Yvonne Weindel
Bildrechte: Yvonne Weindel

selbstbestimmt! Die Reportage | 09.04.2017 Mein letztes Jahr als Fußgängerin

Eine Frau übt Abschied

Der Film von André Berthold erzählt die Geschichte einer Frau, deren Schicksal feststeht. Er gibt Einblicke in ihre Gefühlswelt und zeigt ungeschminkt, welche Folgen die noch unheilbare Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS hat. Zugleich ist der Film ein Geschenk an ihre Kinder: "Irgendwann haben die Kinder den Film, sehen ihre Mutter, wie sie noch läuft, wie sie sprechen kann. Das Problem ist da, wir müssen uns öffnen. Das alles zulassen, was da auf uns zukommt", sagt Yvonne Weindel.

Yvonne Weindel
Bildrechte: Yvonne Weindel

Yvonne Weindel ist eine starke Frau. Sie tanzte an der renommierten Palucca-Schule in Dresden und wurde später Journalistin. Sie arbeitete für den deutsch-französischen Kultursender "arte" im Ausland, schrieb für die Wochenzeitung "Die Zeit" und ist derzeit Theater-Pädagogin am Theater der Jungen Welt Leipzig. Ganz nebenbei ist sie glücklich verheiratet und hat drei Kinder. Eigentlich könnte man sagen, sie hat sehr viel Glück gehabt in ihrem Leben.

Diagnose ALS – bis heute eine unheilbare Krankheit

Doch das Glück scheint aufgebraucht: Ende 2012 diagnostizierten die Ärzte bei der Mittvierzigerin Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS. Eine seltene und in Deutschland wenig bekannte Krankheit. Sie wurde bekannter, als im Sommer 2014 eine Welle von Videos, in denen sich Menschen Eiswasser über den Kopf kippten, durch das Internet schwappte. Auch Yvonne Weindel machte mit bei der "Ice Bucket Challenge". Wie viele andere wollte sie Geld sammeln, Geld für die Forschung.

Gefangen im eigenen Körper

Das Eingangsschild der Charité - Universitätsmedizin Berlin.
Bildrechte: dpa

Doch bis heute ist ALS unheilbar. Und die Krankheit ist gnadenlos. Stück für Stück verliert Yvonne Weindel die Kontrolle über ihren Körper. Es begann mit der rechten Hand und setzte sich fort über den ganzen Arm. Jetzt geht es auf der linken Seite los, ihre Sprachmuskeln wollen auch schon nicht mehr richtig gehorchen. "Es ist einfach so, dass ich für ganz viele Dinge keine Kraft mehr habe", sagt sie. Trotzdem fährt sie aller zwei bis drei Monate nach Berlin zu Ärzten in der Charité, auch wenn sie wenig Hoffnung auf gute Nachrichten hat: "Dieser Termin in Berlin ist immer nur aller paar Monate, und das ist für mich die Konfrontation mit meiner Krankheit. Ich weiß, in Berlin wird nichts kommen, aber es ist für mich wichtig, um mich mit der Krankheit zu beschäftigen." In der Hauptstadt ist eines der wenigen ALS-Zentren in Deutschland. Im ganzen Land leiden 8.000 Menschen an dieser Krankheit. Selbst unter Medizinern ist der Krankheitsverlauf oft unbekannt. 

ALS ist eine Erkrankung im Gehirn: Die Nervenbahnen zu den Muskeln werden Stück für Stück zerstört. Sämtliche Bewegungen wie Laufen, Sprechen, Essen und Atmen funktionieren nicht mehr selbständig. Noch gibt es kein Medikament, die Suche danach wird noch Jahre dauern – obwohl bereits gut erforscht ist, was bei ALS im Körper passiert: "Bestimmte Eiweiße verändern sich, flocken aus wie alte Milch, backen zusammen und bilden sogenannte Eiweißaggregate. Und diese sind schädlich für die Nervenzellen", erläutert Prof. Dr. Thomas Meyer, Leiter der ALS-Ambulanz. Schleichend setzen einzelne oder kombinierte Lähmungen der Muskelpartien ein, bis alle motorischen Funktionen – mit Ausnahme der Herz-, Augen- und Schließmuskulatur – vollständig verloren gehen. Der Verlauf der Krankheit kann jedoch nicht vorhergesagt werden und ist von Patient zu Patient unterschiedlich. Typisch sind neben Lähmungen auch Zuckungen, Kraftlosigkeit, Muskel-Versteifungen und -krämpfe.

Erinnerungen an das Glück

Yvonne Weindel mit ihren drei Kindern in der Toskana 2015.
Eine Art Abschied, wie sie selbst sagt: Yvonne Weindel mit ihren drei Kindern in der Toskana 2015. Bildrechte: MDR/Yvonne Weindel privat
Yvonne Weindel mit ihren drei Kindern in der Toskana 2015.
Eine Art Abschied, wie sie selbst sagt: Yvonne Weindel mit ihren drei Kindern in der Toskana 2015. Bildrechte: MDR/Yvonne Weindel privat
Ein Foto aus glücklichen Tagen: Yvonne mit ihren Kindern, Ella, Maxim und Lulu im Leipziger Zoo.
Ein Foto aus glücklichen Tagen: Yvonne mit ihren Kindern Ella, Maxim und Lulu im Leipziger Zoo. Bildrechte: MDR/Yvonne Weindel privat
Yvonne Weindel
Yvonne Weindel zu Hause Bildrechte: MDR/Yvonne Weindel privat
Yvonne Weindel mit ihrer Familie im gemeinsamen Winterurlaub.
Yvonne Weindel mit ihrer Familie im gemeinsamen Winterurlaub. Bildrechte: MDR/Yvonne Weindel privat
Yvonne Weindel als Skilehrerin mit ihrer Tochter.
Yvonne Weindel als Skilehrerin mit ihrer Tochter. Bildrechte: MDR/Yvonne Weindel privat
Yvonne Weindel mit ihrem Vater vor ihrem Haus.
Yvonne Weindel mit ihrem Vater vor ihrem Haus in Leipzig. Bildrechte: MDR/Yvonne Weindel privat
Musik und Tanz haben immer eine große Rolle im Leben von Yvonne Weindel gespielt. Sie studierte einst an der Palucca-Schule in Dresden.
Musik und Tanz haben immer eine große Rolle im Leben von Yvonne Weindel gespielt. Sie studierte einst an der Palucca-Schule in Dresden. Bildrechte: MDR/Yvonne Weindel privat
Die ganze Familie zu Besuch im Legoland.
Die ganze Familie zu Besuch im Legoland Bildrechte: MDR/Yvonne Weindel privat
Zuhause auf dem Balkon
Zu Hause auf dem Balkon Bildrechte: MDR/Yvonne Weindel privat
Alle (9) Bilder anzeigen

Bisher jedoch konnte man das Wissen über die Krankheit noch nicht in eine wirksame Behandlung umsetzen. Selbst wenn – für Yvonne Weindel wird es zu spät sein. Ärzte prognostizieren, dass sie in etwa einem Jahr im Rollstuhl sitzen wird. Nach dem Rollstuhl erwartet sie eine Ernährungssonde, später das Bett mit einer ständigen Beatmung. "Das einzige, das dir bleibt, ist dein Kopf, dein Gehirn, deine Gedanken, deine Gefühle – nur das bleibt gesund", sagt sie.

Dann wird sie durch Apparate versorgt, 24 Stunden lang. Neun von zehn Patienten lehnen das ab. Wie Yvonne sich dann entscheiden wird, weiß sie noch nicht.

Die Familie ist das, was mich im Leben hält. Wäre ich alleine wäre oder nur mit meinem Mann, dann würde ich einen radikalen Schnitt machen und auch über das Thema Suizid nachdenken.

– Yvonne Weindel

"Bock auf Leben"

Yvonne Weindel versucht, ihr Leben weiter in den gewohnten Bahnen zu halten. Irgendwie scheint sie viele Dinge freihändig zu erledigen. Aber immer wieder holt sie die Krankheit ein, sei es beim Schnürsenkel binden, bei dem ihre Kinder helfen müssen. Auch beim Haare kämmen, Frühstück machen und Anziehen braucht sie Hilfe. Für die dreifache Mutter eine schwierige Situation.

Doch Yvonne Weindel lässt sich ihren Lebensmut nicht nehmen, sie setzt sich weiterhin Ziele. Sie will beim ersten Gastspiel ihrer Theatergruppe dabei sein und auch sonst weiter im Leben stehen, das ihr immer mehr entgleitet.

Ich habe einfach Bock zu Leben! Ich habe nicht mehr so viel Zeit, ich muss ein wenig schneller sein als normal.

– Yvonne Weindel

Über den Autor André Berthold, geboren 1985 in Zwenkau, studierte Sportwissenschaften, Journalistik und Geschichte an der Universität Leipzig. Er volontierte beim MDR, ist jetzt Freier Mitarbeiter in verschiedenen Redaktionen. "Mein letztes Jahr als Fußgängerin" ist sein zweiter längerer Film.

Zuletzt aktualisiert: 11. April 2017, 15:07 Uhr