Das Rathaus in Zwickau.
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NSU-Jahrestag Zwickau kämpft noch immer mit den Schatten des NSU

Vor fünf Jahren flog der sogenannte NSU auf und noch immer kämpft man in Zwickau um eine Position zu den Vorgängen von damals. Von "Schwamm drüber" bis zu radikaler Aufarbeitung reicht das Spektrum.

von Gert Friedrich

Das Rathaus in Zwickau.
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"Fünf Jahre ist es jetzt her, dass der NSU aufgeflogen ist. Ist das Thema für Sie noch aktuell?" Eine Umfrage in Zwickau zu dieser Frage wäre ein Job der schwierigeren Art. Viele, vielleicht die Mehrheit, würden mit den Schultern zucken, den Kopf schütteln, Nein sagen oder einfach weitergehen. Das Thema hat sich für sie erledigt, weil die Täter keine Zwickauer waren und die Stadt ihrer Meinung nach keine Schuld trifft. Manche würde allein das Stichwort "NSU" auf die Palme bringen. Durch den Medienrummel vor fünf Jahren wurde Zwickau in ein schlechtes Licht gerückt, von einer Zwickauer Terrorzelle war die Rede. Das habe der Stadt geschadet, mit dem Thema müsse endlich Schluss sein. Und es würde genauso Zwickauer geben, die sagen: An die Verbrechen müsse erinnert werden, das Thema sei nicht vom Tisch, sondern noch genauso aktuell.

Angst um den Ruf der Stadt

Das Theatertreffen "Unentdeckte Nachbarn" liefert Mosaiksteine von diesem Stimmungsbild. Unter anderem haben sich Schüler der Zwickauer Pestalozzischule mit den Protokollen des NSU-Prozesses beschäftigt und zusammen mit Jugendlichen aus Chemnitz und Hamburg ein Stück auf die Bühne gebracht.

Der Zuschuss für das Projekt fiel im Kulturausschuss zunächst durch, erst auf Drängen von Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) wurde ein zweites Mal abgestimmt und das Geld bewilligt. Gerald Otto (CDU) gehörte zu den Stadträten, die in der ersten Runde Nein gesagt hatten: "Wenn man zum Beispiel an den Brandanschlag von Mölln denkt oder andere Dinge. Berlin-Moabit verbindet man etwa mit der JVA, einem düsteren Gefängnis. Das ist etwas Bleibendes, etwas, das man bis heute in Erinnerung hat. Und ähnlich haben wir das auch gesehen: Sollten wir das immer wieder wiederholen und damit Zwickau mit einem negativen Image verbinden?" Für diese Auffassung hat Otto fast ausschließlich Zustimmung geerntet. Bei der Premiere des Theaterstückes blieben viele Stühle frei.

Kein Geld für Informationszentrum

Totschweigen dürfe man das Thema NSU nicht, sagt auch Gerald Otto, es müsse eine Erinnerungskultur geben. Das dürfte auch die klare Mehrheit im Stadtrat so sehen. Über eine geeignete Form wird seit längerem diskutiert. Im Gespräch war ein Informationszentrum zur Aufklärung. Doch das wollen weder Bund noch Land bisher fördern. Bürgerrechtler Erwin Killat hat vorgeschlagen, die Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus am Schwanenteich zu erweitern und dort auch an die Opfer des NSU zu erinnern. Jörg Banitz, Sozialarbeiter und seit langem Beobachter der rechten Szene, hält Mahnmale für nicht angemessen, wenn es vor allem darum geht, jüngere Menschen zu erreichen. Ihm schwebt ein mediales Angebot vor: "Die Städte könnten virtuelle Rundgänge möglich machen, für Smartphones und derartige Geräte, zur digitalen Spurensuche. Portale für Infos und Hintergründe. Das kann man auch je nach Alter passend gestalten."

"Die Ideologie ist nach wie vor verfestigt"

Besonders heikel ist die Frage der Aufarbeitung. Vieles ist noch offen, der Fall noch lange nicht aufgeklärt. Das dürfte auch in Zwickau unumstritten sein. Doch damit müssten sich andere befassen, würde wohl die Mehrheit hinzufügen.

Für Oberbürgermeisterin Pia Findeiß muss die Aufarbeitung weitergehen - mit Blick auf die Machenschaften des NSU und seines Netzwerkes und mit Blick auf die Gegenwart: "Auch wenn der NSU jetzt verschwunden ist, wenn Frau Zschäpe in München vor Gericht steht. Trotzdem ist die Ideologie in einigen Köpfen nach wie vor verfestigt. Da haben wir als Stadt natürlich die Aufgabe, uns diesem Thema jeden Tag zu stellen. Aber nicht nur wir als Stadt Zwickau, sondern Sachsen insgesamt, Deutschland insgesamt. Vielleicht kann man das sogar auf Europa ausweiten." Findeiß steht mit dieser Auffassung nicht allein da. Das zeigt sich nicht nur im Stadtrat. Wie viele Zwickauer sie teilen, wie viele gleichgültig sind und wie viele auf der anderen Seite stehen und mit der aktiven rechten Szene sympathisieren, bleibt ein Geheimnis.     

Zuletzt aktualisiert: 04. November 2016, 21:25 Uhr

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6 Kommentare

06.11.2016 20:09 HERBERT WALLASCH, Pirna 6

An @3-Mediator: Ich würde ja gern konkreter sein, doch gerade zum Thema NSU vertraten ein Teil meiner Kommentare nicht die gewünschte Richtung, obwohl sich später alles als richtig herausstellte. Hätte ich mit ins Horn getutet, noch Nazi, Rassist oder Ähnliches hineingestreut, so gäbe es absolut keine Probleme. Es wird immer so getan als wären die Nazis im Osten entstanden, die Funktionäre, das Geld und auch die Steigbügelhalter kamen alle nach 1990 aus dem Westen. Im Falle einer Strafverfolgung wurde für kleines Geld Rechtsanwälte gestellt. Die Organisationen bekamen alle staatliche Zuschüsse, konnten ehemalige Ferienheime kaufen, Elbschiffe für Popagandazwecke mieten u.s.w. Hauptsache sie waren antikommunistisch eingestellt, denn das war ja die Richtlinie nach 1990, davor war alles verlorene Lebenszeit (Öffentliche Äußerungen von Politikern aus den alten Bundesländern). Die BRD hat weißgott genug Dreck am Stecken, in Punkto "Nazi" und auch heute noch, sind alle noch da.

05.11.2016 22:52 Mediator an ach so (4) 5

Können Sie ihren flotten Zweizeiler auch mit Zahlen belegen, oder wollen Sie allen ernstes behaupten, dass es in Sachsen nicht überwiegend sächsische Beamte gibt?
So schwer kann doch die Aufnahmeprüfung für den öffentlichen Dienst gar nicht sein, dass man da niemanden aus Sachsen einstellen kann?

Ihre Behauptung klingt doch sehr nach der bekannten Jammerei mancher [= nicht aller] Mitbürger aus den neuen Bundesländern, die für jedes Problem ihres Landes gerne den bösen Westen verantwortlich machen und oft jede Verantwortung für persönliches oder staatliches Versagen ablehnen, weil sie sich angeblich fremdgesteuert sind.

Seltsam, dass i.d.r. gesellschaftliche Verlierer oder chronisch Unzufiredene so argumentieren.

Im Jahr 26 der Deutschen Einheit sollte sächsische Politik doch deutliche sächsische Eigenarten zeigen.

Rechtsradikale in Kompaniestärke die Ausländer durch die Straßen hetzen kenne ich jetzt so aus BY oder BW nicht. So etwas ist doch z.B. eine sächsische Prägung.

05.11.2016 10:21 ach so 4

Nicht vergessen werden sollte jedenfalls, dass Verwaltung und Justiz im wesentlichen immer noch von Beamten aus Bayern und Baden-Württemberg geprägt werden.

05.11.2016 09:49 Mediator @Herbert (2) 3

Pauschaler gehts wohl nimmer?

Der Artikel dreht sich um den NSU und rechtsextremistische Gedankengut, dass in letzter Konsequenz die ideologische Grundlage für diese Morde geliefert hat. Das kann man getrost als BÖSE bezeichnen.

Was Sie versuchen ist einen Solidarisierungseffekt zwischen normalen Bürgern und rechtem Gedankengut zu schaffen, indem Sie andeuten, dass irgendjemanden den Osten pauschal als böse bezeichnet.

Das ist ein durchschaubarer, gerne benutzter rhetorischer Manipulationsversuch.

Kein schlechtes Gewissen machen lassen wegen Nazimördern, deren rechte Kumpane immer noch unter uns leben? Sicher braucht kein Unbeteiligter ein schlechtes Gewissen haben, ein <Schwamm drüber, vergessen wir es>, ist keine gangbarer Weg.

Ihre Unterstellungen sind lächerlich, dass reihenweise kritische Lehrer aus dem Schuldienst entfernt werden. Klar muss aber sein, dass jemand der rechte Hetze und Ideologie in der Schule verbreitet als Lehrer untragbar ist.

04.11.2016 21:34 HERBERT WALLASCH, Pirna 2

Zwickau kann machen was es will, es wird nur das geglaubt, was man glauben will, speziell in den alten Bundesländern. Historisch politische Zusammenhänge interessieren nicht, man will ja zu den Guten gehören und der Osten ist das Böse. Deshalb darf man sich nicht laufend ein schlechtes Gewissen machen lassen, auch wenn bei der leisesten Gegenmeinung schon die Nazi-Keule herausgeholt wird. Man muß nicht nur Haltung zeigen, sondern auch einen Arsch in der Hose haben und auch mal über die Geschichte der alten Bundesländer diskutieren. Ostdeutsche Lehrer können dies nicht packen, sind ja keine Beamte und somit bei jeder angeblich falscher Argumentation im Schußfeld von 150 Prozentigen.

04.11.2016 21:24 Otto Piffl 1

In seinem Sessel behaglich dumm, sitzt schweigend das deutsche Publikum...