Radfahrer
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Fahrradstadt Dresden Platzt das Dresdner Radverkehrskonzept?

Eine Arbeitsgruppe, drei Jahre Arbeit, 450 Maßnahmen: Das erste Dresdner Radverkehrskonzept wurde kürzlich vorgestellt und droht schon zu platzen. Denn der Stadt fehlt dazu etwas Entscheidendes: die Mitarbeiter.

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Für die Realisierung des neuen Dresdner Radverkehrskonzepts fehlen der Stadt Mitarbeiter. Darauf machte der Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC) Dresden aufmerksam. "Wir sind mit dem Konzept sehr zufrieden", sagte Rolf Leonhardt, ADFC-Landesvorstand Sachsen. "Allerdings sind im Doppelhaushaltsentwurf der Stadt 2017/2018 dafür schlichtweg keine Mitarbeiter vorgesehen." Außerdem sei bedauerlich, dass ein fester Zeitplan "nicht mehr Bestandteil des Konzepts" ist. Der Dresdner Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) hatte das Radverkehrskonzept vor zwei Wochen vorgestellt. Im Frühjahr soll es vom Stadtrat verabschiedet und innerhalb von zehn Jahren umgesetzt werden.

Nirgends so viele schwerverletzte Radfahrer

Radfahrer auf Radweg
Drei tote Radfahrer - das ist bisher die Dresdner Bilanz für das Jahr 2016. Bildrechte: colourbox.com

In keiner bundesdeutschen Stadt gibt es so viele schwerverletzte Radfahrer wie in der sächsischen Landeshauptstadt. Nach Angaben des ADFC zählte Dresden in den Jahren 2010 bis 2012 durchschnittlich 3,7 Schwerverletzte pro 10.000 Einwohner. Das ist fast doppelt so viel wie im Vergleichszeitraum in Leipzig. Dort zählte die Analyse zwei schwerverletzte Radfahrer pro 10.000 Einwohner. Allein in diesem Jahr starben bislang drei Radfahrer in Dresden. Besonders der dramatische Tod einer 26-jährigen Frau in der Bautzner Straße hatte im Februar für einen Schock gesorgt. Sie wurde von einem Betonmischer erfasst und überfahren. "Es herrschen offensichtlich nicht allzu sichere Zustände für Radfahrer in Dresden. Das sind maßgebliche Indizien, dass wir dringend etwas tun müssen", erklärte Dresdens Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) vor zwei Wochen zur Präsentation des Konzepts. Mit diesem gesamtstädtisches Plan herrsche jetzt erstmals Klarheit darüber, wo nachgebessert werden muss und was das kostet. "Neben den Planerstellen fordern wir die sofortige Bearbeitung aller 300 Unfallschwerpunkte in Dresden", sagte Larsens. Derzeit würden durch die Verwaltung nur etwa 25 bis 30 Unfallschwerpunkte korrigiert. "Wir wollen, dass in Dresden niemand stirbt."

ADFC fordert zehn Planerstellen

Rolf Leonhardt und Nils Larsens (ADFC)
Rolf Leonhardt und Nils Larsens (ADFC) sind selbst Radfahrer und kennen die Gefahren des Dresdner Stadtverkehrs. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Die Finanzierung des 450 Maßnahmen zählenden Konzepts sehen die ADFC-Fahrradexperten als geringes Problem. Etwa 30 Millionen der erforderlichen 40 Millionen Euro könnten bei rechtzeitiger Beantragung aus den Fördertöpfen von EU und dem Freistaat Sachen fließen. "Wir brauchen jedoch Menschen, welche die Maßnahmen planen und auch die Anträge für die Fördermittel schreiben", sagte Leonhardt. "Deswegen fordern wir zehn Planerstellen für den Fuß- und Radverkehr sowie die Verkehrs- und Schulwegesicherheit", erklärte Nils Larsens, Vorstand des ADFC Dresden.

Kosten gering, Planung aufwendig

Radfahrer
Immer mehr Radfahrer gehen zum ADFC. Die Zahl der Mitglieder in Dresden stieg in den vergangenen zehn Jahren in Dresden von 654 auf 2.352. Bildrechte: colourbox

Baubürgermeister Schmidt-Lamontain hatte selbst auf der ersten Dresdner Fahrrad-Konferenz im September eingeräumt, dass ihm Mitarbeiter für die Umsetzung des Radverkehrskonzepts fehlen. Nach ADFC-Informationen soll die Stadtverwaltung den Bedarf ursprünglich mit sieben Personen angegeben haben, später sei die Zahl jedoch wieder aus dem Konzept herausgeflogen. Zu einem aktuellen Statement war Schmidt-Lamontain wegen seines Urlaubs nicht zu erreichen. "Die Kosten für Radwege und deren Markierungen sind relativ gering, die Planung jedoch aufwendig“, sagte Larsens. "In Frankfurt/Main arbeiten allein fünf Mitarbeiter an der Umsetzung eines sicheren und nachhaltigen Radwegeplans." Larsens konstatierte: In Dresden reiche schon jetzt reiche die Zahl der Planer nicht aus. Im laufenden Haushalt 2015/16 seien von 13 beschlossenen Maßnahmen nur vier umgesetzt worden.

Moderne Infrastruktur

Radwegesysteme gelten vor allem vor dem Hintergrund eines immer stärkeren Verkehrsaufkommens und damit verbundener Luftverschmutzung als Standard einer modernen Infrastruktur. Gerade Dresden leidet ohne Umweltzone besonders im Sommer an schlechter Luft und hohen Feinstaub- und Stickstoffdioxid-werten. In Dresden liegt der Anteil der Radfahrer bei zwölf Prozent aller Verkehrsteilnehmer, in Leipzig greifen 17 Prozent zum Fahrrad.

Das Dresdner Radverkehrskonzept Das neue Radverkehrskonzept möchte die Dresdner Radwege auf eine Streckenlänge von 829 Kilometer auszubauen. Höchste Priorität haben Brückenquerungen und -anbindungen sowie Verkehrsknotenpunkte. Gleichzeitig plant das Konzept mehr Plätze zum Fahrradparken und für Park & Ride, in erster Linie in Form von Fahrradstationen an Bahnhöfen. Insgesamt 330 Kilometer Strecke sollen dezidiert als Radweg ausgewiesen werden, gegenwärtig finden sich an 122 Kilometer Strecke Markierungen. Neben dem einfachen Wegeleit-System möchten die Stadtentwickler ein Nummernsystem zur besseren Orientierung installieren. Dieses gibt es schon in anderen Bundesländern und erzeugt vor allem bei Kindern mehr Ansporn, weil man von Nummer zu Nummer fährt.

Projekte im Fahrradverkehr im laufenden Haushalt der Stadt Dresden 2015/16
Maßnahme Status  
Käthe-Kollwitz-Ufer zwischen Goetheallee und Fetscherstraße: Erneuerung Rad und Gehweg umgesetzt  
Königsbrücker Straße Nord: Neubau Radweg umgesetzt  
Bürgerwiese Parkstraße umgesetzt  
Elberadweg (linksseitig) Ostragehege/ Rudolf-Harbig-Weg in Arbeit  
Elberadweg Körnerweg nicht umgesetzt  
Elberadweg (rechtsseitig) Wachwitz, Loschwitz nicht umgesetzt  
Elberadweg (rechtsseitig) Altwachwitz bis Dampfschiffstraße nicht umgesetzt  
Elberadweg (linksseitig) Johannstadt bis Blasewitz bis (einschließlich Querverbindungen zum Käthe-Kollwitz-Ufer) nicht umgesetzt  
Elberadweg Übigau/ Altkaditz nicht umgesetzt  
Glacistraße/Alaunstraße: Umbau Verkehrsanlage mit einer Querungsmöglichkeit für Radfahrer nicht umgesetzt  
Bautzner Straße zwischen Rothenburger Straße und Albertplatz: Einordung Radweg im Zuge der Neuordnung der Verkehrsanlage nicht umgesetzt  
Tolkewitz, Laubegast: Ausbau Radweg öffentlicher Weg 16 nicht umgesetzt  
Lingneralle: Deckentausch Radweg nicht umgesetzt  
  Quelle: ADFC  
Projekte im Fahrradverkehr im Haushaltsentwurf der Stadt Dresden 2017/18
Maßnahme Status  
Elberadweg Übigau/ Kaditz aus dem Vorjahr übernommen  
Tolkewitz, Laubegast: Ausbau Radweg öffentlicher Weg 16 aus dem Vorjahr übernommen  
Bautzner Straße zwischen Rothenburger Straße und Albertplatz: Einordung Radweg im Zuge der Neuordnung der Verkehrsanlage aus dem Vorjahr übernommen  
Elberadweg (rechtsseitig) Wachwitz, Loschwitz aus dem Vorjahr übernommen  
Elberadweg Friedrichstadt/ Ostragehege neues Projekt  
Elberadweg Pillnitz Söbringen neues Projekt  
Elberadweg Brücke Alberthafen neues Projekt  
  Quelle: ADFC  

Zuletzt aktualisiert: 16. November 2016, 15:40 Uhr

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4 Kommentare

17.11.2016 10:56 Gaihadres 4

Ich denke, mit dem Konzept und dessen Umsetzung ist es nicht getan. Es ist mir beispielsweise unverständlich, dass Radfahrer im Winter bei Schnee und Eis mit dem Drahtesel im fließenden Verkehr unterwegs sind. Das ist m. E. unverantwortlich gegenüber jedem Verkehrsteilnehmer. Ich habe Verständnis dafür, dass gerade Rennradfahrer im Training bleiben wollen, aber dann doch Bitte in entsprechenden Hallen zu dieser Jahreszeit. Ansonsten setzen sich die Radfahrer viel zu oft teilweise sehr Rüde über die StVO hinweg. Sie nehmen auf Autofahrer ebenso wenig Rücksicht, wie auf Ampeln oder Fahrtrichtungen. Ich hatte vor zwei Jahren einen Unfall, weil eine Radfahrerin gegen die Einbahnstraße fuhr. Es ging zum Glück glimpflich aus. Die Radfahrerin bekam am Ende auch 70% der Schuld durch das Ordnungsamt zugesprochen.

17.11.2016 09:11 Martin 3

Wenn der Gleichbehandlungsgrundsatz gilt, dann brauchen Radfahrer auch eine Infrastruktur, die sich genauso gut und einfach benutzen lässt wie die für Kfz. Wäre das der Fall, würden viele der von Ihnen genannten Verstöße deutlich geringer ausfallen. Grüne Welle für Kfz ist quasi gleichbedeutend mit Warten an jeder Ampel für Radfahrer. Radwege an beiden Seiten bedeutet deutlich schwierigeres Linksabbiegen, also geisterradelt man. Aufdringliches Verhalten von Kfz-Nutzern treibt ängstliche Radfahrer auf Gehwege. Das sind keine Entschuldigungen (auch als Radfahrer nerven mich Regelverstöße anderer Verkehrsteilnehmer), aber vielleicht Erklärungen für regelwidriges Verhalten. Insofern ist eine intelligentere Verkehrsplanung sehr wohl ein Teil der Lösung zu mehr Verkehrssicherheit.

17.11.2016 03:04 Klaus 2

@Frank
Die Radfahrer sind in Dresden vom Typus nicht anders als in Leipzig oder Chemnitz (= weniger Unfälle). Dann liegt es wohl eher an der Verkehrsplanung der Stadt, hier CDU (=autoaffin), dort SPD (=mehr Blitzer, radfahrerfreundlicher)

16.11.2016 17:32 Frank 1

In keiner anderen Stadt setzen sich Radfahrer in teilweise rüder Art und Weise über die StVO hinweg wie in Dresden. Da helfen auch keine Verkehrskonzepte wenn das Problem in den Köpfen der Radfahrer steckt. Die setzen sich auch bei neuen Streckenführungen über die STVO hinweg. Ampelrot wird ignoriert. Fußwege werden als Radwege benutzt, nur sind die nicht also Mischnutzung ausgewiesen. Radwege werden entgegen der Fahrtrichtung benutzt, obwohl der entsprechende gegenüberliegende Radweg vorhanden ist. Ich könnte noch mehr aufzählen......., es wird wohl nichts bringen. Hier hilft Verkehrserziehung und die beginnt bei Gleichbehandlung bei Verstößen. Da kommen Radfahrer aus unerfindlichen Gründen glimpflicher weg. Sie sind aber Verkehrsteilnehmer wie jeder andere auch. Wir haben aber doch den Gleichbehandlungsgrundsatz, zumindest auf geduldigem Papier.