Herr Keil, wie entstehen Gerüchte?

Gerüchte entstehen, wenn ein Teil der Bevölkerung sich in einer schwierigen Situation, in Umbrüchen oder Kriegen befindet und es den Wunsch nach einer möglichst einfachen Erklärung hat. In dieser schwierigen Situation fehlen zudem Informationen und dann beginnt die Bevölkerungsgruppe, die Lücken zu füllen, mit dem, was man so hört, was einem plausibel erscheint. Und damit ist der Nährboden für Gerüchte gelegt.

Als die Balkanroute im Sommer 2015 geöffnet wurde und viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, ist auch die Zahl der Gerüchte gestiegen. Hat die Flüchtlingskrise die Gerüchte beflügelt?

Lars-Broder Keil
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Das war ein schwieriger Zeitpunkt, eine ungewöhnliche Situation, rund eine Million Flüchtlinge sind nach Deutschland gekommen. Es wurde natürlich sofort diskutiert: Wie gehen wir mit den Flüchtlingen um, wie integrieren wir sie? Und genau in dieser Situation fehlten Informationen. Und dann entstehen Fragen und wenn diese Fragen nicht beantwortet werden, oder wenn die Situation so schnell voranschreitet, dass man gar nicht mehr hinterherkommt mit den Erklärungsversuchen, dann ist das optimal für Gerüchte.

Welche Auswirkungen können Gerüchte haben?

Gerüchte können eine politische und gesellschaftliche Wirkung entfalten. Das hängt aber davon ab, wie mächtig die Gerüchte sind und welche Gruppen sie beeinflussen. Sind es gesellschaftlich relevante Gruppen, dann kann es dazu führen, dass Gerüchte die Politik und auch gesellschaftliche Prozesse verändern.

Wie können Gerüchte widerlegt werden?

Man hat in der heutigen Zeit wirklich das Gefühl, dass viele Menschen gar nicht wollen, dass man ihnen erklärt, was hinter einem bestimmten Ereignis steht. Es geht oft nur darum, das eigene Bild bestätigt zu sehen, vor allem in sozialen Netzwerken. Und bei Gerüchten wird man schnell bestätigt, weil sie oftmals innerhalb der gleichen sozialen Gruppe verbreitet werden. Gleichwohl sollte man versuchen, die Gerüchte zu erklären. Denn dahinter steht der Wunsch, komplexe Vorgänge einfach erklärt zu bekommen. Und das ist die Aufgabe der Medien.

In Ostdeutschland finden Gerüchte einen großen Nährboden. Woran liegt das?

Ich bin da immer etwas vorsichtig, wenn einer bestimmten Region eine Besonderheit zugeschrieben wird. Das ist schon fast wieder der Nährboden für neue Gerüchte. Dennoch gibt es Gründe, warum  sich Gerüchte leichter in Ostdeutschland verbreiten und die liegen in der Vergangenheit.

Gerade in so totalitären Regimen wie es die DDR war, haben Gerüchte eine besondere Funktion. Das liegt daran, dass die DDR-Führung, die Bevölkerung von wesentlichen Informationen ausgeschlossen hat. Sie hat versucht, den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu überdecken, indem sie bestimmte Themen tabuisiert hat wie Umweltschäden, wirtschaftliche Probleme, bestimmte Kriminalitätsfelder, die es im Sozialismus nicht geben sollte.

Und das hat bei großen Teilen der DDR-Bevölkerung dazu geführt, dass sie den offiziellen Informationen nicht glauben, dass sie auch kritisch gegenüber Medien eingestellt sind. Und es kann natürlich sein, dass in Situationen wie der Flüchtlingskrise dieser Reflex wieder hochkommt. Vielleicht ist deshalb die Bereitschaft, Gerüchten zu glauben und zu streuen in den ostdeutschen Bundesländern größer. Dennoch ist das kein ostdeutsches Spezifikum, Gerüchte gibt es in ganz Deutschland.

Am Thementag "Fake News" berichtet MDR SACHSEN auch im Radio und Fernsehen: MDR | 07.02.2017 | ganztägig

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2017, 20:38 Uhr

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22 Kommentare

08.02.2017 21:17 annerose will 22

Gerüchte enstehen vor allem dann und haben eine umso größere Verbreitungschance, wenn die Menschen immer weniger Vertrauen in die öffentlichen und offiziellen Medienberichterstattung haben. Wie oft schon wurde in der Vergangenheit nicht unbedingt gelogen, aber zumindest geschickt manipuliert, indem z.B. auch wichtige Details weggelassen wurden. Man muss sich dann nicht wundern, wenn Bürger empfänglicher für ihnen unabhängiger vorkommende Medien und Netzwerke werden. Warum erfahre ich beispielsweise von einem aktuellen Verfassungsschutzbericht über staatsgefährdende Machenschaften der Muslimbrüder in Sachsen zuerst von epochtimes und nicht vom MDR ?

08.02.2017 18:09 Bürger der früheren DDR 21

Abgesehen davon, dass die DDR alles Mögliche war, nur nicht totalitär, ist es schon bemerkenswert, wie man sich stets darum bemüht, die Schuld für negative Entwicklungen ihr anzulasten.

08.02.2017 17:59 Phrasenhasser 20

Warum auch? Wir wissen ja, wie derartige Erklärungen ausfallen! Man wird uns mit statistischen Zahlen kommen, wird gebetsmühlenartig behaupten, dass die Kriminalität seit Jahren abnimmt, dass die Deutschen reich sind, also abgeben können und "es uns Deutschen noch nie so gut ging, wie jetzt".
Der Journalist oder Politiker macht wohl auch keine Lüge oder will uns bewusst "verar...". Der geht eben von sich, seinen Kollegen und Freunden aus oder glaubt veröffentlichten Statistiken. Tja, "das Wasser stand durchschnittlich 60 cm hoch, aber unsere Kuh ist trotzdem ersoffen." Schönen Abend noch!

08.02.2017 17:44 HERBERT WALLASCH, Pirna 19

"Viele Menschen wollen keine Erklärung", manche vom MDR aber auch nicht, wie ich jetzt wieder feststellen mußte. Manche Erklärung ist auch schon eine Bevormundung, alles eine Frage der moralische Betrachtungsweise. Adenauer war da direkter "Was interessiert mich mein Geschwätz von Gestern", keine moralisierene Phrasen, konkrete Interessenslage, natürlich angreifbar, aber ehrlicher.

08.02.2017 16:40 guantche 18

Immer wenn es in Deutschland
drauf ankam, haben die Medien
funktioniert. Und das immer an der
Seite der Herrschenden. Das helfende Beiwerk war auch immer
dasselbe. Kirche, Gewerkschaften,
Schulen , die selbsternannte Intelligenz usw.

08.02.2017 11:00 Fragender Rentner 17

@ zu 10

Die ganze Zeit wurde uns erzählt das Putin uns ausspioniert, Heute steht in der LVZ das der BND keine Beweise gefunden hat aber die Papiere trotzdem nicht öffentlich macht.

War das die ganze Zeit nun ein Fake oder muß man erst wieder die NSA fragen?

07.02.2017 16:09 Phrasenhasser 16

Gabriele, kein Wunder, dass das Niveau allgemein sinkt. Denn die Lehrer haben beinah wieder so viel mit politischem Bilden zu tun, dass die Hauptfächer recht stiefmütterlich behandelt werden. Es werden kaum noch genug fähige Studenten gefunden, trotz der Masse an Bewerbern, die Deutsch lehren können. Sich in Kommunen um Fake-News zu kümmern, ist jungen Leuten wichtiger, als echtes Wissen zu erwerben.
Der große Unterschied zu uns früher und der
heutigen Jugend: Wir wussten genau, was Dichtung, aber auch, was Wahrheit, war! Wir ließen uns tatsächlich nichts weismachen, schon gar nicht vom "Schwarzen Kanal"...

07.02.2017 16:01 Stefan Madaus 15

Unsere Welt ist nun mal sehr komplex, wird sogar noch komplexer und lässt sich mit einfachem Schwarz-weiß-Denken nicht treffend beschreiben. Einfache Antworten sind da nur selten zutreffend und so steht ein jeder vor dem Debakel, sich auch einer Flut von Informationen die Richtigen zusammen zu suchen. In Bezug darauf, halte ich die etablierten Medien noch für vertrauenswürdiger, als anonym eingestellte Gerüchte, die einfach wild weiter verbreitet werden. Wir haben ja auch ein sehr breites politisches Spektrum in den Medien von ganz links bis ganz rechts. Um es sich besonders leicht zu machen und die Welt auch weiter ganz simpel in gut und böse unterteilen zu können, haben es sich viele wohl zum Credo gemacht, einfach nix mehr aus der Presse zu glauben, dafür aber dann die möglichst extremste Behauptung, die das Internet irgendwo ausspuckt. Das Ergebnis sind dann z.B. Gerüchte von Kinder fressenden Flüchtlingen.

07.02.2017 14:16 Sanne 14

Eigentlich ist es doch gar nicht schwer: Wer eine andere Person oder Gruppe verleumdet, der macht sich des Rufmords schuldig. Wenn dies scheinbar anonym über das Internet getan wird, sehe ich darin auch sicher keinen mildernden Umstand.
Das Problem ist wohl, das Seiten wie Facebook kein Interesse daran haben, dies zu unterbinden. In vielen Fällen wurden entsprechende Lügen, die verbreitet wurden um z.B. gegen geflüchtete Menschen zu hetzen, nicht mal nachdem sie gemeldet wurden, entfernt. Dieses Unternehmen möchte wohl auch dann noch weiter Geld verdienen, wenn damit Menschenleben zerstört oder in Gefahr gebracht werden. Wenn Facebook in Deutschland weiter seine Milliarden verdienen will, sollte sich das Unternehmen auch an die hiesigen Gesetze halten müssen, die da ziemlich eindeutig sind.

07.02.2017 13:57 jw 13

Leider sehen viele Leute das Internet als einen rechtsfreien Raum an, der es in der Praxis leider häufig auch ist. Daher müssen der Justiz Instrumente in die Hand gegeben werden, die eine bessere Verfolgung solcher Straftaten ermöglichen. Denn es ist zweifelfrei eine Straftat, andere Menschen zu verleumden oder gar zu Hetzjagden gegen Minderheiten (oder wen auch immer!) aufzufordern, indem man bewusst Lügen verbreitet. Häufig findet auch eine Vortäuschung von Straftaten statt, wenn z.B. mal wieder behauptet wird, ein nordafrikanischer "Sexmob" hätte Frauen vergewaltigt o.ä..
Wer so etwas weiter verbreitet, sollte mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen müssen. Facebook sollte auch in den Verantwortung genommen werden: Der Konzern macht Milliarden, zahlt keine Steuern (!!) und sperrt solche FakeNews/Lügen/Hetze nicht mal nach Aufforderung, weil eben ein Publikum für sowas da ist und jeder Klick Kohle bringt.