Auf einem gepflasterten Platz liegt ein rot-gelbes Laufrad
Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Mehr als nur Erzieherin Von Beruf Eltern

Überforderte Eltern, traumatisierte Kinder. Ein Alltag im Ausnahmezustand. So sehr im Ausnahmezustand, dass das Jugendamt einschreitet, manchmal auch die Kinder von ihren Eltern trennen muss. Eine Alternative zur Unterbringung in einem Kinderheim könnte dann eine Pflegefamilie sein oder aber auch eine sogenannte integrative Familie. Hier ist mindestens ein Elternteil ein professioneller Erzieher oder Pädagoge.

Auf einem gepflasterten Platz liegt ein rot-gelbes Laufrad
Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Roswitha und Karl-Heinz Helbig sind solche Eltern. Keine Pflegeeltern, auch keine Adoptiveltern. Ihr Lebensmodell heißt integrative Familie. Er ist inzwischen Rentner, sie die professionelle Pädagogin, angestellt beim St.-Elisabeth-Verein in Leipzig. Ihr Beruf ist es, Kinder aus gescheiterten Verhältnissen in einem neuen Familienleben aufzufangen. Ihre beiden Töchter sind längst aus dem Haus, und dennoch geht es bei den Helbigs derzeit zu wie bei einer jungen Familie. Ihre beiden derzeitigen Obhutskinder gehen in die erste Klasse, haben im vergangenen Jahr Schulanfang gefeiert. Was so alltäglich klingt, ist oft ein Kraftakt.

Das Mädchen lebt seit März vergangenen Jahres bei den Helbigs. Ein kleines Kind mit schwerem Schicksal. Die Mutter fiel einem Tötungsverbrechen zum Opfer. Von einer Sekunde auf die andere war nichts mehr, wie es sein sollte.

Das ist ein unsagbarer Schicksalsschlag. Man merkt es an ihrem Verhalten, den Weinattacken, die sie hat.

Roswitha Helbig, Pädagogin
Doris Mensel (Fachberaterin), Claudia Griese (Heimleiterin), Roswitha und Karl-Heinz Helbig (Eltern auf Zeit) v.l.n.r.
Roswitha und Karl-Heinz Helbig holen sich regelmäßig Rat bei ihren Kollegen im Verein und besprechen weitere Erziehungsziele ihre Kinder. Bildrechte: Grit Grimmer

Roswitha und Karl-Heinz Helbig leben dieses Leben mit dem Schicksal fremder Kinder, die manchmal fast zu den eigenen werden, seit 23 Jahren. Wichtigste Stütze für die Pädagogin Roswitha Helbig ist in all den Jahren ihr Mann. Ohne ihn, gehe nichts, sagt sie. Die beiden Erstklässler sind Kind sieben und acht. Und bei jedem Kind ist es ein neuer Balanceakt zwischen Mutter- und Erzieherrolle.

Kuscheln ... da tue ich mich immer ein bisschen schwer. Ich habe auch noch kein Kind mit in mein Bett genommen. Das ist meine Regel, dafür bin ich eben Erzieherin.

Roswitha Helbig, Pädagogin

Derzeit werden über den St.-Elisabeth-Verein auf diese Weise in Leipzig vier, im Landkreis Nordsachen fünf Kinder betreut. Viele stehen auf der Warteliste, doch es mangelt an Erziehern, die sich solch einen 24 Stunden-Job an 365 Tagen im Jahr vorstellen können. Es gibt keinen Feierabend. Die einzige Auszeit ist der Urlaub. Natürlich nicht spontan, sondern langfristig geplant. Meist fahren die betreuten Kinder in dieser Zeit in ein vom Träger organisiertes Ferienlager. Im Gegensatz zu Pflegeeltern sind die Pädagogen, die sich so einen Beruf zutrauen, beim Träger angestellt.

Symbolbild: Glückliche Familie - Kinderzeichnung mit Kreide - Vater, Mutter und Kind stehen unter der strahlenden Sonne auf einer grünen Wiese neben einem Haus mit rauchendem Schornstein.
Bildrechte: Colourbox.com

Das eine ist eine Berufstätigkeit wie bei einer Heimerzieherin, nur man bleibt eben zu Hause.

Doris Mensel, Fachberaterin St.-Elisabeth-Verein

Gedacht ist eine Unterbringung in einer integrativen Familie vor allem für kleinere Kinder und solche, wo klar ist, dass sie nicht wieder in ihre eigenen Familien zurück können. In der Familienerziehung gibt es, anders als in Heimen oder Wohngruppen, keinen Schichtwechsel. Die Bezugspersonen wechseln nicht. Regeln können kontinuierlicher eingehalten werden.

Vize-Eltern
Bildrechte: Grit Grimmer

Die Familien sind immer rar. Wir haben jetzt im Moment vier Familien für solche Aufaben. Aber das reicht bei Weitem nicht. Bei uns liegen derzeit zehn Anfragen vor. Alles Kinder unter zehn Jahre, die also noch lange betreut werden müssen.

Claudia Griese, Heimleiterin beim St.-Elisabeth-Verein in Leipzig

Für die Helbigs sind ihre beiden Grundschulkinder wohl die letzten, die sie in ihrer Familie aufgenommen haben. Sie haben Höhen und Tiefen erlebt. Ein längst erwachsener Junge kommt noch immer regelmäßig zu Besuch. Aber es gibt auch Fälle, in denen das große Vorhaben nicht gelungen ist, die Helbigs nach einem halben Jahr aufgeben mussten, das Kind in ihre Familie zu integrieren und ihm einen normalen Start ins Leben zu ermöglichen.

Wir haben sehr schöne Dinge erlebt mit unseren Kindern, aber auch sehr böse. Die Bösen vergisst man, die schönen Momente bleiben.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio: MDR 1 RADIO SACHSEN | 09.01.2017 | Regionalstudio Leipzig | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Februar 2017, 20:17 Uhr

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3 Kommentare

09.02.2017 15:43 Stephan 3

Und wer "überfordert" ist und wer nicht entscheiden Leute, die dafür kaum oder keine Kompetenzen besitzen, nach Tagesform.
Hauptsache die Kinderverwertungsindustrie in Deutschland erhält Nachschub. Schließlich will man "Arbeitsplätze sichern" - irgendwelche extrem zweifelhaften Leute, die dann an den ohnehin durch die gewaltsame und oft grundlose (!!) Trennung von ihren Eltern schwer traumatisierten Kindern herum pfuschen dürfen!

Die teils sehr reservierten Aussagen der hier im Beitrag zitierten Personen lassen schreckliche Jahre für die verschleppten Kinder erahnen!

Anscheinend geht die eine Person auch davon aus, dass Kinder dauerhaft betreut werden müssen - ein Zurück zu den Eltern wird gar nicht erst in Betracht gezogen!

09.02.2017 14:10 Kristina Becker 2

Es gibt auch Fälle, in denen das Jugendamt grundlos Kinder aus ihren familiären Umfeld reißt, sie fremd unterbringt, sie vom Kontakt zu ihren Eltern, Freunden abschirmt, sie dadurch zutiefst traumatisiert und das dann den Eltern anlastet. Zum Beispiel das Jugendamt Havelland, über das die MDR Umschau bereits berichtete. Dort telefonieren Jugendamt und Richter ganz ungeniert miteinander, und teilen sich mit, dass sie eine neue Kindeswohlgefährdung finden müssen, um eine Rechtfertigung für den Entzug zu erfinden.

09.02.2017 09:15 Cassandra M. 1

Was für eine Politik die tausende Familien zerreißen "weil sie überfordert sind" und darum pro Tag VIER BUSSE voller Kinder abholt und in Heime steckt. Wenn sie angeblich so erschüttert sind, wo bleibt die Ursachen-Abschaltung. Oder ist es den Verantwortlichen egal, Hauptsache Kinder weg??!!