Reportage Ausgebremst - Parkinson mit 40
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

selbstbestimmt! Die Reportage | 30.04.2017 Ausgebremst - Parkinson mit 40

Ein Film von Nicola Peters

Zwei Frauen Mitte Vierzig. Mit gerade mal 40 bekommen sie die Diagnose Parkinson. Plötzlich. Unerwartet. Ausgebremst. Wie soll das gehen als Mutter, als Ehefrau, im Job? Der Film begleitet Petra und Nicole acht Monate in ihrem Alltag voller Herausforderungen.

Reportage Ausgebremst - Parkinson mit 40
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Bei Petra fing es an mit ständigem Stolpern. Bei Nicole war es der rechte Arm, der beim Gehen nicht mehr mitschwang. Die Diagnose: Parkinson. Dabei sind beide Frauen zu diesem Zeitpunkt erst 40, quasi in der Rush-Hour ihres Lebens, eingebunden in Job, Freizeit und Familie. Doch die Krankheit katapultiert sie aus ihrem Alltag. Beide müssen ihre bisherigen Jobs aufgeben, weil sie sich immer schlechter konzentrieren können, weil sie sich manchmal ganz plötzlich nicht mehr bewegen können.

Ich bin erst mal in ein tiefes Loch reingefallen. Und trotzdem hat man gedacht, das Leben geht so weiter, wie es ist.  Man hat zwar gewusst, es ist eine Lähmung, dass es hinterher so werden würde. Aber man hat es irgendwie noch nicht geglaubt.

Nicole

Petras Parkinson-Erkrankung ist rasch fortgeschritten. Ohne Medikamente zittert und zuckt sie stark. Oder sie ist so steif, dass sie sich nicht rühren kann. Die Medikamente helfen nur begrenzt: "Wenn in der Einkaufstasche nur ein Kilo zu viel ist, dann torkele ich wie betrunken, dann ist die Straße nicht breit genug für mich", sagt Petra, die sich allein kaum noch aus dem Haus traut. Zu oft schon ist sie gestürzt, hat sich dabei verletzt oder konnte nicht wieder aufstehen. Doch ihren Humor hat Petra trotzdem nicht verloren, trifft sich regelmäßig mit ihren Freundinnen, liebt den Karneval in ihrem Heimatort in Hessen.

"Es ist halt nicht so einfach" - Mitten im Leben ausgebremst

Bei Petra fing es mit ständigem Stolpern an. Bei Nicole wollte der rechte Arm nicht mehr. Diagnose: Parkinson. Mit Anfang 40. Die Krankheit zwingt sie aus dem Job heraus, das Leben verändert sich grundlegend.

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Die 45-jährige Nicole hat seit vier Jahren Parkinson. Sie hat drei erwachsene Kinder und zwei Enkel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Die 45-jährige Nicole hat seit vier Jahren Parkinson. Sie hat drei erwachsene Kinder und zwei Enkel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Petra ist 44 und erhielt die Diagnose Parkinson 2011. Die Krankheit ist bei ihr schon ziemlich weit fortgeschritten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Nicole belastet es sehr, dass sie im Haushalt kaum noch anpacken kann. Ihr Mann Carmelo unterstützt sie: "Du musst nichts machen. Jeder kann auf sich aufpassen. Du musst nur mehr Ruhe haben." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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In einer Klinik wurde Petra eine Pumpe eingepflanzt, die ihren Körper kontinuierlich mit Dopamin versorgt, dem Botenstoff, der für die Kontrolle über die Muskeln zuständig ist. In einer Bauchtasche vor dem Körper liegt die Steuerung für die Pumpe. Ohne Dopamin würde sie den Ausflug mit Ehemann Dieter und Sohn Jan-Luca nicht schaffen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Nicole bei der Untersuchung in einer Kasseler Spezialklinik für Parkinson. Es geht bei dem Termin auch darum, ob und wieviele Medikamente Nicole nehmen soll, um Zittern, Steifheit und mangelnde Stabilität zu verbessern. Dopamin beispielsweise. Doch Nicole hat Angst, denn kein Medikament hat nur positive Wirkungen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Am Rosenmontag trifft sich Petra mit Freundinnen zum Karneval. Obwohl sie sich wacklig fühlt und den Rollator dabei hat. Aber Karneval hat für sie seit ihrer Kindheit Tradition: "Ich will es eben probieren. So lange, wie es geht, geht es." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Das Anschauen von alten Fotos mit ihren Freundinnen ist emotional belastend für Petra: "Es ist nicht so einfach. Damals konnte ich mich noch so bewegen und jetzt geht das gar nicht mehr." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Die Krankheit belastet auch Petras Ehe. Sie wünscht sich von ihrem Mann mehr Unterstützung und Anteilnahme. Er wünscht sich, dass sie sich trotz Krankheit mehr zutraut und positiver ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Was ist für Petras Ehemann Dieter das Belastende an der Parkinson-Krankheit seiner Frau? "Dass sie durch die Krankheit so unglücklich ist. Das ist eigentlich das Schlimmste." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Am Tag der Hochzeit ihrer Tochter gibt Nicole alles, um durchzuhalten. Mit Hilfe von Tabletten. Die Familie gibt ihr Halt. „Das Gefühl, mit der Familie zusammenzuhalten und dass die Familie zu einem hält, wenn man auch nicht gut zurecht ist, auch in schlechten Zeiten. Das ist sehr wichtig. Ohne Familie würde man, glaube ich, auch untergehen." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Nicole hat ihre Parkinson-Symptome mit Tabletten noch sehr gut im Griff. An guten Tagen merkt man ihr nichts an. An schlechten Tagen zieht Nicole das Bein nach, schlurft und kann mit der rechten Hand kaum eine Suppe umrühren. "Alles dauert drei Mal so lange, ich bin dann wie eine lahme Schnecke", sagt sie. Rausgehen mag sie dann auch nicht, sie hasst es, wenn die Leute sie fragen, „was hast du am Bein?“ Denn niemand denkt an Parkinson bei einer attraktiven Frau im besten Alter. Unterkriegen lassen will Nicole sich nicht. Hat sich nach der Diagnose beruflich neu orientiert und fertigt mittlerweile in einer eigenen kleinen Werkstatt Geschenke und Deko-Artikel für Festlichkeiten an.

Das krankheitsbedingte Zittern und die Steifheit machen den Alltag der beiden Frauen oft schwer und nagen am Selbstbewusstsein. Und das ist auch für die Ehemänner und Kinder eine Herausforderung. Petras Ehemann Dieter möchte gerne wieder einmal mit Frau und Sohn in die Sonne fahren: Strand, Meer, einfach mal abschalten. Doch Petra traut sich nicht. "Ich mit vielen Menschen am Buffet - das geht nicht gut.“ Dieter findet, Petra traut sich zu wenig zu. Er hält ihre Bedenken für übertrieben. Er vermisst die Spontaneität von früher. Keine einfache Situation für das Paar.

Ich sag immer, ich bin wie eine Schnecke geworden. Auch wenn ich mich anziehe, das dauert ja alles hundert Jahre.

Nicole

Über ein halbes Jahr lang hat die Autorin die beiden Frauen und ihre Familien begleitet, um zu dokumentieren, wie Petra und Nicole, ihre Männer und Familien mit der unfreiwilligen Entschleunigung ihres Alltags umgehen. Wie sich die Ehe verändert, wenn es einem Partner plötzlich schlechter geht. Wie traurig es ist, von manchen guten Zeiten für immer Abschied nehmen zu müssen und wie sich die Prioritäten in schlechten Zeiten verschieben - davon handelt dieser Film.

Was ist Parkinson? Bei der Parkinson-Krankheit handelt es sich um eine langsam fortschreitende Erkrankung des Gehirns, bei der eine kleine Gruppe von Zellen im Gehirn (in der Substantia nigra) beschädigt wird und abstirbt. Diese Zellen sind für die Produktion des chemischen Stoffes Dopamin zuständig und können demzufolge nur noch in verringertem Maß oder gar kein Dopamin mehr produzieren. Dopamin ist ein sogenannter Botenstoff und notwendig für die Steuerung von Körperbewegungen. Zu wenig Dopamin hat äußerst unangenehme Symptome zur Folge: darunter Zittern, Sprachstörungen und Muskelsteifheit in Armen und Beinen – dabei dauert es oft Jahre, bis die Symptome zu Tage treten und die Krankheit diagnostiziert wird. Die Ursachen, weshalb beim Morbus Parkinson Zellen absterben, sind bisher nicht bekannt und eine Heilung ist noch nicht möglich.

Niemand ist immun vor Parkinson. Überwiegend erkranken Männer und Frauen im Alter von über 50 Jahren. Grund dürfte das Älterwerden der Gesellschaft und eine verbesserte Diagnostik sein. Mehr als 300.000 Deutsche haben Parkinson und es wird ein Anstieg unter den 30- bis 40-Jährigen beobachtet. www.parkinsonfonds.de

Zuletzt aktualisiert: 04. Mai 2017, 13:38 Uhr