Region Leipzig

Arbeitsgericht Leipzig : Teilerfolg für BMW bei Leiharbeit

BMW darf zunächst 33 Produktionsarbeiter in seinem Werk in Leipzig weiter als Leiharbeiter beschäftigten. Das hat das Leipziger Arbeitsgericht am Mittwoch entschieden. Der Automobilkonzern will alle rund 1.100 Leiharbeiter zu den bisherigen Bedingungen weiter beschäftigen. Dafür braucht er die Zustimmung des Betriebsrats. Dieser lehnte jedoch ab und forderte eine Festanstellung der teilweise schon mehrere Jahre im Leipziger Werk tätigen Leiharbeiter zu Tarifbedingungen. BMW reichte wegen des Neins Klagen ein und bekam jetzt im ersten von insgesamt neun Verfahren recht. In den Verfahren sind die Leiharbeiter jeweils nach Beschäftigungsgruppen eingeteilt. Am Mittwoch ging es zunächst um die Arbeitsverhältnisse der 33 Arbeiter aus dem Produktionsbereich.

Gericht sieht keine sattelfeste Begründung für ein Nein

Justitia
Das Arbeitsgericht Leipzig überstimmte den BMW-Betriebsrat.

Das Arbeitsgericht erklärte in diesem ersten Verfahren, der Leipziger BMW-Betriebsrat hätte seine Zustimmung aus mehreren Gründen nicht verweigern dürfen: Zum einen kann er die Benachteiligung der Leiharbeitnehmer nicht anführen, weil er gar nicht für ihre Interessen zuständig ist – das wäre ein Betriebsrat bei der verleihenden Zeitarbeitsfirma. Zum anderen hätte festgestellt werden müssen, dass die Beschäftigung der Leiharbeiter in den vorgesehenen Werksbereichen gegen ein Gesetz verstößt. Das habe der Betriebsrat aber nicht getan, so das Arbeitsgericht.

Betriebsrat will nicht aufgeben

BMW-Werk in Leipzig
Fast jeder dritte Beschäftigte im Leipziger BMW-Werk ist ein Leiharbeiter.

Der DGB Sachsen zeigte sich unzufrieden mit dem Urteil. Vizechef Markus Schlimbach sagte MDR INFO, er habe ein anderes Urteil erwartet und sei sehr enttäuscht. Betriebsratschef Jens Köhler sagte dagegen nach der Verhandlung, man habe mit diesem Ausgang rechnen müssen und erwarte auch bei den restlichen Verfahren kein gegenteiliges Urteil. Deshalb werde überlegt, vor die nächste Instanz - das Landesarbeitsgericht - zu gehen. Außerdem geht es Köhler zufolge dem Betriebsrat um eine Definition, wie lange eine vorübergehende Arbeitnehmerüberlassung dauern darf. Langjährige Leiharbeiter hätten es verdient, zu den gleichen Konditionen wie Festangestellte beschäftigt zu werden. Deshalb sollten sie übernommen werden. Mit der Auslegung des Begriffs "vorübergehend" hatte sich das Arbeitsgericht aber gar nicht erst beschäftigt, weil dieser seiner Auffassung nach für die Entscheidung keine Rolle spielte.

IG Metall: BMW verletzt EU-Richtline und deutsches Recht

IG-Metall-Vizechef Detlef Wetzel
Der IG-Metall-Vizechef Wetzel wirft der Politik Nachlässigkeit bei der Formulierung des Arbeit- nehmerüberlassungsgesetzes vor.

Die IG Metall unterstützt die Sichtweise des Betriebsrats. Der Gewerkschaft zufolge verletzt BMW in Sachen Leiharbeit gleich mehrere Vorgaben. Der IG-Metall-Vizevorsitzende Detlef Wetzel sagte bei MDR INFO, das Unternehmen verstoße zum einen gegen eine EU-Richtlinie. Zum anderen widerspreche die Leiharbeitspraxis bei dem Unternehmen deutschen Gesetzen. So sei Leiharbeit für auftragsreiche Zeiten gedacht. Bei BMW sind einige Beschäftigte aber schon seit bis zu acht Jahren in Leiharbeit tätig: "Das ist eine ziemlich lange Auftragsspitze", meinte Wetzel. Dem Gesetzgeber warf er vor, die Formulierung "vorübergehend" nie richtig definiert zu haben.

Wetzel forderte eine ordentliche Bezahlung und eine sichere Beschäftigung der Mitarbeiter. Bei Leiharbeitern treffe dies nicht zu. Das sei bei BMW ganz ausgeprägt und kein guter Zustand für das Unternehmen sowie die gesellschaftliche Entwicklung. Deshalb wolle man generell klären lassen, ob Leiharbeiter überhaupt, wie bei BMW geplant, dauerhaft beschäftigt werden könnten.

BMW: Leiharbeiter unverzichtbar

Dem Betriebsrat zufolge beschäftigt BMW im Leipziger Werk derzeit etwa 2.700 Stammkräfte. Unternehmenssprecher Jochen Müller spricht von rund 2.800 festangestellten Mitarbeitern. Dazu kommen insgesamt 1.120 Leiharbeiter. Betriebratschef Jens Köhler sagte bei MDR 1 RADIO SACHSEN, dieser Leiharbeiteranteil an der Belegschaft sei wesentlich höher als an den westdeutschen Standorten. Es gehe nicht darum, überhaupt keine Leiharbeit zuzulassen, aber die Verhältnismäßigkeit müsse stimmen.

BMW-Sprecher Müller verteidigte dagegen das Arbeitsmodell in Leipzig. Das Werk könne auf einen "flexiblen Anteil an Zeitarbeitskräften" nicht verzichten: "Es ist unsere unternehmerische Verantwortung, eine Mindestkapazität an Stammkräften einzusetzen und den Bedarf darüber hinaus flexibel handhaben zu können." Müller verwies auf die Schwankungen im Autogeschäft, die mit Zeitarbeitern abgefedert werden könnten.

Gesamtmetall-Chef spricht von Ausnahme bei BMW

Martin Kannegießer
Gesamtmetallchef Kannegießer hält die BMW-Praxis für eine Ausnahme in der Branche.

Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegießer sieht den hohen Leiharbeiter-Anteil im Leipziger BMW-Werk als Ausnahme. Kannegießer sagte MDR INFO, die Situation in Leipzig sei nicht typisch für die Metall- und Elektroindustrie. Es sei sicher schon bei der Investition für dieses Werk ganz wichtig gewesen, ein hohes Maß an Flexibilität zu haben. "Aber solche besonderen Situationen, die sind nicht typisch." Es gebe auch Unternehmen in einigen Regionen, die hätten überhaupt keine Leiharbeiter. Im Durchschnitt seien es fünf Prozent der Belegschaft. Kannegießer räumte ein, dass aber selbst zum Auffangen von Auftragsspitzen 30 Prozent wie bei BMW Leipzig aus dem Rahmen fielen.

BMW baut in Leipzig verschiedene Modelle der 1er-Reihe und den Geländewagen X1. Derzeit wird das Werk für rund 400 Millionen Euro erweitert: Ab 2013 sollen dort auch die neuen Elektroautos vom Band laufen.

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2012, 14:58 Uhr

12. Michael A. Nueckel:
Hier war die Anwendung des § 99 BetrVG bei personellen Einzelmaßnahmen fraglich: Danach hat der Arbeitgeber den Betriebsrat (BR) vor jeder Einstellung zu unterrichten. Einstellung bedeutet Eingliederung von Personen in den Betrieb. Es geht also um das "ob", nicht um das "wie". Dem BR steht kein Mitbestimmungsrecht bei der Frage, ob Direktanstellung oder Leiharbeitsverhältnis zu. Das Ergebnis war vorhersehbar, weshalb diese Verfahren Unverständnis hervorrufen. Man kann das daher als gezielte gewerkschaftliche PR-Maßnahme gegen Zeitarbeit verstehen. BMW hat das im Vorfeld geschickt und smart kommuniziert. Die augenscheinlich praktizierte Harmonie zwischen den Streitparteien läßt danach fragen, "war das ein inszeniertes Spiel", bei dem beide als Sieger sich fühlen dürfen? Jeder nutzt es auf seine Art für sich? Daher darf der BR auch gegen die BMW AG prozessieren, m.a.W. was hat der BR der BMW AG dafür als Zugeständnisse versprochen? Mehr Zeitarbeit?
18.02.2012
09:47 Uhr
11. Sächsist:
Nun mal nicht immer auf der Leiharbeit rumhacken! Die zahlen wenigstens Mindestlohn und haben Tarifverträge. Bei BMW in Leipzig bekommt ein Leiharbeitnehmer das gleiche Gehalt wie ein Festangestellter. Das sind ja nun mal Fakten! Man sollte sich doch wohl eher um die kümmern die so wenig verdienen, dass sie noch zum Amt müssen um aufzustocken. Schaut euch mal die Löhne bei Bäckerketten, Gastronomie oder Hotel an. Es wird ja nun wirklich niemand gezwungen als Leiharbeiter zu arbeiten.
16.02.2012
12:03 Uhr
10. Erhan S.:
So groß kann das Einvernehmen zwischen Geschäftsleitung und Be- triebsrat nicht getrübt sein. Im Aufsichtsrat sitzen als Arbeitnehmer- vertreter IG-Metall Vorstände, alle Betriebsratsvorsitzende der Werke nebst dem Gesamtbetriebsratsvorsitzenden als stellvertr. Aufsichtsrats-vorsitzender. Bereits hier hätte der Widerstand gegen diese Unternehmens- politik stattfinden müssen. Nein, wichtig ist die Gewinn- maximierung und die macht man über eine Belegschaft, nämlich Leiharbeiter, künftig als Werkvertrags`ler. Sogar behinderte Menschen aus sogenannten "besonderen Werkstätten" werden seit Jahrzehnten bei BMW München mit Wissen der Betriebsräte als "Leiharbeiter" eingesetzt. Warum jetzt der große Aufschrei der Betriebsräte? Läßt es sich gesellschaftlich nicht mehr verantworten? Erhan S.
16.02.2012
09:57 Uhr
9. x-x-x:
Das ist nur im Werk Leipzig so in anderen Standorten ist das Verhältnis deutlich geringer. Deshalb „GO WEST“ wenn du sicher Arbeiten willst. Wenn man es in die Group geschafft hat kann man sich intern wieder noch Leipzig versetzen lassen, wenn man die Abschläge in kauf nimmt.
15.02.2012
23:05 Uhr
8. Karin C.:
Solche Möglichkeiten dienen nur dazu die Gewinne zu erhöhen. Politiker haben in den Vorständen und Aufsichtsräten nichts verloren. Sie sollen im Auftrag von uns Bürgern handeln und arbeiten und nicht den Posten als Sprungbrett zum Geld nutzen. Nebenjobs für Politiker gehören verboten. Wir, die Steuerzahler bezahlen - Aufstockung der Gehälter bei Geringverdiener (Existenzminimun) - höhere Rentenbeiträge weil Geringverdiener auch weniger einzahlen - Strompreiserhöhung zur Entlastung der Großkonzerne zahlt der kleine Endverbraucher (Danke H. Rösler) - für die Banken, weil diese glauben Sie spielen Monopoly und die Rechnung zahlt wieder der kleine Bürger Da würde mir noch sehr viel einfallen. Und das alles nur damit die Gewinne immer mehr steigen. Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Von Gerechtigkeit und Anstand keine Spur. Im Grunde sind wir die Arbeitgeber der Politiker, doch das haben diese vergessen.
15.02.2012
22:39 Uhr
7. Eqaul Pay:
Wer glaubt, dass Zeitarbeit nur für kurzfristige Einsätze genutzt wird, der irrt. Schauen Sie in das Arbeitsangebot der Arbeitsagentur. Die Zeitarbeit sucht in allen Branchen. Das ist staatlich verordnetes Lohndumping durch ein schlampiges Arbeitnehmerüberlassungsgesetz. Niedrige Löhne auf H4-Niveau, niedrige Einzahlungen in unsere Sozialsysteme und im Rentenalter wieder auf Stütze angewiesen, das ist die Entwicklung. ...und denken Sie nicht, das wird nur von Firmen geordert, die um die Existenz kämpfen, nein, börsennotierte Unternehmen haben Anteile von Leiharbeitern von über 50 Prozent. Politiker tut endlich etwas, um wieder eine klare Regelung mit genauer Datierung in die Gesetze aufzunehmen. Was man jetzt spart, wird unsere Jugend bezahlen!
15.02.2012
22:24 Uhr
6. explo:
Das Problem ist dads die Menschen sich zum Leiharbeiter nmachen lassen sich einfach dagegen verschließen ist der beste Weg.Angebot-Nachfrage nur so regulieren sich die Löhne.Geht einfach nicht zu verleihfirmen,nur bei höheren Lohn.Wir haben damals bei VW gearbeitet.Die Firma SAP hat dann mehr gezahlt 472 Leiharbeiter unserer Firma wurden über Nacht abgezogen 9,6 Millionen Euro Verlust bei VW.Die neuen Leiharbeiter mußten 6 Wochen angelernt werden also nochmal um die 20 Millionen Verlust.Fragt doch einfach in Eurer Niederlassung nach wer mehr bezahlt und hört bei BMW auf,die Zeitarbeitsfirma wird zustimmen wenn es woanderst mehr zuholen gibt wie bei BMW.
15.02.2012
20:42 Uhr
5. Reiner202:
Hoch lebe die Sklaverei,von DEUTSCHEN Gerichten unterstützt.
15.02.2012
20:34 Uhr
4. Joe Ackermann:
Jedenfalls noch einmal herzlichen Dank an die SPD. Wie hiess es vor Zeiten so treffend: Wer hat euch verraten...?
15.02.2012
20:17 Uhr
3. checkthis:
Hinzukommen noch das die meisten Leiharbeiter nur 35 tunden Verträge haben also 152 Im Monat aber 184 Stunden arbeiten der Rest verschwindet aufs Zeitkonto.Was ein rechtelose,Eigenkapital,zinsenreiches Darlehen ergiebt.Die Zeitkonten sind eh gegen AÜG § 18 Absatz 4.1-4.6.Also warum arbeiten die dann(noch dazu in Schichten) die Leiharbeiter sollen in Generalstreik treten sich organiesieren und nicht anonym nebenbei arbeiten.Bei 1200 Leiharbeitern ergibt sich in einer Stunde ein Schaden von 250.000 Euro ohne Zykluszeiten .Warum um die Abfalle der Tafel balgen mit Dumpinglohn. Ein Schaf kann auch nicht von der Jagd singen.Und die Schafe sind leicht versprungen wenn der Schäfer erst einmal gestellt ist. Ein eigentlich ein schöner Ansatz für die Leihbuden,wenn sie Ihre Leute zurückziehen..kommen Bittschriften von BMW und die Leihbuden können für die Leihmos noch höhere Löhne verlangen. Los Personaldisponenten laß uns BMW ausbluten.Wir wollen für unsere Leihmos 36 Euro Stundenlohn.
15.02.2012
19:37 Uhr

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Zeitarbeit

Leih- oder Zeitarbeit ist auf dem
deutschen Arbeitsmarkt ein wachsender Sektor. Rund drei Prozent aller
sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Deutschland sind bei
einer der mehr als 17.000 Firmen angestellt, die ihre Leute anderen
Unternehmen überlassen. Die Gehälter der rund 900 000 Leiharbeiter
liegen in den meisten Fällen unterhalb des Niveaus in den Entleihbetrieben. Der Mindeststundenlohn beträgt 7,89 Euro im Westen. Im Osten liegt er bei 7,01 Euro. Etwa jeder dritte Leiharbeiter ist in Betrieben der Metall- und Elektroindustrie beschäftigt. Nach Erhebungen der IG Metall verdienen Leiharbeiter je nach Ausbildung zwischen 34 und 46 Prozent weniger als der fest angestellte Kollege nebenan.

(Nachrichtenagentur dpa)

EU-Richtlinie zur Gleichbehandlung (EU-RL 2008/104/EG Art.5)

Die EU hat die Gleichbehandlung der Leiharbeiter im grundsatz geregelt. Die wesentlichen Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen
der Leiharbeitnehmer während der
Dauer ihrer Überlassung an das entleihende Unternehmen
müssen danach mindestens denjenigen entsprechen, die für sie gelten würden, wenn sie von diesem Unternehmen unmittelbar für den gleichen Arbeitsplatz eingestellt worden wären.

Die wohl wichtigste Ausnahmeregelung findet sich in Art. 5 Abs. 3 der Richtlinie. Danach kann in Tarifverträgen von dem Grundsatz der Gleichbehandlung abgewichen werden.

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