selbstbestimmt! Die Reportage: Blind ins neue Leben: Sayon
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

selbstbestimmt! Die Reportage | 12.03.2017 Blind ins neue Leben - Wie Sayon sich die Welt erobert

Ein Film von Eberhard Reuß

Sayon steht vor der größten Herausforderung seines noch jungen Lebens. Der Elfjährige leidet an einer rasch voranschreitende Netzhauterkrankung, die sein Sehvermögen immer mehr verringert. Er wird erblinden. Das will er nicht wahr haben. Doch nun soll er sich auf sein anderes Leben vorbereiten. selbstbestimmt! Die Reportage begleitet ihn während der ersten Wochen auf der Blindenschule in Ilvesheim.

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Bisher lebte Sayon zusammen mit seinem jüngeren Bruder und den Eltern, die aus Sri Lanka stammen, in Bruchsal. Nun soll er sich auf ein anderes Leben einstellen. Dazu wechselte er von der Regelschule auf die Blindenschule in Ilvesheim - die größte Schule für Blinde in Baden-Württemberg und die zweitgrößte ihrer Art in Deutschland. Außerdem verbringt er die Woche im Internat.

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Sayon unterwegs auf dem Gelände der Blindenschule Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nun lernt Sayon zusammen mit Lenka, Justin, Serena, Yasin und anderen, die kaum noch Sehvermögen besitzen oder von Geburt an blind sind. Er sitzt vor dem Computer mit Tastatur für Blindenschrift, auch wenn er die Buchstaben noch erkennen kann - wenn sie groß genug sind. Auf dem Schulgelände kennt sich der Fünftklässler inzwischen gut aus. Den Blindenstock braucht er hier nicht. Und wenn Schwimmen auf dem Stundenplan steht, ist Sayon als erster im Wasser. Im Kunstunterricht hilft er, der noch Farben erkennen kann, vollblinden Klassenkameraden. Einen Freund hat er auch schon gefunden: Max. Mit ihm und Luca teilt er sich das Zimmer. Langweilig wird es ihm nicht. Denn er hat sich bei einem halben Dutzend Arbeitsgemeinschaften. Rudern, Judo - und Klettern! Er hat sich gut eingewöhnt ins Schul- und Internatsleben. Seine Eltern und Geschwister können stolz auf ihn sein, doch sie vermissen ihn auch sehr. Auch wenn sie wissen, dass er in der Blindenschule von Ilvesheim gut aufgehoben ist, wo er trotz seines Handicaps selbstständig zu leben lernt.

So viel mitnehmen wie möglich

Im Alten Ilvesheimer Schloss gibt es noch immer Klassenzimmer, ein Schulsekretariat  - und ein Museum, durch das Sayons Klasse von Direktorin Stephanie Liebers geführt wird. Die Schüle hören, dass blinde Kinder hier früher oft zu Korbmachern ausgebildet wurden. Erst die Erfindung der Blindenschrift veränderte die schulische Ausbildung und eröffnete ihnen völlig neue Möglichkeiten.

So viel mitnehmen wie möglich, ehe er gar nichts mehr sieht, das scheint Sayons Motto zu sein. In der Schule saugt er alles begierig in sich auf. In der Werk AG bastelt er mit Lehrer Tobias Wolfsteiner an einem Boot mit Elektroantrieb. Auch den wichtigsten Sporttermin des Jahres an der Schule, das Goalball-Turnier, verpasst Sayon nicht. Da spielen Schüler und Betreuer um den Titel. Alle müssen Augenbinden aufsetzen. Auch Blinde.

Sayon und Gitarrist Klaus Boesser-Ferrari vor dem Auftritt bei "Kultur im Dunkeln" in der Ilvesheimer Blindenschule.
Sayon und Gitarrist Klaus Boesser-Ferrari vor dem Auftritt bei "Kultur im Dunkeln" in der Ilvesheimer Blindenschule. Bildrechte: MDR/SWR/Eberhard Reuß

Das nächste Abenteuer wartet schon

Einmal im Monat kommen Besucher in die Blindenschule Ilvesheim, um bei "Kultur im Dunkeln" zu erleben, wie es sich anfühlen könnte, blind zu sein. Blinde Schüler führen das Publikum in einen völlig verdunkelten Konzertsaal, wo sie für anderthalb Stunden in eine völlig andere Welt der Wahrnehmung entführt werden. Umgekehrt lernen auch die Ilvesheimer Schüler und Schülerin, sich in der Welt der Sehenden zu orientieren.

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Sayon beim Ausflug in die fremde Stadt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Um draußen unterwegs sein zu dürfen, hat Sayon zunächst die Mobilitätsprüfung abgelegt. Wenn er ohne weißen Stock unterwegs ist, zieht er manchmal sogar schon die Blindenbinde an. Zum Blindenausweis besitzt er nun den Ausgeh-Ausweis Stufe G, der begrenzt ist auf Ilvesheim.

Doch das nächste Abenteuer wartet schon: Bei einem Ausflug nach Mannheim übt Sayon mit Mobiltätstrainerin Hella Born das Fortbewegen in einer fremden Stadt ...

Sayon und die anderen Kinder auf der Blindenschule in Ilvesheim müssen - anders als die temporären Besucher - dauerhaft mit der Dunkelheit leben lernen. Egal wie rasch Sayons Erblindung fortschreiten wird. Dort lernt er, damit umzugehen. Besser kann eine Schule fürs Leben nicht sein.

Zuletzt aktualisiert: 21. März 2017, 15:34 Uhr