Freitag, 08.09.2017: Würde

Liebevoll kämmt Frau Kunze der alten Dame die schlohweißen Haare. Da und dort wird noch eine Locke gelegt, dann nimmt sie den Spiegel: "Schauen Sie, Frau Lehmann! Gefällt es Ihnen so?" Die frisch Frisierte nickt zufrieden. "Möchten Sie auch noch etwas Haarspray?", fragt die Altenpflegerin. "Ja, das rieche ich so gerne!" Im nächsten Zimmer wird Frau Kunze einer Heimbewohnerin beim Anziehen helfen. Auch die möchte sich heute chic machen, denn sie erwartet Besuch. Und Herr Buchholz braucht anschließend Frau Kunzes Hilfe beim Rasieren.

Ich bewundere die Ruhe, in der die Pflegerin die alten Menschen unterstützt, denn eigentlich sind diese Morgenstunden im Pflegeheim eng "durchgetaktet". Hätten da nicht die Hilfen beim Toilettengang und beim Waschen ausgereicht? "Nein", sagt Frau Kunze. "Auch alte Menschen haben den Wunsch, sich schön zu machen und gepflegt auszusehen. Ihnen dabei zu helfen, ist für uns eine alltägliche Aufgabe. Selbst im Alter will man doch nicht den ganzen Tag im Jogging-Anzug herumlaufen.“

Frau Kunze lächelt - und dann fügt sie hinzu: "Es ist schließlich mein Beruf, ihre Würde zu pflegen." Diese Haltung imponiert mir, und ich denke an ein uraltes Wort, in dem sich Gott selbst mit den Alten identifiziert. Er sagt: "Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren."*

Im weiteren Gespräch erfahre ich von Frau Kunze, dass dieses, wie viele andere Altenheime der Diakonie jedes Jahr Altenpflegerinnen und -pfleger ausbilde und dieser Beruf sehr gute Zukunftschancen habe. Ihr Job sei zwar oft körperlich und seelisch anstrengend, sei auch nicht sehr prestigeträchtig, doch gebe er ihr ganz viel Zufriedenheit. "Es erfüllt mich und gibt meinem Leben Sinn, für andere da zu sein", resümiert Frau Kunze und verschwindet im nächsten Zimmer. Und ich bin froh, dass es in vielen Altenheimen und Pflegediensten Menschen wie Frau Kunze gibt, die die Würde der Menschen pflegen.

*3. Mose 19, 32

Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche:

Kurzbiografie Volker Krolzik

Volker Krolzik

1956 in Bielefeld-Bethel geboren | verheiratet, vier erwachsene Kinder | Studium der Diakonie und Sozialen Arbeit in Hamburg sowie der Diakoniewissenschaften in Bethel | Ordination zum Diakon, später zum evangelischen Pfarrer | verschiedene beruflichen Stationen in Westfalen und im Rheinland | 1998 - 2009 Konviktmeister des Rauhen Hauses in Hamburg | Lehraufträge an der Ev. Hochschule Hamburg | seit 2010 Theologischer Vorstand der Stiftung Herrnhuter Diakonie und Geschäftsführer des Christlichen Hospizes Ostsachsen

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag...

... sind die Senderbeauftragten der evangelischen Landeskirchen, der evangelischen Freikirchen bzw. der römisch-katholischen Kirche.