Dreiskau-Muckern
Bildrechte: MDR/Heike Fiedler

Dreiskau-Muckern Das besondere Dorf

Dreiskau-Muckern ist fast zu schön, um wahr zu sein. Der Ort, nahe des Störmthaler Sees, gleicht mit seinen denkmalgerecht restaurierten Höfen einem Museumsdorf. Anfang der 1990er-Jahre war das anders. Die teils verfallenen Höfe standen leer, der Ort sollte der Braunkohle weichen.

von Heike Fiedler

Dreiskau-Muckern
Bildrechte: MDR/Heike Fiedler

Rosen ranken an den Fachwerkmauern des bilderbuchschönen Dreiseithofes, in dem Claudia Hausdorf mit ihrer vier Generationen umfassenden Familie wohnt. Claudia Hausdorf lebt seit ihrer Geburt in Dreiskau-Muckern. Sie kennt das Dorf, das 1990 einem Geisterdorf glich.

Und sie hat miterlebt, wie der Ort wiederbesiedelt wurde und heute zu den schönsten in Sachsen gehört. Dreiskau-Muckern hebt sich ab von anderen Dörfern, sagt sie. "Weil wir jünger sind, weil wir nicht traditionell gewachsen, sondern zusammengewürfelt sind. Aktuell sind es 484 "zusammengewürfelte" Bewohner, davon 120 Kinder. Der Altersdurchschnitt liegt bei 40 Jahren. Handwerker sind darunter, Lehrer oder Ärzte. Künstler wie Maler, Bildhauer, Musiker oder Tänzer. Die meisten sind aus der Stadt zugezogen, um sich ihren Traum vom beschaulichen Leben auf dem Dorf zu erfüllen. Viele pflegen ein alternatives Lebenskonzept. Doch bevor es soweit war, mussten alle eine Art "Casting" bestehen, bei dem Mitte der 1990er-Jahre entschieden wurde, wer im Dorf leben darf.

Ein Dorf castet seine Bewohner

Fette Braunkohle liegt unter Dreiskau-Muckern, deshalb stand der Ort seit der Gründung der DDR unter Bergrecht. Braunkohlebagger hatten sich Anfang 1990 bis an den Ortsrand herangefressen, der Ort sollte wie so viele im Südraum von Leipzig überbaggert werden. Die Einwohner wurden umgesiedelt. 47 harrten aus in Dreiskau-Muckern, glaubten daran, dass die politische Wende auch eine Änderung des Braunkohleplanes mit sich bringt.

Unter ihnen war Werner Möbius, 81 Jahre, Großvater von Claudia Hausdorf. Als 1993 feststand, dass Dreiskau-Muckern nicht überbaggert wird und weiterleben kann, gründete er unter anderem mit dem damaligen Bürgermeister Thomas Graichen eine Art Vergabeausschuss, um neue Dorfbewohner zu finden. Wie bei einer Casting-Show wurden die Bewerber auf Herz und Nieren geprüft. Investoren, die die Höfe abreißen und Neubaublöcke errichten wollten, hatten keine Chance, sagen Thomas Graichen und Werner Möbius. Handwerker und junge Familien waren favorisiert.

Wir wollten neu anfangen, aber das Dorf mit den alten Dreiseithöfen erhalten. Wir haben die Leute rausgesucht, die hierher passen. Junge Familien mit Kindern, wir dachten uns, das wird was.

Werner Möbius

Aller Anfang ...

Christine Uhlmann mit ihrer Familie gehörte damals zu denen, die Schlange standen und ein altes Haus oder einen Hof kaufen wollten. Uhlmanns hatten sich für die alte Schäferei beworben. Ein Fachwerkhaus in bedauernswertem Zustand wie damals alle Häuser in Dreiskau-Muckern. Christine Uhlmann erinnert sich, dass die Bewerber vor der Vergabekommission die Sanierungspläne darlegen mussten. Grundlage für die Sanierung der Gebäude war eine Gestaltungssatzung, die festlegte wie die Dächer, die Fassaden, die Fenster aussehen sollten. Und die auch heute noch gilt. Christine Uhlmann erinnert sich noch an die Aufbruchstimmung.

Wir wollten ja alles das gleiche, was Historisches, Ökologisches. In den ersten Baujahren haben wir uns auch gegenseitig viel geholfen. Wir haben ja alle fast zur gleichen Zeit angefangen zu sanieren. Der eine hatte 'nen guten Klempner, der andere einen Maurer.

Christine Uhlmann

Und weil man einmal dabei war, Altes auf Vordermann zu bringen, haben die neuen Einwohner auch gleich die Kirche in Angriff genommen. Für eine neue Orgel sammelten sie Geld gesammelt, die Innenräume sanierten sie in unzähligen freiwilligen Arbeitseinsätzen.

Bildergalerie 700 Jahre Dreiskau-Muckern

An diesem Wochenende feiert Dreiskau-Muckern sein 700-jähriges Bestehen. Ein kleines Wunder, denn der Ort im Südraum von Leipzig war schon fast von der Landkarte verschwunden. Aber nicht nur das macht ihn besonders.

Dreiskau-Muckern
Die Dorfkirche in Dreiskau-Muckern von innen. Die Bürger haben es hier selbst in die Hand genommen: Für eine neue Orgel wurde Geld gesammelt, die Innenräume der Kirche wurden in unzähligen freiwilligen Arbeitseinsätzen saniert. Bildrechte: MDR/Heike Fiedler
Dreiskau-Muckern
Die Dorfkirche in Dreiskau-Muckern von innen. Die Bürger haben es hier selbst in die Hand genommen: Für eine neue Orgel wurde Geld gesammelt, die Innenräume der Kirche wurden in unzähligen freiwilligen Arbeitseinsätzen saniert. Bildrechte: MDR/Heike Fiedler
Dreiskau-Muckern
Vor der Kirche des Ortes: Ortsvorsteher Thomas Graichen und Christine Uhlmann. Bildrechte: MDR/Heike Fiedler
Dreiskau-Muckern
Die alte Schäferei, das Wohnhaus von Familie Uhlmann: Hier gibt es auch ein Tonstudio, das man mieten kann. Bildrechte: MDR/Heike Fiedler
Dreiskau-Muckern
Der Gasthof von Dreiskau-Muckern. Hier gibt es selbstgebackenen Kuchen. Bildrechte: MDR/Heike Fiedler
Dreiskau-Muckern
Claudia Hausdorf mit ihrem Großvater Werner Möbius. Der 81-Jährige lebte schon zu DDR-Zeiten in dem Ort. Bildrechte: MDR/Heike Fiedler
Dreiskau-Muckern
Der sanierte Dreiseithof der Familie Hausdorf-Möbius: Vier Generationen leben auf dem Hof. Bildrechte: MDR/Heike Fiedler
Dreiskau-Muckern
In Dreiskau-Muckern leben 120 Kinder. Der Altersdurchschnitt aller Bewohner zusammen liegt bei 40 Jahren. Bildrechte: MDR/Heike Fiedler
Dreiskau-Muckern
Einladung zur 700-Jahr-Feier – und zum Tag der offenen Höfe. Bildrechte: MDR/Heike Fiedler
Dreiskau-Muckern
Fenster der "Hillerei", dem Hof der Familie Hiller. Bildrechte: MDR/Heike Fiedler
Dreiskau-Muckern
Altes Haus ganz neu: Eines von vielen Schmuckstücken im wiederbelebten Dorf Dreiskau-Muckern. Bildrechte: MDR/Heike Fiedler
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Das Dorf  lebt

Auch wenn Dreiskau-Muckern wegen seiner gut erhaltenen Dorfstruktur komplett unter Denkmalschutz steht, ein verstaubtes oder verschlafenes Dorf ist es nicht.
Etwa 20 Gewerbetreibende sind im Ort ansässig. Auch Landwirtschaftsbetriebe prägen das Dorf. Im restaurierten Rittergutshof befindet sich eine Mehrzweckhalle, die der Sportverein, der Chor oder die Teilnehmer der Tanzkurse nutzen können. Es werden Straßenfeste oder Workshops für Künstler organisiert, man kann zum Dorfkino gehen und zur Walpurgisnacht die Hexen durchs Dorf reiten sehen.

Man hat sich eingelebt, sagt Christine Uhlmann. Inzwischen ist es in Dreiskau-Muckern so wie in jedem anderen Dorf. "Dass man zum Nachbarn geht und fragt, ob man ein paar Äpfel kriegen kann im Tausch gegen Tomaten". Man regt sich auf, wenn die Autos nicht auf den Grundstücken, sondern auf den schmalen Straßen geparkt werden. Oder wenn das Laub vor den Häusern nicht gekehrt wird.

Aber man hält zusammen in Dreiskau-Muckern. Ohne diesen Zusammenhalt würde es die 700-Jahr-Feier an diesem Wochenende nicht geben. Eine Feier, die fast das ganze Dorf organisiert hat. Bei der die Höfe der Einwohner offen sind, Theater gespielt wird, Musik gemacht wird und die Besucher durchs Dorf geführt werden. Ja, das Dorf lebt, sagt Christine Uhlmann.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: MDR SACHSENSPIEGEL | 12.08.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. August 2017, 21:22 Uhr

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