Uta Deckow
Bildrechte: MDR/Ralf U. Heinrich

Kommentar Pressefreiheit ja - solange es die eigene Meinung deckt

Seit Anfang an haben Pegida-Anhänger Journalisten bedroht. Immer wieder wurde darüber berichtet. In den vergangenen Wochen hat sich die Bedrohungslage für Berichterstatter erheblich verschärft.

von Uta Deckow, Leiterin Politik-Desk Landesfunkhaus Sachsen

Uta Deckow
Bildrechte: MDR/Ralf U. Heinrich

Sebnitz gestern - mehrere Tausend Menschen demonstrieren - also berichten wir. Das ist unser Job. Wir schildern was ist, jeder Journalist aus seinem Erleben, aus seiner Sicht - objektiv geht gar nicht, aber neutral - darum bemühen wir uns. Auch meine Kollegin, die gestern für MDR 1 RADIO SACHSEN vor Ort war.

Dann wurde sie bedroht. "Lügenpresse"-Aufkleber wurden ihr auf die Jacke geklebt - von hinten. Und eine Frau versuchte, ihr von vorn einen Aufkleber quer über die Brust zu heften. Und: eine ganze Reihe von Menschen stand herum, schaute zu - schlimmer noch - fotografierte.

Woran uns Journalisten das erinnert? Nazis brandmarkten Juden mit Aufnähern auf deren Jacken.

Dreharbeiten werden behindert

Wurden Journalisten in Sachsen zuvor nur bei Neonazi-Aufmärschen attackiert, sind Pöbeleien, Schubsereien bis hin zu Handgreiflichkeiten seit Pegida inzwischen bei allen Anti-Asylprotesten gang und gäbe. Von Anfang an. Im Januar - als Pegida-Redner Bachmann nach dem Charlie-Hebdo Attentat auf der Bühne von Pressefreiheit redete - die es zu verteidigen gelte, baute sich vor mir als Reporterin ein Pegida-Ordner auf und erklärte, er habe noch nie eine Frau geschlagen, für mich mache er gern eine Ausnahme. Zuvor hatte er die ganze Zeit versucht, unsere Dreharbeiten zu behindern.

Jeder Kollege der berichtet, kann solche Geschichten erzählen - bis hin zu denen, die Zettel im Briefkasten fanden mit den Worten "Wir wissen wo Du und Deine Kinder wohnen".

Und wir alle erleben im Netz und auf den Veranstaltungen, wie einerseits alles als "Lügenpresse" gebrandmarkt wird - kritische Artikel, Reportagen, Comedy-Sendungen. Aber, die zur eigenen Gedankenwelt passen, die werden fleißig kolportiert und geteilt. Wenn es passt, ist Lügenpresse eben gerade recht genug.

Keine Filmaufnahmen bei AfD- und NPD-Parteitagen

Scheinheiligkeit bei Pegida wie bei der AfD. Nur ein Beispiel: Wenn eine linke Bürgermeisterin den Kameras untersagt, während einer Bürgerversammlung zu drehen, was übrigens schon häufig auch anderswo passierte, dann entdeckt die AfD die Pressefreiheit. Sie unterstellt Zensur und fordert umgehend, dass wir drehen dürfen. Schön, aber mit Verlaub - wissen Sie, von welchen beiden einzigen Parteien uns jemals Dreharbeiten auf Parteitagen untersagt wurden? Von der NPD und der AfD.

Pressefreiheit reicht für viele, die Presse als Lügenpresse bezeichnen, immer nur soweit, wie die Presse sich mit der eigenen Meinung deckt. Da schwatzen leider oft genug Leute, die Presse sei "Lügenpresse" weil alle dasselbe schrieben, die, wenn man sie fragt, weder ein Zeitungsabo haben, geschweige denn mehrere Zeitungen lesen würden. Und da sie keine "Zwangsabgabe" zahlen wollen ist ja klar, die Öffentlich-Rechtlichen schauen sie sowieso nicht...

Andererseits wird allzu oft alles geglaubt, was im Netz steht, ohne auch nur die Quelle zu kennen, geschweige denn kritisch zu hinterfragen...

Wir haben gestern eine Kollegin zur Demo nach Sebnitz geschickt - wir haben berichtet. Unsere Kollegin wurde bedroht, sie wurde gebrandmarkt. Und dass von ihr Fotos gemacht wurden, heißt, sie muss mit einer weiteren Bedrohung rechnen.

Auch Journalisten sind Menschen mit Familie und Kindern

Und wir? Klar wir werden weiter berichten - aber wir haben uns natürlich gefragt, können wir es verantworten, Journalisten - auch das sind Menschen mit Familie, mit Kindern - weiter zu diesen Demos zu schicken? Wenn ihre Sicherheit nicht gewährleistet ist? Was dort geschieht, hat mit Kritik an unserer Arbeit nichts mehr zu tun.

Wenn ich mir diese Frage stelle - ist die Antwort eindeutig: Die Pressefreiheit ist in Gefahr. Wo sind wir hingekommen, wenn eines der wertvollsten Grundrechte unserer Verfassung nicht mehr gewährleistet ist? Die Menschen, die mitmachen und zuschauen, wie Journalisten bedroht werden, die aufhetzen und aufstacheln, diese Menschen stehen nicht mehr auf dem Boden unseres Grundgesetzes. Sie sind also Verfassungsfeinde.

Und ausgerechnet sie bezeichnen Politiker als Verräter? Ausgerechnet sie fordern, Asylbewerber müssten sich an die Verfassung halten? Ihnen sage ich - ach, fangen Sie doch bitte selbst damit an...

Zuletzt aktualisiert: 05. Oktober 2015, 15:03 Uhr