Pilzworkshop Essbar oder giftig? Auf Pilzsuche mit Expertin

Butterpilze gehören nicht in die Pfanne und Fliegenpilze müssen nicht rot-weiß sein. Das erfuhr man beim Pilzworkshop im Haus der Tausend Teiche in Malschwitz ind er Oberlausitz. Zwischendurch ging es auch raus in den Wald. MDR SACHSEN war dabei.

von Madeleine Arndt

Pilzworkshop Haus der Tausend Teiche
Pilzexpertin Rosemarie Kießling hält einen Täubling in der Hand. Seit mehr als 30 Jahren ist sie anerkannte Pilzberaterin im Landkreis Bautzen. Bildrechte: Madeleine Arndt

Rosemarie Kießling öffnet eine Joghurtschachtel. "Was ist das?", fragt sie und hält einen Schwammpilz mit glänzender rötlichbrauner Kappe in der Hand. Auf Anhieb wird der Butterpilz erkannt. "Den würde ich heute nicht mehr essen. Er ist giftverdächtig", sagt die Pilzberaterin und blickt in verdutzte Gesichter. Das sei nicht neu, darüber werde schon mehr als zehn Jahre diskutiert, sagt die Expertin bestimmt. Butterpilze stehen im Verdacht, das Paxillus-Syndrom auszulösen - eine allergische Reaktion, die zu Nierenversagen und Auflösung der roten Blutkörperchen führen kann.

Es gibt jedes Jahr Pilztote. Zu viele.

Rosemarie Kießling Pilzberaterin

Im Haus der Tausend Teiche in Malschwitz hat die Naturschutzstation "Östliche Oberlausitz" zum Pilzworkshop eingeladen. Als Expertin ist Rosemarie Kießling vor Ort - eine der sieben anerkannten Pilzberater des Landkreises. Am Kopfende eines langen Tisches stapeln sich Bestimmungsbücher.

Pilzworkshop Haus der Tausend Teiche
Im Haus der Tausend Teiche konnten am Sonnabend Interessierte einen Pilzworkshop besuchen. Bildrechte: Madeleine Arndt

Die Leute in der Runde - die meisten von ihnen über 60 Jahre alt - haben Körbe mitgebracht, teils mit eigenen Fundstücken. Einen Champignon zum Beispiel. Rosemarie Kießling begutachtet das stattliche Exemplar und bestimmt es als Karbolchampignon. Das ist das giftige Pendant zum essbaren Wiesenchampignons. "Es gibt keine Wiesenchampignons mehr", sagt die 73-Jährige. "Warum? Fragen Sie die Landwirtschaft."

Zunächst geht es raus ins Biosphärenreservat. Unbeirrt läuft Rosemarie Kießling den angelegten Naturpfad entlang und scannt die Umgebung. 2017 sei im Vergleich zu den vergangenen zwanzig Jahren einsame Spitze gewesen, berichtet sie dabei. So viele Pilze habe es schon lange nicht mehr gegeben. "Das lag wohl an dem Regen", schätzt die Bautznerin. Es dauert nicht lange und dann beugt sich die zierliche Frau mit dem grauen Pferdeschwanz direkt am Wegesrand hinunter und pflückt einen kleinen Pilz. Sie dreht und wendet ihn, riecht an seiner Kappe. "Das ist ein Rosa Rettich-Helmling", sagt sie. Man erkenne ihn an seinem Geruch, der an Rettich erinnert. "Ist der essbar?", schießt die erste Frage aus der Runde. Ein "Um Gottes Willen!" entfährt der Pilzbestimmerin.

Ansehen, riechen und auch schmecken

Anfassen können man giftige Pilze, da müsse man sich keine Gedanken machen, sagt Rosemarie Kießling etwas später. Nur bei Kindern ist Vorsicht geboten. "Die drücken ja ordentlich zu." Wenn Kinder Giftpilze zerquetschen, dann heißt es schnell nach Hause und Händewaschen, damit das Gift nicht über die Finger in den Mund gelangt.

Die Pilzbestimmerin entdeckt einen Täubling. "Die milden sind essbar - gekocht natürlich", erklärt die Rentnerin auf ihre knappe Art. Sie habe in ihrem Leben aber schon so viele Täublinge gekostet und noch keinen milden darunter gehabt. Auch während der Exkursion nimmt Rosemarie Kießling manches Stück Pilz in den Mund, prüft den Geschmack und spuckt es wieder aus.

Haben Sie denn keine Angst, dass da der Fuchs drauf gepinkelt hat, wegen dem Fuchsbandwurm?

Workshop-Teilnehmer

fragt jemand. "Ach, die haben 'nen Klaps", winkt die Pilzfrau ab. "Die wollen doch bloß die Leute aus dem Wald ekeln."

Essbar? Das war einmal.

Die Gruppe geht weiter. Die meisten der Frauen und Männer sind Laien in der Pilzkunde. Der Bautzner Frank Urban sammelt die allgemein gängigen Arten von Röhrenpilzen - Maronen, Rotkappen, Steinpilze zum Beispiel. Hier beim Workshop will er sein Wissen erweitern. "Man kann es nur lernen, in dem man rausgeht und solche Exkursionen mitmacht", findet er. Andere in der Gruppe habe über Jahre selbst so ihre Erfahrungen gemacht. "Der ist essbar", zeigt ein Mann überzeugt auf einen braunen Lamellenpilz. Rosemarie Kießling schüttelt den Kopf. Der Kahle Krempling galt früher als essbar, inzwischen zählt er zu den Giftpilzen, da auch er das tödlich verlaufende Paxillus-Syndrom auslösen kann.

Aber sauer eingelegt könne man ihn essen, beharrt der Teilnehmer. "Die Russen machen das so." Doch Rosemarie Kießling lässt bei solchen bedenklichen Pilzen nicht mit sich diskutieren. Von denen lässt man die Finger. Schließlich müssten wir in Deutschland keinen Hunger leiden. "Und dieser hier, ist der essbar?", fragt eine Frau wenig später. "Grünblättriger Schwefelkopf - sehr giftig", lautet die Antwort der Expertin und der Pilz landet im hohen Bogen im Gebüsch.

Durch die Pilzschwemme im Herbst, gab es auch bei den Pilzberater des Landkreises mehr Zulauf. "Ich hatte so viele Anfragen wie noch nie", berichtet Rosemarie Kießling. Sie bestimmt aber nur die Pilze, die sie selbst in den Händen halten kann. Nie nach Fotos oder übers Telefon, da ist sie konsequent.

Von wegen, der Fliegenpilz ist immer rot-weiß

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Bei der Bestimmung der Fundstücke. Bildrechte: Madeleine Arndt

Zurück im Haus der Tausend Teiche werden die Bücher gewälzt. Die Teilnehmer des Workshops können selbst probieren, wie sicher sie bei der Bestimmung der Arten sind. Gestaunt wird über einen gelben Fliegenpilz. "Mit meinen 58 Jahren sehe ich sowas zum ersten Mal", sagt ein Teilnehmer. Rosemarie Kießling hat in diesem Jahr viele solcher Exemplare gefunden. "Das ist eine Farbvariante, aber definitiv ein Fliegenpilz", sagt sie. Womit eine weiteres Mal selbst die gestandenen Pilzsammler staunten.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 24.10.2017 | ab 5:00 Uhr in den Nachrichten aus dem Studio Leipzig.

Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2017, 11:07 Uhr

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