Verkündigungssendung Das Wort zum Tag vom 25.09.-01.10.2017

Täglich hören Sie das Wort zum Tag. Montags bis freitags gegen 5:45 Uhr und 8:50 Uhr, am Sonnabend gegen 8:50 Uhr, sonntags 7:45 Uhr. Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche Mira Körlin, am Sonntag Manuel Füllgrabe.

Sonntag 01.10.2017: Erntedank – Feiertag zweiter Reihe

Waren Sie heute Morgen auch so aufgeregt wie ich? Endlich ist es wieder so weit. Ein ganz besonderer Feiertag – nach guter Tradition in jedem Jahr gefeiert. Es duftet nach Keksen. Die Umgebung wird erhellt durch stimmungsvolle Lichterketten. Die Familie kommt zu Besuch. Einfach nur schön. Ach nee. Das war Weihnachten. Was ist heute für ein Feiertag? Erntedank? Ach so. Nur Erntedank. Ja, das gibt's ja auch noch. Was ist das überhaupt, Erntedank? Ich schau mal schnell auf Wikipedia: "Das Erntedankfest ist im Christentum ein Fest nach der Ernte im Herbst, bei dem die Gläubigen Gott für die Gaben der Ernte danken."

Aha. Feiern wir das heute noch? Die Bauern bestimmt? Aber ich. Was hab ich mit Ernte zu tun? Ich gehe in den Supermarkt und grabe meine Nahrung aus der Tiefkühltruhe. Fast jeden Tag ist mir das möglich – in der Regel von 8–20 Uhr.

Aber ist nicht gerade das etwas, was ich feiern darf? Diese Selbstverständlichkeit der konstanten Versorgung. Sie ist so selbstverständlich, dass ich sie häufig übersehe – geschweige denn dankbar dafür bin.
Erntedank – der Feiertag in der zweiten Reihe. Ist die Wertigkeit dieses Feiertages vielleicht symbolisch für mein Leben? Ich hetze an dem Guten vorbei, ohne es bewusst wahrzunehmen. Ich bestelle vielleicht kein Getreidefeld, aber auch ich habe meine persönlichen Ackerfelder, in die ich investiere. Ich pflanze und gieße, bringe meine Zeit, meine Kraft meine Nerven, mein Geld dafür ein. Nicht selten kommt es vor, dass ich von einem Ackerfeld zum nächsten springen. Und die eigentliche Ernte bleibt dabei fast unbemerkt.

Ich glaube, ich kann Erntedank etwas abgewinnen: Es ist wie ein Stoppschild für mich. "Halt an! Schau dich um! Nimm die Ernte war, in die du dich investiert hast! Lass sie nicht vorbeizischen!" Beim Bepflanzen meiner alltäglichen Ackerfelder zeichnet sich so manche Sorgenfalte in mein Gesicht. Erntedank setzt nun eine Zäsur: Heute geht es nicht um das Ackern und Malochen. Heute wird der Ertrag gefeiert. Bevor ich zum nächsten Feld weiterhetze gilt es jetzt – in diesem Augenblick – die Frucht zu schmecken. Heute muss die Sorgenfalte der Lach- und Genussfalte Platz machen. Einfach mal in das reinbeißen, was gewachsen ist.

Und während ich den Geschmack bewusst wahrnehme, merke ich, wie viel nicht in meiner Hand lag. Es wuchs unter der Erde. Wie selbstverständlich. Heute lenke ich meinen Blick darauf. Ich sage "Danke". "Danke, dass ich das schmecken darf." Ich mag Erntedank. Es ist das Fest der Dankbarkeit. Dankbarkeit tut mir gut. Sie schenkt Lebensfreude. Erntedank sagt: Das Leben besteht nicht nur daraus, Herausforderungen bewältigen zu müssen. Der heutige Tag ist dafür reserviert, dass ich meinen Blick bewusst auf das Schöne richte.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Bei mir ist es so: Das Negative sehe ich immer. Das muss ich mir nicht bewusst machen. Aber das Schöne: Wie schnell fließt es an mir vorbei, ohne dass ich es wahrnehme. Wie schnell hetze ich in meinem Alltag von einem Aufgaben-Acker zum nächsten, ohne die Ernte bewusst wahrzunehmen. Erntedank lässt mich anhalten. Den Blick bewusst auf's Schöne – auf's Selbstverständliche richten.

Zur Feier des Tages gebe ich mir heute einen Auftrag. Vielleicht schließen Sie sich ja an: Ich suche mir etwas, wofür ich dankbar bin. Etwas, das ich heute bewusst genieße.
Vielleicht machen Sie ja mit? Wir suchen uns etwas, das wir heute bewusst wahrnehmen wollen. Etwas, wofür wir dankbar sind und nicht für selbstverständlich nehmen wollen.

Heute ist Erntedank. Der Tag, an dem es nicht um das Ackern und Malochen geht, sondern um das bewusste Wahrnehmen der Frucht. Es ist der Tag der Dankbarkeit, der das Selbstverständliche nicht für selbstverständlich nimmt. Kommt ihnen etwas in den Sinn, wofür Sie dankbar sind? Etwas, dass Sie heute bewusst wahrnehmen und genießen wollen?Ich hab etwas gefunden. Etwas, dass ich mir gerade gekauft hab: Ein Luft-Sofa. Kennen Sie das? Das ist der letzte Schrei gerade. Ein Luft-Sofa besteht aus zwei Taschen. Durch etwas Herumwedeln werden sie mit Luft gefüllt. Eine Pumpe brauch ich dafür nicht. Nach kürzester Zeit habe ich eine bequeme Liegemöglichkeit. Und wenn ich mich in das Polster sinken lasse, möchte jeder Teil meines Körpers einfach nur "Danke" rufen: "Danke, dass ich hier liegen darf." Es ist einfach nur schön. Deswegen wird mein Luft-Sofa zum Symbol meines heutigen Erntedanks. Von dem Geld, dass ich mir "Erackert" habe, durfte und konnte ich es mir kaufen. Und während ich in meiner neuen Errungenschaft döse, muss ich an einen Bibeltext denken. Irgendwie geht's in dem um meine tolle Sitzgelegenheit. König Salomo nutzt in seinem Predigerbuch eine Formulierung, die sprichwörtlich geworden ist. Er spricht davon, dass vieles im Leben wie das "Haschen" (das Jagen) nach Wind ist. Er meint damit, dass vieles sinnlos ist. So sinnlos, als wolle man den Wind fangen. Diese pessimistische Sicht gehört zum Grundton seines Prediger-Buches. Das "Jagen nach Wind" steht für vergebene Liebesmüh. Alles vergeht. Nichts kann festgehalten werden. Jede Anstrengung dahin verpufft. Eben als jage man dem Wing hinterher.

Betrifft das auch meinen Erntedank? Was gibt's da zu feiern? Die Früchte, die ich heute ernte, sind morgen schon wieder verschrumpelt. Hab ich einen Grund zu feiern, wenn meine Arbeit den Anschein macht, ins Leere zu gehen? Doch gerade das will Erntedank ja: Den Blick darauf lenken, dass eben nicht alles ins Leere geht. Die Schönheit der Frucht wird gesehen und geschmeckt auf dem Höhepunkt ihres Reifeprozesses. Dafür ist dieser Tag reserviert.
König Salomo könnte mit seinem "Haschen nach Wind" meinem Erntedankfest einen negativen Beigeschmack geben. Aber: Ich hab's gefunden. Das Werkzeug, das das Unmögliche möglich macht: Mein Luft-Sofa. Ich wedle es ein bisschen im Wind und schon hab ich ihn im Sack. Eingefangen. Fertig. Das, was dem König, der alles hatte, verwehrt blieb: Ich hab's – Einen Windfänger. Also grabe ich mich gemütlich in mein Luftbett ein. Das ist mein Erntedank! Es ist eben nicht alles umsonst. Es verpufft nicht alles. Ich nehme die Schönheit des Augenblicks war. Mein ganzer Körper möchte "Wie schön!" ausrufen. Doch dann passiert es: Ein penetranter Zischlaut kommt meinem Frohlocken zuvor: "PFFFFFFFFFFFFFFF!"

Ein Loch. Direkt neben meinem Ohr. Die eben noch eingefangene Luft entweicht in ihre Freiheit. Jetzt verstehe ich den weisen König. Wie gewonnen, so zerronnen. War's das mit meinem Erntedankfest? Ich könnte mich jetzt ärgern. Ärgern darüber, dass mein Sofa einmal zu oft als Hüpfkissen verwendet wurde. Ich hab auch direkt jemanden in Verdacht: Sie sehen genauso aus wie ich, nur etwas kleiner. Ich könnte mich jetzt ärgern. Oder ich könnte anfangen zu trauern. Trauern darüber, wie vergänglich doch alles ist. Gerade erst gekauft, jetzt schon kaputt. Gerade erst gepflückt, jetzt schon verwelkt. Oder ... ich nutze die Zeit, die mir gegeben ist, umso bewusster. Da liege ich in meinem Luftsofa und überlege: (PFFFFFFFFFFFFFF) "Noch ist Luft drin. Noch liegst du hier. Ich bleib jetzt hier liegen und genieße, bis mein Körper den Boden berührt." (PFFFFFFFFFFFF)
Das waren die schönsten zehn Minuten des Tages. Dann war die Luft raus. Doch gerade weil ich wusste, dass die Zeit auf dem Sofa begrenzt ist, hab ich diese Zeit umso bewusster wahrgenommen.

Das ist für mich auch Erntedank: Dinge in ihrer Begrenztheit wahrzunehmen und sie umso mehr mit Dankbarkeit zu achten. Genau das ist eben auch die Einladung Salomos an mich: Genieße, was du hast, solange du es hast. Denn alles im Leben hat ein "Pfffffffffffffff". Erntedank. Der Feiertag aus der zweiten Reihe. Ein Tag, dafür reserviert, das Schöne und Selbstverständliche bewusst wahrzunehmen und nicht einfach vorüberziehen zu lassen. Gerade auch in dem Bewusstsein der Vergänglichkeit der Dinge. Eigentlich bezieht sich dieser Tag auf den Dank des Versorgt-Seins. Aber zu meinem „Täglich Brot“ gehört nicht nur Nahrung. Ich denke ebenfalls an die Menschen, die um mich sind. Sie machen mein Leben aus. Was wäre ich ohne sie? Doch gerade sie sind es, die ich häufig für selbstverständlich nehme. Das heutige Dankfest kann doch auch eine Einladung sein, sie bewusst wahrzunehmen. Ihnen vielleicht einfach mal Dank zu sagen: "Danke, Lieblingsmensch"

Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche:

Kurzbiografie Manuel Füllgrabe

Manuel Füllgrabe

geboren 1978; Pastor und Jugendreferent in Leipzig; davor Pastor in Chemnitz, Kamenz, Quedlinburg; Vater von vier Kindern

Kurzvita Mira Körlin

Mira Körlin

Geboren am 01.10.1976 in Dresden | 1995 Abitur | 1995-1996 freiwilliges Soziales Jahr in Zwickau | 1996-2002 Studium der Germanistik, Literaturwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Ev. Theologie an der TU Dresden | 2002-2003 Pressereferentin in der Sächsischen Staatskanzlei | seit 2003 Referentin für Öffentlichkeitsarbeit für die beiden Dresdner Kirchenbezirke | verheiratet, zwei Kinder

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag...

... sind die Senderbeauftragten der evangelischen Landeskirchen, der evangelischen Freikirchen bzw. der römisch-katholischen Kirche.