Karola beim Kehraus nach der Oldiedisco
Karola beim Kehraus nach der Oldiedisco Bildrechte: © rbb/Fayd Jungnickel

selbstbestimmt! Die Reportage | 12.02.2017 Ein irrer Schuppen

Alle, die im "Schuppen" beschäftigt sind, hatten keinen guten Start ins Leben – Menschen mit Handicap. Auf dem ersten Arbeitsmarkt haben sie kaum eine Chance. Doch im Schuppen, wie das Kulturhaus in Eberswalde liebevoll genannt wird, haben sie eine Perspektive gefunden. Ein Film von Jana Kalms.

Karola beim Kehraus nach der Oldiedisco
Karola beim Kehraus nach der Oldiedisco Bildrechte: © rbb/Fayd Jungnickel

Hinter den 150 Jahre alten Mauern des Kulturhauses in Eberswalde, das alle nur "Schuppen" nennen, verbirgt sich eine kleine Sensation. Von 16 festen Mitarbeitern haben 14 ein Handicap. Mit Schwung und guter Laute sorgen sie dafür, dass der Schuppen läuft. "Na klar können wir das", sagt Karola, "wir sind ja nicht auf den Kopf gefallen." Und Mandy erklärt: "Wir sind normale Menschen."

Das Thema Inklusion ist in aller Munde. In Eberswalde scheint sie die einfachste Sache der Welt zu sein. "So viel Abwechslung hab' ick sonst nirgends". Strahlend begrüßt Tobias die Gäste im Kulturhaus "Haus Schwärzetal". Ob Seniorentanz "Dufte Familie", Sinfoniekonzert, Hochschultag oder Lesungen: Der 21-Jährige nimmt den Gästen die Mäntel ab und hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen.

Nicole in der Küche des Kulturhauses
Nicole in der Küche des Kulturhauses Bildrechte: © rbb/Fayd Jungnickel

Gefordert sein, ohne überfordert zu werden

In der Küche hat Karola das Sagen. Ihre Hausmannskost wird in der ganzen Stadt geschätzt. Der Chef kann sich voll auf sie verlassen. Seit sie den festen Job im "Schuppen" hat, geht es ihr gut. "Ohne Arbeit würd' ich bekloppt werden", meint Karola vielsagend.

Der Job im Schuppen ist ein sogenannter geschützter Arbeitsplatz. Die Mitarbeiter hier sind Menschen mit Lernschwierigkeiten oder psychischen Problemen. Nach der Schule arbeitete Karola in verschiedenen Behindertenwerkstätten. Als das Angebot vom Kulturhaus kam, nahm sie an. Schon in der Probezeit wusste sie: Hier möchte ich bleiben. "Wenn man sich für etwas entscheidet, dann muss man sich vom Herzen her gleich wohl fühlen," sagt sie. So geht es allen. Sie wollen arbeiten, gefordert werden – an der Garderobe, an der Kasse, in der Küche, beim Tischdecken.

Hier kann jeder so sein, wie er ist

Conny ist seit Beginn des Projektes dabei. Als Baby erkrankte sie an einer Gehirnhautentzündung, die zu spät entdeckt wurde. "Ich bin zwar nicht die schnellste, aber dafür arbeite ich gründlich." Das Kopfrechnen bereitet ihr besonders große Probleme. Beim Kassieren an der Garderobe braucht sie Hilfe. Das verunsichert sie, nagt an ihrem Selbstvertrauen. Sie erlebt immer wieder, dass ihr die einfachsten Dinge nicht zugetraut werden und sie nur als "Behinderte" wahrgenommen wird. Trotzdem: Hier gilt, dass jeder so sein kann, wie er ist. Jede Arbeit wird geschätzt.

Das verletzt mich. Ich wünschte, nicht behindert zu sein. Ein normaler Mensch wie alle anderen auch zu sein. Aber das bin ich nun leider nicht – normal ja, aber mit Handicap. Ich will mal ein Mensch sein ohne Handicap.

Conny
Sabrina und Klaus bei Vorbereitungen zur Schuppenfete
Sabrina und Klaus bei Vorbereitungen zur Schuppenfete Bildrechte: © rbb/Fayd Jungnickel

Es gibt niemanden im Team, der es in seinem Leben leicht hatte: Anerkennung, Zuspruch, Zuversicht – das fehlt ihnen oft. Was für viele selbstverständlich ist, müssen sich Conny, Tobias, Mandy, Karola, Nicole, Sabrina und Klaus hart erkämpfen: Verantwortung übernehmen und selbständig leben. Die Mühe zahlt sich aus. Einmal im Monat bekommen sie ihre Lohnscheine. Hohe Löhne sind es nicht, aber das Geld haben sie selbst verdient und dabei Rentenansprüche erworben. Das Geld gibt ihnen ein Selbstwertgefühl und auch die Möglichkeit zu lernen, ihr Leben selbst in die Hand nehmen zu können.

Ich konnte mein Leben so machen, wie ich das wollte. Ich habe meine Ziele erreicht, was mir keiner glauben wollte. Da ist man stolz drauf: Meine eigene Wohung, Arbeit und viele Freunde.

Karola

"Ohne Ausbildung bist du nichts"

Mandy ist inzwischen seit mehreren Jahren dabei. Nicht ganz freiwillig. Auf dem ersten Arbeitsmarkt hatte sie kein Glück, die Anforderungen der Arbeitgeber waren zu hoch. Ihre Ausbildung zur Kellnerin hat sie nicht abgeschlossen." Sie waren der Meinung, ich war zu langsam." Dann hat sie im Schuppen angeheuert. Hier fühlt sie sich wohl, möchte aber nicht für immer bleiben. Sie hat Pläne. Vielleicht klappt es ja in Berlin mit einer Ausbildung zu Reinigungskraft.

Weil man sich dann als Mensch sieht. Denn die Leute denken: Ohne Ausbildung bist Du nichts. Und das ist ja auch so.

Mandy

Zuletzt aktualisiert: 28. Februar 2017, 17:37 Uhr

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