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Sexualberatung für Behinderte

Aktuelles Interview mit Lothar Sandfort

Diplompsychologe und Leiter des Instituts zur Selbstbestimmung Behinderter

Lothar Sandfort, Diplompsychologe und Institutsleiter, im Interview über die Beratung von Behinderten für Behinderte - vor allem was die Sexualität betrifft.

Elke Bitterhof

Sie sind Diplompsychologe und Leiter des ISBB, des Instituts zur Selbstbestimmung Behinderter in Trebel in der Lüneburger Heide. Was sind die Inhalte dieser Arbeit?

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Elke Bitterhof interviewt Lothar Sandfort

Lothar Sandfort

Das ISBB ist ein Lehrinstitut und eine Beratungsstelle. Lehrinstitut heißt, dass wir vor Ort in Trebel verschiedene Seminare anbieten. Ich selber fahre aber auch viel in ganz Deutschland herum. Ich mache Seminare und Supervision, Referate auf Veranstaltungen und so etwas. Das ist der Lehrteil. Auf der anderen Seite sind wir eine Beratungsstelle, die angefangen hat, ganz allgemeine Fragen zu beantworten und zu behandeln. Über den Bedarf ist es mehr und mehr zu einer Sexualberatungsstelle geworden.

Elke Bitterhof

Der Begriff "Peer-Counceling" spielt dort auch eine Rolle. Was bedeutet das?

Lothar Sandfort

Wir, die Berater, sind alle selber behindert. Peer-Counceling heißt Beratung von Behinderten für Behinderte. Es sprechen alle aus eigener Erfahrung, mehr oder weniger nah.

Elke Bitterhof

Für Sie als Leiter des Instituts war es auch ein sehr langer Weg, der mit einem eigenen Unfall begann. Nach dem Unfall herrschte eine große Ratlosigkeit. Lassen Sie uns einen kurzen Blick auf Ihre eigenen Erinnerungen werfen, die wir vor ein paar Jahren gedreht haben ...

Lothar Sandfort (Rückblick: Filmeinspiel)

"Ich bin Jahrgang 1951. Da war noch alles sehr prüde. Ich bin von meiner Umwelt auf meine Rolle hin erzogen worden. Männlich sein, sich durchsetzen. In Bezug auf Sexualität bin ich sehr penisorientiert. Meine erste längere Beziehung hatte ich mit 19 Jahren. Mit 20 Jahren ist mein Unfall passiert. Das war mehr ein Leben mit Selbstzweifeln, mehr in Richtung jetzt bekomme ich nie wieder eine Freundin, jetzt ist die Lust zu Ende, jetzt ist der Spaß zu Ende...das waren so die ersten Gedanken."

Elke Bitterhof

Sie sind sehr früh mit der Problematik konfrontiert worden, in einem Alter, wo ein junger Mann natürlich Sexualität erleben möchte. Wo haben Sie damals Hilfe bekommen? Gab es Menschen, mit denen Sie reden konnten?

Lothar Sandfort

Professionelle Hilfe nicht. Ich glaube, die hätte ich auch nicht angenommen. So viel ich weiß, nehmen die querschnittsgelähmten Menschen, die frisch verletzt sind, die Beratung heutzutage nicht an. Nach so einem Unfall kommt man erst mal in eine tiefe Krise, eine Identitätskrise. Und da geht es erst mal um andere Dinge. Da muss der Mensch ein Gefühl dafür bekommen, dass er überlebt, dass seine Existenz gesichert ist. Sexualität kommt danach. Es ist allerdings eine große Bedrohung im Hinterkopf.

Elke Bitterhof

Sie haben erwähnt, dass Sie dann das Gefühl hatten, niemals mehr Zärtlichkeiten, keine Berührungen mehr erleben zu dürfen. Wann kam das Bedürfnis wieder?

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Lothar Sandfort ist behindert und berät Behinderte

Lothar Sandfort

Es ist so, mit der Querschnittslähmung habe ich einen großen Teil meiner Haut verloren. Das ist eine komplette motorische und sensorische Lähmung. Immerhin ist die Haut das größte Sexualorgan. So sehe ich das jedenfalls heute. Dummerweise liegt mein Penis auch in dem Bereich, den ich verloren habe. Männer überschätzen ihr Geschlechtsorgan ja sowieso - das ist ja bekannt, so auch ich. Ich habe mir nicht vorstellen können, wie es auf dem Gebiet der Sexualität weiter gehen könnte.

Elke Bitterhof

Sie haben es sich nicht vorstellen können. Aber irgendwann kam es dazu.

Lothar Sandfort

Ich musste dann lernen und habe es auch gerne gemacht, dass sich Frauen immer noch für mich interessieren, auch mit Querschnittlähmung. Das liegt nicht so sehr an meiner Person, das erleben andere Querschnittsgelähmte auch.

Elke Bitterhof

Das heißt, Ihnen haben nicht die Ärzte geholfen, sondern die Frauen. Kann man das so sagen?

Lothar Sandfort

Das richtige Leben und die Erfahrungen haben mir geholfen, dass ich mich darauf einlassen konnte.

Elke Bitterhof

Diese Erfahrungen geben Sie inzwischen weiter. Sie praktizieren Seminare.

Die nächsten gibt es im September und Oktober. Wie finden Sie die Interessenten - oder finden die Interessenten Sie?

Lothar Sandfort

Es sind zwei unterschiedliche Gruppen, die angesprochen werden: Einmal die körperbehinderten Menschen und seit einem Jahr arbeiten wir auch mit lern- und geistig behinderten Menschen. Die körperbehinderten Menschen erfahren von uns durch die Beratungsstellen, in die wir eingebunden sind, durch die Zentren für selbstbestimmtes Leben in den Großstädten und durch Medienberichte, die hauptsächlich über unsere Sexualbegleiterinnen berichten. Aber auch durch Seminare, die ich mache. Die Lernbehinderten bekommen den Kontakt eher über ihre Betreuer und Betreuerinnen.

Elke Bitterhof

Vielleicht noch ein Wort zu den Sexualbegleiterinnen. Die nehmen aktiv am Seminar teil? Was machen sie?

Lothar Sandfort

Zunächst sind sie einfach da und haben Kontakt zu den Teilnehmern. Es sind vorwiegend Männer, aber auch Frauen. Die Sexualbegleiter und -begleiterinnen organisieren den Samstagnachmittag. Da finden unsere tantrischen Übungen statt. Und dann haben sie auch noch ihre Dates.

Elke Bitterhof

In den Dates sind sie mit den Seminarteilnehmern allein?

Lothar Sandfort

Das ist ein Bereich, der mit dem ISBB soweit dann nichts mehr zu tun hat. Die Organisation und die Bezahlung, das machen die Teilnehmer untereinander aus.

Elke Bitterhof

Nicht jeder traut sich zu so einem Seminar zu kommen. Nicht jeder traut sich eine Organisation zu fragen. Sie haben ein Buch geschrieben, das Antworten enthält. Das Buch heißt "Hautnah". Vielleicht können Sie noch kurz etwas zu dem Buch sagen.

Lothar Sandfort

Das ist vor allen Dingen eine Zusammenfassung der Erfahrungen, die wir bis 2003 gemacht haben. Mittlerweile arbeite ich an der überarbeiteten Neuauflage. Da sind dann auch die neueren und aktuelleren Erfahrungen drin, aber auch der Hintergrund und die Philosophie, die wir haben. Bei uns kommen die Leute ja nicht nur wegen der Prostitution, also nicht nur wegen der Dates. Sie kommen auch, um an ihrer Persönlichkeit zu arbeiten. Anders geht das auch nicht. Dates allein sind bei uns nicht zu kriegen.

Elke Bitterhof

Zu Ihnen kommt man also auch, um zu arbeiten.

Lothar Sandfort

Genau, um an sich selbst zu arbeiten. Das mögen viele Menschen nicht.

Elke Bitterhof

Wer also daran Interesse hat, der kann sich auf unserer Internetseite informieren, wie er Kontakt zu Ihrem Institut aufnehmen kann. Wir bedanken uns ganz herzlich für Ihr Kommen und wünschen Ihnen weiterhin viel Kraft und Energie.

Lothar Sandfort

Ich danke.

Zuletzt aktualisiert: 26. August 2005, 16:10 Uhr

 

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Kontakt:

Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter
Nemitzer Str. 16
29494 Trebel

Tel.: 05848 / 98 15 65
Email: isbbtrebel@aol.com

Buchtipp:

Hautnah. Neue Wege der Sexualität behinderter Menschen.
von Lothar Sandfort
ISBN: 3-930 830-30-2

 
 
 
 
 
 
 

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