Ein kleiner Junge soll geimpft werden
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21. Sächsischer Impftag "Impfen ist eine gesellschaftliche Pflicht"

500 Ärzte und Gesundheitsexperten haben sich am Sonnabend zum 21. Sächsischen Impftag getroffen. Die hohe Anzahl Grippefälle und der Masernausbruch in Leipzig waren nur zwei der Themen, die besprochen wurden. Auch der Schutz vor Geschlechtskrankheiten stand auf der Agenda der Mediziner.

Ein kleiner Junge soll geimpft werden
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Etwa 500 Menschen in Deutschland sind in dieser Saison an der Grippe gestorben, mehr als 50 davon in Sachsen. Über 15.000 Grippe-Erkrankungen wurden bislang im Freistaat gezählt - das geht aus der aktuellen Statistik hervor, die den Medizinern zum Impftag am Sonnabend in Leipzig präsentiert wurde. Die meisten Fälle hätten durch eine Impfung verhindert werden können. Über Impfschutz zu informieren und darauf hinzuweisen, wie wichtig dieser ist, hält Michael Borte, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum St. Georg in Leipzig, für notwendig. Er organisiert den Sächsischen Impftag seit mehreren Jahren und hält Impfen für eine gesellschaftliche Pflicht.

Impfpflicht?

Borte ist wichtig, dass er seinen Kollegen Argumente mitgeben kann, die sie Impfzweiflern oder -gegnern erwidern können. Denn das Problem habe zugenommen. Grund dafür seien auch Beiträge im Internet über negative Auswirkungen von Impfungen. Wissenschaftlich seien diese nicht haltbar, meint Borte.

Professor Dr. Michael Borte beim 21. Sächsischen Impftag im Augusteum der Uni Leipzig
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Die Impfpflicht muss man durchaus diskutieren. Wenn sich die Bundesrepublik das Ziel stellt, die Masern zu eliminieren, wie das die WHO vorschlägt bis zum Jahr 2020, haben wir gesehen, dass es mit unserer jetzigen Impfphilosophie nicht funktioniert.

Professor Dr. Michael Borte Mitglied der Sächsischen Impfkommission

Deshalb hält Borte eine Impfpflicht auch nicht für ausgeschlossen. Als Vorbild könnte die Praxis aus den USA dienen: Dort werden Kinder nicht eingeschult, wenn sie nicht geimpft sind. Wären 95 Prozent der Kinder in Deutschland gegen Masern geimpft, würde eine sogenannte Herdenimmunität entstehen. Durch diese wären auch die restlichen fünf Prozent geschützt, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können oder sich nicht impfen lassen wollen. Das habe schon bei den Pocken funktioniert, meint Borte.

"Köperverletzung für die Kinder"

Peter Gebauer, Kinderarzt aus Borna, spricht sich klar für eine Impfpflicht aus. Denn hartnäckige Impfgegner ließen sich auch nicht durch die aktuelle Masernepidemie beeindrucken. Die Argumente der Impfgegner hält Gebauer für sehr irrational.

Es ist schon eine Art Körperverletzung für die Kinder, wenn ihnen die Impfung vorenthalten wird. Aber letztendlich sind die gesellschaftlichen und gesetzlichen Bestimmungen so, dass die Eltern das zu entscheiden haben und dann auch damit leben müssen, wenn dem Kind was passiert.

Dipl. med. Peter Gebauer Kinderarzt

Nach Einschätzung des Paul-Ehrlich-Instituts des Bundesgesundheitsministeriums überwiegt der positive Nutzen von Impfungen das Risiko. Der jüngsten Veröffentlichung aus dem Sommer 2016 zufolge wurden bundesweit im Jahr 2014 rund 3.700 Verdachtsfälle von Impfnebenwirkungen und -komplikationen gemeldet, davon 43 Fälle mit bleibendem Schaden. Das Institut erhielt zwölf Meldungen zu Verdachtsfällen mit einem tödlichen Ausgang.

Argumente statt Zwang

Petra Albrecht, Amtsleiterin des Gesundheitsamtes Meißen, hält eine Impfpflicht für unrealistisch. Daher setzt Albrecht auf Überzeugungsarbeit und Argumente. Denn auch wenn die Zahl der Impfungen im Landkreis Meißen stabil sei, merke man doch, dass immer mehr Eltern dem Impfen sehr skeptisch gegenüber stehen. Unsicherheit und Unwissen über die Wichtigkeit der Impfungen seien Gründe. Dazu käme, dass man schnell vergesse, wie wichtig eine Impfung sei, wenn man die Erkrankung nur selten oder gar nicht sehe.

Petra Albrecht beim 21. Sächsischen Impftag im Augusteum der Uni Leipzig
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Ein Fall, der vielleicht mal mit Nebenwirkungen zu tun hat, ist sehr viel emotionaler behaftet als die vielen Fällen, wo alles gut gegangen ist. Man kann ja schlecht belegen, dass eine Impfung gewirkt hat, dass eine Erkrankung nicht aufgetreten ist.

Dipl. med. Petra Albrecht Gesundheitsamt Meißen

Albrecht würde sich wünschen, dass sich auch mehr Bewohner ihres Lankreises gegen die Grippe impfen lassen würden, insbesondere im medizinischen Bereich. Tatsächlich lassen sich nur zehn Prozent des medizinischen Personals gegen die Influenza impfen, bestätigt Michael Borte. Anders als die Impfung gegen Masern, muss eine Grippeimpfung jedes Jahr aufgefrischt werden, weil sich das Virus ständig ändert. Krankenhausmitarbeiter, die keine Grippeimpfung haben, dürfen nur mit Mundschutz arbeiten - zum einen, um sich nicht anzustecken, zum anderen, um das Virus nicht zu übertragen. Auch hier müsse also noch jede Menge Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit geleistet werden, gesteht Borte.

Impfen gegen Geschlechtskrankheiten und Krebs

Dörte Meisel, Vorsitzende des Bundesverbandes der Frauenärzte in Sachsen-Anhalt, liegt vor allem die Impfung gegen Humane Papillomviren (HPV) am Herzen. Die sexuell übertragenen Viren können zu Krebs (Gebärmutterhals-, Scheiden-, Schamlippen-, Peniskrebs und Krebs im Nasen-Rachen-Raum) und Genitalwarzen bei Frauen und Männern führen. Bisher übernehmen die Krankenkassen die Impfung nur für Frauen bis zum 18. Lebensjahr. Alle anderen müssen die Kosten von 300 bis 500 Euro pro Impfung meist selbst tragen.

Dörte Meisel beim 21. Sächsischen Impftag im Augusteum der Uni Leipzig
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Den ersten, den ich geimpft habe, das war mein Sohn. Er hat es überstanden, wie jede andere Impfung auch. Er hat das dann sogar als Marketing-Instrument benutzt - der hat zu seinen Mädels gesagt: 'Ich kann dich nicht mit Gebärmutterhalskrebs anstecken, ich bin geimpft.'

Dipl. med. Dörte Meisel Frauenärztin

Meisel hat die Kosten auf sich genommen und ihre beiden Söhne geimpft. Sie ist überzeugt, dass man Genitalwarzen und -krebs auf ein Minimum reduzieren könnte, wenn sich Jungen und Mädchen impfen lassen würden, bevor sie das erste Mal Sex haben. Deshalb müsse diese Impfung nicht vom Frauenarzt oder Urologen gemacht werden - auch Kinderärzte könnten sie geben, meint Meisel.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch in Radio und Fernsehen: MDR 1 RADIO SACHSEN | 11.03.2017 | Nachrichten ab 09:00 Uhr
MDR SACHSENSPIEGEL| 11.03.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. März 2017, 22:08 Uhr

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12 Kommentare

13.03.2017 12:05 Wolpertinger 12

@11.03.2017 22:02 Helga:
Aber klar. Siehe Vogelgrippe und Schweinepest.

12.03.2017 19:42 Blumenfreund 11

"Impfen ist eine gesellschaftliche Pflicht"? ... Ist es eben nicht! Opium fürs Volk, oder was...?

12.03.2017 15:37 Meisenkeiser 10

"Den ersten, den ich geimpft habe, das war mein Sohn. Er hat es überstanden, wie jede andere Impfung auch. Er hat das dann sogar als Marketing-Instrument benutzt - der hat zu seinen Mädels gesagt: 'Ich kann dich nicht mit Gebärmutterhalskrebs anstecken, ich bin geimpft.'"

Muss man sich Frau Dipl. Med. Meisel als Gradmesser des Niveaus dieser Tagung vorstellen?
Die umstrittene HPV-Impfung als "Marketing-Instrument" für häufig wechselnden Geschlechtsverkehr?

12.03.2017 15:36 Sabrina 9

"Etwa 500 Menschen in Deutschland sind in dieser Saison an der Grippe gestorben, mehr als 50 davon in Sachsen. Über 15.000 Grippe-Erkrankungen wurden bislang im Freistaat gezählt(...) Die meisten Fälle hätten durch eine Impfung verhindert werden können."
Es ist immer dasselbe.
Es wird noch nicht mal angegeben, wieviel von den Erkrankten und von den Verstorbenen geimpft waren und wieviel nicht.
Es gibt ernsthafte und begründete Zweifel an diesem Impfungen. Zum Beispiel das Jahres-Zeit-Abhängige Auftreten dieser Erkrankung. Das spricht dafür, dass es eben keine Infektion ist, sondern eine Erkältung.
Sogenannte Viren sind vom Körper selbst erzeugte Transporteiweise. Deswegen haben sie auch keinen eigenen Stoffwechsel.
Impfen nützt nur der Ärzteschaft und den Impfstoffherstellern.
Deswegen werden auch kontrollierte Studien seit Jahrzehnten verhindert oder verschwiegen.
Ausnahme: BCG-Impfung gegen Tuberkulose. Ergebnis: schädlich !!!
Und? Tuberkulose-Epedidemie seither?

12.03.2017 15:03 Gerhard 8

"Impfen ist eine gesellschaftliche Pflicht". Dem kann man eigentlich zustimmen. Wie sieht dies aber bei den vielen eingebürgerten Ausländern bzw. Migranten aus?

12.03.2017 13:33 Morchelchen 7

Schön, wie hier mal wieder herum philosophiert wird... Impfpflicht war in Sachsen vor Jahrzehnten gar kein Thema - die gab es eben! Das war auch gut so. Was gewisse andere Impfungen betrifft, dazu bestand die Veranlassung für die Durchschnittsbürger gar nicht. Gerade die Frau Meisel wird wissen, dass das Risiko für die ihr Gebiet betreffenden Krankheiten minimal ist bei einem normalen Lebenswandel. Ich habe vor vielen Jahren in der (später verbotenen) URODA darüber einen interessanten Artikel einer bekannten Frauenärztin gelesen. Im Ausland ging man schon immer offener darauf ein, vor allem konkret auf die Ursachen. Dieses Drum-Rum-Gerede, ja endloses Herumgesülze, ist eigentlich nur in Deutschland üblich. Übrigens nicht nur hier - es wird generell gern an den Symptomen herum laboriert, das Problem nicht da kuriert, wo es entsteht... Man sollte doch vorrangig dafür sorgen, dass genug Impfstoff gegen die Kinderkrankheiten vorhanden ist, da gibt es leider echte Engpässe.

12.03.2017 13:26 Rumstehen 6

Gesellschaftliche Pflicht? Vor 80 Jahren klang es ähnlich mit der Pflicht der Volksgemeinschaft.
Deshalb auch solche dümmlichen Forderungen. Und wenn man dem impfwütigen Arzt eine Haftungserklärung vorlegt, stellt er ganz schnell fest, dass man sich ja doch nicht impfen lassen muss.
Wundere mich eh wie man sich mit Verstand gegen Grippe impfen lässt, nur weil sich die Industrie 6 Monate vorher auf den zukünftigen Virenstamm geeinigt hat.
Und wer mit Nazijargon von ungeimpften "Schmarotzern" spricht, ist offensichtlich von der Wirksamkeit seiner Impfung selbst nicht überzeugt oder hält diese selbst für wirkungslos.

11.03.2017 00:59 Paulchen 5

Wenn ich die älteren Kommentare so sehe, scheint es wieder eine seeehr objektive Diskussion zu werden... und besonders kurz (ein Satz je Kommentar). Impfen ist schließlich alternativlos, und Diskussionen sowieso.
Dass eine Grippeimpfung etwas anderes ist als Impfung gegen Masern, Tetanus oder HPV und auch unterschiedlich wirkt, geht völlig verloren. Für erstere würde der Impfstoff für eine Impfung der kompletten Bevölkerung bei Weitem nicht reichen und bei der jährlichen Wiederholung würden primär Industrie und Ärzte verdienen. HPV-Impfungen haben bekannte Nachteile und Nebenwirkungen, es gibt nur wenige Langzeitstudien. Tetanus und Masern sind dagegen seit Jahrzehnten erprobt, das macht wirklich fast immer Sinn. Also, differenziert diskutieren!

11.03.2017 22:45 Inge Humboldt 4

Völliger Schwachsinn!!!

11.03.2017 22:02 Helga 3

Komisch, Tiere in der Natur überleben prima ohne jegliche Impfung. Kann es sein, dass das Immunsystem der Menschen durch eine denaturierte Lebensweise geschwächt ist?