Wendezeit 1989/90

Werdau : Reinhard Günther: Ein Major zeigt Reue

Die Züge mit Flüchtlingen aus der Prager Botschaft müssen über die DDR nach Westdeutschland fahren. Volkspolizei-Major Reinhard Günther soll die Strecke bei Werdau sichern.

Reinhard Günther

Die Prager Botschaft: Nach wochenlangem Ausharren dürfen die DDR-Flüchtlinge ausreisen. Tausende Ausreisewillige wollen diese Chance nutzen. Die DDR-Staatsführung will ihre abtrünnigen Bürger noch einmal demütigen: Die Züge mit den Flüchtlingen müssen über DDR-Territorium nach Westdeutschland fahren. Ein großer, strategischer Fehler.

Eskalation an den Gleisen

Als die ersten Züge am 4. Oktober den Dresdener Hauptbahnhof passieren, kommt es zur Eskalation. Fast 5.000 Menschen hatten auf die Züge gewartet und Hunderte Demonstranten lieferten sich eine stundenlange Straßenschlacht mit der Polizei.

Die Route der Flüchtlingszüge führt auch durch's Vogtland. Hier müssen die Züge am sogenannten Bogendreieck besonders langsam fahren, da die Gleise alt und in schlechtem Zustand sind. Als am 5. Oktober die nächsten Flüchtlingszüge unterwegs sind versammeln sich an der Strecke in der Nähe von Werdau immer mehr Menschen aus der Region. Sie wollen die Glücklichen aus Prag sehen, die es tatsächlich geschafft haben. Vielleicht wittern manche auch die Chance zur spontanen Flucht. Die örtliche Polizei ist vorgewarnt. Einheiten werden zusammengezogen.

1989 Aufbruch ins Ungewisse: Reinhard Günther über einen folgenreichen Polizeieinsatz

Major Reinhard Günther leitet einen Einsatz, der ihm den Schlaf raubt. Später gesteht er öffentlich seine Schuld und bekommt Beifall dafür. Aus "1989 Aufbruch ins Ungewisse" [Video]


Major Günther kommt ins Zweifeln

Nach dem Einsatz beginnt Major Günther mit sich zu hadern: "Wir konnten sagen, wir haben die Lage bereinigt. Aber dann kamen die Überlegungen, ob es notwendig war."

Der Werdauer Pfarrer Manfred Bauer erinnert sich: "Das hat in Werdau eine Riesenstaubwolke aufgewirbelt. Wenn man es hätte einfach geschehen lassen, die Züge kommen lassen. Es wäre nichts passiert. Dann wären die Leute alleine nach Hause gegangen. Aber ich denke, dieser Polizeieinsatz hat Leute mobilisiert, die Leute noch mehr aufgebracht und hat in Werdau eher eine Anti-DDR-Bewegung provoziert."

Schaulustige brutal zurückgedrängt

Den Einsatz an den Gleisen leitet Major Reinhard Günther. Er soll die Strecke sichern. Ausgerüstet mit Schlagstöcken und Hunden, aber in Zivil sollen die Volkspolizisten den Gegner von den Gleisen fernhalten. Die Polizisten drängen sich zwischen Schiene und Schaulustige. Die Stimmung ist mehr als gereizt. Als der erste Zug anrollt, kommt es auch in Werdau zum Eklat: Mit brutaler Gewalt treiben die Polizisten die Schaulustigen von den Gleisen zurück. Es gibt viele Verletzte.

Beifall für ehrliches Bekenntnis

Anfang Dezember versammeln sich 2.000 Menschen auf dem Werdauer Marktplatz. Plötzlich fordert die Menge Ungewöhnliches: Der Verantwortliche für den Polizeieinsatz am 05. Oktober an der Zugstrecke soll vortreten. Major Günther stellt sich der Forderung der Demonstranten. "Ich bin in Uniform auf die Tribüne gegangen und habe dort kundgetan, ich war der Einsatzleiter. Das heißt, ich habe mich dazu überwunden, dort stellvertretend für meine Kollegen die Verantwortung für unser Tun zu übernehmen. Aber ich habe mich auch zu meiner persönlichen Verantwortung bekannt."

Für Pfarrer Manfred Bauer ist dieses öffentliche Bekenntnis eines der beeindruckendsten Erlebnisse der Wende. "Er war der Einzige gewesen, der gesagt hat: Okay, ich bin schuldig. Ich kann mich zwar auf einen Befehl berufen, aber ich hab´ den Befehl dann letzten Endes gegeben und ich hätte es in der Hand gehabt, das anders zu gestalten und ich bin bereit mich auch dafür, wenn es sein muss, vor Gericht zu verantworten." Major Günther bekommt für sein ehrliches Eingeständnis Beifall vom Volk auf dem Markt in Werdau.

© 2013 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK