Die Bewohnerin eines Altenpflegeheimes sitzt in ihrem Zimmer in einem Rollstuhl
Bildrechte: dpa

1. Sächsischer Fachtag für pflegende Angehörige "Früher oder später rutschen Pflegende in die Armut"

Einen Familienangehörigen zu Hause zu pflegen, ist eine große Herausforderung. Und so selbstverständlich es für viele auch ist, füreinander da zu sein und zu helfen - die Pflegenden selbst können schnell in die Situation kommen, selbst Hilfe zu brauchen.
Die gesetzliche Pflegeversicherung sieht zwar einige Maßnahmen vor, um pflegende Angehörige zu entlasten. Aber die reichen längst nicht aus, erklärt Annelie Wagner, die Initiatorin des 1. Sächsischen Pflegetages, im Interview.

Die Bewohnerin eines Altenpflegeheimes sitzt in ihrem Zimmer in einem Rollstuhl
Bildrechte: dpa

Frau Wagner, wie sind Sie persönlich darauf gekommen, sich im Bereich Pflege zu engagieren? Gab es da eine persönliche Erfahrung?

Ja, natürlich. 1996 begann sich meine Mutter zu verändern. In der Folge habe ich sie elf Jahre lang gepflegt. Sieben Jahre lang war die Situation sehr ungeklärt. In dieser Zeit, in der ich sie gepflegt habe, sind sehr viele Dinge auf mich eingeströmt. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Auch in der Zeit danach. Denn Pflege wirkt auch nach. Deshalb engagiere ich mich bei "Wir pflegen".

Welche sind die drei häufigsten Probleme, mit denen pflegende Angehörige zu kämpfen haben?

Die drei Hauptprobleme sind: das Unterstützungsproblem, das Zeitproblem und irgendwann folgt auch das Finanzproblem.

Die gesetzliche Pflegeversicherung sieht ja vor, dass sich pflegende Familienangehörige Auszeiten nehmen, auch mal Urlaub machen können. Ist das praktikabel?

Das ist ein großes Problem. Zwar hat das Pflegestärkungsgesetz III dazu geführt, dass die Zeiten dafür verlängert wurden und die Möglichkeiten etwas variieren, aber trotzdem muss es erst einmal organisierbar und bezahlbar sein und es müssen entsprechende Angebote da sein. Und das nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land. Da sind die Verantwortlichen schnell überlastet. Zum Beispiel die Kurzzeitpflege: Da besteht zwar grundsätzlich die Möglichkeit einen Zuschuss von der Kasse zu bekommen, aber es gibt keinen Platz. Wir haben das bundesweit viel zu wenige Angebote. Ich bin selbst in Not geraten als ich mit Krebsverdacht ins Krankenhaus gekommen bin und keinen Kurzzeitpflegeplatz gefunden habe. Da ist für mich eine Welt zusammengebrochen und deshalb frage ich auch immer: „Warum ist das so?“

Ich bin im Juni zum Pflegegipfel in Berlin gewesen, im Gesundheitsministerium. Da waren Vertreter aus der ganzen Bunderepublik vor Ort. Auch dort hat man dieses Problem angesprochen. Und es hat sich herausgestellt, dass zum Beispiel in Heidelberg für solcherlei Fälle zehn Notplätze freigehalten werden. Wenn das dort geht, dachte ich, dann muss ich schauen, ob das nicht auch bei uns funktionieren kann.

Und sehen Sie da eine Chance, dass sich das ändert?

Also grundsätzlich muss man sagen, dass solch eine Kurzzeitpflege ja bezuschusst wird, aber man eben kein Recht auf einen Platz hat. Und es dementsprechend wenig Plätze gibt es. Bei uns im Landkreis gibt es für 6000 Pflegebedürftige 80 Kurzzeitpflegeplätze. Resultierend aus der Anregung in Berlin hatte ich da über einen Ausschuss der Stadt nachgefragt, ob das nicht in Zwickau wie in Heidelberg sein könnte. Da hat man mir gesagt, dass es damit schwierig aussieht, weil die Kurzzeitpflege ein Verlierer der Pflegegesetze ist. Diese Antwort habe ich dann weitergegeben in die Enquete-Kommission Pflege im Landtag. Dort versprach man mir, dass man meine Anregung aufnimmt und bearbeitet. Nun hoffe ich, dass sich was tut.

Wo ist es in Sachen Geld noch schwierig im Bereich Pflege?

Die Pflege ist keine Vollkaskoversicherung. Das heißt, es muss um alles gekämpft werden. Und die Angebote, die es gibt, sind auch nicht voll bezahlbar. Erstens durch die Versicherung, zweitens muss man sehr viel selbst dazu bezahlen. Und wer Vollzeit pflegt, hat ohnehin Probleme den Beruf und die Pflege zu vereinbaren. Das heißt: Früher oder später kommt man in die Armut.

Pflegende Angehörige, die einer Arbeit nachgehen, haben laut Gesetzgeber die Möglichkeit, sich bis zu sechs Monate von der Arbeit freistellen zu lassen. War diese "Pflegezeit" eine gute Idee?

Das war gut gedacht, ist in der Realität aber kaum möglich. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung von diesem Jahr sagt, dass nur sechs Prozent der berufstätigen Hauptpflegepersonen diese Möglichkeit überhaupt annehmen. Jeder fünfte Betroffene gibt seine Erwerbstätigkeit sogar auf. Und das Pflegeunterstützungsgeld für insgesamt zehn Tage reicht nicht, um irgendetwas zu organisieren. Und immer mal einen Tag nehmen, ist auch nicht sinnvoll. Und auch dieses zinsfreie Darlehen… das ist ein Schuss in den Ofen, denn die Menschen haben Angst, damit in die Armut zu geraten.

Ich habe letztens in einer Stadtratssitzung in Zwickau die Personalchefin der Kommune gefragt, wie viele der 1.000 Beschäftigten der Kommune das Angebot in Anspruch nehmen und es sind gerade einmal zwei. Und das will schon was heißen, denn es gibt ja auch Berufe, in denen man nicht krank werden darf und es generell schwerer ist als für Mitarbeiter in einer Kommune.

Gibt es noch weitere Möglichkeiten, die Pflegende entlasten können?

Eine Möglichkeit, die schon viele nutzen, ist das Internet. Wir haben ja in Sachsen diese Internetplattformen, auf denen man sich informieren soll. Ein, wenn auch eher negatives Beispiel, ist das der sog. Nachbarschaftshelfer. Diese soll man sich über das Pflegenetzwerk suchen. Aufgrund des Datenschutzes darf sich dort aber nicht jeder eintragen. Das hat dazu geführt, dass man zum Beispiel für Zwickau nur drei Leute findet, obwohl viel mehr ausgebildet wurden. Das liegt am Datenschutz.

Trotzdem ist das Internet im Zusammenhang mit Pflege eine gute Sache. Ich hätte ohne Internet nicht pflegen können. Und ich wäre heute nicht hier, wenn ich im Internet nicht den Verein "Wir pflegen" gefunden hätte. Man muss das Internet aber richtig nutzen.

Wir als Verein haben vom Bundesministerium für Gesundheit ein Modellprojekt genehmigt bekommen, das heißt "Digitale Onlineselbsthilfe für pflegende Angehörige". Das wird sicher eine gute Sache werden. Ich könnte mir das zum Beispiel auch für Sachsen vorstellen. Denn nur so können sich Interessenverbände finden. Gerade in Sachsen wäre das wichtig.

Über dieses Thema berichtete MDR SACHSEN im Radio und Fernsehen:
MDR SACHSEN - Das Sachsenradio
MDR SACHSENSPIEGEL

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2017, 17:03 Uhr