Bausparvertrag
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LWB und Stadt Leipzig starten Modellprojekt Günstig Bauen ohne Grundstück

Innenstadtnah, in den eigenen vier Wänden, wohnen, bleibt für viele in Leipzig ein unbezahlbarer Traum. Um kostensparendes, kooperatives und innovatives Bauen und Wohnen zu stärken, hat die Stadt Leipzig zusammen mit der Wohnungsbaugesellschaft LWB nun ein Modellprojekt gestartet. Das Zauberwort heißt: Erbbaurecht.

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Leipzig wächst stetig und Baugrundstücke in der Stadt werden immer weniger. Gerade für Baugemeinschaften sind günstige und geeignete Grundstücke fast nicht zu haben. Damit gerade diese Menschen die Chance haben, sich den Traum vom eigenen Haus zu erfüllen, haben die Stadt Leipzig und die kommunale Leipziger Wohnungsbaugesellschaft LWB ein Modellprojekt gestartet. Aus dem Liegenschaftsfonds der LWB sollen zwei Grundstücke in Erbbaurecht für Baugemeinschaften ausgeschrieben werden.

Im Westen was Neues

Konkret geht es um Flächen in Leipzig-Plagwitz und Leipzig-Lindenau. Erstere liegt in der Klingenstraße, ist 490 Quadratmeter groß und hat einen Verkehrswert von 85.000 Euro. Das Grundstück in Lindenau ist über 1.000 Quadratmeter groß, hat alten Baum- und Buschbestand und hat den Wert von 395.000 Euro. Im August beginnt die Ausschreibung. Dann haben Baugemeinschaften drei Monate Zeit, ein Konzept abzugeben. Danach entscheidet sich, wer die Grundstücke pachten darf, für die Dauer von 99 Jahren. Kosten für die Baugemeinschaft: jährlich vier Prozent Erbbauzins auf den Grundstückspreis.

Das Ziel des Projektes ist es, innerstädtisches und kostensparendes Wohnen in Gemeinschaft zu stärken und innovative Projekte zu initiieren. Bislang haben Baugemeinschaften in Leipzig alte Häuser günstig erworben, um diese zu sanieren, erklärte Jens Gerhardt vom Netzwerk Leipziger Freiheit, das die zukünftigen neuen Bauherren betreuen wird. Heutzutage sei das mehr oder weniger unmöglich, weil der private Markt durch Investoren viel zu stark und aggressiv sei, so Gerhardt weiter. Dass jetzt Neubauten mit Erbbaurechtsverträgen entstehen sollen, ist für Leipzig eine Premiere.

Es gibt fast keine Beispiele von Baugemeinschaften in Leipzig, wo das Ganze im Neubau erfolgt ist.

Jens Gerhardt Netzwerk Leipziger Freiheit

Nichts für Einzelkämpfer

Um die Grundstücke können sich nur Baugemeinschaften bewerben. Janina Schendera und Philipp Siedenburg haben daran Interesse. Sie sind auf der Suche nach weiteren Mitstreitern und haben das erste Zusammentreffen zwischen dem Netzwerk, seinen Kooperationspartnern und der LWB genutzt, um Kontakte zu knüpfen. Was genau die kleine Familie plant, weiß sie selbst noch nicht. Sie könnten entweder eine Genossenschaft gründen oder eine GbR, die darauf abzielt, ein selbstgenutztes Eigentum zu schaffen. Auch ein Verein ist möglich, der das Bauprojekt inne hat und sie damit als Projektmitglied Mieter im eigenen Haus wären. Andere Interessierte haben schon konkretere Vorstellungen. So wie Regina und Haytham Suleiman. Ihr Plan: eine Art Mehrgenerationenhaus.

LWB und Stadt starten Modellprojekt
Janina Schendera und Philipp Siedenburg überlegen, sich für eines der angebotenen Grundstücke als Baugemeinschaft zu bewerben. Bis August hat die junge Kleinfamilie Zeit, weitere Mitstreiter zu suchen. Bildrechte: MDR/Babara Brähler

Auf den Inhalt kommt es an

Bei der Vergabe werde vor allem auf die inhaltliche Ausrichtung des Konzepts geachtet, erklärt Jens Gerhardt. Ausschlaggebend sind Kriterien wie Wirtschaftlichkeit, vielseitiges Wohnungsangebot, geeigneter Wohnraum für Familien, Senioren und Menschen, die nur schwer Chancen auf dem Wohnungsmarkt haben oder Ideen, die Nachbarschaft und Umfeld bereichern.

Projekte, die das Thema soziale Wohnraumförderung bei sich implementiert haben, haben sicher mehr Chancen.

Jens Gerhardt Netzwerk Leipziger Freiheit

Das Modellprojekt hat für die Stadt einen großen Vorteil. Sie kann im Erbbaurechtsvertrag sehr genau festschreiben, was auf dem Grundstück gebaut werden darf und vor allem, was letztendlich realisiert wird.

Da steckt ein stadtpolitischer Wille dahinter, auf Liegenschaften die man vergibt, langfristig die Hand darauf zu halten, um nach Abblauf des Erbbaurechts zu überlegen, wie zum Beispiel das Gebäude genutzt werden soll.

Jens Gerhardt Netzwerk Leipziger Freiheit

LWB und Stadt starten Modellprojekt
Jens Gerhardt vom Netzwerk Leipziger Freiheit beim Fragenkolloqium in Lindenau. Um den zukünftigen Baugemeinschaften einen guten Start zu ermöglichen, hatte das Netzwerk zahlreiche Experten zum ersten Treffen der Interessenten eingeladen. Bildrechte: MDR/Babara Brähler

Ein weiterer Pluspunkt: Über die gesamte Laufzeit hinweg landet ordentlich Geld im Stadtsäckel. In Summe werde das Grundstück mehrmals über die Laufzeit der 99 Jahre bezahlt, so Gerhardt. Addiere man den Erbbauzins zusammen, sei das etwa das Vierfache des Grundstückspreises. Die Baugemeinschaften sparen sich im Gegenzug die Anschubfinanzierung für das Grundstück - oft ein großer Posten beim Hausbau in der Stadt.

Erbbaurecht - Was ist das und wie funktioniert es? Das Erbbaurecht ist das Recht, meist gegen Zahlung eines regelmäßigen sogenannten Erbbauzinses auf einem Grundstück ein Bauwerk zu errichten oder zu unterhalten. Das Erbbaurecht kann wie ein Grundstück veräußert, vererbt und belastet werden. Nach Ablauf der vereinbarten Zeit erlischt das Erbbaurecht. Errichtete Gebäude müssen dann aber nicht vom Grundstück entfernt werden, vielmehr erhält der Erbbauberechtigte eine Vergütung für sein Gebäude.

Um bei der Gründung von Baugemeinschaften zu helfen, bietet das Netzwerk Leipziger Freiheit Kontaktmöglichkeiten auf seiner Homepage an. Auch ein zweites Treffen ist geplant. Es soll am 8. Juni 2017 stattfinden.

Über dieses Thema berichtete MDR SACHSEN auch im Radio: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 29.03.2017 | Regionalnachrichten Studio Leipzig

Zuletzt aktualisiert: 12. Mai 2017, 23:32 Uhr

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1 Kommentar

13.05.2017 17:55 Wolfgang Schön 1

Mit großem Interesse habe ich Ihren Beitrag gelesen. Leider hat das Zauberwort "Erbbaurecht" auch seine Schattenseiten. Einziger Gewinner ist m.E. der Erbbaurechtsausgeber, denn wo bekommt dieser Eigentümer für sein Geld schon 4% Zinsen und das auch gleich noch 99 Jahre lang? Angesichts der aktuell niedrigen Hypothekenzinsen halte ich einen Erbbauzins von 2% des Grundstücksverkehrswertes für vernünftig und angemessen. Insofern sind 4% Erbbauzinsen wohlmöglich noch mit einer Anpassungsklausel versehen (z.B. Anpassung des Erbauzinses an die Lebenshaltungskosten) für die Erbbauberechtigten ein wirklich schlechtes Geschäft.