Sachsen

Protest : Seifhennersdorf führt Schulbetrieb illegal fort

Seit mehr als zehn Jahren kämpft die Mittelschule in Seifhennersdorf gegen die Schließung. Und auch in diesem Schuljahr wurde der Schule die Einrichtung der fünften Klassen verweigert. Doch die Seifhennersdorfer wollen das nicht hinnehmen und haben einen Protestunterricht organisiert. 23 Schüler werden dort derzeit unterrichtet. Kultusministerin Brunhild Kurth werfen Eltern und Bürgermeisterin Wortbruch vor. Sie habe noch im April fest zugesagt, dass es die fünften Klassen in Seifhennersdorf geben wird. Doch nun beruft sich die Ministerin auf die Entscheidung des Verwaltungsgerichts. Dieses hatte bestätigt, dass es kein öffentliches Interesse gebe und die Voraussetzungen für die Einrichtung der fünften Klassen nicht gegeben sei.

Junge vor einer Schuletafel.

Die Mittelschule in Seifhennersdorf probt den Aufstand. Wie die Sächsische Bildungsagentur dem MDR bestätigte, werden dort derzeit 23 Schüler "rechtswidrig unterrichtet". Laut Bildungsagentur stellt das Vorgehen der Eltern eine Ordnungswidrigkeit dar, die auch geahndet werden könnte.

Bürgermeisterin wirft Ministerin Vertrauensbruch vor

Karin Berndt, Bürgermeisterin von Seifhennersdorf, ist fassungslos und entsetzt über die Ereignisse. Bei "Fakt ist…!" im MDR FERNSEHEN sagte sie am Montag, es habe im April eine feste Zusage der Kultusministerin gegeben, dass die Kinder der fünften Klassen in die Schule in Seifhennersdorf gehen dürfen. Kurth habe damals wörtlich gesagt, über die fünften Klassen diskutiere man nicht mehr, die seien sicher. Doch daran habe man sich nicht gehalten. Berndt spricht von einem Vertrauensbruch. Sie sei fassungslos und entsetzt.

Karin Berndt kritisierte in der Sendung auch die Umstände, wie die Entscheidung des Ministeriums zustande kam. Es hätten für die Genehmigung genau zwei Schüler gefehlt. Diese seien zum Anmeldestichtag auch noch da gewesen, hätten dann aber noch eine Bildungsempfehlung für das Gymnasium bekommen. Dadurch sei die Zahl unter die erforderliche Schülerzahl von 40 gerutscht. Die sächsische Bildungsagentur erklärte dazu am Dienstag, dass die Bildungsempfehlung für das Gymnasium auch erst am Ende des Schuljahres erteilt werden könne, wenn der Schüler die Anforderungen dann erst erfüllt. Die letzte Entscheidung würden dann die Erziehungsberechtigten fällen.

Berndt befürchtet Eskalation

Berndt appellierte in der Sendung schließlich noch einmal an die Kultusministerin. Sie solle Wort halten und "nicht weiter intakte Schulstrukturen opfern, nur um vielleicht eine Lehrerstelle zu sparen". Die Missstände in Seifhennersdorf müssten beseitigt werden, bevor die Situation eskaliere. Sie fürchte um den sozialen Frieden im Ort und in den benachbarten Schulen. Zudem wolle sie nicht, dass weiter das Gerücht die Runde mache, in Seifhennersdorf solle ein politisches Exempel statuiert werden.

Kurth beharrt auf Entscheidung

Brunhild Kurth
Kurth: Entscheidung ist gefallen.

Kultusministerin Kurth lehnt ein Einlenken ab und verweist dabei auf die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Dresden. Dieses hatte am 31. August einen Eilantrag abgelehnt, mit dem sich die Stadt Seifhennersdorf gegen die Entscheidung des Ministeriums zu Wehr setzen wollte. Kurth sagte am Montagabend bei "Fakt ist…!", es sei eine eindeutige Entscheidung gefallen. Ihre Bitte sei, dass die Schüler ihren normalen Schulalltag beginnen. Der Landkreis habe die Mittelschule Seifhennersdorf ohnehin schon seit Jahren nicht mehr als Standort ausgewiesen. Zudem seien die umliegenden Schulen aufnahmefähig für die Schüler aus Seifhennersdorf.

Verwaltungsgericht: Kein öffentliches Interesse

Das Verwaltungsgericht Dresden hatte am Freitag vor Schuljahresbeginn die Entscheidung des Ministeriums bestätigt. In der Urteilsbegründung heißt es, das Sächsische Kultusministerium könne als oberste Schulaufsichtsbehörde die Mitwirkung an der Unterhaltung einzelner Klassenstufen widerrufen, wenn ein öffentliches Bedürfnis für deren Fortführung nicht mehr besteht. Entscheidend sei dabei der Zeitpunkt des Unterrichtsbeginns. Also nicht der Stichtag gelte für die Einrichtung einer Klasse, sondern der Schuljahresbeginn sei entscheidend.

Auch Ausnahmetatbestände sah das Gericht nicht. So sei beispielsweise die zumutbare Wegezeit von 60 Minuten in keinem Fall überschritten. Auch auf einen Vertrauensschutz für die bereits mit Bescheiden an der Mittelschule aufgenommen Schüler könne die Stadt sich nicht stützen. Denn diese Aufnahmebescheide hätten einen Widerrufsvorbehalt enthalten.

Zuletzt aktualisiert: 04. September 2012, 18:23 Uhr

19. Sabine Schlißio:
Ich beglückwünsche die MS Seifhennersdorf und die Kommunal- verwaltung zu diesem Mut! Ich wünsche mir, daß Sie durchhalten und sich schließlich durchsetzen können. Die sächsische Schulpolitik (nicht das Bildungswesen selbst!) läßt wirklich sehr zu wünschen übrig. Wir haben das hier in ähnlicher Form vor einigen Jahren bei uns auch erlebt und wir unterstützen Ihre Aktion voll und ganz. Bleiben Sie stark!
06.09.2012
07:15 Uhr
18. Steffen Fiedler:
Liebe Politiker, wann fangen wir endlich mal an Amtstuben zu schließen, Beamte und Abgeordnete einzusparen, die braucht kein Mensch. Dafür gibt es kein öffentliches Interesse mehr. Aber diese Menschen verwalten ja die Gelder, also wird an dieser Stelle nicht gespart. Politiker können machen was Sie wollen, nur schon lange nicht mehr was das Volk will. Ich denke mal spätestens zur nächsten Wahl werden wir wieder belogen nach Strich und Faden. Kurz vor der Wahl werden wieder andere Parteien, welche nicht CDU heißen runtergeputzt und vielleicht noch verboten, weil die Regierenden ihr eigenes Interesse gefährdet sehen. Liebe mutigen Eltern, bitte macht weiter und zeigt dieser Politik die Stirn. Diese Politik hat nicht den Mut sich bei Euch blicken zu lassen(z.B.Michael Kretschmer CDU, Frau Kurt *CDU?!, Landrat Lange CDU), die verstecken sich hinter Paragraphen und Gerichten, welche vorher manupuliert wurden. Im Schulgesetz §4a Abs.4 sind Ausnahmen möglich, aber es ist nicht gewollt.
05.09.2012
21:39 Uhr
17. Stiller Beobachter:
ich bin Seifhennersdorf,und ich finde den Protestunterricht der Eltern richtig Klasse...da in Dresden keiner darüber nachdenkt was wäre wenn,traurig ist nur das es schon seit mittlerweile 10 Jahren beschlossene Sache scheint das unsere Schule keinen Fortbestand verdient..in der Oberen Schulbehörde unseres Freistaates scheint es so als ob man willkürlich soziale und Familiäre Strukturen zerreissen will....höhere Fahrkosten,weniger Freizeit,zerstörte soziale und familiäre Gefüge werden dabei in Kauf genommen...hieß es nicht mal Kinder sind unsere Zukunft...
05.09.2012
14:26 Uhr
16. Politgegner:
Ich kann den Eltern nur meinen Respekt erweisen.Endlich traut sich mal jemand diesen verhaltensgestörten Politikern die Stirn zu bieten.Ich wüschen viel Erfolg.
05.09.2012
11:14 Uhr
15. beton:
Wie hat das Verwaltungsgericht so schön geurteilt; an Schulen vor Ort besteht kein öffentliches Interesse. Das ist der dt. Verwaltungshorizont für das lebenslange Lernen.
05.09.2012
08:22 Uhr
14. Romi:
Also, ich war schon sehr entsetzt, wie eiskalt diese Kultusministerin in dieser Fersehsendung auftrat und Wortbruch beging. Auf jeden Fall scheint sie zu allem bereit, um sich zu profilieren. Da werden Kinder zu Schachfiguren. Das beste Beispiel haben wir selbst am Gymnasium Hartha erlebt. Obwohl es zuletzt 96 Anmeldungen gab, hatte man in der Bildungsagentur schon lange entschieden, dass die Schule 3zügig wird. Nachdem 2 Eltern erfolgreich geklagt hatten, musste ein 4 Zug eröffnet werden. Nun lehnt man aber konsequent ab, dass von den abgelehnten Kinder welche zurückkommen, weil man sich erhofft, dass Kinder wieder weggehen. Es wird jetzt schon in die Öffentlichkeit trompetet: Dann wird's wieder zusammengelegt. Kinder können ja hin- und hergeschubst werden! Da nimmt man sogar inkauf, dass Eltern jetzt wieder klagen werden.
05.09.2012
08:08 Uhr
13. Romi:
Fortsetzung: Ich fand es auf jeden Fall klasse, wie die Bürgermeisterin sich gegen die Frau Kurth behauptet hat! Es müssen noch viel mehr Menschen diesen derzeit gefahrenen schulpolitischen Kurs anprangern. Was mich nur wundert, dass Seifhennersdorf selbst mit 38 Kindern den Mitwirkungsentzug hat. Die Mittelschule Hartha hatte da irgendeinen Bestandsschutz und hätte können mit 20 Kindern sogar noch eine 5. Klasse bilden!
05.09.2012
08:07 Uhr
12. Heinrich:
Auch hier ist bezeichnet die Verflechtung der Obrigkeit mit dem sogenannten Sächsischen Verwaltungsgerichtes Dresden - Es ist mittlerweile Ehrensache sich gegen diesen Filz zu wehren. Wie warb doch Herr Lange, als Landratskandidat damals zu seiner bevorstehenden Wahl - er wollte den Bürgern deren Würde wiedergeben - hier unternahm er alles um gegen den Fortbestand der Schule zu agieren und gegen die Bürger, sogar gegen das Wohl der Kinder zu handeln!
04.09.2012
22:35 Uhr
11. Dor Ehmi:
Gut, das es "ein kleines gallisches Dorf" in Form von Seifhennersdorf gibt, was sich gegen die fragwürdige Schulpolitik der "Tigerenten-Koalition" wehrt. Nachdem die Union zwei Mitglieder, denen Bildung noch Herzensangelegenheit war, aus der Regierung "gemobbt" (anders kann man das m.M. nicht sagen) hat, möchte ich mal sehen, wie tief Sachsen beim nächsten Bildungsreport sinkt. Mir scheint, Frau Kurth ist nur ausführende Kraft von Ministerpräsident und Finanzminister. Seifhennersdorfer, wehrt euch weiter!
04.09.2012
22:10 Uhr
10. Carola:
Zieht das Ding durch!!! Die Schullandschaft kann sich nur verbessern, wenn es mehr solche engagierten Eltern und natürlich auch Kinder gibt. Das ist genau der richtige Weg, um zu zeigen, was wirklich dem "öffentlichen Interesse" entspricht! Was gibt es denn noch für Fragen, wenn sich eine Klasse mit 24 Kindern findet, die den festen Willen hat, an dieser Schule unterrichtet zu werden - ein deutlicheres Zeichen gibt es doch nicht! In der Gegend rumzufahren ist für die Kinder eine unzumutbare Belastung, zumal das Gute so nahe ist! Ein besseres Zusammenspiel von Schule, Schülern und Eltern kann es nicht geben, es wäre doch schön, wenn sich die verantwortlichen Behörden und Politiker davon mal ein Wenig abschauen würden.
04.09.2012
21:23 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen.
Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

© 2013 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK