Mittwoch, 06.09.2017: Gnade

"Tue Gutes und rede darüber", sagte er und pries die eigenen, scheinbar so selbstlosen Leistungen lautstark. Nicht nur im Bundestagswahlkampf oder der amerikanischen Politik erleben wir solche Selbst-Inszenierer zuhauf. Ihnen ist es wichtig, dass alle anderen erkennen, wie großartig oder außergewöhnlich, hilfsbereit oder selbstlos sie sind. Und so wird die Selbstdarstellung zum Zentrum ihres Denkens und Handelns.

Längst haben andere das als Geschäftsmodell entdeckt: Berater und Coaches, Personal-Trainer und Fitness-Studios bieten Kurse zur Selbstoptimierung an. Über die, die dabei allzu dick auftragen, lächeln wir zwar. Doch muss auch ich einräumen, dass ich lieber über meine Stärken als meine Schwächen rede - und gerne möchte, dass erstere auch von meinen Mitmenschen beachtet werden. So werde ich liebenswert - denke ich zumindest.

Solche Selbst-Inszenierungen sind ganz schön anstrengend. Denn schließlich stelle ich dabei nicht nur meine Schokoladenseiten heraus, sondern versuche gleichzeitig, meine Fehler und Schwächen zu verstecken und zu verdrängen. - Leider sind diese dadurch nicht verschwunden. Vor 500 Jahren entdeckten die Reformatoren, dass diese Anstrengungen gar nicht nötig sind, weil wir von Gott so gesehen werden, wie wir sind - mit unseren Licht- und Schattenseiten.

Gnädig, gütig, liebevoll schaut er uns an. Seine Liebe richtet sich nicht nur auf das Liebenswerte an uns, sondern auf die ganze Person. Martin Luther erklärte das so: Die Liebe des Menschen entsteht aus dem für sie Liebenswerten. Die Liebe Gottes findet das für sie Liebenswerte nicht vor, sondern erschafft es. - Mit anderen Worten: Gottes Liebe macht uns als ganze Persönlichkeit liebenswert. Diese Erkenntnis kann von anstrengender Selbst-Inszenierung befreien und uns helfen, zu unserer ganzen Person zu stehen. Das ist wohl gemeint, wenn in der Bibel steht, dass wir durch die Gnade Gottes glücklich werden.*

*vgl. Apostelgeschichte 15, 11

Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche:

Kurzbiografie Holger Treutmann

Holger Treutmann

1963 in Springe bei Hannover geboren | verheiratet | 2 Kinder | Studium in Bethel, Göttingen, Berlin | 1989 1. Theologisches Examen in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover | 1989-1993 Pharmareferent bei Astra-Chemicals Wedel/Hamburg | 1993-1995 Vikariat in Bröckel bei Celle | 1995 2. Theologisches Examen in der Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannover | 1995 Wechsel in die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen | 1995-1999 Pfarrer in Eibenberg-Kemtau und Chemnitz-Reichenhain | 1999-2005 Pfarrer in St.-Pauli-Kreuz-Gemeinde Chemnitz | 2006 - Januar 2016 Pfarrer der Frauenkirche in Dresden | Ehrenamtlicher Mitarbeiter der Notfallseelsorge Dresden | seit Februar 2016 Senderbeauftragter der Ev. Kirchen beim MDR und Rundfunkbeauftragter der Ev.-Lutherischen Landeskirche Sachsens

Kurzbiografie Volker Krolzik

Volker Krolzik

1956 in Bielefeld-Bethel geboren | verheiratet, vier erwachsene Kinder | Studium der Diakonie und Sozialen Arbeit in Hamburg sowie der Diakoniewissenschaften in Bethel | Ordination zum Diakon, später zum evangelischen Pfarrer | verschiedene beruflichen Stationen in Westfalen und im Rheinland | 1998 - 2009 Konviktmeister des Rauhen Hauses in Hamburg | Lehraufträge an der Ev. Hochschule Hamburg | seit 2010 Theologischer Vorstand der Stiftung Herrnhuter Diakonie und Geschäftsführer des Christlichen Hospizes Ostsachsen

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag...

... sind die Senderbeauftragten der evangelischen Landeskirchen, der evangelischen Freikirchen bzw. der römisch-katholischen Kirche.