selbstbestimmt! - Die Reportage | 28.05.2017 Die Kraft liegt einfach in mir - Das zweite Leben der Birgit Kober

Film von Beatrice Sonhüter

Eine strahlende Siegerin: Gold im Kugelstoßen und im Speerwurf holt Birgit Kober 2012 bei den Paralympics in London. Welch harter Weg hinter ihr liegt und wieviele Schicksalsschläge sie überwunden hat, ahnt kaum einer.

Birgit Kober mit Goldmedaille
Birgit Kober in Gold - 2012 bei den Paralympics in London Bildrechte: dpa

Es ist der 3. September 2012. Ein herrlicher Sommerabend bei den Paralympics in London. Im Olympiastadion sind noch immer alle Plätze belegt. Birgit Kober zieht ihre Trainingsjacke aus und rollt zum Abwurfplatz. Es ist ihr dritter und letzter Versuch. Sie nimmt ihren Speer, konzentriert sich und wirft. Der Speer landet bei 27,03 Meter. Persönliche Bestweite, Olympiarekord, Weltrekord, Goldmedaille. Das Publikum tobt. Drei Tage später erringt Birgit Kober bei den Paralympics in London noch eine zweite Medaille: Nach dem Gold im Speerwurf nun auch noch Gold im Kugelstoßen.

Rückblende: Nicht sitzen, nicht stehen, nicht gehen

Der Erfolg in London bedeutet für Birgit Kober den Start in ein neues Leben. Denn das alte wurde fünf Jahre zuvor zerstört: Nach einem vermeintlich harmlosen Badeunfall im Urlaub entzündet sich ihr Bein. Die Epileptikerin erleidet einen schweren Anfall und wird in einem Münchner Krankenhaus behandelt. Dort bekommt sie zwar das richtige krampflösende Medikament, aber die Krankenschwester verwechselt Milligramm mit Milliliter. Die Überdosis führt zu einer irreversiblen Schädigung des Kleinhirns.

Als die damals 35-Jährige wieder aufwacht, ist alles anders. Am Anfang kann sie gar nichts mehr: Nicht sitzen, nicht stehen, nicht gehen. Und mit der Zeit verliert sie alles: die Freunde, die Wohnung, den Studienplatz.

Wurftraining im Rollstuhl

Während der Reha sieht sie im Fernsehen die Paralympics in Peking und entscheidet spontan: Da will ich hin! Zugute kommt ihr dabei, dass sie schon als junges Mädchen viel Sport getrieben hat - und das sehr erfolgreich:

Sie wird Münchner und Bayerische Meisterin im Speerwurf. Musisch begabt ist sie außerdem. Schon damals als 17-Jährige muss sie den ersten Schicksalsschlag hinnehmen: Eine Verletzung am Daumen entwickelt sich zu einer schweren Wundinfektion. Als Nebenwirkung eines Antibiotikums zur Behandlung verliert sie links ihr Gehör. Auch ihr Daumen ist nicht zu retten. Mit der verkrüppelten Hand kann sie keine Instrumente mehr spielen und auch mit dem Leistungssport muss sie aufhören. Ein Jahr später bekommt sie ihren ersten epileptischen Anfall. Dennoch meistert sie ihr Studium. 2007 - nachdem sie ihre Mutter verloren hat - reist sie mit ihrer Freundin nach Rom, um Abstand zu gewinnen. Am letzten Tag verletzt sie sich. Als sie auf der Intensivstation wieder aufwacht, ist nichts mehr wie früher ...

So wie sie sich damals schon als junge Frau in den immer neuen Prüfungen behauptet hat, so nimmt sie auch jetzt wieder den Kampf auf. Unter unendlichen Mühen beginnt sie mit dem Wurftraining - im Rollstuhl.

Die heute 42-Jährige meistert einen Alltag, in dem vom Kaffeekochen bis zum Wäschewaschen alles eine Herausforderung für sie ist. Die Mühen des harten Trainings nimmt sie zusätzlich auf sich.

Ich wünschte mir, ich könnte Spuren hinterlassen in meinem Leben.

Gegen alle Widerstände

Trotz widrigster Umstände hat sie nie aufgegeben. Besonders umständlich wird es, wenn sie für den Speerwurf trainieren will: Von ihrer Wohnung in München-Neuperlach zu einer Wiese, auf der sie werfen kann, sind es zwei Kilometer. Drei Mal umsteigen, heißt es für sie, wenn sie zum Olympiastützpunkt will.

Seit dem Behandlungsfehler im Jahr 2007 lebt Birgit von Hartz-4 und hat Pflegestufe 1. Siebe Jahre hat Birgit Kober um ihr Recht, um Schadensersatz, um Schmerzensgeld gekämpft. Das Durchhalten hat sich gelohnt, inzwischen kam es zu einem Vergleich.

Zuletzt aktualisiert: 27. November 2017, 11:35 Uhr