Eine Männerhand hält eine Kinderhand fest.
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Kindesmissbrauch in der DDR "Man lernt damit umzugehen, dass der Staat immer Recht hat"

Missbrauch von Kindern und Jugendlichen - das gab es in der DDR offiziell nicht. Doch viele Jahre nach der Wende zeigt sich ein anderes Bild. Auf einem öffentlichen Hearing in Leipzig erzählen Betroffene am Mittwoch aus ihrer Jugend, die geprägt war von Gewalt.

Eine Männerhand hält eine Kinderhand fest.
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"Ich bin als Säugling bis zum 18. Lebensjahr in Einrichtungen aufgewachsen, die der Umerziehung galten. Im Prinzip konnten die mit einem tun und lassen, was sie wollten." Wenn René Münch diesen Teil seiner Lebensgeschichte erzählt, bekommt man als Zuhörer zwangsläufig einen Kloß im Hals. Bis zu seinem 18. Geburtstag musste er einiges über sich ergehen lassen: Berührungen von Erziehern im Intimbereich und auch sexuelle Übergriffe von älteren Heimkindern, Erziehern und dem Mann seiner Mutter.

René Münch
René Münch war jahrelang in verschiedenen Heimen untergebracht. Sowohl dort als auch in der Familie wurde er missbraucht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über seine Erlebnisse spricht Münch erst seit 2012. Als er mit der Aufarbeitung seiner Geschichte beginnt, ist er 51 Jahre alt. "Über die Heimerziehung spricht man, aber dass dort auch sexueller Missbrauch stattgefunden hat, darüber spricht man nicht. Das liegt aber auch an uns Betroffenen. Man muss die Hemmschwelle überschritten haben. Ich habe gesagt, damit muss man an die Öffentlichkeit gehen. Denn das sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Und man leidet auch das ganze Leben drunter."

"Der Staat durfte nicht beschmutzt werden"

Die Geschichte von René Münch ist längst kein Einzelfall - obwohl es Missbrauch in der DDR offiziell nie gegeben hat. Erst seit 2010 bekommt diese Fassade erste Risse. Mittlerweile hat eine Aufklärungskommission die Arbeit aufgenommen, um Betroffenen von sexuellem Missbrauch in der DDR Recht und Gehör zu verschaffen. Mitglied der Kommission ist auch die ehemalige Familienministerin Christine Bergmann. Nach einem Jahr Arbeit stellt sie fest: "Das Thema sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen war in der DDR weit mehr und länger tabuisiert als in den alten Bundesländern. Egal ob in der Familie oder in Heimen. Es passte nicht in die heile sozialistische Gesellschaft. Der Staat durfte nicht beschmutzt werden."

Die Heime in der DDR unterstanden dem Ministerium für Volksbildung. Wer also einen Angestellten oder ein ganze Heim mit Missbrauchsvorwürfen konfrontierte, legte sich auch mit dem Staat an. Vor dem zweiten öffentlichen Hearing zum Thema Kindesmissbrauch in der DDR stellt Kommissionsmitglied Bergmann aber auch klar, dass es nicht darum gehe, zu bewerten, wo Missbrauch schlimmer war - in Ost oder West. In der DDR wurde nur noch stärker verschwiegen, was in Heimen oder hinter geschlossenen Wohnungstüren passierte. Denn wer sich Gehör verschaffte, musste mit Repressalien rechnen.

"Ein Beispiel für den Umgang mit bekanntgewordenen Fällen: Ein Kind wurde zuhause so schwer misshandelt, dass das auch nach DDR-Recht hätte strafrechtlich verfolgt werden müssen. Obwohl der Vater die Tat zugegeben hat, wurde dem Kind gedroht: Wenn es weiter darüber spricht, muss es ins Heim."

Berüchtigtes Torgau

Ins Heim kommen oder noch schlimmer auf einen Jugendwerkhof – das will niemand. Und doch kamen viele Kinder und Jugendliche dort unter. Dafür gab es die nichtigsten Gründe. Auch bei Corinna Thalheim, sie wurde wegen 'Schulbummelei' eingesperrt und kam später für gut drei Monate in den berüchtigten Jugendwerkhof Torgau. "Torgau war ein geschlossener Jugendwerkhof. Ich wusste damals nicht, warum man mich dort hingebracht hat. Das wurde mir nicht gesagt auf dem Transport."

Heute sagt sie, Torgau sei die schlimmste Zeit in ihrem Leben gewesen. Besonders verstörend waren für sie diverse Vergewaltigungen durch den Direktor der Anstalt. Darüber gesprochen hatte auch sie jahrelang nicht - aus Angst und Scham. "Mit 18 bin ich nach Hause gekommen. Und da war ich nur 'die aus dem Knast'." Das Schweigen hat Corinna Thalheim 2010 gebrochen, als auch die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule bekannt wurden. Heute ist sie Mitbegründerin einer Selbsthilfegruppe für Betroffene des Jugendwerkhofs.

Stigmatisierung - auch heute noch

Mittlerweile haben sich nach Angaben der Kommission über 1.000 Betroffene von Missbrauch gemeldet, um ihre Geschichte zu erzählen und die Aufarbeitung voranzutreiben. In einigen Fällen ist das vertrauliche Gespräch mit Mitgliedern der Aufarbeitungskommission das erste Mal, dass Betroffene offen über ihr Erlebtes sprechen.

Christine Bergmann
Christine Berg ist Mitglied der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Sie führt Gespräche mit Betroffenen und bietet ein offenes Ohr. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wer in einem Jugendwerkhof untergebracht war, redet nicht über die Zeit, sagt Christine Bergmann: "Die Jugendlichen da wurden gebrochen. Sie mussten Schweigeerklärungen unterschreiben. Und dadurch, dass es lange kein Thema war, hat die Gesellschaft auch nicht reagiert, wie man es möchte. Die haben das schlichtweg nicht geglaubt. Die sagen: 'Wenn der im Heim war, dann wird schon was gewesen sein.' Das ist die langläufige Meinung gewesen. Die kommt mir noch immer entgegen."

Forschung noch ganz am Anfang

Noch bis 2019 soll sich die unabhängige Kommission zur Aufklärung sexuellen Kindesmissbrauchs mit dem Thema beschäftigen. Doch die Experten stellen fest: Noch steht die Forschung hier ganz am Anfang. Die Mitglieder wollen sich nun dafür einsetzen, dass ihr Auftrag verlängert wird. Auch mehr Unterstützung für Betroffene - sowohl finanziell als auch psychologisch - steht auf ihrer Agenda.

Corinna Thalheim fasst zusammen: "Wichtig für die Betroffenen ist, dass man die Gleichstellung zu allen anderen Opfern des DDR-Regimes herstellt. Mehrfachbetroffenheit muss endlich auch von der Politik anerkannt werden. Es gibt keine Möglichkeit, Hilfe und Anerkennung des Leides zu bekommen."

Aufgaben der Kommission Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs untersucht sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland. Darunter fällt zum Beispiel Missbrauch in (religiöser) Institutionen, in Familien, im sozialen Umfeld, durch Fremdtäter oder im Rahmen von organisierter sexueller Ausbeutung.

Quelle: MDR/kp

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch in Radio und Fernsehen: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Nachrichten aus dem Studio Leipzig | 11.10.2017 | 12:30 Uhr
MDR SACHSENSPIEGEL | 11.10.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2017, 10:02 Uhr

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15 Kommentare

13.10.2017 10:17 @Anfrage 12 15

Je nach Standpunkt fehlt zu jedem Thema und in jeder Geschichte immer ein Stück Film. Die Lebensumstände ändern sich, nicht die Charaktere.

13.10.2017 07:57 guantche 14

Hier sollte erstmal klargestellt werden, wer der Staat ist. Der Staat
sind wir Bürger und nicht die Politik.

12.10.2017 18:08 unfassbar 13

Ullrich 7 schreibt:
"Die Opfer gehören anerkannt und entschädigt! Vielleicht kommt ja auch noch der eine oder andere verantwortliche vor Gericht!"
..........
Hierzu möchte angemerkt werden, dass viele Opfer schon ihre Anerkennung und Entschädigung erhalten haben.
Es werden hier also keine neuen Tatsachen benannt, eine Suche im Netz ergibt unzählige Ergebnisse.
Warum gerade jetzt so ein Artikel erscheint, sei dahin gestellt (Ich habe nicht überlesen, dass am Mittwoch ein öffentliches Hearing in Leipzig stattfindet!).
Seit vielen Jahren werden schon entsprechende Beispiele veröffentlicht. Einfach grausam und schrecklich, was da passiert ist, auch besonders Jugendwerkhof Torgau.
Leider wird wohl keiner der Täter und Verantwortlichen der gerechten Strafe zugeführt werden (können).

@ Anfrage 12
Es ging nicht streng, sondern grausam und unmenschlich zu!

12.10.2017 14:21 Anfrage 12

Wer eigentlich einmal den Mut Untersuchungsausschüße zu fordern, die einmal prüfen über Mißstände , Unterdrückung der Frauen , das Leben in Internaten usw. in den alten Bundesländern zu Zeiten der BRD ? Wir würden es gern erfahren , wie es dort zu ging und auch den Bewohnern dort mal nach 67 Jahren zeigen , daß sie nicht nur in einer Demokratie und Menschlichkeit gelebt haben . Bevor die Frau nur wegen "Schulbummelei " ins Heim gekommen ist , wurden sicher mehrere Gespräche im Elternhaus und in ihrer Schule geführt , oft wurden die Betriebe mit eingeschaltet . (So war es in unserer Schule zu tiefsten DDR Zeiten , auch das der Vaters einer Schülerin in den Knast kam ,weil er sich an ihr vergriffen hat wahr bekannt . Wo und mit wem hat sie ihre durch die Schwänzung gewonne Freizeit verbracht , die Ermahnungen nicht ernst nahm ,darüber spricht sie nicht !? Bekannt wahr es auch schon in den 60ziger Jahren , daß es in Erziehungsheimen streng zu ging .

12.10.2017 10:16 Als selbst Betrfoffener 11

ekeln mich die Versuche, diese Dinge politisch auszuschlachten, nur an. Was prädestiniert den Herrn Sachse dazu, hier Gutachter zu sein, außer seiner antikommunistischen Gesinnung? Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Union der Verbände der Opfer Kommunistischer Gewaltherrschaft ist er - da weiß man, was rauskommen soll und auch rauskommt. Warum wird ein evangelischer Theologe beauftragt, kein Kinderpsychologe, Kriminologe oder Sexualwissenschaftler, was ja plausiblerer wäre?
Herr Sachse kommt als Theologe zudem aus einem Laden, dessen Unfähigkeit mit Problemen des Kindesmissbrauchs und der Sexualität angemessen umzugehen sprichwörtlich ist.

12.10.2017 08:34 Ullrich 10

@Part#5
Jede Art von Kindesmissbrauch ist eine widerliches Verbrechen, da haben sie Recht. Trotzdem sind ihre Ablenkungsversuche eine Frechheit den Opfern gegenüber!
Ich kann in diesem Bericht beim besten Willen pauschalisierten Beitrag sehen. Diese Geschichte gehört auch zur Geschichte der DDR. Auch wenn für einige es offensichtlich schwer zu ertragen ist, dass der Mythos der Kranken DDR immer mehr ans Tageslicht kommt.

11.10.2017 23:58 astrodon 9

@3
was bitte genau ist denn die frechheit ? das es missbrauch gab oder das heute darüber geredet wird ?

11.10.2017 23:31 part 8

Heute lässt sich singen...die Koalition und der Innenminister, die haben immer Recht, besonders wenn es um die Gewähr von Grundrechten geht oder die Aufarbeitung von Staatsverfehlungen, aktuell oder historisch.

11.10.2017 23:15 Ullrich 7

#2&3
Seid ihr noch zu retten? Wie kann man so ein ernstes Thema so in den Dreck ziehen.
@Torsten nutzt es wie immer und seine Rechte Gesinnung und seinen Haas Aufgabe den Staat und die "linken" kund zu tun.
@Frau Atheist aus Mangel an Beweisen sieht ihr tolle DDR unschuldig in den Dreck gezogen!
So einen Mangel an Empathie habe ich noch nie erlebt.
Die Opfer gehören anerkannt und entschädigt! Vielleicht kommt ja auch noch der eine oder andere verantwortliche vor Gericht!

11.10.2017 23:00 Udo Degen 6

Das DDR-Regime rennt noch frei rum!!!!