Ein Lehrer vor Schülern im Klassenzimmer
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Lehrermangel in Sachsen Ohne Seiteneinsteiger geht es nicht

Sachsen stellt zum zweiten Schulhalbjahr mehr Lehrer ein, als in Rente gehen. Allerdings klappt das nur, wenn auch Seiteneinsteiger genommen werden. Der Grund: Es gibt zu wenig ausgebildeten Pädagogennachwuchs, den es zudem auf Beamtenposten in andere Bundesländer zieht. Die Seiteneinsteiger werden ab diesem Jahr zumindest besser auf ihren neuen Job vorbereitet. Ungelöst bleibt das Problem, wie Lehrer aufs Land gelockt werden können.

von Beate Dietze

Ein Lehrer vor Schülern im Klassenzimmer
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Nach den Winterferien sollen in Sachsen 800 Lehrer-Vollzeitstellen neu besetzt sein. Das sind laut Kultusministerium 320 mehr, als im ersten Halbjahr durch in Rente gehende Lehrer frei werden. Wie die Sprecherin der Bildungsagentur, Michaela Bausch, MDR SACHSEN sagte, erfolgen alle Einstellungen unbefristet. Fast 700 Stellen waren demnach zum Jahreswechsel bereits vergeben. Ob allerdings alle angenommenen Bewerber wirklich ihren Dienst antreten werden, ist ungewiss.

Lieber Beamter an der Ostsee als angestellt in Sachsen

Michael Jung vom sächsischen Lehrerverband warnte, die meisten Lehramtsabsolventen hätten sich in mehreren Bundesländern beworben. Wenn sie beispielsweise aus Hessen, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern eine Zusage erhielten, würden sie in Sachsen selbst bei einem bereits unterschriebenen Vertrag wieder abspringen. Der Grund: In den anderen Bundesländern lockt eine Verbeamtung. Das passiere natürlich hin und wieder, räumt Michaela Bausch von der Bildungsagentur ein. Belastbare Zahlen lägen aber nicht vor. Sachsens Lehrerverband geht dagegen von wesentlich mehr als nur Einzelfällen aus.

Viel zu wenig ausgebildete Lehrer

Unter den neuen Lehrern, die letztendlich nach den Winterferien vor den sächsischen Klassen stehen werden, sind auch Seiteneinsteiger. Wie viele, wollte die Sprecherin nicht sagen. Dazu werde man sich erst nach Abschluss des Einstellungsverfahrens detailliert äußern, hieß es. Allerdings sind bereits die Bewerberzahlen sehr aufschlussreich. Einem internen Papier zufolge, das MDR SACHSEN vorliegt, sind fast zwei Drittel der Bewerber Seiteneinsteiger (siehe Tabelle). Zudem haben sich nur für zwei der fünf Schularten mehr ausgebildete Lehrer beworben, als Stellen besetzt werden sollen: nämlich für Gymnasium und Berufsschule. Die Bildungsagentur versucht derzeit ausgebildete Gymnasiallehrer unter den Bewerbern zum Umsatteln auf eine andere Schulart zu bewegen. Der Erfolg ist noch unklar. Und auch wenn sich nach dem offiziellen Bewerbungsschluss Ende November 2016 noch Interessenten gemeldet haben - ohne Seiteneinsteiger würden in Grund-, Ober und Förderschulen Stellen unbesetzt bleiben.

Bewerbungen auf Lehrerstellen in Sachsen (Stand zum offiziellen Bewerbungsschluss am 29.11.2016)
Schulart Zu besetzende Stellen Bewerber mit Lehramtsausbildung Bewerbungen von Seiteneinsteigern
Grundschule 261 161 536
Oberschule 225 79 340
Gymnasium 160 439 174
Förderschule 88 56 62
Berufsschule 66 81 245

Drei Monate Intensivschulung statt einer Woche Crashkurs

Junge Frauen am Computer sitzen in einem Schulungsraum.
Seiteneinsteiger werden in Sachsen den Schülern nicht mehr so gut wie unvorbereitet "zum Fraß vorgeworfen". Bildrechte: IMAGO

Für die offenen Stellen haben sich unter anderem Naturwissenschaftler, wie diplomierte Biologen, Chemiker und Physiker, aber auch Betriebswirtschaftler beworben. Eingestellte Seiteneinsteiger hatten es bisher in Sachsen besonders schwer. Nach einem Crashkurs von gerade einmal einer Woche wurden sie bereits vor die Klassen gestellt und sollten unterrichten. Weiteres Rüstzeug mussten sie sich berufsbegleitend und mit Hilfe eines Mentors erwerben. Diesem wurde für die Unterstützung lediglich eine Stunde pro Woche gutgeschrieben. Dass diese "Schnellbesohlung" nicht ansatzweise ausreicht, ist auch dem Kultusministerium klar geworden. Deshalb gibt es seit diesem Jahr statt des Crashkurses à la "Wie überlebt man im Klassenzimmer" einen dreimonatigen laut Ministerium "intensiven Weiterbildungskurs". 114 Seiteneinsteiger haben zum Monatsbeginn mit dieser Fortbildung begonnen und können damit Anfang April in den Lehrbetrieb einsteigen. Die berufsbegleitende Weiterbildung bleibt auch für sie obligatorisch.

Mehrheit will nur in Dresden oder Leipzig unterrichten

Sachsen hat neben dem Mangel an ausgebildeten Pädagogen aber noch ein zweites großes Problem: Kaum einer der neuen Lehrer will aufs Land. Und dazu gehört inzwischen offenbar selbst Chemnitz. Denn nach Recherchen von MDR SACHSEN wollen 70 Prozent der Bewerber nur an einer Schule in Dresden oder Leipzig unterrichten. Michael Jung vom sächsischen Lehrerverband ist sich deshalb sicher, dass jeder studierte Lehrer, der sich für Chemnitz oder den ländlichen Raum bewirbt, praktisch eine Zusage in der Tasche hat. Da spiele nicht einmal das Fach eine Rolle.

Über dieses Thema berichtete MDR SACHSEN auch im Hörfunk MDR 1 RADIO SACHSEN | 06.01.2017 | ab 05:00 Uhr in den Nachrichten

Zuletzt aktualisiert: 06. Januar 2017, 14:28 Uhr

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11 Kommentare

07.01.2017 16:38 Respekt der CDU Regierung 11

Da muss man schon Respekt aussprechen, wenn man sieht wie konsequent die CDU die Bildung in Sachsen an die Wand fährt. Seit Jahrzehnten die gleichen Probleme und bis heute hat es die CDU konsequent geschafft, sich gegen eine höhere Bezahlung oder gegen eine Verbeamtung auszusprechen. Im übrigen wird es nun noch lustiger, weil nun auch Thüringen als direktes Nachbarland wieder verbeamtet. Hatte man nun mit dem Maßnahmenpaket gehofft, dass sich die Bedingungen bessern so gab es nur ein paar Placebopillen (Quereinsteiger, Möglichkeit länger zu arbeiten, Gymnasiallehrer an Oberschulen, eine Stunde weniger für Grundschullehrer). Ja so geht sächsisch. Dafür irgendwie Resepkt.

07.01.2017 12:39 Elke 10

Das alles sind nur kosmetische Retuschen und nicht wirklich hilfreich.

Die Crux des deutschen Bildungssystems: Es ist dezentral. Ein Vergleich zwischen den 16 Bundesländern kann nicht erfolgen! Zudem folgt daraus ein großer personeller und finanzieller Mehraufwand!
Vielfach werden Schülern Dinge in Schulen vermittelt, welche im Alltagsleben nie benötigt werden. Die Lehrpläne müssen "ausgemistet" werden.

07.01.2017 12:15 saxe 9

Das unser Bildungswesen in Sachsen auf sogenannte Quereinsteiger angewiesen ist
Ist doch Ausdruck für die langjährige völlig verfehlte Politik unserer CDU Regierung
Unter Herrn tillich

07.01.2017 10:17 Mal ne Anmerkung 8

Und der Urheber der verfehlten Bildungspolitik hat einen Namen ,CDU !Angefangen mit dem jetzigen Landtagspräsidenten Rößler über den jetzigen Vorsitzenden des MDR Rundfunkrates Flath ,beide waren Kultusminisiter in Sachsen Regierung und ab da begann der Niedergang in Sachsens "Lehrerstruktur)!Ein Minister Wöller(auch CDU) hatte die Misere erkannt ,die seine Vorgänger angerichtet hatten.Seine Initiativen wurden dank eines Herrn FinanzministerUnland gestopt und ein Herr Tillich sah tatenlos zu!Wie so üblich bei Herrn Tillich.Die Chaospolitik der frau Kurth ist schon langsam peinlich und die bestehenden Probleme werden nicht oder nur ein wenig gelöst.In jedem Bundesland Deutschlands werden Lehrer besser "behandelt" und bezahlt!Sachsen eben!

06.01.2017 21:53 HERBERT WALLASCH, Pirna 7

Warum soll sich das jemand antun? Die gegebene Antwort darauf war jedoch unerwünscht!

06.01.2017 17:43 Andreas F (Lehrer) 6

Bei allem Respekt, die ich vor den Seiteneinsteigern habe - denn die haben es persönlich richtig schwer - kann es mit diesem Programm so nicht weitergehen. Ich arbeite an einer Schule die z.Z. 3 Seiteneinsteiger hat. Alle geben sich wirklich Mühe, aber nicht umsonst muss man den Beruf lange lernen. Ich bin gespannt,wann die ersten Eltern anfangen, nicht fachgerechte Zensierung bei Tests und abenteuerliche Zensurenvergabe einzuklagen. Hier mit Zukunftschancen gespielt. Wenn der erste von ihnen Bildungsempfehlungen schreibt oder Prüfungsaufgaben korrigiert, wird es eng auf den Gerichten. Oder sollen das dann in Mehrarbeit die Lehrer machen? Ich beobachte, dass der Unterricht absolut abhängig von fertigen Material ist (Arbeitsblätter und Stundenentwürfe aus den Internet) - damit wäre man als Lehrer durch kein Referendariat gekommen. Nicht, dass das nicht auch passiert, aber ist uns die Bildung so wenig wert, dass wir solchen Unterricht fördern?

06.01.2017 15:36 Fragender Rentner 5

Zitat von Oben: Lieber Beamter an der Ostsee als angestellt in Sachsen

Das sagt doch schon alles über unsere Regierung in Sachsen!

Nur keine ordendlichen Löhne und Gehälter zahlen wollen.

Sachsen soll wohl das Niedriglohnland im Osten bleiben?

06.01.2017 15:02 Frauke Garstig 4

Diese Seiteneinsteiger sind ein Hohn auf alle Lehramtsstudenten der TU Dresden, die ein ausgezeichnetes Examen abgelegt haben, keinen Referendariatsplatz in Sachsen und erst recht keinen Job in den letzten Jahren im Freistaat angeboten bekommen haben! Schlechte Studienbedingungen, eine unerhört desaströse Bürokratie und ein völlig unfähiges Vergabemanagment der Referendariatsplätze sind doch nur die Spitze eines völlig unfähigen CDU-geführten Kultusministerium! Diese ganze verkorkste Bürokratie hat doch erst die ländlichen Probleme geschaffen. Wenn ein Lehramtsantwärter ein gutes Referendariat im ländlichen Raum absolviert hat, dann sollte man auch die Bedingungen für die Übernahme schaffen.

06.01.2017 14:21 Bundesbürger 3

@2: Warum haben wir denn in Sachsen einen dramatischen Lehrermangel? Doch wohl ganz offensichtlich auf Grund einer falschen Personalpolitik im Bildungswesen mit der der Lehrerberuf in Sachsen für Bewerber mit Lehramtsausbildung ziemlich unattraktiv ist. Und nun greift man also zu sog. Seiteneinsteigern um es zu richten. Mag sein, daß diese hochmotiviert sind. Aber wieviele haben denn bekanntermaßen schon wieder hingeschmissen weil sie einfach ganz falsche Vorstellungen vom 24 h Fulltime-Job eines Lehrers hatten. Gleichwohl stellt sich der Freistaat Sachsen mit der Rekrutierung von Seiteneinsteigern für den Lehrerberuf ein Armutszeugniss aus und wertet damit die Tätigkeit der ausgebildeten Pädagogen massiv ab. Was kommt als nächstes? Das "Abitur" auf dem Niveau des jetzigen Realschulabschluß? Es könnte einem Angst machen!

06.01.2017 13:31 Silke Biederstedt 2

Lehrer als Seiteneinsteiger

Seiteneinsteeiger können die ausgebildeten Pädagogen natürlich nicht ersetzen, sonst bräuchte ja niemand diesen Beruf zu studieren. Darum geht´s aber nicht. Wir haben in Sachsen einen dramatischen Lehrermangel. Diese Lücke müssen wir zum Wohle unserer Kinder mit allen Mitteln schließen. Wir sollten den Akademikern danken, die sich dieser Aufgabe stellen, und Ihr Wissen und Erfahrung an der schule einbringen! Seiteneinsteiger sind als Lehrer absolut motiviert, Sie gehen bewusst den Schritt an die Schulen.