Fakt ist! aus Dresden
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Wut im Osten als Folge der Wende? Debatte bei Fakt ist! aus Dresden "Die Gesellschaft hat nicht verloren, Einzelne schon"

Es gibt im Osten einen stark ausgeprägten Hang zur Radikalität, der durch die 40 Jahre währende DDR-Diktatur bedingt ist, sagte der Soziologe Raj Kollmorgen am Montagabend in Fakt ist! aus Dresden. Moderatorin Uta Deckow diskutierte mit ihren Gästen, ob es in Ostdeutschland eine besonders ausgeprägte Wut und Unzufriedenheit gibt und wie mit dieser umzugehen sei.

Fakt ist! aus Dresden
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Im Osten Deutschlands gäbe es im Vergleich zu den alten Bundesländern eine größere Distanz zwischen politischen Eliten und der Bevölkerung, sagte Raj Kollmorgen, Dozent an der Hochschule Zittau/Görlitz am Montagabend in Dresden. Neben einer ausgeprägteren Radikalität sieht der Soziologe in den neuen Bundesländern zudem eine geringere Bereitschaft zu zivilgesellschaftlichem Engagement. Das seien auch Folgen des gewaltigen Umbruchs der Wende. Die habe den Menschen gezeigt, dass ein System tatsächlich untergehen könne, jedoch nach einer ersten Anfangseuphorie zur Ernüchterung geführt.

"Radikale Versuchung"

Raj Kollmorgen
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Durch negative Nachwendeerfahrungen sie das Vertrauen in Institutionen, Parteien und Demokratie im Osten Deutschlands messbar geringer als in den alten Bundesländern: "Die Gesellschaft hat nicht verloren, Einzelne aber schon", sagte Kollmorgen. Daher gäbe es hierzulande eine "radikale Versuchung im Bereich der politischen Kultur". Eine hohe Anzahl an Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte und ein starker gewalttätiger Rechtsextremismus bestätigten dies. Das führe in der aktuellen Flüchtlingssituation zu einem Gefühl, dass fremde Menschen etwas "in den Rachen geworfen bekommen."

Die Idee, dass nach den Verlusten der 90er Jahre jetzt Leute von außen kommen und partizipieren, 'wieder etwas wegnehmen', das ist eine Wahrnehmung, die die Leute schier wahnsinnig macht und auf die Barrikaden treibt.

Raj Kollmorgen Soziologe der Hochschule Zittau/Görlitz

Angst führt zu Wunsch nach starker Hand

Das bekräftigte der ehemalige Innenminister Heinz Eggert: "Die Unsicherheit in der Gesellschaft ist groß und niemand nimmt ihnen die Angst." Das führt zu dem Wunsch nach einer starken Hand, wie unlängst auch die Ergebnisse der von der sächsischen Landesregierung in Auftrag gegebene Umfrage "Sachsen-Monitor" zeigte. Der Ansturm der Flüchtlinge habe auch bei liberalen Leuten Ängste ausgelöst, sagte Eggert. Eine zunehmend älter werdende Bevölkerung hat erlebt, "wie ein großer Staat zusammenzuckte und nicht mehr da war. Die haben jetzt Angst, dass in einer Demokratie ähnliches passieren könnte."

"Gesetze der Demokratie können nicht 40 Jahre Unrecht aufarbeiten"

Heinz Eggert
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Eggert, der von 1991 bis 1995 der ersten Regierung Biedenkopfs angehörte, sieht die Gründe für eine besondere ostdeutsche Protestkultur nicht nur in der DDR-Geschichte. "Von 1933 bis 1989 gab es im Osten keine Demokratieerfahrung" sagte Eggert. Auch er kenne Menschen, denen nach der Wende Übel widerfahren sei. "Dass hängt aber damit zusammen, dass die Gesetze einer Demokratie nicht geeignet sind, um 40 Jahre kommunistisches Unrecht aufzuarbeiten."

Miteinanderreden als Ausweg?

In der Forderung mehr Miteinander zu reden waren sich die Gäste von Moderatorin Uta Deckow bei Fakt ist! in Dresden einig. Petra Köpping, Integrationsministerin in Sachsen, mahnte aber auch an, dass viele Menschen die zur Verfügung stehenden Mittel nicht vollends ausschöpfen. "Dass Demokratie anstrengend ist, das muss ich dem Bürger erklären. Und wenn die Meinung, die am Ende rauskommt, nicht deinem Interesse entspricht, dann ist es trotzdem ein demokratischer Prozess."

Dem stimmte auch Uwe Wurlitzer, Generalsekretär der sächsischen AfD, am Montagabend zu. Da die Menschen im Osten sensibler für politische Ungerechtigkeiten seien, müsse man mit ihnen reden, erklären wie Demokratie funktioniert und zeigen, wo sie mitmachen können.

FAKT ist...!
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Zuletzt aktualisiert: 29. November 2016, 19:31 Uhr

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41 Kommentare

01.12.2016 18:28 Mediator an kerstin(40) 41

Es lag mir fern Sie persönlich anzugreifen. In Ihren drei letzten Beiträgen erkenne ich das Bemühen um eine sachliche Auseinandersetzung. Missverständnisse sind hier leider vorprogramiert. Manche Punkte, die Sie ansprachen, werden hier eben auch oft unzulässig verkürzt und damit in letzter Konsequenz falsch, vorgebracht.
Ich denke wir stimmen überein, dass die Lebensverhältnisse in Ost und West irgendwann angeglichen sein sollten und dass dies ein Prozess ist. Über den zeitlichen Horizont lässt sich sicher diskutieren, nicht aber darüber, dass versucht wird die Schere zu schließen.
Sich darüber zu streiten, wer mehr Opfer im Zuge der Einheit gebracht hat ist sinnlos und führt zu keinem Ergebnis. Für mich war es ein nationaler Glücksfall, dass die Einheit möglich wurde und ich denke der Westen tat sein möglichstes um den Aufbau im Osten zu unterstützen. Um 40 Jahre Sozialismus in der Wirtschaft zu überwinden war leider etwas mehr als frische Farbe notwendig.

01.12.2016 02:02 kerstin 40

@37 Mediator: (Teil 3) Und noch kurz zur „Mogelpackung“: Ich meine damit, dass Sie nicht allein die Höherbewertung der Ostlöhne hinsichtlich der späteren Rente als Vorteil für die Ostdeutschen feiern können. Sie müssen der ganzen Wahrheit zuliebe auch sagen, dass der Rentenwert pro Entgeltpunkt aktuell im Westen bei 30,45 Euro liegt, im Osten aber nur bei 28,66 Euro (Quelle: Deutsche Rentenversicherung). Die Differenz liegt damit erstmals unter 2 Euro. Die Höherbewertung führt also im Osten bei exakt gleichem Lohn zwar zu mehr Rentenpunkten, aber ein Stück dieses Vorteils ging für alle bis heute in Rente gegangenen Ostdeutschen gleich wieder verloren, und dies bleibt ja nun auch noch ein paar Jahre so. Sollten Sie dies tatsächlich nicht gewusst haben?

01.12.2016 02:00 kerstin 39

@37 Mediator: (Teil 2) Den Populismus- bzw. Naivitätsvorwurf nehme ich Ihnen übel - wo bitte habe ich denn von der Möglichkeit der verlustfreien Vereinigung verschiedener Gesellschaftssysteme geschrieben? Im Gegenteil, es ist doch völlig klar, dass genau dies nicht funktionieren konnte. Ich wollte Sie mit meiner Antwort aber eben darauf hinweisen, dass diese Veränderungen und Verluste für viele Ostdeutsche im ungleich höheren Maß im persönlichen Bereich erfolgten als für die meisten Altbundesbürger, deren Einschnitte (wie Sie selbst schreiben) finanzieller Natur waren – aber eben im gesamtgesellschaftlichen Kontext über staatliche Transferleistungen und nicht über die persönliche Geldbörse. Sie werden (oder wollen?) viele Ostdeutsche nie verstehen, wenn Sie verkennen, welch immense Veränderungsbereitschaft ihnen abverlangt wurde und diese mit den finanziellen Leistungen des Westens verrechnen wollen. (Teil 3 folgt)

01.12.2016 01:57 kerstin 38

@37 Mediator: Nun kommen Sie mal runter! Sie machen anderen ständig Vorhaltungen und sind selbst nicht bereit, eigene Positionen auch nur ein Stück weit zu überdenken. Ihre Reaktion bei Einwänden gleicht oft einem Beißreflex. Sie haben eben Recht, basta! Das macht es so schwer, mit Ihnen eine wirkliche Diskussion zu führen (was ich schade finde, weil ich viele Ihrer Positionen inhaltlich teile, aber eben nicht alle). Aber zur Sache: Ich habe einen Ihrer Sätze wörtlich zitiert und ihn als Aufhänger für meine Antwort benutzt. Wieso ist das unfair? Weil ich Ihre nächsten beiden Sätze nicht mit zitiert habe? Was hätte das an meiner Antwort geändert? Wo lesen Sie heraus, dass ich Ihnen unterstellen würde zu behaupten, dass die Solidarität der Altbundesbürger etwas negatives wäre bzw. wo stelle ich selbst diese Solidarität als negativ dar oder gar in Abrede? (Teil 2 folgt)

30.11.2016 20:32 Mediator an kerstin(35) 37

Sie sollten mich auch fair zitieren! Ich habe bewusst von Einschnitten finazieller Natur für die Altbundesbürger als Akt der Solidarität geschrieben! Darin findet sich keine negative Konotation, wenn man Solidarität nicht als negativ ansieht!
Ansonsten ist es naiv zu glauben und populistisch zu behaupten, dass man zwei grundverschiedene gesellschaftliche Systeme vereinen kann, ohne dass sich dabei für die beteiligten etwas ändert.
Selbst wenn zwei Menschen zusammenziehen ändert sich das Leben und jeder gibt etwas auf.
Die DDR Bürger haben durch ihre Volksvertreter der Wiedervereinigung zugestimmt. Damit wählten Sie Chancen, die sich für sehr viele Menschen heute realisiert haben und Risiken, die für einige Menschen ebenfalls eintraten.
Den Menschen in der DDR wurde nichts weggenommen. Arbeitsplätze sind kein Privatbesitz und auch in maroden Betrieben im Westen wurden viele Menschen arbeitslos.
PS: Wenn Sie eine Mogelpackung behaupten, dann sollten sie dies auch belegen können!

30.11.2016 17:43 Reiner Arndt 36

@32.: Atze, man könnte lachen über die (nicht unzutreffende) Metapher von den plärrenden Kindern, die alles im Kinderzimmer zurücklassen mussten - wenn das alles nicht langsam aber sicher sehr ernste Folgen bekäme! Vor über 25 Jahren gehörte ich selbst zu den "Bedenkenträgern", und zwar gegen den vorschnellen und undurchdachten "Beitritt" der DDR zur BRD. Ach, was wurde ich dafür ausgelacht, angepöbelt, niedergemacht - viele waren so euphorisiert, dass sie allen Ernstes glaubten, ich wolle ihnen ihr ersehntes Schlaraffenland nicht gönnen! Dass viele von diesen Naivlingen heute erneut herumschreien, weil sie statt des Märchenreiches den ganz realen Kapitalismus bekommen haben, geht mir deshalb langsam aber sicher auf die Nerven. Dass die Betreffenden aber diesmal die Rettung ausgerechnet von rechten Rattenfängern erwarten, entsetzt und beängstigt mich...

30.11.2016 17:39 kerstin 35

@12 Mediator: "Die Einschnitte der Altbundesbürger waren finanzieller Natur." - Sie argumentieren gegen Gegner der Unterstützung für Flüchtlinge sinngemäß immer damit, dass niemandem persönlich etwas weggenommen wird, wenn Flüchtlingen geholfen wird. Stimmt, aber Sie sollten sich treu bleiben und diesen Fakt dann auch in Sachen Wiedervereinigung für die Altbundesbürger berücksichtigen. Denen wurde damals persönlich auch nichts weggenommen, während die ehemaligen DDR-Bürger nicht nur völlig neue gesellschaftliche Verhältnisse "überfielen", sondern oft auch sehr persönliche Einschnitte, die in vielen Fällen massive materielle Verluste zur Folge hatten. Sie sollten also die durch die Wiedervereinigung eingetretenen doch sehr unterschiedlichen Belastungen der Menschen in Ost und West ebenfalls nicht unter den Tisch kehren. Und - dass es pro Rentenpunkt im Osten weniger Geld gibt ist auch Teil der Wahrheit, die von Ihnen angeführte Höherbewertung der Ostlöhne allein ist eine Mogelpackung.

30.11.2016 17:10 Mediator an Atze(32) und Torsten B.(28) 34

@28: Sie jammern herum, heulen der Vergangenheit nach und merken nicht einmal, dass Sie in der DDR nicht einmal hätten jammern dürfen! Volle und bunte Regale sind sicher nicht alles, aber leere Regale und fehlende politische Freiheit sind auch nicht besser. Was glauben Sie, wie lange es die DDR alleine noch gemacht hätte ohne die Wiedervereinigung? Die DDR ging bankrott, weil ihre ineffektive Wirtschaft die Kosten des Staates und seine Sozialsysteme nicht erwirtschaften konnte! Wenn Sie solche banalen Fakten als Vorhaltungen empfinden, dann ist es egal auf welcher Elbseite sie aufgewachsen sind!

@32: Ja die DDR lag 1989 in Trümmern! Da läge sie ohne die Wiedervereinigung heute noch! Ähnlich wie vor dem Mauerbau wären die Menschen diesem Trümmerstaat in Massen weggelaufen.
Allein im Jahr 1989 nahm die BRD 343 tsd DDR Bürger, 337 tsd Spätaussiedler und 121 tsd Asylbewerber auf. Wie hätten die Zahlen und damit die Überlebensfähigkeit der DDR 1990 ohne Wiedervereinigung ausgeschaut?

30.11.2016 16:36 Richard Rumbold 33

Herr Eggert ist evangelischer Pfarrer.
Da er von kommunistischen Unrecht spricht, muss es erlaubt sein, an die fehlende Aufarbeitung christlichen Unrechts zu erinnern.
Wenn man zum Beispiel auf die Rolle der christlichen Kirchen in der Nazidiktatur zu sprechen kommt, kann man erleben, wie die moralisch rigorosen Protestanten anfangen, zu rumzueiern.

30.11.2016 11:46 Atze 32

Wenn ich das hier lese und die vergeblichen Bemuehungen des MDR die Lage objektiv widerzuspiegeln, so komme ich immer mehr zu dem Schluss, es ist wohl alles schon vergebene Liebesmuehe.Ich erinnere mich sehr gut an die Wendezeit.Wo manche noch glaubten, einen demokratischen Sozialismus zu bauen( versteht sich aus den Trümmern des real existierenden Sozialismus) waren schon alle Weichen in Richtung Westmark gestellt.Während noch Viele an Erneuerung glaubten, war ein radikaler Schnitt ganz schnell da.Bis auf unseren Grünen Pfeil durften wir blauäugigen Kinder nichts mit aus unserem Kinderzimmer DDR mitnehmen.Jetzt haben viele die Angst, das ihnen in Zukunft nicht mal dieses Spielzeug bleiben wird.Die Ossis sind aufgewacht.Sie wollen die Karre nicht laufen lassen, sondern mischen sich viel mehr ein, als unsere Westmitbuerger.Die sind ja schon verschüttet in ihrer Demokratie, die leider, ja leider!,so entfremdet wirkt.Jetzt wieder mit H.Kraft.Sie weiss, wer KKandidat wird, sagt es aber ...