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SACHSENSPIEGEL REPORTAGE | 26.10. | 20:15 Uhr

Das gesprengte Leben

Am 9. März 1980 gegen 22 Uhr detonierte am Panzer-Traditionsdenkmal von Karl-Marx-Stadt eine 25-Kilo-Bombe. Die Wucht der Explosion schleuderte zwei Laufräder des sowjetischen T-34 aus den Ketten und ließ die Fensterscheiben in den Wohnhäusern ringsum bersten.

Die ermittelnden Behörden vermuteten zunächst einen Anschlag durch den amerikanischen Geheimdienst. Doch der Panzer-Bomber war ein Einheimischer: der Werkzeugmacher Josef Kneifel; zur Tatzeit 38 Jahre alt.

Kneifel sieht seine Handlung heute kritisch: "Weil ich Menschenleben gefährdet habe. Man könnte mich einen Terroristen nennen. Aber es war die Tat eines vom System getriebenen - ein Befreiungsschlag meiner verätzten Seele". Der heute 63jährige spielt damit auf seine bewegte Biografie an, die den überzeugten Jungkommunisten zum Oppositionellen werden ließ: Gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings und die Unterordnung des FDGB unter die SED hatte er in Wort und Flugschrift protestiert und wurde wegen Verunglimpfung des Staates zu 10 Monaten Haft verurteilt.

Die Strafe sowie die Haftbedingungen - als einziger politischer Gefangener saß er mit Schwerkriminellen in einer Zelle - empfand der Idealist und Gerechtigkeitsfanatiker als entwürdigend. Er entledigte sich seines Traumas durch die besagte Panzersprengung von Karl-Marx-Stadt; mit der er sowohl gegen den Einmarsch der Roten Armee kurz zuvor in Afghanistan, aber auch gegen die bestehenden innenpolitischen Verhältnisse protestieren wollte.

Kneifel wurde zu lebenslangem Knast verurteilt, saß davon siebeneinhalb Jahre ab, darunter 14 Monate in totaler Isolationshaft im Karzer von Bautzen I. Man hat ihn gefesselt, geschlagen, in Nässe und Kälte gehalten, bis seine Nieren versagten. 1987 wurde Josef Kneifel (der nur noch 55 Kilo wog und im Sterben lag) als "Geschenk Honeckers" nach Nürnberg entlassen. Er ist Dialyse-Patient, muss dreimal in der Woche für fünf Stunden an Blut reinigende Maschinen. Dennoch arbeitet der asketisch wirkende Mann heute im Nürnberger Friedenskreis mit: "Ich war einem Irrtum erlegen. Und habe dafür einen hohen Preis bezahlt."

Die SACHSENSPIEGEL REPORTAGE "Das gesprengte Leben - Der Bombenleger von Karl-Marx-Stadt" am Mittwoch, 26.10.205, 20.15 Uhr im MDR FERNSEHEN.

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2005, 14:40 Uhr

 

 
 
 
 
 
 

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