Polizisten durchsuchen das Hauptquartier des Rockerclubs Gremium M/C in Dresden.
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Hintergrund Rockerclubs in Sachsen

Die Welt der einschlägigen Rockerclubs folgt ihren eigenen Regeln. Und steht deshalb oft genug im Widerspruch zum Gesetz. Es geht um Macht, Geld, Drogen, Waffen und Prostitution. Die Eisenbahnstraße in Leipzig ist der Brennpunkt dieser Szene in Sachsen. Was macht die Rockerclubs so gefährlich? Wie sind sie organisiert?

Polizisten durchsuchen das Hauptquartier des Rockerclubs Gremium M/C in Dresden.
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Ursprünge der Szene: 1947 in den USA

1947 wurde die amerikanische Polizei bei einer Motorrad-Rallye in Kalifornien erstmalig auf Motorradclubs aufmerksam. Damals nahmen Hunderte Motorradfahrer teil, die nicht dem Bild des "normalen" Motorradfahrers entsprachen. Nach Straßenkämpfen wurden zwei Mitglieder eines Vorläufers der "Hells Angels" festgenommen und anschließend von ihren Freunden aus dem Gefängnis befreit. In den Medien wurden die Ausschreitungen zwar verurteilt aber auch festgestellt, dass lediglich ein Prozent der Teilnehmer gewaltbereit, 99 Prozent der amerikanischen Motorradfahrer jedoch ganz normale, friedliebende Menschen seien.

Diese Formulierung war und ist auch heute für "Hells Angels" und andere sogenannte "Outlaw Motor Cycle Gangs" noch immer der Anlass, sich als "1%er" zu bezeichnen, sich selbst also ausdrücklich als gewaltbereit einzustufen. Noch heute dient das "1%"-Abzeichen, das auf der Bekleidung getragen wird, dazu, die Unterschiede zu anderen Motorrad fahrenden "Wochenendlern" - wie sie verächtlich genannt werden - aufzuzeigen. Dieses gewaltbereite Selbstbild ist ein wesentliches Merkmal der "OMCG".

Erste Rocker in Deutschland

Der Hells Angels MC Germany entstand 1973 aus einer Vorgängergruppierung in Hamburg. Er blieb fast neun Jahre einziger Hells Angels-Club in Deutschland, ehe sich 1981 eine Ortsgruppe - Charter genannt - in Stuttgart formierte. Das Bedrohungs- und Gewaltpotenzial der OMCG in Deutschland wurde bereits in den ersten Jahren nach Gründung des ersten deutschen Hells-Angels-Charters in Hamburg 1973 deutlich: Mitglieder der Hells Angels töteten im selben Jahr in Hamburg einen Arbeiter und 1980 wurde auf Sylt ein Gastwirt von einem amerikanischen Hells Angel getötet.

Was macht Rockerclubs gefährlich?

Dass die einschlägigen Rockerclubs bei den Landeskriminalämtern von den Spezialeinheiten für Organisierte Kriminalität observiert werden, zeigt, dass Ermittler das Gefahrenpotenzial in der Szene als groß einschätzen. Rockergruppen haben einen strengen hierarchischen Aufbau und einen hohen Organisationsgrad. Die Gruppenmitglieder sind persönlich eng aneinander gebunden. "Ihr Rechtsempfinden orientiert sich nicht an den Normen unserer Gesellschaft, sondern an Ehrenkodizes mit zum Teil archaischen Riten," so das Bundeskriminalamt (BKA). Durch diese selbst geschaffenen strengen Regeln und Satzungen geraten die Mitglieder dieser Rockergruppen bei ihren Aktivitäten demnach immer wieder in Konflikte mit Gesetz und Gesellschaft.

Die zunächst legalen Vereinsstrukturen und ihre internationale Vernetzung bergen "erhebliche Potenziale für eine kriminelle Nutzung", befindet das BKA. Hauptbetätigungsfelder krimineller Rockergruppen finden sich in der organisierten Kriminalität - also im Rauschgifthandel, Menschenhandel, Schutzgelderpressung und Waffenhandel.

Neben kriminellen Betätigungsfeldern werden legale Geschäftsbereiche erschlossen, um finanzielle Gewinne und Einfluss zu steigern. Typische dafür sind Wach- und Sicherheitsdienste, der Gastronomiebereich sowie Tattoo-Studios, die offiziell gewerblich angemeldet sind. Die Clubs möchten ihre Einflussgebiete jedoch gegenüber konkurrierenden Gruppen erhalten und wenn möglich erweitern. Das führt mitunter wiederum zu teils blutigen Revierkämpfen.

Rechts oder unpolitisch?

Die Lebensphilosophie der Rocker ist vorwiegend unpolitisch ausgerichtet. In einzelnen Fällen gibt es aber immer wieder Kontakte einzelner Personen oder sogar einzelner Ortsgruppen zu rechtsextremistischen Kreisen. NDR-Journalist Stefan Schölermann hat sich lange mit der Rockerszene beschäftigt und sagt: "Die Milieus ähneln sich ja auch: das Macho-Gehabe, die streng hierarchische Ausrichtung. Andererseits versuchen die Rockerclubs sich demonstrativ abzugrenzen, denn die Rechtsextremisten sind schlecht fürs Geschäft. Sie stehen unter Beobachtung, damit wollen die Rocker nichts zu tun haben. Erklärtes Ziel der Rocker ist, unpolitisch zu sein." Man dürfe auch nicht vergessen, dass in diesen Clubs viele Nationen vertreten sind, so Schölermann. Auch das passe nicht zur rechtsextremistischen Ideologie. Weite Teile der rechtsextremen Szene lehnen eine zu große Nähe zu den Rockerclubs ab, weil der "vergleichsweise hohe Anteil von Migranten die Szene für viele Rechtsextremisten unattraktiv macht", sagt eine Analyse des BKA.

Die Rangordnung der Rocker President (Präsident) steht an der Spitze. Straftaten sind ­Präsidenten schwer nachzuweisen, weil oft andere die Schuld auf sich nehmen.

Der Vice President erledigt meist die repräsentativen Aufgaben.

Der Waffenmeister (Sergeant at Arms) kümmert sich um den Schutz des Clubs und die Bewaffnung. Bei Razzien fand die Polizei neben Messern und Äxten auch schon Schusswaffen und Sprengstoff.

Der Road Captain ist der Straßenchef, der die Motorrad-Ausfahrten und auch die Treffen mit anderen Clubs organisiert.

Ein Treasurer ist der Schatzmeister, der die Finanzen des Clubs verwaltet.

Ein Member ist normales Mitglied und "Bruder auf Lebenszeit". Manche Member haben eigene Geschäfte, über die Geldwäsche betrieben wurde.

Ein Prospect ist ein Anwärter, der von einem Mitglied ­vorgeschlagen wird, sich beweisen und bis zu drei Jahre auf die Aufnahme warten muss.

Ein Hangaround ist das kleinste Licht im Club ist der Unterstützer, der vom Kloputzdienst bis zu Chauffeurdiensten fürs Grobe zuständig ist.

Quelle: tz.de

Die wichtigsten Rockerclubs in Sachsen

  • Hells Angels und ihre Unterstützer:

Die Hells Angels sind eine weltweite Organisation. Seit Ende der 2000er-Jahre haben sie in Dresden und Leipzig ihre Charter. Im Juni 2014 verbot Sachsens Innenminister Markus Ulbig den Mitgliedern der Hells Angels, ihre Kennzeichen - den sogenannten "Deathhead" und den Namensschriftzug - zu tragen. Der Bundesgerichtshof urteilte im Juli 2015 jedoch, dass ein generelles Verbot des Zeichens unzulässig ist. Nach Angaben des LKA im hatten die Hells Angels in Sachsen im Juni 2016 etwa 30 Mitglieder. Unmittelbar nach der tödlichen Auseinandersetzung im Leipziger Rockermillieu löste sich das Hells Angels Charter in der Stadt auf. Supportorganisationen, die die Aktivitäten der Hells Angels unterstützen, zählen rund 50 Personen. Diese Unterstützerclubs sind die Red Devils (Riesa und Hoyerswerda), die Blood Red Section (in Plauen und Adorf), die Straight East Company in Hoyerswerda sowie die Blood Lines in Zwickau.

  • United Tribuns:

Die United Tribuns eröffneten im Mai 2016 ihr erstes Clubhaus in Sachsen - in der Eisenbahnstraße in Leipzig, wo am Wochenende die Schüsse fielen. Iron City nennt sich der örtliche Ableger, der noch als Probe-Chapter gilt. Die United Tribuns drängten aus Süddeutschland in andere Länder. Sie bezeichnen sich selbst als eine Vereinigung aus Bodybuildern, Kampfsportlern und Türstehern. Zu ihnen gehören laut LKA derzeit etwa 20 Mitglieder.

  • Bandidos (aufgelöst):

Auch die Bandidos versuchten, sich in Sachsen festzusetzen. 2008 wurde in Leipzig ein Chapter gegründet, 2009 ein weiteres in Dresden. Die Hells Angels nutzten die Gründungsfeier des Leipziger Bandidos-Ablegers zu einer Machtdemonstration: Rund 100 "Höllenengel" vor allem aus Berlin und Brandenburg postierten sich rings um eine Kneipenmeile in der Innenstadt. Die Bandidos-Ortsgruppen lösten sich nach kurzer Zeit selbst wieder auf.

  • Gremium MC Sachsen (verboten):

Der Rockerclub Gremium MC Sachsen ist seit Anfang 2016 endgültig verboten. Der Regionalverband verfolgte Ziele, die gegen die Strafgesetze verstoßen, urteilte das Bundesverwaltungsgericht. Auch die drei Chapter Dresden, Plauen und Chemnitz habe das Bundesinnenministerium 2013 zu Recht verboten, meinten die Richter. Das gleiche gelte auch für die Supportergruppierung Härte Plauen.

Die Anzahl der "Rocker" in Sachsen ist durch das Verbot des Gremium MC und dem Rückzug der Bandidos deutlich zurückgegangen. Die Szene ist insgesamt gesehen noch relativ klein. In Bayern gehen die Sicherheitsbehörden beispielsweise von allein 1.600 Rockern aus. In Hessen zählt man rund 700 Personen. Das hat sicherlich auch mit den in den alten Bundesländern länger gewachsenen Strukturen zu tun.

Einige Rockervokabeln Angehörige der Biker- und Rocker-Subkultur haben wie die meisten Subkulturen ihre eigenen Sprachcodes, mit der sie sich vom Mainstream abgrenzen wollen. Hier einige Beispiele dafür.

- A.C.A.B.: "All Cops Are Bastards", beliebter Aufnäher

- Blood-Rally: Ausfahrt zum gemeinsamen Blutspenden

- Burnout: Das Durchdrehen des Hinterreifens

- cut-off: Bezeichnung für die Kutte, basiert auf dem Abschneiden (engl. cut off) der Ärmel

- Freebiker: Biker ohne Clubzugehörigkeit

- Fullcolour, Fullmember: Vollwertiges Mitglied eines Clubs

- Joghurtbecher: abfällig für ein Motorrad mit bunter Verkleidung

- Mama: Flittchen

- Old Lady: Ehefrau bzw. feste Freundin eines Rockers

- OUT: Bezeichnung für den Ausschluss eines Clubmitglieds (unehrenhaft, meist wegen Verstoß gegen die Clubregeln)

- World Rules: Geheime Regeln der Hells Angels

Quellen: BKA, LKA Sachsen, dpa, tagesschau.de