In der Mitte nebeneinander: v.l. Sebastian Burger, selbstständiger künstlerischer Leiter der MUT-TOUR; Annelie Keil, Sozial- und Gesundheitswissenschaftlerin & Schirmherrin der Mut-Tour; Willi Lemke, Sonderberater des UN Generalsekretärs für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung & Schirmherr der Mut-Tour seit 2012.
Bildrechte: Nikolai Wolff

Für offenen Umgang mit Depressionen "Mut-Tour" kommt in Sachsen an

Fast 6 Millionen Menschen leiden deutschlandweit an Depressionen, doch offen darüber reden möchten die wenigsten. Die Teilnehmer der „Mut-Tour“ wollen das ändern, indem sie selbst mutig sind und über ihre persönlichen Erfahrungen mit der Krankheit sprechen – überall da, wo sie vorbei kommen. Die letzte Etappe führt vom Vogtland nach Leipzig.

von Uta Burkhardt

 In der Mitte nebeneinander: v.l. Sebastian Burger, selbstständiger künstlerischer Leiter der MUT-TOUR; Annelie Keil, Sozial- und Gesundheitswissenschaftlerin & Schirmherrin der Mut-Tour; Willi Lemke, Sonderberater des UN Generalsekretärs für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung & Schirmherr der Mut-Tour seit 2012.
Bildrechte: Nikolai Wolff

Manche radeln auf Tandems, manche paddeln in Kajaks und manche wandern zu Fuß: Insgesamt sind derzeit 45 Männer und Frauen auf „Mut-Tour“. Die Dresdnerin Alex Heißenberg hat sich für das Tandem entschieden, obwohl sie das auch vor Herausforderungen stellt: Alex leidet seit vielen Jahren an Depressionen, und sich auf andere Leute einzulassen oder gar mit einem Tandem-Partner abzustimmen, das kostet sie viel Kraft.

Die erste Etappe war für mich sehr schwierig, weil ich mich mit fremden Leuten getroffen habe, wo ich von vornherein wusste, ich muss jetzt 24 Stunden mit denen zusammen sein. Und mich mit dem Partner auf dem Tandem dann irgendwie zurechtfinden.

Alex Heißenberg Teilnehmerin der "Mut-Tour"

Kommunikation ist wichtig – auf dem Tandem wie im normalen Leben

zwei Frauen auf einem Tandem
Bildrechte: Mut-Tour

Sie hat es geschafft, gut 800 Kilometer hat sie mit ihrer Tandem-Partnerin schon zurückgelegt. Es ist ihr wichtig, an der „Mut-Tour“ teilzunehmen, und andere dafür zu sensibilisieren, Vorbehalte gegenüber depressionskranken Menschen abzubauen.

Mir fällt auf, dass auch in meiner Familie das Thema nicht ganz so offen behandelt wird, dass dann halt so Sprüche kommen wie ‚Es geht jedem mal schlecht‘ und ‚Reiß dich einfach nur zusammen‘. Letztendlich würde besser helfen, wenn einer einem zuhört, wo man sich auch mal ausheulen oder anlehnen kann.

Alex Heißenberg Teilnehmerin der "Mut-Tour"

Warum sie an Depressionen leidet, kann Alex Heißenberg nur vermuten. Zum einen gab es wohl ein Kindheitstrauma, über das sie nicht sprechen möchte, zum anderen musste sie das Ende einer langjährigen Beziehung verkraften. Sie fühlte sich innerlich leer, emotionslos, hatte mehrere Suizid-Versuche. Durch psychotherapeutische Hilfe und mehrere Klinikaufenthalte konnte sich die 42-Jährige wieder stabilisieren. Heute wird sie von einem Pflegedienst betreut, der ihre Krankheit kennt und sie im Notfall wieder in die Klinik bringt. Das sei nötig, da sie immer wieder Rückfälle hat. Auch während der Mut-Tour ging es ihr zwischendurch schlecht, doch das Verständnis der anderen Teilnehmer hat sie wieder aufgebaut.

Diese kleine Tandem-Tour ist eigentlich ein Beispiel dafür, wie es in der Gesellschaft laufen könnte: wir setzen uns abends zusammen und reden nochmal über den Tag, wie lief alles... Es ist kein Therapie- und kein Selbsthilfe-Ersatz oder so, aber um zu gucken, wie stabil man ist, ist es ganz gut. 

Alex Heißenberg Teilnehmerin der "Mut-Tour"

Nun radelt Alex mutig weiter, bis zum Ende der Tour in Leipzig. Dort findet am Wochenende der Patientenkongress Depression statt, der dasselbe Ziel hat wie Alex und die anderen Mut-Tour-Teilnehmer: Für einen offenen Umgang mit Depressionen zu werben.

Depressive Störungen gehören dem Bundesgesundheitsministerium zufolge zu den häufigsten und am meisten unterschätzten Erkrankungen. In Sachsen leidet nach Angaben der Krankenkasse Barmer GEK etwa jeder vierte Berufstätige an Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen, insgesamt mehr als 220.000 Menschen. Allerdings würden nur rund sechs Prozent von ihnen arbeitsunfähig und nur ein Prozent werde im Krankenhaus behandelt. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. Die meisten Erkrankungen gibt es in der Altersgruppe zwischen 40 und 64 Jahren.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio und im Fernsehen : MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 24.08.2017 | 15:20 Uhr
MDR SACHSENSPIEGEL | 24.08.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. August 2017, 20:36 Uhr

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