Probleme bei der Integration Über 5.000 Flüchtlinge in Sachsen ohne Schulabschluss

Flüchtlinge ohne Schulabschluss, Ausbildung und Job: Vereine, Initiativen und Verbände appellieren in einem offenen Brief an die sächsische Regierung zu handeln und warnen vor sozialem Brennstoff durch abgehängte Jugendliche.

Ali Rezaire und Ali Nabizack (v.l.)
Ali Rezaire und Ali Nabizack (v.l.) gehören zu den wenigen jungen Erwachsenen mit der Chance auf einen Schulabschluss. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

In Sachsen wohnen derzeit über 5.000 Flüchtlinge ohne Schulabschluss. Über 3.200 Flüchtlinge haben keine Angaben über ihren Bildungsstatus gemacht. "Wir haben eine große Anzahl von Flüchtlingen über 18 Jahren ohne Schulabschluss", sagte Gesa Busche vom Sächsischen Flüchtlingsrat. "Hier ist eine große Lücke. Die Jugendlichen haben keinen Zugang zu Ausbildung und Arbeit." Die Zahl der Betroffenen steige zudem tendenziell stetig an. "Es ist Zeit, schnell und zügig zu handeln", warnte Busche. "Andernfalls entwickelt sich dieses Defizit zum sozialen Sprengstoff."

Kein Potenzial verschenken

Ein Bündnis von 17 sächsischen Vereinen, Bildungsträgern, Gewerkschaften und Verbänden appelliert jetzt in einem offenen Brief an die Landesregierung, diese "schwerwiegende Lücke im Bildungssystem zu schließen". "Wir möchten die Landesregierung ermutigen und auffordern, notwendige Schritte zeitnah zu realisieren", heißt es in dem Positionspapier. Das unzureichende Bildungsangebot biete den Nährboden für künftige gesellschaftliche Probleme und Konflikte. Gleichzeitig dürfe vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels kein Potenzial verschenkt werden.

Zu den Unterzeichnern des offenen Briefs gehören unter anderem:

  • Sächsischer Flüchtlingsrat
  • Paritätischer Wohlfahrtsverband
  • Caritasverband für das Bistum Dresden-Meissen
  • Diakonisches Werk der evangelisch-lutherischen Landeskirche
  • Jugendmigrationsdienste Sachsen
  • Migrationsbeauftragte von Leipzig, Chemnitz und Dresden.

Ohne Schulabschluss keine Integration

Praktikantin Aya Smirees und Ausbilder Lutz Döffel
Bildrechte: IMAGO

Konkret wünschen sich die Unterzeichner des Briefes umfassende Förderprogramme, um den Schulabschluss nachzuholen. "Ein Schulabschluss ist die explizite und implizite Voraussetzung für einen Ausbildungsberuf", so Gesa Busche. Die Teilhabe an der deutschen Gesellschaft funktioniere über Bildung und Arbeit. Die Leiterin des Integrationsprojektes "Resque continued" konstatierte: "Ohne Schulabschluss keine Ausbildung, keinen Beruf, keine Teilhabe und keine Integration." Zwar würde die Arbeitsagentur viele Maßnahmen anbieten, diese starteten jedoch erst ab dem Niveau eines deutschen Hauptschulabschlusses.

Migrationsexperten schätzen Kosten auf 26 Millionen Euro

Die sächsischen Migrationsexperten schätzen die Zahl der Flüchtlinge, die "willens und fähig sind, einen Schulabschluss zu absolvieren", auf etwa 4.000 Menschen im Freistaat. Die Kosten für 266 Klassen à 15 Schüler belaufen sich ihren Prognosen nach auf 26 Millionen Euro. "Das ist viel Geld", räumt Busche ein. "Doch das ist Geld, was sich langfristig lohnt und andere Integrationsmaßnahmen einsparen könnte."

Modellprojekt Produktionsschule Moritzburg

David Mais, Geschäftsführer der Produktionsschule Moritzburg berichtet über seine Modellklasse. Hier können Geflüchtete über 18 Jahre ihren Schulabschluss nachholen
Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Vorbild für eine Schulausbildung der über 18-Jährigen ist unter anderem die Modellklasse der Produktionsschule Moritzburg. Sie verhilft in Eigenregie Geflüchteten zu einem Hauptschulabschluss. "Wir kümmern uns um die Jugendlichen, für die die Zeit in der herkömmlichen Schule vor dem Abschluss zu kurz ist", erklärt Geschäftsführer David Mais. Die Schüler würden durch ihre Lehrer in den Deutschklassen vorausgewählt und müssten nach ihrer Aufnahme in die Modellklasse eine Probezeit bestehen. Das Modellvorhaben wird unter anderem durch den Bund bis 2018 finanziert. Ali Rezaire und Ali Nobizack gehören zu den Schülern in Moritzburg. "Wir freuen uns, dass wir hier unseren Abschluss machen können", erklären sie in fließend deutscher Sprache. Die jungen Männer stammen aus Afghanistan.

Konzept adaptieren

Der Migrationsreferent des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Hendrik Kreuzberg kann sich vorstellen, das Konzept von Moritzburg zu adaptieren. "Nachholende Bildung ist das Fundament für eine gelungene Integration." Bislang sei es an den Berufsschulen allerdings nicht möglich, einen Schulabschluss zu absolvieren, bedauert Kreuzberg.

Gesa Busche vom Flüchtlingsrat forderte Ministerpräsident Stanislav Tillich auf, die Zuständigkeit seiner Ministerien zu klären. Bislang sei das Thema zwischen Innen-, Sozial- und Kultusministerium hin- und hergereicht worden. "Die Situation ist dramatisch", so Busche. "Je mehr Zeit vergeht, desto unwahrscheinlicher wird es, die Geflüchteten mitzunehmen."

Über dieses Thema berichtete MDR SACHSEN auch im Radio und im Fernsehen: MDR SACHSENSPIEGEL | 03.03.2017 | 19 Uhr
MDR 1 RADIO SACHSEN | 03.03.2017 | 17 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. März 2017, 12:21 Uhr

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28 Kommentare

07.03.2017 12:12 Ex-Ossi 28

Nicht politisch, sondern einfach mal persönlich: im KiGa meines Sohnes macht ein junger Mann aus Syrien gerade sein Schulpraktikum. Er ist knapp ein Jahr hier, kann mittlerweile ziemlich gut deutsch sprechen und recht passabel schreiben - im Umgang mit den Kindern ist er eine Wucht. Aus dem wird ganz bestimmt ein hervorragender Erzieher - gerade für die männlichen Kinder aus einem arabisch geprägten Elternhaus eine tolle Identifikationsfigur!

07.03.2017 10:38 monika 27

... über 18 jährige ohne Schulabschluß ...
Wie lange wird es über 18-jährigen, welche erst einmal die deutsche Sprache erlernen müssen, dauern um einen qualifizierten Schul-/Hauptschulabschluß zu erhalten? Danach Berufsausbildung etc. Wie werden diese jungen Menschen sich wohl fühlen, wenn ihre Erwartungen dann doch enttäuscht werden? @26 hat völlig Recht mit seinen Ausführungen.

06.03.2017 19:08 Hallenser 26

Der Zuzug von Flüchtlingen wird in den kommenden Jahren zur einem sinkenden Leistungsniveau des deutschen Bildungssystems führen. Außerdem dürfte der Anteil der Niedrigqualifizierten an der Bevölkerung zunehmen. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln): Damit sei selbst dann zu rechnen, wenn „ein bedeutender Teil der Flüchtlinge in Deutschland noch Kompetenzen erwerben und Qualifizierungsmaßnahmen durchlaufen.“ Die Forscher sprechen von einer bevorstehenden Verschlechterung der „Qualifikationsstruktur in Deutschland“. Ich empfehle dazu heute erschienene ernüchternde Artikel in der Zeitung DIE WELT. Die zeigen deutlich auf was in den nächsten Jahrzehnten an Problemen und Kosten auf unsere Gesellschaft zukommt. Da sollte auch die letzten Migrationsfanatiker langsam in der Realität aufwachen.

06.03.2017 17:00 Mediator an Ichich(24) 25

Die Zahl der Schüler ohne Abschluss beträgt in Sachsen pro Jahr 9% und liegt damit fast doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt.

Vielleicht fragen sie sich erst einmal, warum diese in Deutschland sozialisierten und ohne Bürgerkrieg aufgewachsenen Jugendlichen nicht in der Lage sind einen Abschluss zu erreichen.

Vermutlich sind dann genau das die Leute, die sich schon in der Schule zu fein zum lernen waren, für den Mindestlohn erst gar nicht aufstehen um einer Hilfsarbeitertätigkeit nachzugehen und in ihrer großzügig bemessenen Freizeit dann irgendwelche ausländerfeindlichen Fantasien pflegen und vom angehängt sein herumjammern.

In vielen Ländern, aus denden die Flüchtlinge stammen, musste man richtig Biss haben um einfach nicht zu verhungern. Dieser Biss fehlt vielen Deutschen schon lange! Wer etwas erreichen will, der muss nun einmal lernen und schwitzen - viele andere Wege gibt es für die breite Masse nicht.

06.03.2017 15:04 Ichich 24

Pardon, wir reden von "über 18 Jährigen", d.h. Erwachsenen ohne Schulabschluß. Wie ist deren Altersstrukur, wieviele Analphabeten sind unter ihnen, aus welchen Ländern kommen sie, welche Chance auf Asyl haben sie ? Wenn sich der Migrationsreferent Kreuzberg so gut bei "gelungener Integration" auskennt, sollte er uns die Musterländern nennen, wo diese bei arabischer, afghanischer und afrikanischer Zuwanderung erreicht ist.

06.03.2017 14:46 Ich 23

Wer glaubt, die Flüchtlinge wären nur "Deppen", sollte sich mal im eigenen Zwergstaat umsehen. Wir haben in D durchschnittlich rund 5 % Schulabbrecher, reine Bio-Deutsche. Während in Brandenburg etwa vier Prozent der ausländischen Schüler ohne Abschluss bleiben, sind es in Sachsen 27 Prozent. Da muss doch was "faul" sein im Freistaat. Hier wird aus ideologischen Gründen ein großes Potential verschenkt und dann noch schäbigerweise die Flüchtlinge als "soziale Eindringlinge" beleidgt, beschimpft und verleumdet.

06.03.2017 09:42 bentin 22

Es wurde doch schon Ende 2016 gefordert, dass für Ausländer die Anforderungen an Schulabschluss und Berufsausbildung deutlich gesenkt werden sollen. Meine Meinung dazu gehört hier nicht her.

06.03.2017 01:03 Agnostiker 21

"Kein Potenzial verschenken" hoert sich irgendwie an wie "auf kein Talent verzichten"...

Dann wollen wir aber alle ganz doll hoffen, dass die "Asylgruende" nicht so schnell wegfallen, damit sich spaeter keiner mehr "desintegrieren" muss. ;)

05.03.2017 19:01 Sachse 66 20

Das verstehe ich nicht richtig: wir haben 5000 Flüchtlinge ohne Schulabschluss, 3200 haben keine Angaben gemacht. Willig und fähig sind 4000. Was wird da aus den restlichen 3200 + 1000. Wäre schön, wenn Jemand eine Antwort darauf hat.

05.03.2017 13:15 Hesse 19

@ Maria A. (17):
Kritik an irgendeiner politischen Idee, oder der gesellschaftlichen Realität ist das Eine, Sprüche wie "Wielange wollen die uns noch auf der Tasche liegen zurück und ihr eigenes Land aufbauenkann ja wo langsam nicht mehr wahr sein, " sind das Andere. Mit nicht weniger "Recht" könnte ich mich dann auch über den Soli aufregen, hier was von den schönen Innenstädten im MDR-Land und dem verfallenden Westen schrieben - was wir per Staatsräson aber eben auch nicht sollen... Ich nenne es Hass!