SACHSENSPIEGEL

Interview : Sachsen für junge Lehrer unattraktiv

Kaum 1.000 von Sachsens 32.000 Lehrern sind in Sachsen verbeamtet. Diese niedrige Quote sei ein Grund für das Nachwuchsproblem im Freistaat, meinen viele Lehrer. Gesa Bruno-Latocha ist Referentin für Angestellten- und Beamtenpolitik der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und stand MDR SACHSEN rund um das Thema Verbeamtung und Lehrerbezahlung in Deutschland Rede und Antwort.

Welche Bundesländer sind für junge Lehrer am attraktivsten?

Finanziell ist Bayern derzeit für neue Lehrkräfte am attraktivsten, dicht gefolgt von Baden-Württemberg. Dort wird der Nachwuchs nach der vollen Lehramtsausbildung und Referendariat verbeamtet. Bei dem Besoldungsvergleich sollte man beachten: Hier zählt nicht das Bruttoeinkommen - das bei Beamten meist niedriger als bei Angestellten ist - sondern das Nettoeinkommen, das bei Beamten höher ist. Das kommt daher, dass sie keine Beiträge zur Renten- und Arbeitslosenversicherung entrichten müssen und privat krankenversichert sind. Zusätzlich bekommen sie einen Arbeitgeberzuschuss von 50 Prozent zur Arztrechnung. Die niedrigste Beamtenbesoldung bietet derzeit Berlin. Dennoch sind diese Nettoentgelte immer noch höher als die von gleich qualifizierten Angestellten.

Wie hoch sind denn die Gehälter für Angestellte? Wo haben sächsische Kollegen weitere Nachteile?

Die Angestelltengehälter sind bundesweit die gleichen, Entgeltgruppe 11 reicht z.B. von 2.700 brutto (Stufe 1, Berufsanfänger) bis rund 4.000 Euro brutto (Endstufe, nach 10 Jahren erreicht). Aber - und das ist das Problem - die Eingruppierung, also die Zuordnung zu den Entgeltgruppen, unterscheidet sich. Deshalb wollen wir dafür ja einen Tarifvertrag haben, den es bisher nicht gibt! So sind in den meisten Bundesländern angestellte Grundschullehrerinnen in Entgeltgruppe 11, in Sachsen sind sie mehrheitlich niedriger eingruppiert.

Welche Bundesländer bieten Lehrern eine Beamtenlaufbahn?

Bei allen anderen Ländern außer Sachsen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ist die Verbeamtung von Junglehrern mit den "laufbahnrechtlichen Voraussetzungen" möglich.

Oft wird auch das Problem der DDR-Lehrerausbildung angesprochen...

Ja, das ist ein echtes Problem. Lehrkräfte mit DDR-Ausbildung haben in den westlichen Bundesländern keinen Anspruch darauf, dass ihre Ausbildung als gleichwertig anerkannt wird und sie entsprechend bezahlt bzw. auch verbeamtet werden. Das andere Bundesland kann sie nehmen, muss aber nicht. In der Praxis ist das auch eine Frage der Fächer, Lehrkräfte in Mangelfächern haben meist bessere Karten. Anders als beim Wechsel zwischen EU-Ländern gibt es beim Wechsel zwischen Bundesländern keinen wirklichen Schutz vor Diskriminierung wegen der Herkunft... Im Osten gibt es auch Unterschiede: Sachsen oder Thüringen stufen die Lehrkräfte mit DDR-Ausbildung schlechter ein als Sachsen-Anhalt oder Berlin. Da das (noch) nicht tariflich geregelt ist, können sie das leider machen.

Wie gut oder schlecht verdienen deutsche Lehrer eigentlich im europäischen Vergleich?

Die Bezahlung von Lehrkräften im Ausland ist sehr unterschiedlich. Man muss Lehrer immer mit anderen akademisch ausgebildeten Berufen vergleichen. In Osteuropa werden Lehrkräfte - wie andere Staatsbedienstete auch - traditionell relativ schlecht bezahlt, viele Lehrer fahren nebenher Taxi oder verdienen anderweitig dazu, um über die Runden zu kommen. In Südeuropa haben Lehrkräfte immer relativ gut verdient. Dort wurden aber im Zuge der EU-Krisenpolitik die Gehälter im öffentlichen Dienst in jüngster Zeit drastisch beschnitten, aktuelle Vergleichsdaten liegen noch nicht vor. In Großbritannien oder Schweden ist die Spanne deutlich größer als bei uns, dort gibt es starke individuelle Unterschiede. In den meisten Ländern können Lehrkräfte neben dem Grundgehalt viele "Extra-Einnahmen" erzielen, z.B. für Prüfungen, Pausenaufsicht oder Vertretungsstunden, was bei uns alles mit dem Grundgehalt abgegolten ist. Nicht außer Acht lassen darf man, dass Lehrkräfte in Deutschland im internationalen Vergleich überdurchschnittlich viele Unterrichtsstunden halten müssen.

An welchen Stellen sollte in Deutschland nachgebessert werden?

Die GEW fordert seit Jahrzehnten, dass alle akademisch ausgebildeten Lehrkräfte gleich bezahlt werden. Inzwischen müssen ja alle Lehrkräfte, egal für welche Schulart, einen Master und einen Vorbereitungsdienst ablegen. Daher sollten auch alle Lehrkräfte, egal an welcher Schule sie unterrichten, so bezahlt werden wie andere Akademiker im öffentlichen Dienst: Entgeltgruppe 13 bzw. Besoldungsgruppe A13. Derzeit ist das für Grundschul- und teilweise Sekundarschullehrer nicht der Fall.

Zuletzt aktualisiert: 11. März 2013, 16:28 Uhr

Ein Rechenbeispiel für angestellte Lehrer

Ein Lehrer an einer Mittelschule in Sachsen kann als Einstiegsgehalt 2.650 Euro brutto oder 3.070 Euro brutto verdienen – je nachdem in welcher Gehaltsgruppe er eingestuft wird. Wie viele Lehrer in eine Gehaltsgruppe kommen, entscheidet der jeweilige Landesfinanzminister. Das hält die Gewerkschaft GEW für ungerecht.

Noch größer ist der Gehaltsunterschied zwischen einen verbeamteten Lehrer und einem Lehrer, der Beschäftigter des öffentlichen Dienstes ist. Hier kann der Gehaltsunterschied für die gleiche Arbeit 800 bis 1.000 Euro monatlich betragen. Sachsen hat bundesweit unter den Lehrern die wenigsten Beamten. In Sachsen-Anhalt sind rund ein Viertel der Lehrer verbeamtet, in Thüringen sogar 60 Prozent. Sachsens GEW befürchtet deswegen große Nachwuchsprobleme. Die jungen Lehrer suchten die Bundesländer aus, wo sie das beste Gehalt bekämen, so die sächsische GEW-Landeshefin Sabine Gerold.

© 2014 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK