Via Regia

Städte an der Via Regia : Großenhain - reiche Stadt an der Röder

In der Geschichte der Via Regia spielte Großenhain eine bedeutende Rolle. Die damals siebentgrößte Stadt Sachsens war eine der wichtigsten Stationen entlang der Handelsroute. Das lag zum einen an der günstigen geografischen Lage. In der Stadt trafen die Hohe Straße als Ost-West-Verbindung und die Poststraße als Nord-Süd-Achse aufeinander. Im Kreuzungsbereich dieser beiden bedeutenden Straßen wuchs die Stadt und erlangte Ansehen und Wohlstand.

Blick auf Großenhain
Blick auf Großenhain - prägend in der Stadtsilhouette sind die Türme des Rathauses, des Schlosses und der Marienkirche (v.l.).

Post-, Zoll- und Geleitwesen brachten Wohlstand

Auch wirtschaftlich hatte Großenhain gegenüber anderen aufstrebenden Städten große Vorteile. 1443 wurde Hayn – so lautete der offizielle Stadtname bis zur Umbenennung im Jahr 1856 – das Stapelrecht zugesprochen. Das bedeutete, dass durchreisende Kaufleute mindestens drei Tage in der Stadt bleiben mussten, andernfalls drohten ihnen höhere Gebühren. Der Zwang, der den Reisenden auferlegt wurde, beförderte das Gastwesen und den Handel der Stadt. Der Reichtum der Stadt stieg derart an, dass sie sich im Jahr 1451 sogar das sogenannte Hals- und Niedergericht kaufen konnte. Damit konnten Todesurteile gefällt und vollstreckt werden.

Als sprudelnde Geldquelle erwies sich für Großenhain auch das Geleitrecht. Städte an der Via Regia waren berechtigt, die Kaufleute bis zur nächsten, meist 30 Kilometer entfernten Station zu begleiten. Damit sollte verhindert werden, dass die Handelsreisenden überfallen werden. 1489 bestätigte der Markgraf zudem, dass das sogenannte Waidhandelsrecht von Görlitz nach Großenhain verlegt wird. Beim Waid handelt es sich um eine Pflanze, die zum Färben der Stoffe verwendet wurde. In Großenhain wurde mit dem aus Erfurt stammenden Waid gehandelt. Die Stadt war eines der sächsischen Tuchmacherzentren. Mehr als 120 Tuchmacher lebten damals in der Stadt und trugen so zum Wohlstand der Stadt bei. Noch heute zeugt die Siegelgasse davon. Im Tuchhaus wurden Stoffe auf ihre Qualität geprüft und die Siegel für den Verkauf vergeben.

Verheerender Brand zerstört drei Viertel der Stadt

Im Jahr 1540 wurde das geschäftige Treiben jäh beendet. Am 26. Juli brach im Nonnenkloster ein Feuer aus und griff auf drei Viertel der Häuser der Stadt über. Der Hobbyhistoriker Klaus Förster geht davon aus, dass die Nonnen Schuld an dem verheerenden Stadtbrand trugen. "Das ist anzunehmen, denn sie mussten im Zuge der Reformation an diesem Tag aus der Stadt ausziehen. Sie hatten sich lange dagegen gewehrt." Nach dem Brand sei Großenhain nie wieder an seine alte Blüte herangekommen, erzählt Förster. Der Handelsverkehr wurde nördlich nach Brandenburg verlegt.

Genauer Verlauf nicht nachzuweisen

Durch einen weiteren Großbrand im Jahr 1744, der knapp 400 Häuser zerstörte, sind wichtige Dokumente zur Stadtgeschichte vernichtet worden. Deshalb ist heute nicht mehr zu sagen, wo genau die Via Regia in Großenhain verlief. Klaus Förster und andere Historiker gehen davon aus, dass die "Hohe Straße" innerhalb der Stadt vom Steinweg über die Naundorfer Straße zum Frauenmarkt führte. Von dort verlief sie vermutlich über die Dresdner Straße nach Mülbitz, Zschieschen und weiter nach Merschwitz. "Unwahrscheinlich ist, dass sie im Stadtzentrum über die Meißner Straße führte", erklärt Förster. "Denn diese ist zu schmal und hat sehr starke Biegungen. Das dürfte mit den Pferdegespannen schwierig gewesen zu sein."

Um in die Stadt zu kommen oder sie wieder zu verlassen, mussten die Handelsreisenden die Röder überqueren. Die Furt über den Fluss befand sich den Erkenntnissen zufolge wohl in der Nähe des ehemaligen Textilmaschinenbauunternehmens Textima auf der heutigen Dresdner Straße. Später wurde an dieser Stelle auch eine Brücke gebaut. Davon zeugen Reste, die bei Grabungen gefunden wurden. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass die "Hohe Straße" später über die Meißner Straße verlegt wurde, weil die Röder oft Hochwasser führte. Als Beleg dafür sehen sie die große Zahl von Geschäften, die noch heute das Bild der Meißner Straße prägen.

Handelsroute hat Spuren hinterlassen

Das heutige Stadtbild Großenhains ist von Bauten aus dem 18. Jahrhundert geprägt. Nach dem letzten großen Stadtbrand 1744 wurde die Bauschutzordnung drastisch verschärft. Die Häuser durften nicht mehr mit dem Giebel zur Straße stehen, sie mussten auf einer Höhe gebaut werden und waren nur durch eine Wand getrennt. Dennoch finden sich zahlreiche Hinweise auf die einstige Bedeutung und Siedlungsstruktur. So zum Beispiel das Großenhainer Schloss, der Rumpf des ehemaligen Nonnenklosters mit dem ersten Wehrturm aus dem 12. Jahrhundert, die ehemalige Poststelle, das Geleitamt oder das Tuchhaus. An der Naundorfer Straße wurde vor einigen Jahren der Baugrund des Turmes des Naundorfer Tores freigelegt und rund um die Stadt finden sich Fragmente der alten Stadtmauer. Am besten erhalten ist sie in Höhe des heutigen Gymnasiums.

"Unsere Stadt wäre nicht so geworden, wie sie heute ist, hätte sie nicht an dieser Handelsstraße gelegen. Die ersten Gesichtszüge von Großenhain verdanken wir somit der 'Via Regia'".

Burkhard Müller, Oberbürgermeister Großenhain

Via Regia - Motor für die Zukunft?

Großenhains Oberbürgermeister Burkhard Müller sieht das auflebende Interesse an der Via Regia nicht nur als (touristische) Chance für seine Stadt. "Rad- und Wanderwege können diesen Raum erlebbar machen", sagte er auf einer Tagung im Jahr 2002. "Schon damals wie heute sind Wege Verbindungen zu neuen Einflüssen und Erfahrungen. Neue Einflüsse und Erfahrungen sind wiederum der Weg zu neuen Erkenntnissen und letztlich der Motor neuer Entwicklungen." Müller schlug ein gemeinsames Logo für die gesamte Via Regia vor, um sie länderübergreifend als Medium zur Verständigung zu nutzen.


Quellen:

  • Interview Klaus Förster (Stadtführer)
  • Bildungswerk für Kommunalpolitik Sachsen; Dokumentation Nr. 29; Erscheinungsjahr 2003; Aufsatz Burkhard Müller "Via Regia - was sie so einzigartig macht, ist ihre Einzigartigkeit"
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