Donnerstag, 28.09.2017: Felicitas von Selmnitz liest die Bibel

Felicitas von Selmnitz war hart im Nehmen: Ihr Mann wird ermordet. Nur eines ihrer Kinder überlebt und wird erwachsen. Mehrmals flieht die junge Frau aus der Nähe von Halle im 16. Jahrhundert vor der Pest. Von Thomas Müntzer erfährt sie 1522 viel über die Reformation, kontaktiert schließlich selbst Martin Luther. Der Reformator schenkt ihr später seine Bibelübersetzung. Und Felicitas beginnt sie akribisch zu lesen. Textpassagen, die sie sich einprägen will, unterstreicht sie. Manches, das ihr wichtig ist, schreibt sie handschriftlich an den Rand. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde die Bibel der Felicitas von Selmnitz am Reformationstag in der Hallenser Marktkirche genutzt. Die Menschen konnten darin sehen, welche Themen Felicitas besonders interessierten, welche Texte sie als allein erziehende Mutter trösteten. Welche Ängste sie umtrieben, mit welchen Hoffnungen sie durch den Alltag ging. Unterstrichen hat sie alles, was in der Bibel zu Witwen und Waisen geschrieben steht. Auch, was Leid und Bedrängnis betrifft. Aber ebenso Texte zu Liebe und Nächstenliebe. An diesen Stellen hat Felicitas immer ein Herz an den Rand gezeichnet. Es ist Teil einer Symbolsprache. Die hat die Adlige selbst erfunden, um bestimmte Bibelverse für sich zu deuten. Wo sie einen Baum malt, geht es ums Paradies. Die Taube steht für den Geist Gottes. Ein Kreuz für all das, was das Leben schwer macht. Ein Zeigefinger markiert Stellen, die ihr besonders wichtig sind.

Dass Felicitas von Selmnitz sich so intensiv mit den biblischen Texten beschäftigt hat, hat Kreise gezogen: Nach ihrem Vorbild lesen Menschen heute noch die Bibel. Ich habe ihre Methode auch schon ausprobiert. Etwas vereinfacht: Ich nutze drei Zeichen, die ich an den Textrand malen kann: Ein Ausrufezeichen bedeutet: "Das ist mir wichtig." Ein Fragezeichen zeigt an: "Hier ist mir etwas unklar." Ein Pfeil kennzeichnet Bibelverse, die mich persönlich berührt haben. Es war spannend, wenn ich mich mit anderen in kleiner Runde dazu ausgetauscht habe. Wir kamen ins Gespräch darüber, was uns trägt, wo wir zweifeln oder was Mut macht.

Felicitas‘ Zeigefinger ist bis heute ein Fingerzeig: Die Bibel hat das Zeug dazu, das eigene Leben mit all seinen Fragen und Ungereimtheiten zu spiegeln, zu hinterfragen und in guter Weise zu begleiten.

Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche:

Kurzbiografie Manuel Füllgrabe

Manuel Füllgrabe

geboren 1978; Pastor und Jugendreferent in Leipzig; davor Pastor in Chemnitz, Kamenz, Quedlinburg; Vater von vier Kindern

Kurzvita Mira Körlin

Mira Körlin

Geboren am 01.10.1976 in Dresden | 1995 Abitur | 1995-1996 freiwilliges Soziales Jahr in Zwickau | 1996-2002 Studium der Germanistik, Literaturwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Ev. Theologie an der TU Dresden | 2002-2003 Pressereferentin in der Sächsischen Staatskanzlei | seit 2003 Referentin für Öffentlichkeitsarbeit für die beiden Dresdner Kirchenbezirke | verheiratet, zwei Kinder

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag...

... sind die Senderbeauftragten der evangelischen Landeskirchen, der evangelischen Freikirchen bzw. der römisch-katholischen Kirche.