Verkündigungssendung Das Wort zum Tag vom 04. -10.09.2017

Täglich hören Sie das Wort zum Tag. Montags bis freitags gegen 5:45 Uhr und 8:50 Uhr, am Sonnabend gegen 8:50 Uhr, sonntags 7:45 Uhr. Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche Volker Krolzik, am Sonntag Holger Treutmann.

Sonntag, 10.09.2017

Es bleibt ein  Rätsel, was sich da nun tatsächlich abspielt zwischen Kopf und Herz. Ein Liebesdrama wahrscheinlich. Der Sänger Joris wird nicht deutlicher im Text. Allein das Video dazu könnte Aufschluss geben.

Ein junger Mann, eine junge Frau. Eigentlich passen sie gut zusammen. Aber es geht nicht mehr. Warum auch immer! Es ist aus, offiziell. Aber sie sehen sich wohl noch. Besuchen sich. Auf freundschaftlicher Ebene. Oder doch nicht? Und die Blicke berühren sich wieder. Die Sehnsucht kommt zurück. Die Erinnerung. Das Vertraute. Dann aber schaltet sich die Vernunft ein. Es gab Entscheidungen, klare Verabredungen. Und nicht noch einmal diesen Schmerz, die ewigen Auseinandersetzungen, das Wiedersehen und dann doch wieder gehen müssen.

War es so? Vielleicht auch ganz anders.

Das Herz sagt: Bleib! Der Kopf schreit: Geh!

Es ist ein altes Motiv im Liebesdrama. Der Held zwischen Pflicht und Neigung. Schon in der Antike hören wir es: Die Vernunft fordert die Pflichterfüllung, aber das Herz brennt vor Liebe und erotischer Zuneigung. Die Literatur ist voll vom Ringen um Liebe zwischen Gefühl und Vernunft.

Das Leben ist wohl weniger vernünftig, als es bei nüchterner Betrachtung sein sollte. Liebe, die sich außerhalb der gewählten Bahnen seinen Weg sucht. Die Moral gibt dem Verstand Recht und verurteilt das Abwegige. Das Herz aber lässt sich nicht dauerhaft beschwichtigen. Und so kommt es zu fragwürdigem Verhalten, Enttäuschung, Schmerz, Eifersucht, Schuldgefühlen und Unterdrückung der Liebe aus Vernunft oder Selbstschutz.

Herz über Kopf – Ein kluges Wortspiel.

Hals über Kopf, sagen wir sonst. Kontrolle geht verloren.

Manchmal bleibt nur ein Scherbenhaufen. Manchmal vertieft sich Bewährtes. Manchmal ergibt sich ein Neuanfang unter veränderten Bedingungen, miteinander oder auseinander.

Das Herz sagt: Bleib! Der Kopf schreit: Geh! Herz über Kopf.

Liebe ohne Schmerz. Das ist eine Illusion. Jedenfalls dann, wenn es wirklich Liebe ist. Wir werden ergriffen von einer Macht, die wir nicht ganz unter Kontrolle haben. Herz über Kopf.

Und sonst? Wie ist das mit dem Verhältnis von Verstand und Gefühl?

Seit der Aufklärung setzen wir die Vernunft an die oberste Stelle.

Gerade sie zeichnet uns als Menschen im Besonderen aus.

Forscher aber äußern inzwischen auch Skepsis.

Sind Gefühl und Intuition die animalischen Grundinstinkte, die wir dann mit dem Verstand zähmen und letztlich frei und vernünftig zu Entscheidungen kommen? Oder könnte es auch umgekehrt sein?

Haben Gefühl und Intuition nicht immer schon längst entschieden, ehe der Verstand hinzukommt? Legitimiert die Vernunft möglicherweise mit dem Kopf nur noch das, was das Herz schon lange weiß und beschlossen hat?

Herz über Kopf.

Dominiert das Herz den Kopf oder der Kopf das Herz?

Wer steht höher?

Aus religiöser Perspektive müsste man wohl sagen, dass Gott dem Verstand des Menschen eine ganze Menge zutraut. Er fordert, dass der Mensch verantwortlich handelt; dass er aus Einsicht urteilt; dass er nach Gott fragt und den Sinn des Lebens sucht. Dass er den anderen im Blick behält und die ganze Schöpfung. Dass er nicht nur an sich und das eigene Wohlergehen denkt, sondern auch andern gerecht werden will. Dass er sich am Wort Gottes orientiert. Und das ist keine ganz einfache Verstandesleistung.

Die Gebote etwa sind Gottes Lebensweisungen, die man lesen und  verstehen kann. Ausdrücklich aber heißt es immer wieder, dass man sie auch zu Herzen nehmen soll. Sie sollen nicht nur verstanden, sondern von Herzen bejaht werden können.

Wenn jüdische Menschen beten, dann binden sich einige eine Kapsel mit den Geboten an die Stirn und zugleich eine zweite an Riemen in der Hand, und wickeln die Riemen bis zum Herzen. Glauben mit Kopf und Herz und Hand.

In den alten Riten steckt viel Weisheit und Wissen um das menschliche Wesen. Denn so klar so scheint es nicht zu sein: Herz über Kopf oder Kopf über Herz?

Herz über Kopf

So könnte man auch eines der bekanntesten Gleichnisse Jesu überschreiben.

Es ist der Bibeltext für diesen Sonntag. Das Evangelium – die frohe, weil ungewöhnliche Botschaft in einer Erzählung, die wohl nicht nur zu Jesu Zeiten geschehen ist, sondern sich bis heute auf unseren Straßen ähnlich zutragen könnte.

Bei Lukas heißt es:
Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen.
Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinab zog;
Und als er ihn sag, ging er vorüber.
Desgleichen auch ein Levit.
Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber.
Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin;

Und als er ihn sah, jammerte er ihn;
Und ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.
Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn, und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme.

Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?
Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat.
Das sprach Jesus zu ihm:
So geh hin und tu desgleichen!

Der Levit und der Priester. Sie gingen vorbei. Kopf über Herz.

Gute Gründe werden sie gehabt haben. Die eigene Sicherheit. Die eigenen Aufgaben. Die Sorge, nicht wirklich helfen zu können.

Der Samariter aber – er bleibt stehen.

Lässt sich anrühren von der Not, auch wenn der Verstand schreit: Geh!

Geh lieber vorbei. Wer weiß, ob die Räuber noch da sind und du nicht selbst eins aufs die Mütze bekommst.

Das Herz sagt: Bleib!

Halt aus bei dem, der fremd ist, der anders ist, von dem du nicht weißt, ob er es dir dankt. Das dauert und das kostet dich etwas. Zeit und auch Geld, wenn du wirklich helfen willst. Egal.

Herz über Kopf.

Was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?

Auf diese Frage hin erzählt Jesus das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter.

Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit allem Verstand, und deinen Nächsten wie dich selbst.

Glaube mit Kopf und Herz und Hand.

Im Gleichnis wird sichtbar, wie das aussehen kann, auch heute.

Vielleicht war es nicht die klügste Entscheidung der Kanzlerin im Sommer 2016, so viele Flüchtende nach Deutschland kommen zu lassen. Jedenfalls gab es gar keine Strukturen, um das kontrolliert und nach unseren Regeln tun zu können. Und doch habe ich bis heute Respekt vor dieser beherzten und nicht nur vernünftigen, aber letztlich barmherzigen Entscheidung. Eine Entscheidung Herz über Kopf, die in der Situation richtig war, weil alles andere menschenverachtend gewesen wäre. Auch wenn wir heute abgewogener urteilen und streiten müssen über Zuwanderung, glaube ich, damals war es richtig.

So etwas geschieht. Dass Menschen ihre Bedenken zurückstellen und das Herz entscheiden lassen, auch wenn es sie in Schwierigkeiten bringen kann.

Denn Liebe ist nach biblischem Verständnis nicht nur eine Gotteskraft die zwischen zwei Menschen entbrennen kann. Liebe ist der Gottesliebe darin ähnlich, dass sie tätig wird für den Nächsten, auch wenn ich mit ihm eigentlich nichts zu schaffen habe. Nächstenliebe ist Hilfe für den Naheliegenden im wahrsten Sinne des Gleichniswortes. Sie denkt nicht lange nach, sondern sie tut.

Herz über Kopf.

Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche:

Kurzbiografie Volker Krolzik

Volker Krolzik

1956 in Bielefeld-Bethel geboren | verheiratet, vier erwachsene Kinder | Studium der Diakonie und Sozialen Arbeit in Hamburg sowie der Diakoniewissenschaften in Bethel | Ordination zum Diakon, später zum evangelischen Pfarrer | verschiedene beruflichen Stationen in Westfalen und im Rheinland | 1998 - 2009 Konviktmeister des Rauhen Hauses in Hamburg | Lehraufträge an der Ev. Hochschule Hamburg | seit 2010 Theologischer Vorstand der Stiftung Herrnhuter Diakonie und Geschäftsführer des Christlichen Hospizes Ostsachsen

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag...

... sind die Senderbeauftragten der evangelischen Landeskirchen, der evangelischen Freikirchen bzw. der römisch-katholischen Kirche.