Geschäftsführerin der Landesvereinigung kulturelle Kinder und Jugendbildung Sachsen e.V. (LKJ Sachsen), Dr. Christine Range
Die Geschäftsführerin der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen, Dr. Christine Range, spricht auf einer Fachtagung. Bildrechte: LKJ Sachsen e.V.

Interview Kürzungen bedrohen Kulturarbeit für Kinder und Jugendliche

Die Kulturarbeit mit Kindern und Jugendlichen in Sachsen muss schon seit Jahren mit engem Finanzrahmen arbeiten. Nun haben die Kürzungen um 100.000 Euro für 2017 und 2018 eine neue Dimension erreicht. Mehrere Projekte müssen eingestellt werden. Das trifft unter anderem die sächsischen Amateurtheater. Im Gespräch mit MDR SACHSEN berichtet die Geschäftsführerin der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen, Dr. Christine Range, von den aktuellen Herausforderungen und vom Engagement gegen weitere Kürzungen.

Geschäftsführerin der Landesvereinigung kulturelle Kinder und Jugendbildung Sachsen e.V. (LKJ Sachsen), Dr. Christine Range
Die Geschäftsführerin der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen, Dr. Christine Range, spricht auf einer Fachtagung. Bildrechte: LKJ Sachsen e.V.

Wie immer haben Sie im November vergangenen Jahres die Förderanträge für 2017 gestellt. Nun endlich kam vor einigen Wochen der Bescheid, mit welchem Inhalt?

Anfang Mai erhielten wir den Zuwendungsbescheid vom Kommunalen Sozialverband mit der Hiobsbotschaft, dass unsere Bildungsmittel um 45 Prozent gekürzt werden. Damit fehlen 23.000 Euro mitten im Jahr. Das betrifft Projekte, die schon vorbereitet wurden, die mit Partnern durchgeführt wurden und die seit mehreren Jahren durchgeführt werden. Eigentlich sollte eine Verlässlichkeit für die Kinder und Eltern da sein, die sich für solche Projekte bewerben.

Inwiefern sind Sie seitdem aktiv geworden?

Wir haben alle friedlichen Mittel, die wir nutzen konnten, ausgeschöpft. Sofort haben wir beim Sozialministerium nachgefragt, ob hier ein Irrtum vorliegt. Es ist nicht nachvollziehbar, dass in Zeiten, wo die Steuereinnahmen sprudeln, im Bereich der Kinder- und Jugendbildung gekürzt wird. Denn es gibt doch einen gemeinsamen gesellschaftlichen Konsens darüber, wie wichtig kulturelle Bildung für die Persönlichkeitsbildung und -stärkung von Kindern und Jugendlichen ist. Wir haben die jugendpolitischen Sprecher informiert, wir haben die Ausschussmitglieder im Sächsischen Landtag informiert. Auch an die Bewilligungsbehörde haben wir uns gewandt. Wir sind gegen den Bescheid in Widerspruch gegangen.

Haben Sie seit Ihrem Widerspruch auf den Bescheid eine Rückmeldung aus dem Sozialministerium erhalten?

Auf unsere Bitte zu einem Gespräch im Sozialministerium haben wir keine Einladung bekommen, sondern eine lapidare Mitteilung. Diese besagte, dass in diesem Jahr weniger Mittel für die Bildungsarbeit zur Verfügung stehen und dass wir keinen Rechtsanspruch auf eine Förderung haben. Man könne verstehen, dass wir Planungssicherheit brauchen, aber die könne man vor dem Hintergrund haushaltsrechtlicher Bestimmungen derzeit nicht geben. Das ist eine unbefriedigende Antwort. Wir können an dieser Stelle nicht Schluss machen. Denn erst vor wenigen Tagen hat die zuständige Abteilungsleiterin beim 11. Wettbewerb um den sächsischen Jugendkunstpreis in Leipzig die Wichtigkeit der kulturellen Bildung hervorgehoben. Aber das sind Wortbekundungen, die ohne finanzielle Untersetzung bleiben.

Was ist die LKJ Sachsen? Die LKJ ist der Dach- und Fachverband für die kulturelle Kinder- und Jugendbildung in Sachsen. Unter anderem Fachverbände aus dem Theater-, Musik-, Kunst- und Medienbereich sind Mitglieder. Der Verband ist anerkannter überörtlicher Träger der freien Jugendhilfe.

Welche aktuellen Auswirkungen haben die Kürzungen?

Die Grundausbildung von Spielleitern beim sächsischen Amateurtheater wurde gestrichen. Außerdem musste ein Projekt in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Grafik und Buchkunst gestrichen werden, in welchem Studierende mit jungen Leuten aus dem ländlichen Raum eine Woche lang gemeinsam arbeiten können. Rapide gekürzt wurde ein inklusives Projekt für Kinder in Colditz. Eine Woche für 30 Kinder, für die wir knapp 5.000 Euro beantragt haben. Bewilligt wurden uns 1.366,20 Euro. Diese 20 Cent sind ein Witz! Das Projekt ist für hörgeschädigte Kinder und sachsenweit mit Kooperationspartnern ausgeschrieben. Wir stehen da, als wären wir nicht verlässlich. Wir sind die verlässlichen Partner, aber wir sind im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe abhängig von der Förderung durch den Freistaat.

Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach kulturelle Kinder- und Jugendarbeit für die sächsische Regierung?

Die kulturelle Bildung ist eine Querschnittsaufgabe. Es gibt eine Arbeitsgruppe, in der die Ministerien für Soziales, Kultus sowie Wissenschaft und Kunst zusammenarbeiten. Unter anderem entsteht daraus bis Ende des Jahres das Konzept zur kulturellen Bildung, das im Kabinett verabschiedet werden soll. Die Ministerien sprechen dennoch jeweils nur für ihren Zuständigkeitsbereich. Wenn wir dem Wissenschaftsministerium spiegeln, dass wir das Konzept begrüßen, uns aber hilfesuchend aufgrund der finanziellen Lage an die Verantwortlichen wenden, dann erhalten wir die Antwort: Diese Zuständigkeit liegt nicht bei uns. Die Möglichkeiten übergreifend zu arbeiten, sind begrenzt. Wir bekommen moralische Unterstützung aus dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst, keine Frage, aber es fließen keine Gelder.

Wie beurteilen Sie die Geschlossenheit der betroffenen Träger?

Logo der Landesvereinigung kulturelle Kinder und Jugendbildung Sachsen e.V. (LKJ Sachsen)
"Der aktuelle Zuwendungsbescheid gleicht einer Hiobsbotschaft. Unsere Bildungsmittel werden um 45 Prozent gekürzt." Bildrechte: LKJ Sachsen e.V.

Alle landesweiten Träger sind von den Kürzungen betroffen. Die Kürzungen liegen zwischen 45 und 60 Prozent und trafen uns alle mitten im Jahr. Wir zeigen eine Geschlossenheit und Solidarität, die eine Wirkung in der Landespolitik und in der Öffentlichkeit erreichen kann. Auf unsere Fragen muss es eine Antwort geben, auch für 2018. Wir sind in einem Doppelhaushalt und wenn die Situation so bleibt, tragen wir dieses Problem ins neue Jahr hinein.

Abschließend, Frau Dr. Range, ist grundsätzlich ein Rückgang von Fördergeldern aus dem Sozialministerium zu beobachten?

Nein, Ende Mai hat das Sozialministerium eine neue Förderrichtlinie für Kinder- und Jugenderholung herausgegeben, die erstmals wieder für 2017 und für 2018 mit jeweils 300.000 Euro Ferienmaßnahmen für benachteiligte junge Menschen unterstützt. Das begrüßen wir alle miteinander. Aber am 24. Mai eine neue Förderrichtlinie zu veröffentlichen und gleichzeitig 100.000 Euro im Bereich der Bildung zu kürzen, das ist keine Strategie, sondern schizophren und nicht nachvollziehbar.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 16.06.2017 | ab 05:30 Uhr
Regionalnachrichten aus dem Studio Leipzig

Zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2017, 18:21 Uhr

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5 Kommentare

16.06.2017 21:51 Fackel & Heugabel 5

Hoffentlich helfen MDR & andere Medien dabei diese Vorkommnisse ordentlich zu skandalisieren. Typisch Politik. Einerseits so tun, als wenn man die "Verrohung der Gesellschaft, steigende Gewaltbereitschaft von Jugendlichen & Adipositas bei Kindern" problematisieren würde, aber dann die Weichen so stellen, daß genau diese Phänomene forciert werden. Wie leistet man denn heutzutage Widerstand dagegen? Schuld bei "Fremden" suchen, Halbnazis wählen gehen & "scharfe" Kommentare bei MDR & fb schreiben (ja, Glashaus). Naja. Fackeln und Heugabeln sind halt nicht mehr gängig, hey? Ich denke, als Demokraten sollten wir langsam mal überlegen, wie _wir_ wirklich entscheiden _was_ mit _unserem_ Geld gemacht wird! (Hinweis: DOCH, es reicht für Kinder _&_ Flüchtlinge & dann noch was übrig für Eis & Pizza für alle!).

16.06.2017 19:58 Harry 4

Ist jetzt allen klar, wer Priorität in diesem Land besitzt?

16.06.2017 06:49 Udo Degen 3

Vom Hof dort wegfegen diese kinderfeindlichen Gesellen und Schergen!

15.06.2017 21:31 Atze 2

ALLES für unsere Kids!
Wenn schon zu wenig Lehrer im Freistaat sind, kein Ausweg aus der Misere in Sicht ist....
Wenn ich da an die
DDR denke...sogar Haushaltstage gab es und man konnte wichtige Dinge mit den Kindern erledigen oder unternehmen. In 20 Jahren hatte unsere Familie 240 Haushaltstage, die allesamt auch von den Kollegen erarbeitet wurden.Das war sozial! Und kostenlose Arbeitsgemeinschaften für die Kinder.

15.06.2017 21:22 Jürgen 1

"Nun haben die Kürzungen um 100.000 Euro für 2017 und 2018 eine neue Dimension erreicht." - Entspricht den Kosten für 2 MUFL. Witz oder Verarschung?