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Selbstbestimmt! Die Reportage | 22.01.2017 Adoption mit Folgen - Wenn die Kinder krank sind

Ein Film von Ulrike Michels

Die Zwillinge Elisabetha und Sofia werden mit drei Jahren adoptiert. Shannon kommt gleich nach der Geburt in eine Adoptivfamilie. Beide Male erfahren die neuen Eltern erst viel später, dass ihre Kinder behindert sind. Die leiblichen Mütter hatten während der Schwangerschaft ein Alkoholproblem. Das hat bei Elisabetha, Sofia und Shannon zu dauerhaften Hirnschäden geführt. Für beide Elternpaare ist die Diagnose ein Schock und verändert ihr Leben. Der Film begleitet beide Familien im Alltag.

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Die Adoptiveltern Kattrin und Christoph L. haben sich in einem russischen Waisenhaus spontan für die süßen dreijährigen Zwillinge Sofia und Elisabetha entschieden. Sie seien soweit gesund, es gäbe nur "behandelbare Erkrankungen" wie Gaumenspalte und Untergewicht. Kein Problem für die engagierten Adoptiveltern.

Doch dann kommt alles anders, denn Sofia und Elisabetha sind nicht gesund. Die Mädchen sind in ihrer Entwicklung stark verzögert, sie haben körperliche Defizite, große Lernschwierigkeiten und werden ihr Leben lang auf Hilfe angewiesen sein, weil ihre leibliche Mutter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat. Das Gehirn der Zwillinge ist dauerhaft geschädigt. Doch das hat den Adoptiveltern im Waisenhaus niemand gesagt. Nun ist der Traum von Kattrin und Christoph L. von einer "normalen" Familie geplatzt.

Wenn wir das gewusst hätten - wir hätten diese Kinder nie adoptiert.

Adoptivmutter Kattrin L. drei Jahre nach der Adoption

Doch gleichzeitig liebt das Ehepaar die Zwillinge. Als Eltern müssen sie ihr Leben nun mit zwei behinderten Kindern meistern und dabei versuchen, das eigene Lebensglück und ihre Paarbeziehung nicht aus dem Blick zu verlieren.

Elisabetha und Sofia

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Die Zwillinge Elisabetha und Sofia sind drei Jahre alt, als Kattrin und Christoph L. sie aus einem Kinderheim im russischen Wischny-Wolotschok adoptieren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Die Zwillinge Elisabetha und Sofia sind drei Jahre alt, als Kattrin und Christoph L. sie aus einem Kinderheim im russischen Wischny-Wolotschok adoptieren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Heute sind die Mädchen sechs Jahre alt und schauen sich mit ihrer Mama Bilder von damals an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Mit sechs Jahren sind Sofia (Bild) und Elisabetha auf dem Entwicklungsstand Dreijähriger. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Seit drei Jahren sind Elisabetha, Sofia, Anna und Christoph nun eine Familie. Für das Ehepaar Kattrin und Christoph waren diese Jahre mit unerwartet behinderten Kindern eine harte Zerreißprobe. Ihr Traum von einer Familie sah eigentlich anders aus, sagt Christoph L. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Trotz allem haben beide Elternteile ihre adoptierten Kinder ins Herz geschlossen. Nur ihre Ehe hält der dauerhaften Kraftanstrengung um die Versorgung der Zwillinge nicht stand. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Ein schwieriger Weg, den auch Anna M. und ihr Mann Mario gehen und zwar ganz bewusst. Bei ihrer ersten Adoptivtochter Shannon war die Diagnose "Fetales Alkoholsyndrom (FAS)" noch eine Überraschung. Sie nahmen Shannon kurz nach deren Geburt zu sich und spürten schon nach kurzer Zeit, dass sie sich nicht "normal" entwickelte:

Dann sagte eine Ärztin zu uns: Wissen Sie eigentlich, was mit ihrer Tochter ist? Ich sagte: Sie ist ein gesundes Frühchen und ich mache offensichtlich was falsch. Nein, sagt sie, Sie machen nichts falsch. Frühchen ist richtig, aber gesund ist sie nicht. Ihr Kind hat eine vorgeburtliche Alkoholschädigung und wird wahrscheinlich behindert sein.

Adoptivmutter Anna M.

Anna M. erinnert sich an diesen Moment. Wie sie das wenige Wochen alte Mädchen im Arm hält und schwer schlucken muss. Doch sie und ihr Mann meistern die Situation. Einige Jahre später wird das Ehepaar angefragt, noch zusätzlich ein Pflegekind zu sich zu nehmen - ebenfalls ein Baby, ebenfalls mit Alkoholschädigung. Seitdem gehört der verhaltensauffällige und geistig behinderte Jim zur Familie. Und seitdem ist Anna M. nur noch für die Kinder da und hängt ihren Lehrerjob ganz an den Nagel.

Ich hab meine Kinder lieb, wie sie sind, und wir fördern sie einfach so wie es möglich ist. Für Jim ist mir wichtig, dass er später mal einen Straßennamen lesen kann, dass er beim Einkaufen Mehl und Zucker unterscheiden kann, dass er halt im Alltag klar kommt. Dass er kein Abitur machen wird, ist uns klar. Aber wenn er im Alltag bestehen kann, wenn er selbständig leben kann, haben wir schon viel gewonnen.

Adoptivmutter Anna M.

Shannon und Jim

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Als Shannon sieben ist, bekommt sie noch ein Brüderchen. Jim hat genau wie sie das "Fetale Alkoholsyndrom (FAS)". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Als Shannon sieben ist, bekommt sie noch ein Brüderchen. Jim hat genau wie sie das "Fetale Alkoholsyndrom (FAS)". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Shannon haben Anna und Mario L. als Säugling adoptiert. Pflegekind Jim kommt ebenfalls als Baby in die Familie. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Jim braucht wegen seiner vorgeburtlichen Alokohlschädigung viel Betreuung. Er ist geistig behindert und verhaltensauffällig. Mit sieben Jahren wird er in eine Förderschule eingeschult. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Dass Jim am "Fetalen Alkoholsyndrom (FAS)" leidet, wussten die Pflegeeltern von Anfang an. War es bei ihrer großen Tochter noch ein Schock, wussten sie mittlerweile, was diese Diagnose bedeutet: "Auch mit diesem Syndrom wird es weitergehen", sagt Mario M. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Shannon ist mittlerweile in der Pubertät. Sie würde ihre leibliche Mutter gerne kennenlernen und sie fragen, warum sie während der Schwangerschaft getrunken hat. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Familie M. hat einen Weg gefunden, ein gutes Familienleben trotz der Behinderung ihrer angenommenen Kinder zu führen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Auch die 13-jährige Shannon kommt zu Wort. Sie weiß mittlerweile, woher ihre starken Stimmungsschwankungen und ihre Lernprobleme kommen. Sie weiß, dass sie behindert ist und auch, was die Ursache dafür war. Hilft ihr dieses Wissen?

Mir wäre eigentlich lieber gewesen, ich hätte gedacht, dass ich normal wäre.

An FAS leidende Adoptivtochter Shannon

Die Folgen des Alkoholkonsums der leiblichen Mutter verändern das Leben der ganzen Familie. Jeder muss für sich mit den Belastungen umgehen.

Shannon fragt immer mal wieder nach. Klar, sie ist neugierig. Sie möchte wissen, wie ihre Bauchmama aussieht, sie möchte sie gerne fragen: Warum hast Du getrunken, als ich im Bauch war? Das sagt sie ganz oft. Aber es kommt bei ihr - zumindest noch - keine Wut da mit durch.

Adoptivmutter Anna M.

Der Film begleitet die beiden Familien durch den schwierigen Alltag mit behinderten Adoptivkindern.

Zuletzt aktualisiert: 23. Januar 2017, 09:49 Uhr