selbstbestimmt! - Das Magazin | 03.09.2017 "Ich.Du.Inklusion" - Tiefe Einblicke in den Schulalltag

Der Dokumentarfilmer Thomas Binn hat drei Jahre lang eine Grundschulklasse in NRW mit der Kamera begleitet. Er wollte herausfinden, wie Inklusion gelingen und wie eine Klasse zusammenwachen kann, aber auch, an welche Grenzen dieses Vorhaben stößt. Binn gewährt mit seinem Film tiefe Einblicke in den modernen Schulalltag.

Kinder in einem Klassenraum.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Selbstbestimmt! So 03.09.2017 08:00Uhr 06:12 min

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"Alleine kann Frau Heß das nicht schaffen, die braucht ein Team." Diesen Satz sagt eine Grundschülerin über ihre Klassenlehrerin in dem Film "Ich. Du. Inklusion. - Wenn Anspruch auf Wirklichkeit trifft".

Drei Jahre an einer Grundschule in NRW

Ich.Du.Inklusion
Filmemacher Thomas Binn beobachtete drei Jahre lang eine Grundschulklasse. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Filmemacher Thomas Binn ist auch diplomierter Sozialpädagoge. Drei Jahre lang hat er eine Grundschulklasse in Uedem, einer Kleinstadt in Nordrheinwestfalen, mit der Kamera begleitet. Er wollte mit eigenen Augen sehen, ob Inklusion in der Regelschule funktioniert. In Nordrheinwestfalen wurden viele Förderschulen aufgelöst. Kinder mit Unterstützungsbedarf gehen nun oft in die Regelschulen. So auch in Uedem, das zum Kreis Kleve gehört. In der Klasse sind 22 Kinder, sieben von ihnen haben einen diagnostizierten Förderbedarf. Die Klassenlehrerin ist die meiste Zeit alleine mit der Klasse und versucht, den sehr unterschiedlichen Bedürfnissen ihrer Schüler gerecht zu werden. Nur in sieben Stunden pro Woche bekommt sie Unterstützung von einer Sonderpädagogin.

Ich.Du.Inklusion
Szene aus "Ich.Du.Inklusion" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Grundsätzlich ist es so, die Kinder sind nicht das Problem. Wir Erwachsenen, wir sind das Problem. Wenn wir nicht genug Sonderpädagogen haben, die an den Schulen dafür sorgen, dass Inklusion zu einem Regelfall wird, dann läuft es gegen die Idee. Wir schaffen damit keine Inklusion, sondern es wirkt gegenteilig. Weil wir den Kindern immer wieder vor Augen führen, dass sie anders sind als die anderen Kinder.

Dokumentarfilmer Thomas Binn

Überforderung auf allen Seiten

Das ist zum Beispiel Miguel. Er ist in seiner Entwicklung etwa auf dem Stand eines Dreijährigen. Für ihn ist es unmöglich, dem Unterricht zu folgen. Deshalb bekommt er Aufgaben, die einfacher zu lösen sind. Doch Miguel lässt sich leicht ablenken. Binns Film zeigt die Überforderung auf allen Seiten:

Ich.Du.Inklusion
"Das ist ein ganz zerbrechliches System." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Man steht dann da und beobachtet, wie dieses Kind sich nicht mehr zu helfen weiß. Das ist ja ein einziger Hilfeschrei des Kindes. Das bringt die ganze Hilflosigkeit in einem Bildungssystem eigentlich gut auf den Punkt. Solange alles irgendwie einigermaßen läuft, geht's. Aber sobald anfangen Kinder auszubrechen, sobald wir die Situation haben, dass die Erwachsenen die Lage nicht mehr kontrollieren können, wird es schwierig. Das ist ein ganz zerbrechliches System.

Dokumentarfilmer Thomas Binn

Kein Film gegen Inklusion, sondern für eine Diskussion

Die Strukturen in Uedem hier sind dörflich, die großen Städte fern. So kann keiner sagen: Na ja, kein Wunder Berlin-Neukölln, da kann Inklusion ja nicht funktionieren." Binn zeigt, dass das Prinzip, keinen auszuschließen, unter den gegebenen Bedingungen nicht mal im kleinen Uedem funktionieren kann. Als Film gegen die Inklusion will Binn seinen Film aber keinesfalls verstanden wissen. Er findet, jeder halbwegs vernunftbegabte Mensch müsse für Inklusion, die für ihn bedeutet, jedes Kind darf in seinem Tempo lernen und bekommt Unterstützung dabei:

Mein Wunsch wäre, dass wir über diesen Film in eine gemeinsame Diskussion kommen, wie wir den Bildungsprozess an unseren Schulen verbessern können. Das wäre mein Wunsch. Und wenn wir jetzt über den Film sozusagen den Menschen ein Sprachrohr geben, ist es ja ganz wunderbar.

Dokumentarfilmer Thomas Binn

Zuletzt aktualisiert: 08. September 2017, 09:50 Uhr