Verkündigungssendung Das Wort zum Tag

Täglich hören Sie das Wort zum Tag. Montags bis freitags gegen 5:45 Uhr und 8:50 Uhr, am Sonnabend gegen 8:50 Uhr, sonntags 7:45 Uhr. Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche Markus Fischer.

Sonntag, 20.08.2017: Wort am Sonntag (von Holger Treutmann)

Sie hatten ein gutes Gespür dafür, welches Thema die Menschen in den nächsten Jahren besonders beschäftigen würde. Silbermond heißt die Band aus Sachsen, die im Jahr 2009 mit diesem Hit vielen aus dem Herzen spricht. Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit. Was bleibt in einer sich rasant verändernden Welt?

Die politische Wende in Ostdeutschland lag erst 20 Jahre zurück. Sie bedeutete Veränderung für fast jeden. Auch wer im Gewohnten bleiben konnte, fand sich mit seinem Beruf, mit seinen Einstellungen, mit Hab und Gut und mit seinen Verbindungen zu anderen Menschen plötzlich in einem neuen Koordinatensystem wieder. Andere Werte galten, andere Ziele waren wichtig. Ungeheure Möglichkeiten entstanden, aber auch eine Vielfalt an Optionen, die kaum überschaubar waren. Wer findet sich am schnellsten zurecht mit dem Neuen und tut das Richtige zur rechten Zeit, um mitzuhalten zu können im stärker werdenden Wettbewerb?

Kaum waren diese Prozesse verdaut, entstanden neue Notwendigkeiten der Anpassung. Veränderung wurde zum Dauerthema – bis heute. Und die Rhythmen der Veränderungsprozesse werden immer kürzer. Soziologen sprechen von der Beschleunigung auf allen Ebenen. Schon die technischen Errungenschaften bringen das mit sich. Das Handy von vor zehn Jahren gehört heute fast ins Museum. Die Fernbedienung des neuen Fernsehers hat so viele Knöpfe wie das Cockpit eines Kleinflugzeugs. Nur die wenigsten wissen alle spontan zu nutzen. Kleinere Dörfer und Städte verlieren den Bahnhof, die Post, die Filiale des Geldinstituts. Alles lässt sich auch mit dem Computer von zu Hause aus handhaben. Aber es fehlen die bekannten Gesichter. Menschen, an die ich mich wenden kann und die mir verlässlich helfen, wenn ich nicht mehr so fit bin, meinen Telefonvertrag zu verstehen oder den Kontoauszug zu online zu lesen. Die an sich schöne und gute Welt, in der wir leben, wird unheimlicher. Ich fühle mich weniger geborgen und zu Hause. Kein Wunder, wenn einige auf alles Fremde beinahe allergisch reagieren. Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit in einer Zeit, in der nichts sicher scheint.

Fast prophetisch hat Silbermond mit ihrem Lied geahnt, dass das Sicherheitsbedürfnis der Menschen steigen wird. Die politischen Revolten in Nordafrika damals führten fast nie zu einer Demokratisierung der Länder im südlichen Mittelmeer. Vielmehr öffneten sich Räume für islamistische Terrorgruppen, die das Spiel mit der Unsicherheit als Strategie inzwischen in alle Welt tragen. Besonders Schwellenstaaten zur westlichen Welt kamen als Terrorziele in den Blick. Inzwischen ist die konkrete Bedrohung von Jahr zu Jahr auch in europäischen Staaten wie Frankreich, England oder Deutschland angekommen. Sicherheit wird eines der großen Themen im kommenden Wahlkampf sein. Einig sind sich die Parteien fast des gesamten politischen Spektrums, dass die Polizei gestärkt und der Staatsschutz eine höhere Priorität bekommen muss. Und auch Aufrüstungspläne im militärischen Bereich werden mit relativ hohem Gleichmut hingenommen. Safety first. Sicherheit zuerst.

Ganz ehrlich. Mir ist nicht wohl dabei. Sicher braucht eine demokratische Gesellschaft auch die Möglichkeit sich zu verteidigen und darf gewaltsamen Attacken nicht tatenlos zusehen. Letztlich aber wird keine Regierungschefin, kein Polizeipräsident oder Generalinspekteur der Streitkräfte 100% Sicherheit garantieren wollen. Die gibt es nicht, heißt es nach jedem neuen Terroranschlag, auf den hin die Sicherheitsmaßnahmen dann noch mal wieder erhöht worden sind. Was geschieht? Wir igeln uns ein im Reflex und bewaffnen uns höher und hoffen damit Stabilität und Sicherheit zu gewinnen. Die Bibeltexte für diesen Sonntag zeigen einen anderen Weg. Sie sprechen vom Bund. Und sie werben für ein Vertrauen ins Bündnis. Es ist der Sonntag, an dem die christliche Kirche in besonderer Weise ihrem Verhältnis zur jüdischen Religion nachdenkt. Und im Judentum spielt das Stichwort „Bund“ eine wesentliche Rolle. Das Verhältnis Gottes zu den Gläubigen wird als ein Bundesverhältnis qualifiziert. Das hört sich zunächst etwas formaljuristisch an, ist aber eine große kulturelle Errungenschaft. Religionen denken einen Gott immer so, dass nichts Höheres zu denken sei. Er hat letztlich alle Macht, alle Weisheit, alle Zeit.

Jüdische Menschen aber glauben, dass dieser Gott nicht willkürlich handelt. Er ist kein blindes Schicksal, sondern lässt sich auf den Menschen und seine Welt bewusst ein. Ja, er nimmt den einzelnen Menschen und auch ganze Völker als Bündnispartner ernst. Er schenkt Vertrauen und er erwartet Vertrauen. Das ist beim himmelweiten Unterschied zwischen Gott und Welt beinahe ein Verhältnis auf Augenhöhe. Ich verlasse mich auf dich. Und du verlässt dich auf mich.

Im Bibeltext für diesen Sonntag heißt es:

Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag,
kamen sie in die Wüste Sinai … und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.
Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach:
So sollst du sagen zu sagen zum Hause Jakob und den Israeliten verkündigen:
Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe
und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln
und euch zu mir gebracht.
Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten,
so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern;
denn die ganze Erde ist mein.
Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.

Was gibt Sicherheit? Die Bibel spricht vom Bund, den Gott mit den Menschen schließt. Gott traut den Menschen zu, dass sie die Welt sinnvoll und im Sinne Gottes gestalten. Schon in der Urgeschichte heißt es nach dem Ende der Sintflut: "Ich will hinfort nicht mehr die Erde verderben. Von nun an soll nicht aufhören Saat und Ernte, Sommer und Winter, Tag und Nacht."

Auch mit fehlerhaften Menschen will Gott einen Bund schließen und gibt ihnen ein Vorschuss an Vertrauen. Sie werden es schon machen. Und ich werde die Jahreszeiten erhalten und die Grundlagen für alles Leben. Oder am Sinai, dem Berg der Erscheinung Gottes vor den Menschen. Gerade hatte Gott die Israeliten in die Freiheit geführt – aus der Knechtschaft in Ägypten zu einem eigenständigen freiem Verbund von Menschen, die an ihn glauben. Wollt ihr euch freiwillig an mich binden und darauf vertrauen, dass ich euch durch die Zeit führe, auch wenn es schwierig wird? Das ist sozusagen das Bundesangebot Gottes. Er verspricht seine Treue. Und die Menschen richten ihr Vertrauen auf den unsichtbaren Gott, der sie durch das Auf und Ab der Geschichte führt. Und später wird er ihnen noch die 10 Gebote geben und das Gesetz. Damit können sie sinnvolles Leben in der Gemeinschaft gestalten. Sie sind Teil eines weiteren Bundesschlusses.

Die christliche Gemeinde hat diese Bundestheologie des Judentums aufgegriffen. Sie spricht von einem weiteren Bund Gottes mit den Menschen. Dadurch, dass Jesus Christus auf die Welt gekommen ist, sei ein weiterer Bund geschlossen worden zwischen Gott und den Gläubigen. Nicht immer ganz korrekt wird von Neuen Testament gesprochen, so als sei der alte Bund veraltet oder gar nicht mehr gültig. Besser spricht man wohl vom erneuerten Bund in Christus, weil die Verheißungen der vormaligen Bundesschlüsse nach wie vor in Kraft sind. Das sieht man schon daran, dass die 10 Gebote aus dem Judentum auch für Christenmenschen Gültigkeit haben.

Sicherheit durch Bundesschlüsse. Das ist der Weg, den die Bibel nahelegt, um den schwierigen Weg durch die Geschichte zu gehen. Veränderungen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Stabilität ist wichtig, aber kein garantiertes Gut. Eine geschlossene Gesellschaft gibt Halt, verliert sich aber in sich selbst, wenn sie sich nicht öffnet auch für anderes. Wir erleben im politischen Bereich, dass Bündnisse aufgekündigt werden, etwa in der Europäischen Union, in den Vereinten Nationen oder in der Nato. Die Bereitschaft auszutreten und Bündnisse zu eigenen Gunsten zu brechen, scheint größer zu werden. Im Gegenzug dazu wächst das Bedürfnis nach privaten Bündnissen, z.B. in der Ehe. Nach Zeiten größerer Beliebigkeit erfahren Treue und Liebe wieder höhere Wertschätzung. Eine Scheidung führt nicht automatisch zum Misstrauen gegenüber der Kostbarkeit beständiger Liebe. Was haben die Bundesschlüsse im privaten oder politischen Bereich mit den religiösen Bundesschlüssen zu tun? Ich glaube: Gottvertrauen stärkt Weltvertrauen.

In der jüdischen Bibel verspricht Gott den Gläubigen, dass er sie auch in Zukunft durch die Geschichte tragen will. So wie er es zuvor auch schon gemacht hat. Ihr habt gesehen, wie euch getragen habe auf Adlersflügeln und zu mir gebracht. Aus diesem Satz speist sich auch eines der bekanntesten christlichen Lieder.

Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren.
Lobe den Herrn, der alles so herrlich regieret,
der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet,
der dich erhält, wie es dir selber gefällt,
hast du nicht dieses verspüret.
(EG 317, 2)

Oftmals ist für uns erst im Rückblick zu erkennen, inwiefern das eigene Leben mit seinen Wegen und Umwegen, Abbrüchen und Neuanfängen segensreich war. Das aber gibt Zuversicht auch im Blick auf das Kommende. Gottvertrauen stärkt Weltvertrauen. Wir werden niemals in absoluter Sicherheit leben können. Gefährdungen bleiben uns nicht erspart, genauswenig wie Veränderungen. Ein kleines bisschen Sicherheit ist sicher zu wenig für die großen und dramatischen Bedrohungen, die es geben könnte; weltpolitisch, sozialpolitisch, ökologisch. Und doch sind die kleinen Ort e der Sicherheit die Keimzellen für das Weltvertrauen insgesamt. Wer im Glauben an seinen Gott oder in der verlässlichen Liebe zu einem Menschen Schutz und Sicherheit findet, der bekommt auch die Kraft, selbst Verantwortung zu übernehmen und sich auf Fremdes einzulassen. Dabei sind Bundesschlüsse nicht das schlechteste Mittel.

Die Drohung mit Waffen ist das eine. Die Verhandlungen und neuen Bundesschlüsse mit dem Gegner sind das andere. Der Atheismus als Lebenshaltung mag praktisch sein, um sich keine Illusionen zu machen oder um der Gefahr zu entgehen, fanatisch zu werden. Das ist das eine. Aber die freiwillige Bindung an einen Gott, der es gut mit uns meint und auch den Frieden zwischen den Völkern befördern will, ist das andere. Bundesschlüsse pflegen eine Kultur des Vertrauens. Darin sind sie wertvoll für eine Gesellschaft. Wenn Religion oder auch die Bundesschlüsse dieser Welt Vertrauen fördern, kann der Hunger nach Sicherheit ein wenig gestillt werden. Das ist in jedem Fall ein großer Gewinn.

Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche:

Kurzbiografie Markus Fischer

Markus Fischer

Markus Fischer, geboren 1961 bei Hannover | Theologiestudium in Oberursel und Erlangen | 1987-1989 Vikariat im Münsterland | 1990 Pfarrvikar in Stade (Elbe) | Pfarrer der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK): 1991-2000 in der Luth. Schlosskirchgemeinde St. Trinitatis Weißenfels (Saale) | zeitweise Jugendpfarrer und Vertreter der SELK bei der "Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen" (ACK) in Sachsen-Anhalt | 2000-2007 Luth. Gemeinde "Zum Heiligen Kreuz", Berlin-Wilmersdorf | seit 2007 in der Luth. St. Trinitatisgemeinde Leipzig | zuständig auch für die Lutherische Gemeinde Sangerhausen und den Predigtort Lutherstadt Wittenberg.

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag...

... sind die Senderbeauftragten der evangelischen Landeskirchen, der evangelischen Freikirchen bzw. der römisch-katholischen Kirche.