Europademo Leipzig
Bildrechte: MDR/Lars Tunçay

Kundgebung in Leipzig "Pulse of Europe" - FÜR Europa sprechen

Mehrere Hundert Leipziger sind am Sonntag einem Aufruf der Gruppe "Pulse of Europe" zu einer Kundgebung auf dem Leipziger Marktplatz gefolgt. Viele im europäischen Blau.

Europademo Leipzig
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Die Stimmung war gelöst, es wurde getanzt und die engagierten Reden wurden mit viel Beifall gewürdigt. Einige Hundert Teilnehmer – viele von ihnen im europäischen Blau gekleidet – fanden sich am Sonntagnachmittag auf dem Marktplatz im Herzen Leipzigs ein, um ein Zeichen zu setzen für Europa. Die Leipziger Musikerin Barbara Rucha hatte dazu aufgerufen: "Nach Brexitvotum und Trumpwahl spüren viele Europäer eine gewisse Schockstarre. Deshalb ist es jetzt wichtig, Flagge zu zeigen." Die Kundgebung fand unter dem Banner der Initiative "Pulse of Europe" statt, die bereits in vielen europäischen Großstädten aktiv für den europäischen Gedanken wirbt.

"Heute finden mit uns Kundgebungen in 34 Städten, in vier verschiedene Länder statt. Darunter Amsterdam, Toulouse und sogar in Großbritannien, in Bath", sagte Rucha. "15.000 Menschen sind für Europa auf der Straße." In Leipzig verlas man zunächst zehn Thesen zu Europa, die das Bündnis erstellt hatte, "um so viele Menschen wie möglich dafür zu motivieren, sich für Europa zu bekennen und wählen zu gehen." Sie beschreiben, was erhaltenswert ist an der europäischen Gemeinschaft.

Das brachte auch Paul auf den Punkt. "Ich verbinde mit Europa besonders das Thema Freiheit - die zu reisen und auch die Menschenrechte und die Pressefreiheit." Der junge Teilnehmer erzählt von seinen Reisen durch Estland und Finnland, europäische Nachbarn, die viel verbindet. "Die Finnen haben damals über den Eisernen Vorhang hinweg finnische Kindersendungen für die jungen Leute in Estland gesendet." Ein Beispiel für die europäische Gemeinschaft.

Biografien spiegeln Geschichte wieder

Der Leipziger Unternehmer Andreas Radicke-Schumann erzählt von seinem Vater. "Er nannte die Karl-Liebknecht-Straße immer Adolf-Südknecht-Straße, weil sie so oft umbenannt wurde: Einmal während der Weimarer Republik, da hieß sie Südstraße, die Nazis haben sie dann umbenannt in Adolf-Hitler-Straße. Nach dem Krieg wurde sie dann noch einmal umbenannt in Karl-Liebknecht-Straße, so heißt sie heute noch." Für ihn ein Beispiel für die Vereinnahmung des Alltags durch Systeme, etwas dass es nie wieder geben soll, wenn es nach ihm geht. Das spiegelt sich auch in der Biographie seines Vaters. "Er war im Krieg, in Kriegsgefangenschaft, hat sein Leben neu aufgebaut in der DDR, als er dann schon Rentner war, kam die Wiedervereinigung und er wurde damit auch Bürger der Europäischen Union. Solche oder ähnliche Biographien gibt es viele."

Europademo Leipzig
Vera Frosch meldete sich auch am Bürgermikrophon zu Wort. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay

Vera Frosch, gebürtige Leipzigerin, lebte 40 Jahre im "Exil", bis sie zurück nach Leipzig kam. "In der Zeit ist die Mauer gefallen, meine Kinder sind erwachsen geworden. Meine Tochter lebt seit vielen Jahren mit einem griechischen Mann in London. Diese Brexit-Entscheidung geht uns sehr ans Eingemachte. Wir machen uns große Sorgen darum, wie es weitergehen wird." Die Rentnerin ist den Tränen nahe. "Aber unsere Kinder sind zuversichtlich. Sie haben Vertrauen in das Leben, dass sie führen dürfen. Darum geht es, wir wollen doch alle, dass es unsere Kinder gut haben. Und das geht meines Erachtens nur in einem geeinten Europa."  

Zeit, sich zu Europa zu bekennen

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Pfarrer i.R. Christoph Wonneberger Bildrechte: MDR/Lars Tunçay

Vor 28 Jahren organisierte Christoph Wonneberger die Friedensgebete in Leipzig. Am Sonntag feierte der ehemalige Pfarrer seinen 73. Geburtstag und 200 Kehlen erbrachten ihm ein Ständchen. Auch er griff zum Mikrophon, mit dem alle Anwesenden ihre Gedanken zur Europäischen Union mitteilen durften. Die Stimmung war positiv. Zwischendurch ertönte Musik aus den verschiedenen europäischen Ländern: Klezmer, Fado, französische Chansons. Die nötigen Reformen wurden von den Organisatoren im Vorfeld angemahnt, am Sonntag waren sie kein Thema.

Der europäische Gedanke ist nach Meinung vieler Teilnehmer in den vergangenen Monaten mächtig unter Beschuss geraten. Stichwort Brexit oder die Präsidentschaftswahlen in den USA. Deshalb sei es Zeit, sich zu Europa zu bekennen, sagt die parteiunabhängige Bürgerinitiative "Pulse of Europe"und warb auf Kundgebungen in Amsterdam und Paris für den europäischen Gedanken. In Deutschland sind dem Aufruf bereits rund 30 Städte gefolgt.

Pulse of Europe Pro-Europademo in Leipzig

Mehrere Hundert Leipziger sind am Sonntag einem Aufruf der Gruppe "Pulse of Europe" zu einer Kundgebung auf dem Leipziger Marktplatz gefolgt. Hier einige Eindrücke.

Europademo Leipzig
Dunkle Wolken am Himmel Europas: Die Leipziger Demo will ein Zeichen setzen gegen den aufkeimenden Populismus. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Dunkle Wolken am Himmel Europas: Die Leipziger Demo will ein Zeichen setzen gegen den aufkeimenden Populismus. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Mehrere Hundert Leipziger fanden sich auf dem Marktplatz ein. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Auch Flüchtlinge nahmen an der Kundgebung teil. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Flagge zeigen: Die Leipziger wurden dazu animiert in Blau zu kommen, um ein Zeichen für Europa zu setzen. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Unternehmer Andreas Radicke-Schumann. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Die Menschen demonstrierten für ein buntes, vielfältiges Europa. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Die Stimmung war ausgelassen, zwischendurch gab es Musik und es wurde getanzt. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Auf dem Markt erstrahlte Blau-Gelb im Sonnenschein. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Viele Bürger ergriffen die Möglichkeit und äußerten sich leidenschaftlich für Europa. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Vor der historischen Kulisse des Alten Rathauses wurde der euopäische Geist beschworen. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Bis Anfang Mai jeden Sonntag Kundgebungen

Der Aufruf zur Einheit kommt in einem wichtigen europäischen Wahljahr: Am 15. März wird in den Niederlanden gewählt, am 23. April und 7. Mai findet die Präsidentenwahl in Frankreich statt, und im Herbst 2017 ist Bundestagswahl. "Pulse of Europe" möchte einen Beitrag dazu leisten, "dass es auch danach noch ein vereintes, demokratisches Europa gibt – ein Europa, in dem die Achtung der Menschwürde, die Rechtsstaatlichkeit, freiheitliches Denken und Handeln, Toleranz und Respekt selbstverständliche Grundlage des Gemeinwesens sind."

Mit Fahnen und blauen Bändern sind die Leipziger daher aufgerufen, sich zu Europa zu bekennen. Bis zur Präsidentschaftswahl in Frankreich Anfang Mai will "Pulse of Europe" jeden Sonntag in Leipzig für Europa demonstrieren. Am 12. März sind die Leipziger aufgerufen, Tulpen mitzubringen, denn dann steht die Wahl in den Niederlanden unmittelbar bevor.  

Zuletzt aktualisiert: 05. März 2017, 18:32 Uhr

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30 Kommentare

08.03.2017 11:30 Janes 30

@O-Perler 29: Wenn sie behaupte, dass die EU nicht reformierbar sei, scheinen sie nicht zu wissen, wasdie EU ist. Und bitte nein! Wieso sollten wir zurück ins "Mittelalter"?! Ach ups-da schreiben sie ja selbst, woher sie diesen hahnebühen Unsinn haben ....von RT ! Das ist ein Medium, was man ohne schlechtes Gewissen als Lügenpresse bezeichen muss. Sie haben ihrer Weisheit also von einem RUSSISCHEN ProgandaTV...soso! Und ihre Ansichten zur Demokratie kommt vom Erdogan-heute-Newletter? Wenn sie einen eigenen kritischen kopf haben, warum stützen sie dann ihre Hauptargumente auf die größten Schaumschläger? Das macht doch null Sinn

07.03.2017 22:09 O-Perler 29

@27.: Sie sind nicht satisfaktionsfähig! Trotzdem mein Kommentar zu Ihrer Meinungsäußerung; nur für die vielen mitlesenden Nichtkommentatoren hier und nicht für Sie: Ich bin absoluter Europafreund und mag meinen Heimatkontinent sehr; ich bin in den letzten Jahren ein entschiedener Gegner der EU geworden. Dieses Konstrukt gehört abgeschafft; es ist nicht reformierbar! An dessen Stelle müssen Verhältnissen von vor 1992 zurückkehren; schwierig genug! Zu dieser Erkenntnis haben mich nicht RT oder Sputnik gebracht; die laufen unter "Ferner" bei mir. Ich habe einen eigenen kritischen Kopf! Zur (auf Orwells Newspeak "Hate Speech" genannten) Haßbotschaft: Ich zitiere: "äußerste Rechte der USA" (warum nicht "Rechtsextremisten" oder gleich das Wort mit "N"?); "Breitbart-Dummheiten"; "Nazional"-Staaten! "AfD-NPD" (als Bindewort!); "desintelligent"! Fazit: Respekt für diese argumentative Kraft, die sooooo überzeugend ist!

07.03.2017 15:09 von Pappe 28

Also ich bin ein Nachkriegskind. Ich kann mich noch an sehr viele Ruinen und kaputte Häuser erinnern. Irgendwann entstand in mir die Überzeugung das wir Deutschen und ganz Europa aus den zwei Weltkriegen gelernt haben. Aber seit AfD und Pegida hab ich da so meine Zweifel.

07.03.2017 14:15 Steiner 27

Europafeinde beziehen ihre Argumente von den russischen Fake-News wie RT oder Sputnik, manchmal auch von den Beitbart-Dummheiten der äußersten Rechten der USA. Wer im 21. Jh. wieder zurück in die Gartenzwerg-Kolonien der Nazionalstaaten mit eigenem Geld und einer von Mir-san-Mir-Besoffenheiten zurückkehren will, der beschädigt nicht nur seine eigene Kultur, sondern zerstört jede Art von gesellschaftlichem Zusammenleben. Genau diese Zerstörung unserer Demokratie will Putin, die AfD-NPD und die noch desintelligentere Querulantentruppe namens Pegida.

07.03.2017 01:04 Hach ja, Untermensch... 19 26

Ich denke, dass wir Europäer gerade ganz andere Probleme haben als die Sommerzeit. Aber mal wieder ein netter Versuch... Ironie off...

06.03.2017 00:30 Dresdner zum Agnostiker 16 25

Im Genossen Agnostiker findet der damalige UdSSR-KGB-Agent Putin in Dresden mit bester Kenntnis um unseren Kleingeist und Connections einen ebenso dümmlich willfährigen Geist wie in Bachmann etc. pp.

06.03.2017 19:38 I. Maier 24

@ 4 irrsinnig: Entschuldigen Sie, wenn ich Sie beglückwünsche für Ihren Nutzernamen. Ich zeige gleich auf, wieso.

(1) Wenn alle nationalen Staaten, vielleicht sogar mit rechten Regierungen, denken: "Mein Volk zuerst"! Dann sieht irgendwann in früher Zukunft irgendein Staat mit rechter Regierung die Zeit gekommen, für sein Volk genauso viel zu fordern, wie der Nachbar. So entstehen Kriege.

(2) Sie reden nicht von Grenzschutz. Sie reden von "sicheren" Grenzschutz. Was soll das sein? Grenzen mit Mauer. Ich war zur Armee an der innerdeutschen Grenze (1 Jahr). Mir hat das gereicht und am Ende hat es nichts genutzt. Ich war wenigstens nicht vor der Entscheidung, von der Waffe Gebrauch zu machen. Die Rechten fordern das ja wieder. (Storch, Petry)

Deshalb eben irrsinnig diese Auffassung. Bevorstehende Kriege und Mauern! Und dazu noch nutzlos! Da ist doch die EU mit ihren Mängeln besser. Oder?

06.03.2017 17:25 Eulenspiegel 23

Von der Montanunion bis zur EU. Ja 70 Jahre Frieden ich denke das spricht für eine Union der europäischen Staaten. Wie war das im vorigen Jahrhundert? Da hatten wir innerhalb von gut 40 Jahren zwei Weltkriege. Ja ich weiß einigen Leuten sind 70 Jahre Frieden schon zu lange. Sie sagen“ Ich zu erst, meine Stadt zu erst, mein Land zu erst, meine Religion zu erst. Und das muss ich durchsetzen, egal wie. Ich denke da fängt es schon wieder an.
Ich bin für Europa weil alles andere den Rückfall in die Kleinstaaterei des Neunzehnten Jahrhunderts bedeuten würde.

06.03.2017 15:42 Janes 22

@real_silver 15: Welcher derzeitige Wandel? Manchmal kommt es mir vor, als diskutierte man über eine andere Welt. Das die Englnder den Brexit gewählt haben, haben die den ganzen Rentnern und "alten" zu verdanken, die lieber alles bissl in Ruhe haben wollen UND den Populisten, die den Leichtgläubigen die Hucke vollgelogen haben....von wegen 350 Mio Pfund die Woche nach Brüssel überweisen und derlei Humbuk. Nun sollen sie auch ganz schnell die Segel streichen und alleine rumwurschteln. Klar wird die das mehr kosten, als es bringt....ist ja auch logisch. Wer will schon sein Unternehmenssitz auf ner Insel, wo man Zölle zahlen muss und wieder ein Reisepass braucht. Um nur die deutlichsten Einschnitte zu zeigen. Der Brexit war keine kluge Wahl...aber Angst ist auch kein guter Ratgeber

06.03.2017 14:40 Für Europa 21

Den Nazis, der AfD oder den Pegida-Stänkerern dürfen wir nicht das politische Feld überlassen. Die wollen doch nur ihr nazionalistisches Zwergländchen Sachsen. Noch nie ging es uns so gut, aber scheinbar wollen manche wieder zurück in die roten oder brauenn Zeiten.