Yoshij Grimm
Bildrechte: mdr/rbb/Johannes Mayer

Selbstbestimmt! Die Reportage | 27.08.2017 Achterbahn zurück ins Leben

Von einer Sekunde auf die andere ändert sich das Leben von Yoshij Grimm. Nach einem Unfall ist er querschnittsgelähmt. Johannes Mayer hat ihn begleitet und miterlebt, was die neue Situation von Yoshij abverlangt.

Yoshij Grimm
Bildrechte: mdr/rbb/Johannes Mayer

Ein unverschuldeter Motorradunfall – ein Lastwagen missachtet die Vorfahrt. Das war am 17. Juni 2014. Die Folgen: Von der Brust abwärts querschnittgelähmt, für immer Rollstuhl. Vor dem Unfall war Yoshij Grimm ein hoffnungsvoller junger Mann. Gutaussehend, Philosophiestudent, erfolgreicher Sportler, Synchronsprecher für ausländische Kinder- und Jugendfilme.

Filmszene aus
17. Juni 2014: Ein Bild von der Unfallstelle Bildrechte: MDR/RBB/Johannes Mayer

Gebrochene Rippen, zerstochener Lungenflügel, ein gesprengtes Gelenk, gerissene Sehnen, Schädelhirntrauma und auseinandergerissene Wirbel – Yoshij wart so gut wie tot, vier Wochen Koma. Er wird in den Beelitzer Heilstätten behandelt: "Und hierhin zu gehören, sich von morgens bis abends einzupinkeln, einzuscheißen, sich an nichts zu erinnern – da hab ich mir monatelang nur gewünscht, beim Unfall gestorben zu sein."

Rückkehr nach Hause

Nach sieben Monaten Krankenhaus und Reha-Klinik ist Yoshi wieder zu Hause. Seine Hoffnung: Hier wird alles besser. Doch er erkennt, auch daheim ist vieles unmöglich, schwierig. Es ist zu eng und es fehlt an Hilfen wie einem Fahrstuhl.

Vor seinem Unfall hat Yoshij Grimm Philosophie studiert, war Synchronsprecher für ausländische Kinder- und Jugendfilme und ein sehr guter Sportler. Trampolin, Turnen, Capoeira und Klettern.

Das Motorrad war seine große Leidenschaft. "Temple Rider", so hat sich seine Tempelhofer Clique genannt. "Ich bin überall an die Grenzen gegangen. Mit dem Motorrad war eine Stelle in unserer Kiesgrube, wo einfach alles gestimmt hat. Egal was passierte, es ging niemals außer Kontrolle, so dass ich mich verletzen könnte." Doch dann der Unfall. Statt Enduro-Cross-Touren besteht sein Leben jetzt aus Reha-Terminen – jeden Tag eine andere Sitzung, sechs in der Woche.

Filmszene aus
Regelmäßiges Reha-Training Bildrechte: MDR/RBB/Johannes Mayer

Termine, Termine

Wieder etwas mehr Unabhängigkeit spüren, das ist Yoshij besonders wichtig. Dazu muss er sich auf eine spezielle Führerscheinprüfung vorbereiten. Schafft er die Prüfung, kann er mit einem umgebauten Spezialauto fahren, das er nur mit seinen Händen bedient.

Die Termine liegen dicht an dicht. Beim Osteopathen, dem "Quäler", muss er eine schmerzhafte Behandlung über sich ergehen lassen. Doch hinterher fühlt sich Yoshij deutlich besser. Der Osteopath mobilisiert die Muskeln und Sehnen, die noch funktionsfähig sind.

Die nächste Sitzung: Gedächtnissprechstunde bei der Neuropsychologin. Regelmäßig wird hier getestet, ob sich sein Gedächtnis seit dem Unfall verbessert hat. Es geht aufwärts, aber seine Erwartungen und Ansprüche an sich selbst sind groß.

Als nächstes steht eine Wohungsbesichtigung auf dem Plan. Eine neue Wohnung, am besten Parterre, muss her. Rund 50 Wohnungen haben sich Yoshij und seine Mutter in den letzten Monaten angeschaut.

Zurückgewonnene Lebensfreude: Als Synchronsprecher

Filmszene aus
Yoshij als Synchronsprecher Bildrechte: MDR/RBB/Johannes Mayer

Etwas aus seinem alten Leben – vor dem Unfall – kann er jetzt wieder machen. In einem Hamburger Tonstudio nimmt er an Aufnahmen für eine neue Folge der Hörspielserie "Drei Fragezeichen Kids" teil. Schon mit zwölf Jahren hat Yoshi angefangen, als Sprecher und Schauspieler zu arbeiten. "Das war vor meinem Unfall ein Riesenteil meines Lebens, etwas was ich unheimlich gerne gemacht habe und wo ich mich erfolgreich gefühlt habe. Da jetzt wieder richtig durchzustarten, tut total gut." Doch seine Mutter muss etwas bremsen: "Das ist ja nicht nur eine eingespielte Truppe, das ist wie eine Familie und die lassen Yoshij nicht fallen. Aber irgendein Profi-Synchronstudio in Berlin muss schon ein persönliches Anliegen haben an Yoshij. Ich hatte immer die Hoffnung, dass Yoshij im Kopf schnell wieder klar wird. Im Moment steht Synchron gar nicht an, Studieren auch nicht. Erstmal abwarten, ganz einfach erstmal abwarten."

Ständiges Auf und Ab

Um die Achterbahn seiner Stimmungen und Gefühle, das ständige Auf und Ab, besser in den Griff zu bekommen, geht Yoshij regelmäßig zu einem Psychologen.

Ganz am Anfang, aber auch noch zu Hause, hatte ich Phasen, die so tief waren, dass ich gesagt habe, dass ich lieber tot wär. Und jetzt bin ich ganz, ganz oft dankbar dafür, dass ich irgendwo bin, wo ich sagen kann: Wow, hier ist die Welt, in der ich sein darf. Wo so viele tolle Menschen um mich herum sind, die sich so viel Arbeit und Mühe für mich machen und das nicht aus Mitleid für mich machen. Das zu denken, hat lange gedauert. Weil ich Ewigkeiten dachte, dass es nur oder vor allem Mitleid ist.

Yoshij

Ein neuer Lebensabschnitt

Endlich, eine Wohnung ist gefunden. Yoshij zieht um. Es geht von der beschwerlichen Tempelhofer Wohnung im ersten Stock ohne Fahrstuhl in eine Parterre-Wohnung in Kreuzberg. Mit dem Umzug muss Yoshij ohne die Hilfe seiner Mutter auskommen. Aber dafür lockt ein unabhängiges Leben in einer nahezu barrierefreien Wohnung. Für seine Mutter bedeutet das jedoch nicht weniger Aufwand, denn sie pendelt ununterbrochen zwischen beiden Wohnungen und assistiert ihm:

Filmszene aus
Yoshij in seiner neuen Wohnung Bildrechte: MDR/RBB/Johannes Mayer

Ich mache alle Termine für ihn. Egal, was er organisiert, das läuft alles kanalisiert über mich, ich ersetze sozusagen das fehlende Gedächtnis, ich ersetze alles was mit Beinen zu tun hat. Gerade in der Situation, die Wohnung ist ja alles andere, als fertig eingerichtet. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich Bedenken hatte, dass er das alleine hinkriegt. Der Psychologe und die Neuropsychologin haben gesagt: Das ist unglaublich wichtig für ihn, dass er das alleine managt.

Yoshijs Mutter

Zuletzt aktualisiert: 30. August 2017, 13:20 Uhr